Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 2


Wer bin ich eigentlich?

WW: Die Frage nach dem tiefsten Geheimnis stellen sich viele, die den Zen-Weg gehen. Auch der chinesische Kaiser Bu, der im sechsten Jahrhundert herrschte, stellte diese Frage einmal Bodhidharma. „Was ist der höchste Sinn der Heiligen Wirklichkeit?“

Diop: Und was antwortete Bodhidharma?

WW: "Weit und leer, keine Heiligkeit."

Diop: Meinte Bodhidharma, da ist nichts, und alles ist einfach nur leer ohne eine Spur von irgendetwas Erhabenem?

WW: Ja. Und trotzdem manifestiert sich diese Leerheit in allem, was uns umgibt, einschließlich uns selbst.

Diop: Können Sie diese Leerheit etwas genauer umschreiben?

WW: Die Leerheit, von der in allen Koans die Rede ist, bezieht sich einerseits auf eine Integration von Person und Nicht-Person, andererseits auf die Integration von Existenz und Nicht-Existenz. Darüber lässt sich nicht spekulieren, das muss erfahren werden. Leerheit bedeutet jedoch nicht, dass die phänomenale Welt, wie wir sie mit unserem Allerweltsbewusstsein wahrnehmen, nicht existiert. Leerheit ist vielmehr die Grundlage, aus der alle Erscheinungsformen als nicht-wesenhafte Wesenheiten auftauchen und wieder verschwinden. Diese Leerheit wird umso präsenter, je mehr das persönliche Ich die Kontrolle verliert.

In den Upanishaden spricht der Weise Uddhalaka zu seinem Sohn, dass die Bienen den Nektar von vielen Blüten sammeln. Im Honig lässt sich nicht mehr unterscheiden, von welcher Blüte oder welchem Baum welcher Teil kommt. Und wenn die Flüsse ins Meer strömen, vermischt sich das Wasser, und man kann den einen Fluss nicht mehr von einem anderen unterschieden. So ist es auch mit den Menschen, wenn sie das Sein im tiefen Schlaf erreichen. Doch sie wissen es nicht. Die feinste Essenz der Welt ist das Selbst und du bist DAS. Er bat seinen Sohn, die Frucht eines nahe stehenden Nyagrodha-Baumes zu holen und sie zu öffnen. Als er sie öffnete, fragte er ihn, was er denn sehe. Er zeigte ihm die kleinen Samen. Uddhalaka bat seinen Sohn nun, die kleinen Samen zu öffnen. Als dieser sie öffnete, fragte er wiederum, was er sehe. Doch er konnte nichts sehen. Da sagte Uddhalaka sinngemäß: „Aus dem, was du nicht sehen kannst, ist der große Myagrodha-Baum entstanden. So ist das Selbst, aus dem die ganze Welt entsteht. Und das bist du!“ Sich in die Welt von Shunyata, der Leerheit, zu vertiefen, ist wie Eulen nach Athen tragen oder einen zweiten Kopf auf diesen zu setzen. Schließlich kann nur gesagt werden: Das ist es nicht, das ist es nicht. Auch Yagnavalkya versucht in den Upanishaden dieses Geheimnis Maitreya zu erklären. Er sagt, dass es in dieser Welt der Erscheinungen, der Dualität, eben so ist, dass man sich gegenseitig sieht, berührt, zueinander spricht, einander zuhört, über andere nachdenkt und einander kennt. Auf die Frage, was ist, wenn alles zu einem selbst geworden ist, erwidert Yagnavalkya, dass es in diesem Bereich nicht mehr möglich ist, etwas getrennt von sich zu sehen, zu hören und zu fühlen. Maitreya ist jedoch hartnäckig und fragt weiter, wie es denn möglich sei, den wahrzunehmen und zu erkennen, der alles wahrnimmt und erkennt. Yagnavalkya erwiderte, dass das Selbst nur als Neti-Neti, weder dies noch das, beschrieben werden kann. Es sei unbegreiflich, unzerstör- und unberührbar, leidet nicht und ist ewig.

