Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 90


Ein Stummer erzählt einen Traum

WW: In einem Traum ging Meister Kyozan zu Maitreyas Wohnsitz und wurde zum dritten Platz hingeführt. Ein ehrwürdiger Mönch schlug mit dem Hammer auf den Holzklotz und sagte: „Heute ist der auf dem dritten Sitz an der Reihe zu sprechen.“ Kyozan stand auf, schlug mit dem Hammer auf den Klotz und sagte: „Der Dharma des Mahayana ist jenseits der vier Aussagen und übersteigt die hundert Verneinungen. Hört! Hört!“

Diop: Bevor Sie auf das Koan genauer eingehen, hätte ich einige Verständnisfragen dazu. Was sind die vier Aussagen, die hier angesprochen werden?

WW: Die vier Aussagen, von denen hier die Rede ist, sind: Eines, verschieden, seiend und nicht-seiend. Diese Aussagen umfassen die Wesenswelt und die phänomenale Welt in gleicher Weise. Alles ist eins, das Eine offenbart sich in der zwei, alles existiert und existiert doch nicht. Zusammenfassend könnte man sagen: Jenseits der vier Aussagen bedeutet jenseits von ja und nein.

Diop: Was ist der Dharma des Mahayana?

WW: Der Dharma des Mahayana ist dieser gegenwärtige Augenblick, das Trinken, das Zähneputzen, das Außer-Atem-Sein.

Diop: Und die hundert Verneinungen?

WW: Jenseits der hundert Verneinungen bedeutet ein Sein, das frei von allen Theorien und Konzepten ist.

Diop: Das Koan beginnt mit den Worten: „In einem Traum“. Ist hier der normale Traum gemeint?

WW: Das Wort „Traum“ umfasst in diesem Zusammenhang sowohl die phänomenale Welt, also Geborenwerden, arbeiten, krank sein und sterben, als auch die Wesenswelt, die wir erfahren. Das Wesentliche eines Traumes ist, sich nicht bewusst zu sein, dass man träumt. Dieses Nicht-Bewusstsein ist auf beiden Ebenen ein wichtiges Kriterium. Sowohl der gewöhnliche Mensch wie auch der Erleuchtete ist sich des Traumes nicht bewusst. Der gewöhnliche Mensch lebt sein Leben und hält es für Realität. Er weiß jedoch nicht, dass er träumt. Der erleuchtete Mensch erlebt eine andere Realität, ist jedoch auf der höchsten Stufe dieses Bewusstseins ebenfalls unbewusst.

Diop: Was ist aber dann Wirklichkeit, oder die Ur-Wirklichkeit, von der Sie öfter sprechen?

WW: Es gibt eine interessante Geschichte über Kyozan. Sein Lehrer Isan schickte ihm einmal einen Spiegel. Kyozan bestieg daraufhin das Rednerpult, zeigte ihn den versammelten Mönchen und sagte: „Hört alle her! Isan sandte mir einen Spiegel. Nun sagt mir: Ist das Isans Spiegel oder meiner? Wenn ihr sagt, es sei meiner, vergesst ihr, dass er von Isan kam. Wenn ihr sagt, es sei Isans Spiegel, schaut, bin ich es nicht, der ihn in der Hand hat? Wenn ihr mir ein Zen-Wort sagen könnt, werde ich ihn behalten. Wenn nicht, zerbreche ich ihn.“ – Dreimal wiederholte er diese Aufforderung. Aber niemand konnte antworten. Daraufhin zerbrach er den Spiegel.

Diop: Was wollen Sie mit dieser Geschichte verdeutlichen?

WW: Wenn wir die Antwort gefunden haben, werden wir wissen, was Wirklichkeit ist, aber es wird uns nicht bewusst sein. Es ist einfach das. Dieses „Einfach Das“ hat Kyozan präsentiert, indem er mit dem Hammer auf den Holzklotz schlug. Gleichzeitig sagte er: „Hört, hört!“ Das ist die Wirklichkeit in diesem Augenblick. Das ist es.

Diop: Sie meinen, alles, was wir tun, hören und empfinden, ist diese Wirklichkeit?

WW: Ja. In diesem „ja“ kommt diese Wirklichkeit bereits zum Ausdruck und tritt in Erscheinung.

Diop: Dann ist aber doch diese Wirklichkeit ganz banal!

WW: Ja. Meister Ummon hat gesagt: „Scheißen, pissen“.

Diop: Aber dann muss ich ja diese Wirklichkeit gar nicht suchen!

WW: Das ist richtig. Sie sind ständig davon umgeben.

Diop: Wie aber weiß ich dann, ob es die „richtige“ Wirklichkeit ist?

WW: Sie meinen, ob es die Wirklichkeit des gewöhnlichen Menschen oder des erleuchteten Menschen ist?

Diop: Ja.

WW: Die Wirklichkeit des gewöhnlichen Menschen ist die gleiche Wirklichkeit wie die des erleuchteten Menschen. Es gibt keinen Unterschied. Es gibt keine zwei Wirklichkeiten.

Diop: Aber es gibt doch auch eine Erleuchtungserfahrung.

WW: Ja.

Diop: Diese Erfahrung wird immer als ganz neu beschrieben.

WW: Ja. Es wird Ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen.

Diop: Aber das ist doch dann eine neue Wirklichkeit.

WW: Zunächst sieht es wirklich so aus. Die Welt erscheint in einem ganz neuen Licht. Wir werden den Eindruck haben, vor Glück sterben zu müssen, so überwältigend ist diese Erfahrung. Und doch ist es die gleiche Welt, nur unsere Sichtweise hat sich verändert.

Diop: Aber dann muss ich ja gar nicht üben!

WW: Üben hat immer den Charakter von Willen, und Wille hat mit Ego zu tun. Aus diesem Grund spreche ich oft davon, dass unsere Übung zu einer Nicht-Übung werden sollte.

Diop: Wie meinen Sie das?

WW: Wir sollten einfach unserem Bewusstsein freien Lauf lassen und es sich während des Sitzens hinwenden lassen, wohin es sich wenden will. Zen-Meister Ho-shan beginnt eine Unterweisung wie folgt: „Wer übend lernt, den nennen wir Hörer. Wer ausgelernt hat, den nennen wir Nachbarn. Wer über diese zwei hinausgelangt ist, den betrachten wir als einen, der in der Wahrheit darüber hinaus ist.“

Diop: Aber ist das nicht auch schon wieder Ego-Tätigkeit?

WW: Nein. Unser Bewusstsein besitzt kein Ego und es ist auch nicht tätig. Es ist einfach ein müheloses Dasein im Augenblick. Hier liegt die ganze Kraft. Ein Arzt, der zum ersten Mal einen Einführungskurs bei mir besucht hat, hat gesagt: „Früher war ich nach einem Tag Arbeit richtig müde, aber nach diesem Wochenende bin ich noch genauso frisch und voller Energie, als ob ich überhaupt nicht gearbeitet hätte.“ Das ist die erste Auswirkung. Wenn sich dieser Arzt entschließen sollte, den Weg weiterzugehen, werden sich neue Auswirkungen zeigen. Vielleicht sollten wir das Wort Traum vergessen und einfach nur aufwachen, ohne ständig dieses Sein auf bewusst oder unbewusst überprüfen zu wollen.

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