Augenblicke

Augenblicke Nr. 5


Teil 3: Worte sind wie leere Hülsen

Diop: Sie sind seit dem Jahr 2000 autorisierter Zen-Lehrer der Sanbo-Kyodan-Schule. Wie hat sich seitdem Ihr Weltbild verändert?

WW: Je länger ich den Weg des Zen gehe, desto mehr erlebe ich die Unzulänglichkeit von Worten. Sie sind wie leere Hülsen, hinter denen sich die Wahrheit verbirgt. Die Wahrheit selbst liegt jenseits von Worten und Bildern. Sie offenbart sich im einfachen Tun, im Alltag.

Diop: Erleben Sie in Ihren Zen-Kursen auch religiöse Menschen, die in Konflikt mit ihrer Religion geraten sind?

WW: Ja, natürlich. Manchmal plagt sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie aufgrund ihrer meditativen Erfahrungen dieses und jenes nicht mehr glauben können oder anzweifeln. Ihr Verhältnis zu Gott und Religion hat sich einfach grundlegend verändert. Doch der Zweifel an der Existenz eines allmächtigen Schöpfergottes ist nicht neu.

Diop: Ich glaube zu wissen, dass bereits im Mittelalter neue wissenschaftliche Erkenntnisse die Säulen des alten Weltbildes erschütterten.

WW: Das ist richtig. Die katholische Kirche, die bisher Verwalterin des Wissens war, reagierte heftig aus Sorge vor Machtverlust. Gelehrte wurden verbrannt oder mit Folter bedroht.

Diop: Bis dahin galt das geozentrische Weltbild des Ptolemäus, das besagte, dass Sonne, Mond und Sterne um die Erde kreisen. Die Erde wurde für den Mittelpunkt der Welt gehalten, die Gott erschaffen hat.

WW: Doch dann erschütterten drei große „Explosionen“ dieses alte Weltbild. Zunächst zeigten die Forschungsergebnisse von Nikolaus Kopernikus, dass sich die Erde um die eigene Achse, und die Planeten um die Sonne drehen. Somit war also die Sonne das Zentrum des Planetensystems. Galileo Galilei untermauerte die Entdeckung des Kopernikus durch eigene Beobachtungen und Berechnungen, doch man zwang ihn, seine Lehren zu widerrufen. Die Kirche sah ihre Lehre und ihre Macht durch das neue Weltbild bedroht und fühlte sich herabgesetzt. Völlig irritiert konnte und wollte sie nicht akzeptieren, dass die Erde nur ein Himmelskörper unter unendlich vielen ist.

Diop: Und außerdem: Wo sollte dann Gott in diesem unendlichen Universum sein?

WW: Als nächstes entwickelte Darwin durch Beobachtung seine revolutionäre Evolutionstheorie. Dies war für die christliche Kirche der zweite Schock.

Diop: Darwins Theorie besagte doch, dass alle Arten von Lebewesen durch natürliche Auslese entstanden sind, also auch der Mensch.

WW: Richtig. Dies widersprach jedoch der christlichen Vorstellung vom Menschen, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist und stellt ihn scheinbar auf eine Stufe mit dem Affen.

Diop: Darwin erkannte auch, dass sich die Natur selbst reguliert und organisiert.

WW: Auf diese Weise war für ihn auch die Frage nach dem Bösen geklärt. Im Grunde genommen versuchte er nur, das Modell der wissenschaftlichen Erklärungen, das im 17. Jahrhundert in der Physik triumphierte, auf die Biologie zu übertragen.

Diop: Und was war die dritte große Explosion?

WW: Der dritte Tiefschlag für die Kirche war das Auftauchen Siegmund Freuds, der Darwins Erkenntnisse der biologischen Entwicklung zum Anlass nahm, um über Bewusstsein und Seele des Menschen nachzudenken. Er erkannte: Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus. Viele seiner Gedanken entstammen nicht seinem bewussten und planenden Wollen, sondern entspringen viel tieferen Schichten. Es ging ihm nur darum, sich von diesen Illusionen und Projektionen zu befreien. Somit war für Freud Religion eine Art Seelenkrankheit, ein pathologisches Phänomen.

Diop: Aber auch heute leben wir wieder in einer Zeit des Umbruchs.

WW: Dies ist nicht zu übersehen. Viele Menschen haben sich entschlossen, nach dem Vorbild christlicher, buddhistischer, hinduistischer und islamischer Mystiker den Weg nach Innen zu gehen. Auf diese Weise entsteht ein neues, viel tieferes religiöses Verständnis, aber Konflikte mit der Instanz „Kirche“ sind wie immer vorprogrammiert.

Diop: Was würde geschehen, wenn wir den Religionen ihre Hoffnungsbilder und Trostfunktionen rauben würden? Ist es überhaupt notwendig, an Gott zu glauben? Gibt es ihn überhaupt? Ist der Mensch erlösungsbedürftig? Ist das Gotteskonzept vielleicht nur aus einem Erklärungszwang heraus entstanden? Hat sich Gott zurückgezogen? Wie ist das Böse möglich, wenn Gott existiert? Hat Gott seine Allmacht verloren? Braucht der Mensch Gott? Warum bin ich hier? Existierte ich schon in irgendeiner Form, bevor ich geboren wurde? Was wird mit mir nach dem Tod geschehen? Was ist Realität? Was ist der Sinn meines Lebens und des Lebens überhaupt?