Trotzdem und gerade deshalb ist es außerordentlich wichtig, immer tiefer in dieses Unsagbare und Unaussprechbare einzudringen. Stagnation auf diesem Weg würde bedeuten, das Leben zu töten, das Leben, das ein Nicht-Leben ist. Aus diesem Grund ist die Erfahrung der Leerheit der Weg in das wahre Leben.

Diop: Was geschieht, wenn jemand mit dieser Leerheit plötzlich in Kontakt kommt?

WW: Chögyam Trungpa hat diese Situation in seinem „Buch vom meditativen Leben“ versucht zu beschreiben. Wenn man mit den gewöhnlichen Umständen des Lebens richtig in Kontakt gekommen ist, wird man eine schockierende Entdeckung machen. Während man vielleicht eine Tasse Tee trinkt, taucht plötzlich das Gefühl auf, dass man in einem Vakuum Tee trinkt. Es bist nicht mehr du, der da Tee trinkt. Die Leerheit des Raums trinkt den Tee. Und wenn man Hose und Hemd anzieht, fühlt es sich so an, als würde man den Raum bekleiden. Normalerweise stellen wir uns den Raum als etwas Leeres oder Totes vor. In diesem Fall ist der Raum jedoch eine weite Welt, die aufnehmen, annehmen und beherbergen kann. Man kann mit diesem Raum Tee trinken, Auto fahren oder sich Schuhe putzen. Zweifellos ist etwas da, doch wenn man versucht, es anzuschauen, findet man nichts.

Diop: Aber was geschieht dann?

WW: Wenn sich in einer tiefen Erfahrung die Leerheit mit der Form verbindet, d.h., wenn Form und Leerheit vollständig integriert sind und eine unzertrennbare Einheit bilden, entsteht etwas vollkommen Neues, die Liebe.

Diop: Liebe?

WW: Ja. Jeder von uns glaubt zu wissen, was Liebe ist, doch diese Liebe hat eine ganz neue Qualität. Was wir bisher als Liebe bezeichnet haben, war geprägt von unserem Ego-Hintergrund und beherrscht von Haben- und Besitzenwollen, Eifersüchteleien und den Trieben. Die Liebe aber, die jetzt entstanden ist, grenzt nichts mehr aus. Sie ist weder besitzergreifend, noch eifersüchtig. Sie macht keine Unterschiede. Wenn Form wirklich zur Leerheit geworden ist und Leerheit wirklich Form ist, dann nimmt die daraus entstandene Liebe die Dinge einfach so wie sie sind, ohne sie zu werten. Diese Liebe schließt dann auch den Terroristen und fundamentalistischen Glaubensfanatiker mit ein.

Diop: Eine solche Liebe kann aber nicht gemacht werden.

WW: Das ist richtig. Sie kann sich nur langsam entwickeln. Dazu ist viel Geduld notwendig. In dieser Leerheit-Liebe ist einfach alles richtig wie es ist, ist es gut, so wie es ist. Auf diese Weise gewinnt unser Leben eine ganz neue Qualität.

Diop: Wie aber tritt diese Leerheit dann in Erscheinung?

WW: Durch alles, was Sie tun, beispielsweise durch die Frage, die Sie gerade gestellt haben, oder durch einen Schlag auf einen Holzklotz, oder durch diesen Atemzug, den Sie gerade beim Sitzen erleben.

Diop: Sie meinen, dass sich die Leerheit durch die Dynamik meiner Person ausdrückt?

WW: Ja.

Diop: Wenn diese Person aber als absolut leer erfahren wird, wer bin ich dann wirklich?

WW: Fleckenloses, glasklares Bewusstsein. Ich erlebe mich als etwas, das keinen Tod kennt und selbst die Zerstörung des gesamten Universums überlebt. Obwohl ich einen Körper habe, gehe ich nirgendwo hin, komme ich nirgendwo her und ich durchdringe das ganze Universum.

Diop: Wenn ich es richtig sehe, dann kann also Befreiung nicht wie ein Objekt erlangt werden. Die einzige Voraussetzung für ein augenblickliches Erkennen der wahren Realität ist, dass ich meine Ich-Identifikation aufgebe. Aber wer bin ich dann?

