Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 89


Jenseits von Gehen und Nicht-Gehen

WW: Tozan wandte sich an die Versammlung mit den Worten: „Wenn der Herbst beginnt und der Sommer zur Neige geht, schwärmt ihr Brüder nach Osten und Westen aus. Doch solltet ihr euch geradewegs zu dem Ort begeben, wo zehntausend Meilen weit kein Gras wächst.“ Und er fügte hinzu: „Wie werdet ihr euch zu dem Ort begeben, wo zehntausend Meilen weit kein Gras wächst?“ „Kaum geht man durch das Tor hinaus, ist alles voller Gras“, sagte Sekiso. „Ich würde lieber gleich sagen: Selbst wenn man nicht durch das Tor hinausgeht, ist alles mit Gras bedeckt“, sagte Taiyo.

Diop: Tozan wandte sich also an die Versammlung mit den Worten: „Wenn der Herbst beginnt und der Sommer zur Neige geht, schwärmt ihr Brüder nach Osten und Westen aus.“ Was meint Tozan, wenn er von Sommer und Herbst spricht?

WW: Am Ende eines jeden Sommer-Trainings, das die Mönche bei einem Zen-Meister besuchten, gingen die Mönche im damaligen China auf Wanderung, um andere Zen-Meister aufzusuchen. Dies geschah in der Zeit vom fünfzehnten April bis zum fünfzehnten Juli nach dem Lunarkalender. Viele Zen-Meister lebten damals gewöhnlich auf einem Berg oder in einem Wald. Es waren oft viele Wochen dauernde und sehr anstrengende Wanderungen.

Diop: Tozan fährt fort: „Doch solltet ihr euch geradewegs zu dem Ort begeben, wo zehntausend Meilen weit kein Gras wächst.“

WW: Das heißt: Ihr solltet euch geradewegs in die Dynamik begeben, in der sich Form und Leerheit aufgelöst haben. „Gras“ meint andererseits aber auch die unzähligen Illusionen, unsere Gedanken und Konzepte. „Gras“, das sind unsere Meinungen und Ansichten über uns und die Welt, die wir uns im Laufe der Jahre gebildet haben, an denen wir hängen und in denen wir festgefahren sind.

Diop: Was ist dieses „Ich“, das sich unaufhörlich einmischt in alles, was wir wahrnehmen, denken oder fühlen?

WW: Unser Ich glaubt, Täter zu sein mit einem freien Willen. In Wirklichkeit ist dieses Ich nur ein Konzept, das emotionale Impulse wie Liebe, Hass usw. entstehen lässt, mit dem wir uns dann identifizieren.
Balsekar sagt: „Die einzige Übung, die einen Menschen von dem Gift der Täterschaft befreien kann, ist die Auflösung der Identifikation mit einem bestimmten Objekt als einem Ego. Solch eine Auflösung kann nur durch das klare und tiefe Verstehen – dem Vertrauen darauf – stattfinden, dass der freie Wille oder das Gefühl der Täterschaft nur eine Schlussfolgerung ist, die diesen Willen ausüben könnte. Die Menschen mögen glauben, dass sie ihr Leben leben, aber tatsächlich wird ihr Leben als ein Teil des gesamten Ablaufs dieser totalen phänomenalen Manifestation gelebt.“
Unser Ich ist in Wirklichkeit nichts weiter als ein Funktionszentrum, ähnlich dem Herzen oder der Niere. Aufgabe dieses Zentrums ist es, für den Menschen zu sorgen, ihn zu schützen und seine Fortdauer zu sichern. Dieser Mechanismus ist es, der uns kontrolliert und die scheinbaren Identifikationen entstehen lässt, die wiederum Ursache für unsere vermeintliche Gebundenheit sind. Dieses Ich-Konzept ist aber nur ein Teil unseres psychischen Geschehens, so wie Lunge oder Leber nur Teile unseres Körpers sind.
Ashtavakra sagt: „Du bist von der tödlichen, schwarzen Schlange des Ego gebissen worden und glaubst deshalb, der Täter zu sein. Trinke den Nektar des Vertrauens, dass du nicht der Handelnde bist, und sei glücklich.“ Menschliches Leben ist in erster Linie nur eine Folge von Reflexen, denen wir gewohnheitsmäßig folgen, ohne uns dessen bewusst zu sein. In Wirklichkeit jedoch sind wir nur Phantasieprodukte unseres intellektuellen Bewusstseins. Weil unsere Gedanken und Konzepte so zahllos sind, werden sie als „Gras“ bezeichnet. Vielleicht kommt Ihnen der erste Vers vom „Ochsen und seinem Hirten“ in den Sinn: „Verlassen in endloser Wildnis schreitet der Hirte dahin durch dicht wucherndes Gras und sucht seinen Ochsen.“