WW: All diese Fragen bewegen die Menschen in unserer Zeit. Für viele ist Gott zu einer Mittel-Zweck-Beziehung geworden. Sie beten nur zu ihm, wenn sie ihn brauchen. Meiner Meinung nach besteht unser Problem darin, dass wir – religiös gesehen – noch nicht erwachsen geworden sind und immer noch mit unserem Kinderglauben und den damit verbundenen Bildern durch diese Welt gehen. Unser Verstand hat sich weiterentwickelt, nicht aber unser religiöses Verständnis. Daraus entstehen Konflikte. Andererseits werden Kirche und Religion in einen Topf geworfen und verteufelt. Wir sollten uns jedoch im Klaren sein: Kirche besteht aus Menschen, und Menschen machen nun einmal Fehler.

Diop: Man kann gut verstehen, wenn sich Menschen von der Institution „Kirche“ abwenden. Vielleicht betrachten sie die Kirche nur als eine Vervielfältigungsmaschine von Ideen, mentale Viren, die am besten unreflektiert in unserem Gehirn bleiben sollen.

WW: Das heißt jedoch nicht, dass solche Menschen im tiefsten Grunde ihres Herzens nicht religiös wären. Der Sanskritausdruck für Religion lautet „Dharma“. Das bedeutet Schutz vor Leiden, Angst und Tod. So machen sich immer mehr Menschen auf die Suche, weil sie ihre falschen Ansichten und Zielsetzungen durchschaut haben. Sie glauben nicht mehr an die Unterschiede zwischen Ost und West, weil sie erkannt haben, dass die Probleme der Menschen überall die gleichen sind. Solche Menschen beginnen aus anderen Religionen zu lernen, wobei es ihnen sicher nicht um eine Verschmelzung von Religionen geht. Ich glaube, ein aufgrund seines Glaubens entzweiter Mensch hat ein tiefes Bedürfnis nach Mystik, nach universellen Erfahrungen und geistigen Veränderungen. Er macht sich auf und geht den „sprachlosen Weg“. Dabei wird erkannt, dass das Böse nur aus Unwissenheit und dem Fehlen von Mitgefühl entsteht, aus dem Vergessen der eigenen wahren Natur. Es wird ihm klar, dass er dem „Du“ auf eine andere, neue Weise begegnen muss, und dass er die Welt nur verändern kann, wenn er sich selbst verändert.

Diop: An der Schwelle des 3. Jahrtausends leben wir in einem Spannungsfeld zwischen Religion und Vernunft. Die Religion hat das Interpretations-Monopol - den Versuch, diese Welt zu verstehen - verloren und findet keine plausiblen Antworten auf die Fragen nach den Zusammenhängen von Kosmos und Schöpfung. Vielfach nimmt nun die Wissenschaft den Platz von Religion ein. Aber: Funktioniert diese Welt wirklich nur nach den Gesetzen der Vernunft und der Naturgesetze?

WW: Alle Sinn- und Lebensfragen münden letztendlich nur darin: Wer bin ich, warum bin ich, und wohin gehe ich? Weder die Naturwissenschaft noch die Theologie kann uns darauf zufriedenstellende Anworten geben. Wir müssen andere Quellen anzapfen, transrationale und transemotionale Ebenen, um Antworten für uns zu finden. Mystik ist lebendige Erfahrung. Sie ist es, die uns zu den Wurzeln von Religion führt, an die Quelle. Religionen sind gleichsam die Äste eines Baumes und einer Wurzel. Erfahrungen auf dem Weg nach Innen sind daher immer transkonfessionell und universell. Sie gehen weit über Konfession und Wissenschaft hinaus. Gott ist nicht mehr denkbar, denn was denkbar ist, ist nicht Gott. Die Frage ist nicht: Wo ist Gott?, sondern: Wo ist der Mensch? Die Frage ist nicht: Gibt es Gott?, oder: Ist Gott tot?, sondern: Wer bin ich, wer bin ich zutiefst? Um diese Fragen zu lösen, müssen wir in das große Geheimnis eindringen. Dies jedoch kann jeder nur für sich allein tun. Wir müssen selbst trinken, wenn wir durstig sind. Niemand anderer kann es für uns tun. Und noch eines. Wir sollten uns klar machen: Jesus war nicht katholisch, und Buddha war nicht Buddhist. Sie waren Suchende wie wir. Dass sie diesen Nimbus verloren haben, liegt an den Menschen, die sie auf den Altar der Verehrung gehoben haben. Auf diese Weise wird Religion verabsolutiert und in erstarrte Dogmen gegossen. Wir haben vergessen, dass Religionen nur die Finger sind, die zum Mond zeigen, d.h. sie zeigen nur auf die unvergängliche und zeitlose Wahrheit. Wir aber halten den Finger für das Wesentliche, und jede Praxis, die zur Erfahrung dessen führt, was Religion lehrt, wird abgelehnt oder belächelt. Manchmal verweise ich auf das Bild, wo Menschen in einem geschlossenen Raum sitzen, dessen Fenster mit Vorhängen zugezogen sind. Sie alle rätseln, wie es wohl draußen aussehen mag. Die einen behaupten, dass es regnet, die anderen, dass die Sonne scheint. Warum öffnen wir nicht einfach die Vorhänge, dann wissen wir, wie es draußen ist, und brauchen darüber nicht mehr zu spekulieren.

Diop: Vielen Dank.

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