Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 5


Das Eine im Alltag

WW: Ein Mönch fragte einmal Meister Seigen: „Was ist das Wesen des Buddhismus?“ Seigen antwortete: „Was kostet der Reis in Roryo?“

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Seigen meint in diesem Fall sicher nicht die buddhistische Religion, sondern das tiefste Wesen des Zen. Die Frage, die der Mönch dem Meister stellt, könnte auch „Was ist das Wesen des Zen?“ oder „Was ist der Weg?“ lauten.

Diop: Was meint aber Seigen damit, wenn er antwortet „Was kostet der Reis in Roryo?“

WW: Er will klar machen, dass der Weg des Zen das Allergewöhnlichste des Alltags ist, so wie das sich Erkundigen nach dem Preis. So klar wie der Preis des Reises ist für Seigen diese unmittelbare Wirklichkeit. Zen und Alltag sind nicht zwei verschiedene Dinge, sie sind eins. Im Einkaufen und Preisevergleichen offenbart sich die leere Form und Dynamik des lebendigen Lebens.

Diop: Aber ist es nicht so, dass uns der Alltag eher zermürbt, während das Sitzen in der Stille uns eher innerlich aufbaut?

WW: Das kommt nur davon, dass ich mich im Alltag nicht in der gleichen Aufmerksamkeit befinde, wie ich es beim Sitzen gewohnt bin.

Diop: Sie meinen, wenn ich im Alltag genauso achtsam wäre wie beim Sitzen, würde mich der Alltag nicht zermürben?

WW: Ja. Dann ist es einfach nur ein Augenblick, nichts weiter. Die ständigen Bewertungen sind es in Wirklichkeit, die uns kaputt machen und uns nicht zur Ruhe kommen lassen.

Diop: Wer war eigentlich dieser Seigen?

WW: Seigen Gyoshi lebte von 660-740. Als siebter chinesischer Zen-Patriarch war er Schüler und Dharma-Nachfolger von Hui-neng. Über ihn ist wenig bekannt, außer dass er einer der hervorragenden Schüler des berühmten sechsten Patriarchen Hui-neng war, und später Meister von Sekito. Von Seigen stammt der berühmt gewordene Ausspruch: „Bevor sich ein Mensch im Zen übt, sind Berge für ihn Berge, und Flüsse sind Flüsse. Gewinnt er unter Anleitung eines guten Meisters Einblick in die Wahrheit des Zen, so sind Berge für ihn nicht mehr Berge und Flüsse nicht mehr Flüsse. Wenn er dann aber den Ort wirklicher Ruhe erreicht, so sind Berge wieder Berge und Flüsse wieder Flüsse.“ Das Wirken des Meisters Seigen wird auch im fünfunddreißigsten Beispiel des Denko-Roku geschildert: Der fünfunddreißigste Patriarch, Musai Daishi, ging zum Unterricht zu Seigen und fragte ihn: „Woher bist Du gekommen?“ Musai antwortete: „Ich bin von Sokei gekommen.“ Seigen streckte seinen Wedel in die Höhe und sprach: „Gibt es Das in Sokei?“ Musai antwortete: „Das gibt es nicht nur nicht in Sokei, sondern auch nicht im Westen, gemeint ist in Indien.“ Seigen sagte: „Du bist niemals im Westen gewesen, oder doch?“ Musai antwortete: „Wenn ich dort gewesen wäre, würde Es existieren.“ Seigen sagte: „Nicht genug. Sag noch etwas!“ Musai antwortete: „Also, der Abt sollte auch die Hälfte sagen und sich nicht vollkommen an den Schüler anlehnen.“ Seigen sagte: „Ich zögere nicht, mit Dir zu sprechen, aber das wird später keiner verstehen.“ Musai antwortete: „Verstehen ist nicht unmöglich, aber keiner wagt es zu sprechen.“ Seigen schlug ihn mit dem Wedel. Daraufhin erfuhr Musai große Erleuchtung.