Diop: Ja. Das wird immer am Ende eines Sesshins rezitiert.

WW: Mit Ochse ist die Wesensnatur gemeint, die wir suchen inmitten unserer falschen Ansichten, Konzepte und Meinungen, in diesem dicht wuchernden Gras, das uns die Sicht nimmt.

Diop: Aber er fügte hinzu: „Wie werdet ihre euch zu dem Ort begeben, wo zehntausend Meilen weit kein Gras wächst?“

WW: In diesem Augenblick setzt automatisch unser Denken ein. Denken ist aber bereits wieder „Gras“ und eben dies wollten wir doch vermeiden.

Diop: Wie sollen wir also damit umgehen?

WW: Der erste Schritt besteht darin, dass wir uns dieses Denk-Automatismus' bewusst werden. Nisargadatta Maharaj meint: „Für mich laufen die Gedanken so ab wie die Verdauung. Ich kümmere mich nicht darum. Sie sorgen für sich selbst.“
Denken bedeutet Störung. Die Natur des Verstandes ist Unruhe. Bodhidharma sagt: „Bewegung ist die Funktion des Geistes. Trotzdem: Geist bewegt sich nicht, noch funktioniert er. Denn das Wesen seiner Funktion ist Leerheit, und Leerheit ist prinzipiell bewegungslos. Also ist der Geist prinzipiell bewegungslos. Weil dem so ist, sprechen die Sutras von Bewegung ohne Bewegung. Sie raten uns zu reisen, ohne zu reisen, zu sehen, ohne zu sehen, zu hören, ohne zu hören, zu wissen, ohne zu wissen, glücklich zu sein, ohne glücklich zu sein, zu gehen, ohne zu gehen, zu stehen, ohne zu stehen.“

Diop: Mein Verstand wimmelt nur so von Gedanken.

WW: Vielleicht haben Sie viele Jahre Ihren Frieden vom Verstand gesucht. Sie konnten ihn aber nicht finden, denn eine Sache, die ihrem Wesen nach ruhelos ist, kann nicht in Frieden sein. Und so ist der Friede, den wir gefunden zu haben glauben, sehr zerbrechlich. Jede Kleinigkeit kann ihn stören. Was wir Frieden nennen, ist oft nur die Abwesenheit von Störung. Wirklicher Friede jedoch kann nicht gestört werden. Unsere Wesensnatur braucht nicht zur Ruhe gebracht zu werden. Sie ist nicht in Frieden, sie ist der Frieden selbst. Was uns bindet, ist nur die Vorstellung, etwas zu sein, was wir nicht sind. Nur, wenn wir den wahren Frieden verwirklichen, den Frieden, den wir nie verloren haben, wird der Frieden in uns bleiben, denn er war nie getrennt von uns. Wir müssen das finden, was vor allem Anfang war und nach jedem Ende sein wird, das, was nie geboren wurde und nie sterben wird. Diesen unveränderlichen Zustand, der von Geburt und Tod unberührt bleibt, müssen wir wahrnehmen.

Diop: Aber können wir finden, was wir nie verloren haben?

WW: Daher geht es auf unserem Übungsweg nie darum, irgend etwas zu finden, sondern um einen Prozess des Erkennens. Wir müssen sehen, dass wir die Sklaven unserer Gedanken und Gefühle sind. Nicht ich beherrsche meine Gedanken, meine Gedanken beherrschen mich.

Diop: Dies für sich selbst zu erkennen und sich einzugestehen, verlangt große Demut von uns.

