Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 95


Alles verkauft

WW: Rinzai fragte einmal den Vorsteher seines Klosters: „Wo kommst du her?“ „Ich komme gerade vom Markt, wo ich Reis verkauft habe“, antwortete der Vorsteher.

Diop: Ich kenne Rinzai bereits aus früheren Koans und habe gesehen, wie unerbittlich er im Umgang mit den Mönchen war.

WW: Ja. Er war bekannt für sein Schlagen und er benutzte dafür seinen Meisterstab. Natürlich wusste Rinzai, dass es dieser Unerbittlichkeit bedurfte, um seine Mönche anzuspornen, um sie bereit zu machen für den großen Durchbruch. Man darf dieses Schlagen daher nicht als Boshaftigkeit auslegen, vielmehr als große Güte, als Hilfsmittel, um die Mönche in den Augenblick zu stoßen. Dieser Meisterstab wird im Vers als lebengebendes und todbringendes Schwert bezeichnet. Das sind keine Gegensätze, sie fallen in Eins zusammen. Es bringt einerseits ein Erwachen zu unserer wahren Natur, gibt uns also das Leben, gleichzeitig ist es todbringend, d.h., es löst den Ich-Tod aus und führt in die Auflösung aller Gegensätze. Das „Glänzen auf dem Schnee“ kann nicht als Glänzen und Schnee getrennt voneinander erscheinen. Beide können nur gemeinsam auftreten. Sie sind eines, oder wie Zen sagt: Nicht-Zwei. Form und Leere bedingen einander, Schnee und Glänzen gehören zusammen, sie sind nicht zu trennen. Aber zurück zum Koan: „Hast du den ganzen Reis verkauft?“, fragte ihn Rinzai. „Ja, das habe ich“, sagte der Vorsteher.

Diop: Ein ganz alltägliches Gespräch.

WW: Ja, so scheint es. Die Mönche im damaligen China besorgten für den Alltag Lebensmittel, kauften ein und verkauften ihren selbstgezogenen Reis. Die Zen-Klöster waren damals autonome Gemeinschaften. Der Klostervorsteher kommt scheinbar gerade vom Markt zurück und Rinzai, der ihn sieht, fragt ihn: „Wo kommst du her?“ Was ist in diesem Augenblick? „Ich komme gerade vom Markt, wo ich Reis verkauft habe“, antwortete der Vorsteher. „Hast du den ganzen Reis verkauft?“, fragte ihn Rinzai. „Ja, das habe ich“, sagte der Vorsteher.

Diop: Ist Rinzai einfach nur neugierig, ob er den ganzen Reis verkauft hat?

WW: Sicher nicht. Er will auf etwas ganz anderes hinaus. Er kennt seinen Schüler natürlich ganz genau und weiß genau, wo er innerlich steht, dass es nur noch eines kleinsten Anstoßes bedarf, um ihm zum Durchbruch zu verhelfen. Der Vorsteher hat sein Vorhaben aber nicht bemerkt. Rinzai hob seinen Stab und zeichnete das chinesische Zeichen für „eins“ in die Luft. „Hast du das auch verkauft?“, fragt ihn Rinzai. Der Reis ist Symbol für die unzähligen Formen. Rinzai will wissen, ob er auch all seine Vorstellungen daran aufgegeben, bzw. verkauft hat.

Diop: Mir scheint, in diesem Koan geht es ebenfalls wieder um die Einheit von Erleuchtung und Illusion.

WW: Ja. Natürlich betrifft dieses Koan wieder uns selbst und den Umgang mit der Wesenswelt und der phänomenalen Welt. Wir haben vieles gehört über Zen, über Meister, über all die wunderbaren Erfahrungsberichte und wir machen uns Gedanken darüber, geraten ins Grübeln, ohne es zu bemerken. Wir stellen uns vor, wie es sein würde, wenn auch ich durchbrechen würde, dass es so und so sein würde, dass es aber im Augenblick nicht zu erreichen ist, weil wir vielleicht noch nicht genug geübt haben oder weil wir uns als unvollkommen halten. Und wir verdoppeln unseren Einsatz, strengen uns noch mehr an, üben noch mehr. Vielleicht klappt es dann? Und wieder vergeht ein Tag, an dem anscheinend nichts passiert ist, außer dass Beine und Rücken wehtun. Wir vertrösten uns auf morgen und legen uns erschöpft ins Bett. “

Diop: Das ist genau die Situation, in der ich mich des Öfteren im Sesshin befinde. Ich lauere ständig nach innen und frage mich: „Ist es das, ist es das?“