Diop: Ich möchte noch einmal auf die Frage zurückkommen: „Was kostet der Reis in Roryo?“

WW: Da der Reis in China Grundnahrungsmittel ist, weiß natürlich jeder, was der Reis bei ihm zu Hause kostet. So klar wie der Reispreis ist für Meister Seigen die unmittelbare Wirklichkeit, die alles enthält und alles umfasst. Nansen, der große Zen-Meister, gab eine ähnliche Antwort: Eines Tages, als Nansen im Freien arbeitete, fragte ihn ein Mönch: „Welcher Weg führt zu Nansen?“ Der Mönch meint damit: „Welcher Weg führt in das tiefe Wissen, das du hast?“ Nansen erhob seine Sichel und sprach: „Ich habe dies wirklich billig gekauft.“ Der Mönch sagte: „Ich bin nicht daran interessiert, wieviel deine Sichel kostet. Welcher Weg führt zu Nansen?“ Nansen sagte: „Ich habe viel Nutzen daraus gewonnen.“ Das Wesen des Zen ist einfach: „Was kostet ein Pfund Tomaten?“ Es ist das Allergewöhnlichste des Alltags, so wie das Sich-Erkundigen nach dem Preis des Reises. Zen und Alltag sind nicht zwei verschiedene Dinge, sie sind Nicht-Zwei. Oft mangelt es uns gerade am Anfang des Weges an der Transzendierung dieser beiden Ebenen. Hier sitzen wir tief versunken und meditieren, dann aber sind wir im Beruf. Wir sind es gewohnt, alles zu zerteilen. Genau das aber schafft die Widersprüche in uns. Wenn wir sitzen, denken wir an die Arbeit, sind wir bei der Arbeit, sehnen wir uns nach dem Sitzen. „Was kostet der Reis in Roryo?“, das ist lebendiges Zen.

Diop: Wie können wir dahin gelangen?

WW: Die Antwort ist denkbar einfach. Wir müssen uns nur auf das konzentrieren, was gerade ist, und ganz darin sein, ohne die Welt oder uns ständig ändern zu wollen. Es läutet an der Tür, wir öffnen sie, - so einfach ist das. Was soll daran schwierig sein? So handelt unsere Wesensnatur. Die Ur-Wirklichkeit leuchtet in allen Dingen auf, offenbart sich in jedem Augenblick, sei er nun angenehm oder unangenehm. Der reine Augenblick beinhaltet nichts Positives oder Negatives. Wir selber sind es, unser beurteilendes Ich, das einen Augenblick in Kategorien einteilt wie „gut“ oder „schlecht“, „das gefällt mir“ oder „das gefällt mir nicht“. „Was kostet der Reis in Roryo?“, das ist der ganz normale Alltag. Das Gleiche will auch Nansen klarmachen, wenn von Joshu im neunzehnten Beispiel des Mumonkan gefragt wird: „Was ist der WEG?“ Nansen antwortete: „Der alltägliche Geist ist der Weg.“ „Was kostet der Reis in Roryo?“ heißt: Tun, was zu tun ist, ohne es anders haben zu wollen. Die Welt, in der wir leben, ist ein großes Zendo. Hier müssen wir üben, beim Sitzen und im Alltag, in jedem Augenblick, mit jedem Atemzug. Wo sollten wir es sonst tun?

Diop: Wir sind es gewohnt, dass wir alles teuer erwerben und uns erarbeiten müssen. Da soll der „höchste Weg“ nicht schwierig sein?

WW: Tatsächlich ist die höchste Wahrheit so billig wie der Reis in China. „Billig“ bedeutet „ohne Wissen“. „Ohne Wissen“ bedeutet: „Was kostet der Reis in Roryo?“ Oft verfallen Zen-Schüler dem Irrtum, dass sich Geld und Meditation nicht miteinander vertragen. Geld wird als „profan“ abgetan, als etwas Niedriges, womit sich nur die Leute herumschlagen, die von etwas „Höherem“ keine Ahnung haben. Wir müssen aufhören, zwischen heilig und profan zu unterscheiden. Wir müssen lernen, das Geld zu benutzen, ohne dass das Geld uns benutzt, d.h., ohne daran zu hängen. Auch Einkaufen und Preise vergleichen ist die Ur-Wirklichkeit, ebenso planen und kalkulieren. Nichts davon bleibt ausgeklammert, nichts fällt heraus. Unsere Wesensnatur hat nichts zu gewinnen und auch nichts zu verlieren. Sie ist strahlend klar und deutlich, ohne etwas Vages, Verschwommenes, Undeutliches. Sie ist wie ein leuchtender Diamant. Darin gibt es nichts, was erreicht werden könnte. Ramana sagt in den Upanishaden: „Es gibt kein Erreichen. Wäre das Selbst zu erreichen, hieße das, dass es nicht hier und jetzt ist und noch erlangt werden muss. Was erlangt wird, kann auch verloren gehen; es ist also unbeständig. Es lohnt nicht, nach dem zu streben, was unbeständig ist. Ich sage deshalb, dass es kein Erreichen des Selbst gibt. Sie sind das Selbst. Sie sind bereits Das. Tatsache ist, dass Sie Ihren beseligten Zustand nicht kennen. Nichterkenntnis tritt dazwischen und zieht einen Schleier über das reine Selbst, das Seligkeit ist. Alle Bemühungen gelten allein der Beseitigung des Schleiers, der nur aus falscher Erkenntnis besteht. Diese falsche Erkenntnis ist die Identifizierung des Selbst mit Körper und Geist. Wenn diese verschwindet, bleibt das Selbst allein zurück.“

