Augenblicke

Augenblicke Nr. 9


Wenn das Ich keine Rolle mehr spielt

Diop: Sie sprechen in Ihren Vorträgen oft über die negativen Seiten des Ich. Gibt es denn überhaupt nichts Positives daran?

WW: Ich meine, es gibt eine Ich-Entwicklung, die notwendig ist, um sich mit seinem Körper zu identifizieren. Die Ausbildung des Ich ist sogar eine wesentliche Voraussetzung für ein Bestehen auf dieser Welt, um sich orientieren zu können. Jedes Kind erkennt irgendwann, dass es nicht mehr eins ist mit der Welt, sondern getrennt. Ich bin ich, nicht meine Mutter oder mein Bruder. Dieses Ich drückt sich aus, teilt sich mit und bezieht Stellung. Das alles ist wichtig zur Identitätsbildung. Es gibt aber auch eine krankhafte Ich-Bezogenheit, in der das „Du“ verloren geht und nur noch die eigene Ich-Befindlichkeit im Vordergrund steht.

Diop: Sie meinen den Egoismus?

WW: Ja. Dieses Ich stellt sich selbst immer in den Mittelpunkt. Es möchte seine Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche ausleben, weil es meint, dass dies das Beste für seine Entwicklung wäre. Es gaukelt uns vor, dass wir das Leben beherrschen und kontrollieren können. Doch jeder von uns hat schon die Erfahrung gemacht, dass es oft ganz anders kommt, als wir uns das vorgestellt haben. Da kommt plötzlich eine Krankheit dazwischen, eine berufliche Veränderung oder ein Schicksalsschlag in der Familie. Diese sog. Selbst-Verwirklichung ist jedoch eine Fort-Entwicklung im Sinne von Ich-entwickle-mich-fort.

Diop: Fort von was?

WW: Fort vom eigenen Wesen. In der Psychotherapie kann es wichtig sein, das Ich zu stärken, damit der Mensch sein Selbstvertrauen stärkt. Wenn das Ich jedoch stark genug ist, gibt es auch die Möglichkeit, das Ich zu transzendieren, um sich dem Urgrund öffnen zu können. Es geht darum, das Ich als fließenden Prozess zu erkennen.

Diop: Und was ist, wenn es sich dem Urgrund geöffnet hat?

WW: Dann erfährt sich der Mensch in einer friedvollen und beglückenden Gegenwart. Er nimmt sich seiner alltäglichen Pflichten und Aufgaben an, ohne etwas zurückzuweisen. Dieses Verhalten ist geprägt von Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Liebe zu den Menschen und Dingen des Lebens. Das hat mit Verantwortung und Bewusstsein zu tun, ohne dieses jedoch auf sich zu beziehen.

Diop: Das klingt für mich alles sehr visionär.

WW: Das mag sein. Doch das Ich kann uns weit über die psychologische Entwicklung hinausführen, über alle personalen Vor-Stellungen, zum Urgrund allen Seins, zu unserem eigentlichen Wesen.

Diop: Meinen Sie zu Gott?

WW: Zu unserer göttlichen Natur, ja. Es gibt einen Bereich, in dem das Ich keine Rolle mehr spielt, einen Bereich, in dem wir keine Aussagen mehr über uns selbst treffen können, an dem sich die Einheit mit dem Göttlichen ereignen kann. Angelus Silesius, ein christlicher Mystiker, hat es einmal so ausgedrückt: „Ehe als ich Ich noch war, da war ich Gott in Gott“.

Diop: Klingt das nicht ein wenig überheblich?

WW: Für unser mentales Bewusstsein, ja. Da muss ich Ihnen zustimmen. Aber es gibt auch ein Bewusstsein, das weit darüber hinausgeht. In allen Kulturen und Religionen weiß man das. Auch im Christentum. Meister Eckhart hat es so formuliert: „Man soll Gott nicht außerhalb von einem selbst annehmen, sondern als das, was in einem ist. Manche Leute meinen, sie sollten Gott so sehen, als stünde er dort und sie hier. So ist es nicht. Gott und ich, wir sind eins.“

Diop: Sie haben oft darüber gesprochen, wie sehr wir uns von unsern Vorlieben und Abneigungen beeinflussen lassen und deswegen die Dinge nicht mehr so sehen, wie sie wirklich sind.

WW: Das ist richtig. Durch unsere Vorlieben und Abneigungen verhindern wir unser Einssein mit der Welt und den Menschen. Das führt uns in eine geistige Isolation. Wir bauen eine Distanz auf und eine offene Begegnung mit Menschen ist nicht mehr möglich. Doch im Grunde weichen wir uns selber aus. Die Psychologie spricht hier von Verdrängung, Rationalisierung, Unterdrückung usw. Das führt so weit, dass wir uns am Ende selbst nicht mehr spüren.

Diop: Sind vielleicht all diese Mechanismen Lösungsversuche des Menschen, sein fehlendes Wissen um die Einheit mit dem Göttlichen zu kompensieren?

WW: Ja natürlich. Wir haben uns in unserem Kopf Bilder zurechtgelegt, Vorstellungen, nicht nur über die Dinge, die uns umgeben, auch über uns selbst. Das führt dazu, dass wir innere oder äußere Zustände als gut oder schlecht, als erwünscht oder unerwünscht aufspalten. Wir projizieren unsere Wünsche auf ein „Du“, auf Gott, der uns das Angenehme schaffen soll und uns vor dem Unangenehmen bewahren und schützen soll. Unser alltägliches Bewusstsein begreift eben alle Dinge als Objekte, auch Gott. Und genau dadurch geschieht die Trennung zwischen uns und Gott, zwischen uns und unserem eigentlichen Sein.

Diop: Wie würden Sie Religiosität formulieren?

WW: Religion ist für mich die Verwirklichung der Wirklichkeit. Das einzusehen ist oft schwer, weil wir die Verantwortung für unser Leben gerne Gott überlassen. Wenn es aber dann oft anders kommt, machen wir ihm Vorwürfe und sagen: Wie kann Gott das zulassen? Oft sind wir einfach unfähig, den ersten Schritt zu tun. Wir warten immer, bis ihn der andere tut.

Diop: Für viele Menschen ist Religion und Alltag etwas Verschiedenes.

WW: Ja, sie soll etwas Besonderes und Außergewöhnliches sein. Man macht daraus einen Zufluchtsort, ein Auffangbecken, etwas, das all unsere Sehnsüchte nach Geborgenheit, Frieden und Liebe erfüllen soll. Doch Religion, so meine ich, ist die Erfahrung des Lebens selbst.

Diop: Aber wohin sollen wir uns dann wenden, wenn Religion auf das Leben reduziert wird?

WW: Ich glaube nicht, dass dadurch etwas reduziert wird, ganz im Gegenteil. Wir alle sind Kinder des Einen. Leben ist ein Weg der Transformation, ein Weg in die Erfahrung des Hier und Jetzt. Nur hier kann Leben und Handeln stattfinden, nie in der Vergangenheit oder Zukunft. Wir müssen wieder lernen, dass die Dinge nicht so sind, wie sie uns unser Verstand vorgaukelt. Das sagt uns auch die Wissenschaft. Wir können die Welt nicht so sehen, wie sie wirklich ist.

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