WW: Auf diese Weise zu üben ist sehr anstrengend und doch nutzlos. Wir sollten uns einfach hinsetzen und ganz natürlich sein. Aus diesem Grund rate ich in einem Sesshin: „Schaut nur, was ist! Erwartet nichts! Alles andere ist Ich-Tätigkeit. Seid einfach so, wie ihr seid. Wir müssen an uns nichts verbessern. Wir dürfen so sein, wie wir sind. Genießt es einfach, da zu sein, ganz in diesem Augenblick präsent zu sein, den Atem zu spüren, den Körper zu spüren, euer Leben zu spüren. Haltet keinen Augenblick fest, lasst ihn vorüberziehen. Ihr braucht jetzt nicht zu denken. Dafür ist später wieder Gelegenheit. Verkaufe alles, was du in deiner Vorstellung bist, verkaufe alles, wofür du dich hältst, verkaufe alles, was du sein möchtest. Darum geht es. Dann wird unsere Übung leicht und lustvoll, wie Tauler es einmal ausdrückt hat, dann verschwinden die Barrikaden, die wir selbst errichtet haben. Nur hören, fühlen, wahrnehmen, ohne auf etwas Bestimmtes zu warten.

Diop: Sie wollen damit sagen: Wir müssen das gewohnte Bild von uns und einer äußeren Welt fallen lassen?

WW: Ja. Wir kennen diese durch unseren Verstand wahrgenommene Welt sehr genau, aber die innere Welt, die sich in Gedanken und Gefühlen ausdrückt, kennen wir nur sehr wenig. Ziel des Zen ist es, dass wir uns zunächst unseres inneren Lebens bewusst werden, um zur Quelle allen Lebens vorzustoßen.

Diop: Wenn wir nach Innen schauen, kommen viele Bilder aus dem Unbewussten ans Tageslicht, Bilder der Angst, Bilder der Verletzung.

WW: Wenn diese Bilder an die Oberfläche kommen, sollten wir sie ruhig zulassen, ohne uns von ihnen ängstigen zu lassen. Sie lösen sich über kurz oder lang auf und setzen neue Energien frei. Wenn der Verstand schweigt, erleben wir uns als reinen Zeugen des Geschehens.

Diop: Reines Gewahrsein nennt man diesen Zustand.

WW: Ja. Es ist der Ur-Zustand, ein Zustand ohne Ursache und Wirkung, unteilbar, unveränderlich, ohne Anfang und Ende. Unser mentales Bewusstsein dagegen steht immer in Beziehung zu etwas, ist also ein Zustand von Dualität, von: Ich bin hier und du bist dort. Bewusstsein steht immer in Beziehung zu seinen Inhalten, ist wechselhaft und teilt ein, während das reine Gewahrsein unveränderlich, ruhig und spannungslos ist. Es geht also um einen Zustand des Gewahrseins ohne Bewusstsein. Wir sehen dann die Dinge nicht mehr so, wie wir sie uns vorstellen, sondern so, wie sie wirklich sind.

Diop: Und wenn wir alles auf diese Weise zu sehen gelernt haben, werden wir auch uns selbst sehen, wie wir sind?

WW: Ja. Unsere vermeintliche Persönlichkeit, die nur aufrechtzuerhalten ist durch Identifikation und durch die Vorstellung, etwas Bestimmtes zu sein, wird dann zerbrechen. Die Persönlichkeit und die Welt ist nichts als eine Erscheinung des Bewusstseins. Alles, was einen Anfang und ein Ende hat, ist bloße Erscheinung. Wir müssen die wahre Welt kennenlernen. Die wahre Welt ist ohne Ursache, zeitlos, raumlos, ungeteilt und nur im Jetzt erfahrbar. Diese Welt bin ich selbst. Hier bin ich zu Hause. Ein islamischer Prophet sagt: „Lebe in dieser Welt, als seist du ein Reisender, einer, der vorbeizieht, mit staubigen Kleidern und Schuhen. Manchmal sitzt du im Schatten eines Baumes, manchmal gehst du in der Wüste. Sei immer ein Durchreisender, denn dies ist nicht dein Zuhause.“

Diop: Meint das Koan also: Wir sollten all unsere Vorstellungen einer äußeren Welt verkaufen?