Diop: Trotzdem versuchen wir immer wieder, etwas zu erwerben und zu erreichen.

WW: Doch die Ur-Wirklichkeit kostet nichts, mit Ausnahme unseres persönlichen Einsatzes. Nie kann sie erreicht werden, weil sie immer schon da ist. In Wirklichkeit können wir also gar nichts erwerben. Wir können aber auch nichts loswerden, so intensiv wir uns bemühen mögen. Manche Menschen werden sehr traurig, wenn sie dies hören und denken an die Fehler, mit denen doch ein jeder von uns behaftet ist. Wir wollen diese Mängel nicht haben und würden gerne ganz anders sein. Und eben mit diesem Denken befinden wir uns schon wieder in einem undurchdringlichen Gestrüpp, aus dem es kein Entrinnen gibt, Lichtjahre entfernt von unserem wahren So-Sein. Ich erinnere mich an Daio Kokushi, der gesagt hat: „In der Absicht, Blinde anzuziehen, ließ Buddha seinem goldenen Munde spielerische Worte entspringen. Seitdem sind Himmel und Erde überwuchert mit dichtem Dornengebüsch.“ Die Worte sind es, der Verstand, die Begrifflichkeit, das intellektuelle Denken, was uns an der Verwirklichung tiefster Erfahrungen hindert. Unsere Wesensnatur ist das ganze Universum. Wir sollten unser Denken loslassen und unsere Gedankenspiele vergessen. Wir sollten alles einfach fallenlassen. Dann gibt es nichts mehr, was wir erreichen müssten. Dann ist nichts mehr da, das wir loswerden müssten. Dann gibt es weder Mangel noch Überfluss. Es geht um das Eintauchen in den Augenblick des reinen So-Seins, in den Augenblick reinen Gewahrseins. Wir sollten nicht ständig versuchen, im Außen unsere Brille, die auf unserer Nase sitzt, zu suchen. Die Ur-Wirklichkeit ist uns näher als unser Ich. Wir können es vielleicht jetzt noch nicht ganz verstehen, aber es ist nicht unbegreifbar. Wir müssen uns einfach nur hinsetzen und mühelos üben, ohne Anstrengung und ohne etwas erreichen zu wollen. Dabei sollten wir Subjekt und Objekt vergessen und damit uns selbst. Im Zen heißt es: „Tu nichts, lasse den Dingen ihren Lauf, handle der jeweiligen Situation entsprechend“. Das Werk des großen Friedens ist die Vollendung im Augenblick, von der der Apostel Paulus spricht: „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade“ Jesus weist uns ebenfalls darauf hin, wenn er sagt: Das Reich Gottes ist nahe. „Nahe“ bedeutet, es liegt direkt unter unseren Füßen. Es offenbart sich in diesem Atemzug, in diesem Schritt, in diesem Augenblick. Der Himmel ist uns näher als unser Verstand, aber er offenbart sich nicht im Heiligen, im Feierlichen, sondern im ganz Gewöhnlichen und Ungezwungenen. Himmel bedeutet Einfachheit im Alltäglichen. Himmel bedeutet Lebendigkeit und Dynamik ohne Merkmal. Himmel bedeutet Handeln ohne zu handeln. Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch.“ Auf diese Weise wird unser Leben zu einer großen Feier, und jeder Tag wird ein Festtag sein.

Diop: Sie meinen, wir sollten im Alltag einfach nur achtsam leben?

WW: Ja. Und ganz ehrlich sein.

Diop: Wie meinen Sie das?

WW: Ich möchte dies anhand des nächsten Koan verdeutlichen.

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