Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 91


Leere Wirklichkeit

WW: Der hohe Beamte Rikuko befand sich im Gespräch mit Nansen. Rikuko sagte: „Der Dharmalehrer Jo hat gesagt: ‚Himmel-und-Erde und ich haben ein und dieselbe Wurzel; das All und ich sind ein einziger Leib.’ Dies ist doch wunderbar.“ Nansen wies auf die Blumen im Garten, sprach Rikuko an und sagte: „Die Leute dieser Zeit betrachten diesen Blütenstrauch wie im Traum.“

Diop: Wer ist dieser Rikuko?

WW: Rikuko war eine Art Staatssekretär und Schüler von Nansen. Rikuko ist in diese neue Wirklichkeit durchgebrochen und Nansen hat das bestätigt. Er gab ihm den Lehrauftrag. Dieser Rikuko kommt also zu Nansen zu Besuch und zitiert einen Vers aus dem Hozoron, dem „Traktat vom goldenen Schatz“. „Das ganze Universum und ich sind eins. Ist das nicht wunderbar?“

Diop: Ist Rikuko vielleicht noch im Glücksgefühl einer Erfahrung, die er vor kurzem gemacht hat?

WW: Das ist möglich. Es klingt jedenfalls voller Begeisterung: „Das hätte ich nicht für möglich gehalten, wie wunderbar!“

Diop: Nansen wies daraufhin auf die Blumen im Garten und sagte: „Die Leute dieser Zeit betrachten diesen Blütenstrauch wie im Traum.“

WW: Nansen will damit zum Ausdruck bringen: Hier ist es, jenseits aller noch so wunderbaren Aussagen. Die Leute dieser Zeit jedoch betrachten diesen Blütenstrauch so, als hätte er Realität.

Diop: Meint Nansen damit, es sind nur Worte und somit Konzepte?

WW: Ja. Wir müssen darüber hinausgehen. Das will Nansen klarmachen. Du betrachtest diesen Blütenstrauch, diese Welt, immer noch auf der Subjekt-Objekt-Ebene. Werde eins damit!
Jeder kennt den Satz „Ich denke, also bin ich!“ Er stammt von dem französischen Philosophen, Mathematiker und Physiker René Descartes. Der Satz „Ich denke, also bin ich!“ hat seine philosophische Basis in Descartes’ Hauptwerk Meditationen über die erste Philosophie. Es ist das subjektiv gehaltene Tagebuch eines Menschen, der ein Experiment mit sich selbst durchführt und die dabei auftauchenden Empfindungen, Überlegungen und Zweifel beschreibt. Dass ich gerade dieses Buch lese, ist doch wohl nicht zu bezweifeln, oder? Descartes wendet ein, das könne auch eine Sinnestäuschung, eine Halluzination oder ein Traum sein. Im Traum bin ich ebenso überzeugt von der Wirklichkeit des Erlebten wie jetzt, da ich glaube, wach zu sein. Aber woher kommen die Vorstellungen und Eindrücke? Vielleicht macht mir ein böser Geist nur vor, ich würde irgendetwas erfahren, und da ist in Wirklichkeit nichts! Und eigentlich ist es ja nicht nötig, irgendetwas – sei es ein Geist oder Gott – als Schöpfer der Gedanken anzunehmen. Warum sollte ich nicht selbst dieser Schöpfer sein? In seiner ersten Meditation fragte also Descartes, ob nicht alles, was ich gerade erlebe, ein Traum sein könne. Und er kam zu dem Schluss: „Ja, tatsächlich, ich wüsste nicht zu sagen, woran ich den Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit erkennen könnte.“
Es gibt in der Literatur viele Beispiele dafür, dass die Welt nicht so ist, wie wir dies vielleicht annehmen. Das Hauptwerk Schopenhauers trägt den Titel Die Welt als Wille und Vorstellung. Jostein Gaarder schreibt in seinem Philosophieroman Sophies Welt: „Sind wir wirkliche Menschen aus Fleisch und Blut? Besteht unsere Welt aus wirklichen Dingen oder sind wir nur von Bewusstsein umgeben?“ Nietzsche schreibt sein Werk Zarathustra, das von einem Einsiedler handelt, der zehn Jahre zurückgezogen als Einsiedler auf einem Berg lebt. Als er wieder herabsteigt, sind seine ersten Worte: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll“.

Diop: Worum geht es Ihrer Meinung nach in diesem Koan?

WW: Nun, der eine Meister hält den Traum für Realität, der andere, in diesem Fall Nansen, hält das Erwachtsein für unwirklich.