WW: Die Frage „Wer bist du, der da mir gegenübersteht?“ hat auch der Kaiser Bodhidharma gestellt.

Diop: Und was antwortete Bodhidharma?

WW: Bodhidharma sagte: „Ich weiß es nicht.“

Diop: Das verstehe ich nicht. Ich weiß doch, wer ich bin.

WW: Auf der intellektuellen Ebene ist das einleuchtend. Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt, bin männlich, habe diesen oder jenen Beruf usw. Aber bin ich das wirklich? Was ist, wenn ich nicht mehr fünfundfünfzig Jahre alt bin und nicht mehr diesen Beruf ausübe, bin ich dann jemand anderer?

Diop: Sie meinen, dass ich ein Bild von mir im Kopf habe, obwohl sich dieses Bild eigentlich ständig verändert?

WW: Genau. Wir müssen dieses Bild ständig aufs Neue wiederherstellen, weil wir uns von den Ereignissen und Bedingungen beeinträchtigen lassen und nichts anderes kennen und für möglich halten als diese Welt der Formen.

Diop: Wie lautet dieses Koan aus dem Shoyoroku vollständig?

WW: Kaiser Bu von Ryo fragte den Großmeister Bodhidharma: „Was ist der höchste Sinn der Heiligen Wirklichkeit?“ Bodhidharma sagte: „Weit und leer: keine Heiligkeit.“ Der Kaiser sagte: „Wer bist du, der du mir gegenüber stehst?“ Bodhidharma sagte: „Ich weiß es nicht.“ Der Kaiser war ihm nicht gewachsen. Schließlich überquerte Bodhidharma den Fluss Yangtse und kam in das Königreich Gi. Später fragte der Kaiser den Shiko nach seiner Meinung. Shiko sagte: „Weiß Eure Majestät, wer dieser Mann ist?“ Der Kaiser sagte: „Ich weiß es nicht.“ Shiko sagte: „Er ist der Mahasattva Avalokitesvara, der das Siegel des Buddha-Geistes übermittelt.“ Da reute es den Kaiser, und er wollte Bodhidharma durch einen Boten zurückholen. Shiko sagte: „Es hat keinen Sinn, dass Eure Majestät ihn durch einen Boten zurückzuholen versucht. Selbst wenn ihm alle Menschen im Lande nachliefen, würde er nicht umkehren.“

Diop: Ich möchte noch einmal auf die eingangs gestellte Frage des Kaisers zurückkommen „Was ist der tiefste Sinn der Heiligen Wirklichkeit?“. Worauf zielt diese Frage eigentlich ab?

WW: Der Kaiser fragt nach dem tiefsten Wesen des Buddhismus und meint damit eigentlich die letzte, alles übersteigende Wahrheit, unser wahres Wesen, das weder geboren ist noch stirbt und auch nicht von äußeren Bedingungen beeinträchtigt wird. Gewöhnlich sind wir Menschen es selbst, die festlegen, was heilig ist. Dadurch aber setzen wir uns Grenzen. Dieses Koan gibt uns einen Hinweis auf die große Erfahrung der Leerheit, in der nichts von Bedeutung wie heilig oder profan übrigbleibt. Das Heilige, das Unantastbare, das Besondere wird für uns im ganz Gewöhnlichen und Alltäglichen sichtbar. Es besteht kein Abstand mehr, und alles in uns ist weit und leer geworden. Auch keine kausalen Beziehungen zueinander bestehen mehr. In dieser Erfahrung bleibt die Form, die Person, unerkannt. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes ausgehöhlt und ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

Diop: Geht dadurch meine Identität verloren?

WW: Nur unsere Schein-Identität geht verloren. Menschen, die dies zum ersten Mal erleben, fühlen sich vollkommen frei und durch nichts mehr eingeengt. Sie sagen: Endlich bin ich zu Hause, endlich bin ich angekommen.

Diop: Was ist aber, wenn ich mich nicht mehr durch die äußeren Bedingungen und Ereignisse beeinträchtigen lasse?

WW: Sie werden sich in einer grenzenlosen Freiheit wiederfinden. Von dieser Freiheit berichtet uns das dritte Koan im Shoyoroku.

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