WW: Ja. Unsere Welt ist nur eine Erfindung unseres in Subjektivität gefangenen Verstandes. Sie ist zeitlich, begrenzt und aus persönlichen Erinnerungen gestrickt. Deshalb sind wir gefangen in diesem sich ewig verändernden Traum, den wir für unser Leben halten. Keiner kann so hören, wie du hörst, keiner kann deine Gedanken denken, keiner kann durch deine Augen sehen. Du bist ganz allein und isoliert in diesem Traum. Die wahre Welt ist eine offene, transparente und für jeden zugängliche Welt. Sie und ich sind eins, und das Eine ist alles. Sie ist vollkommen ausgefüllt von mir selbst. In dieser Welt scheint es nur so, als ob ich sprechen, sehen, hören oder handeln würde. Dhu’n-Nun, einer der ersten islamischen Sufi-Mystiker, drückt es so aus: „Die Gnostiker sehen ohne Wissen, ohne Sehen, ohne Kunde, die sie empfangen, und ohne Beobachtung, ohne Beschreibung, ohne Verhüllung und ohne Schleier. Sie sind nicht sie selber; denn soweit sie existieren, existieren sie in Gott. Ihre Bewegungen werden von Gott verursacht, ihre Worte sind die Worte Gottes, die durch ihre Zungen geäußert werden, und ihr Blick ist der Blick Gottes, der in ihre Augen gekommen ist. Denn Gott der Erhabene hat gesagt: ‚Wenn ich einen Diener liebe, dann werde Ich sein Ohr, dass er durch Mich hört; Ich werde sein Auge, dass er durch Mich sieht, und seine Zunge, dass er durch Mich spricht, und seine Hand, dass er durch Mich nimmt.‘“
Wir brauchen uns nicht mehr um das Gesagte oder Getane zu kümmern. Es geschieht von allein, es lässt mich unberührt und alles ist richtig. Es ist ein Zustand absoluten Glücks trotz kaputter Bandscheiben, trotz Kopfschmerzen. Alle Identifikationen mit dem Körper sind weggefallen, alle Identifikationen mit dem Verstand sind weggefallen, alle Identifikationen mit dem Gefühl sind weggefallen. Eine ungeheure Welt hat sich aufgetan. Der Schmerz ist noch da, aber er hat jetzt die gleiche „Wertigkeit“ wie die aufgehende Sonne oder das Bellen des Hundes. Verkaufe alles, wofür du dich hältst!

Diop: Ist das Koan hier zu Ende?

WW: Nein. „Hast du das auch verkauft?“ fragt ihn Rinzai. Der Vorsteher schrie: „Katsu!“ Unmittelbar darauf schlug ihn Rinzai. Der Vorsteher präsentiert dem Meister mit seinem Katsu-Schrei die absolute Leerheit und Rinzai schlägt unmittelbar in diese Leerheit hinein. Das passt zusammen wie Nut und Feder! „Rinzai’s ganze Dynamik, – Wesensart und Bildung sind hoch: Auf dem Stab ist ein ‚Auge‘, welches das feinste Haar unterscheiden kann.“ Mit diesen Worten beginnt der Vers zu diesem Koan. Rinzai erkennt noch ein unmerkliches Zögern in diesem Mönch, ein feinstes Haar, das ihn noch trennt vom großen Durchbruch. Als Nächstes kam der für die Mahlzeiten zuständige Mönch zu Rinzai, welcher ihm von dem Vorfall erzählte. „Der Vorsteher hat Euer Ehrwürden nicht verstanden“, urteilte der Mönch. „Und wie steht’s mit dir?“, fragte Rinzai ihn. Der Mönch verneigte sich. Rinzai schlug auch ihn.

Diop: Was bedeutet: „Auf dem Stab ist ein ‚Auge‘, welches das feinste Haar unterscheiden kann“?

WW: Gemeint ist: Rinzai besitzt ein Wahrnehmungsvermögen, ein inneres Sehen und Erkennen, wie es nur ein Meister besitzen kann. Er erkennt das kleinste, feinste Haar, das den Mönch noch trennt vom Erkennen der Wesensnatur. Es bedeutet weiterhin, dass wir die Gegensätze überwinden müssen, Kluges und Ängstliches, Dummes und Gescheites, Gutes und Böses. Zen verwandelt uns, den gewöhnlichen Fisch, in einen wundervollen, alle Fähigkeiten besitzenden Drachen, meint der Vers weiter. Der Drache verbindet in der chinesischen Mythologie die Erde mit dem Himmel. Er kann sich an den Himmel anlehnen. Er ist ein Symbol der Weisheit. Doch sind Fisch und Drache nicht zweierlei. In jedem Fisch ist latent der Drache verborgen, in jedem Drachen der Fisch. So wie in jedem Steinblock die Skulptur vollständig enthalten ist, die der Steinmetz nur freizulegen braucht. Dann brennt das Feuer der Erleuchtung.

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