Diop: Die Frage, die sich für mich stellt, ist: Was ist die wirkliche Wirklichkeit?

WW: Können wir überhaupt zu einer Wirklichkeit erwachen? Gibt es Befreiung? Wenn Existenz und Nicht-Existenz Träume sind, dann ist auch Leben und Tod ein Traum.

Diop: Sind wir also in jedem Fall Träumer?

WW: Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Wenn ich im Schlaf träume, erscheint mir der Traum als real. Erst mein Aufwachen lässt mich erkennen, dass ich alles nur geträumt habe. Aber was lässt mich so sicher sein, dass mein Aufwachen Realität ist und nicht ein weiterer Traum, aus dem ich aufwachen muss?

Diop: Ich meine, es ist mein Bewusstsein, das mich erkennen lässt, dass ich nicht mehr schlafe.

WW: Wo aber war Ihr Bewusstsein, als Sie noch schliefen? Hat Ihr Bewusstsein ebenfalls geschlafen? Waren Sie tot?

Diop: Ich weiß es nicht.

WW: Nansen deutet auf eine Wirklichkeit jenseits von Verblendung und Erleuchtung, auf eine innere Wirklichkeit, die jedoch nichts mit innen oder außen zu tun hat. Er zeigt uns die absolute Wirklichkeit, die jenseits von Existenz und Nicht-Existenz liegt, jenseits von Realität und Traum. Von Rikuko und Nansen gibt es die berühmte Geschichte von der Gans in der Flasche.
Rikuko, der sehr gelehrt und klug gewesen sein soll, beschäftigte sich mit dem Zen-Koan von der ‚Gans in der Flasche’. Rikuko kam irgendwie nicht weiter und bat schließlich Nansen, ihm bei der Lösung des Koans zu helfen. Er erklärte Nansen das Koan: „Jemand steckt ein kleines Gänseküken in eine Flasche und füttert es und pflegt es. Der Gans geht es recht gut und sie wächst heran. Sie wird nun aber so groß, dass sie nicht mehr durch den Flachenhals passt. Wie kann die Gans da heraus, ohne dass die Flasche zerstört wird und ohne dass die Gans verletzt oder getötet wird? Als Rikuko dem Nansen das Problem erläutert hatte, klatschte Nansen laut mit den Händen und rief: „Rikuko!“ „Ja, Meister“, sagte Rikuko erstaunt. „Siehst du? Die Gans ist draußen!“, sagte Nansen.
Mit der Gans in der Flasche zeigt Rikuko auf unser Leben. Auch wir werden gleichsam in einer Flasche großgezogen und sind eingeschlossen in Traditionen, Normen und Vorstellungen. Aber irgendwann werden wir uns der Enge bewusst, wir wollen heraus.

Diop: Aber wie ist das möglich?

WW: Der Augenblick ist es, der uns den Weg zeigt jenseits aller Konzepte. Er führt uns in unser wahres Sein, jenseits von innen und außen, jenseits von Traum und Wachsein, jenseits von Existenz und Nicht-Existenz und damit in den Bereich jenseits von Leben und Tod. Wir Menschen sind Geistwesen, unbegrenzt und in keinen Inhalt passend. Alles ist leerer Schein und Wirklichkeit zugleich. Das ist unsere wahre Identität hinter allen Konzepten. Darauf zeigt dieses Koan.

Diop: Ich habe vergangene Woche beobachtet, wie sich das Grün des gegenüberliegenden Waldes ständig verändert hat. Es erschien am frühen Morgen ganz anders als einige Stunden später. Grün ist also nicht grün. Welches ist also das wahre Grün?

WW: Eine gute Frage. Ein altes Sprichwort sagt: Wir steigen niemals in den gleichen Fluss. Alles verändert sich ständig. Die Wirklichkeit fließt und kann nicht festgehalten werden. Das muss uns bewusst werden. Trotzdem frieren wir sie ständig ein in Ansichten, Meinungen und Konzepten. Heute war es so, also erwarten wir, dass es auch morgen so sein wird. Aber das ist ein großer Irrtum.

Diop: Sie meinen, wir sind ständig bestrebt, die Wirklichkeit festzuhalten, und doch zerrinnt sie uns zwischen den Fingern?

WW: Ja. Das ist es, was uns bewusst werden muss. Wir haben nur diesen Augenblick, aber auch er verändert sich ständig.

Diop: Haben wir also im Grunde nichts?

WW: Nichts und doch alles, wenn wir uns diesem Fließen hingeben.

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