WW: Dies ist der erste Schritt. Ohne den ersten Schritt gibt es keinen Weg, keinen „Fort-Schritt“. Dieses Eingeständnis ist unumgänglich. Es ist die Basis zum zweiten Schritt.

Diop: Was beinhaltet dieser zweite Schritt?

WW: Den Gedanken erkennen, ohne sich mit ihm zu identifizieren. Dieser zweite Schritt bedarf oft jahrelanger Übung, denn kaum ist ein Gedanke aufgetaucht, identifizieren wir uns mit ihm, d.h., er macht uns Angst, oder wir beginnen zu planen und schon entstehen zehn neue Gedanken.

Diop: Das Fatale daran ist, dass wir dies überhaupt nicht mehr wahrnehmen.

WW: Es ist uns nicht mehr bewusst, weil wir so eingefahren sind in diesem Denken. Diesen Automatismus gilt es zu durchschauen. Manchmal wäre es gut, den Gedanken, der gerade aufgetaucht ist, zu benennen: Urlaub, Arbeit, Freunde, Träumerei usw. Dies verhindert, dass wir uns sofort darin verheddern und wie eine Fliege im Spinnennetz gefangen sind.

Diop: Nur mit dem Unterschied: Wir merken es nicht.

WW: Dieses instinktive Denken ist es, das die Sonne unserer Wesensnatur verfinstert. Gäbe es die die Sonne verdunkelnden Wolken nicht, würden wir augenblicklich erfahren, dass es die Sonne gibt, die nie aufgehört hat zu scheinen.

Diop: Gibt es noch einen dritten Schritt?

WW: Ja. Der dritte Schritt besteht darin, die aufsteigenden Gedanken und Gefühle wieder fallen zu lassen, um sich erneut dem reinen Gewahrsein zuzuwenden. Wünsche und Ängste sind nur in unserer Erinnerung. Wissen ist nur Erinnerung, eine mentale Gewohnheit. Die Wurzel dieses Grashalmes, die es auszureißen gilt, ist die Erwartung, die aus der Erinnerung geboren wird. Hindernisse für eine klare Wahrnehmung sind das Verlangen nach Freude und die Angst vor dem Leid. Wir müssen diese Hindernisse beseitigen, indem wir sie erkennen, ihre Vergänglichkeit durchschauen und sie fallen lassen. „Kaum geht man durch das Tor hinaus, ist alles voller Gras“, sagte Sekiso. In der Dynamik ist alles Form und leer zugleich.

Diop: Wer war eigentlich dieser Sekiso?

WW: Sekiso Soen war ein herausragender Meister der Rinzai-Schule und ein Zeitgenosse von Setcho, den wir als Kommentator schon öfter kennengelernt haben. Er starb 1040 im Alter von vierundfünfzig Jahren. Trotz dieser nicht sehr langen Lebenszeit hat Sekiso tiefe Spuren in der chinesischen Zen-Geschichte jener Zeit hinterlassen.

Diop: Was meint Sekiso mit dem Tor, durch das man hinausgeht?

WW: Mit „Tor“ meint Sekiso einerseits die Barriere, die uns trennt von der alles durchdringenden Einheit, andererseits die Leerheit, durch die ich in die Weite hinaustrete. Kaum gehe ich aus der Einheitserfahrung heraus, ist alles voller Gras, voller Konzepte und vorgefasster Meinungen. Taiyo sagt daraufhin: „Ich würde lieber gleich sagen: Selbst wenn man nicht durch das Tor hinausgeht, ist alles mit Gras gedeckt“. Er will damit sagen: Auch in der Erfahrung der Einheit sind immer noch Gedanken, Vorstellungen und Meinungen. So zahlreich das Gras auch sein mag, bedeutet es doch immer nur Gehen, Frühstücken, Arbeiten, Schlafen. Gras ist die Manifestation unserer Wesensnatur, die alles in sich einschließt. Nichts davon ist ausgeschlossen, nichts davon ist getrennt. Sie manifestiert sich ohne Anstrengung, wenn man die Dinge sich selbst überlässt und nicht ständig eingreift und versucht zu korrigieren, wenn man nicht vermeidet und nichts begehrt, sondern sie einfach in reinem Gewahrsein erfährt.

Diop: Sie meinen: Es reicht völlig aus, den Einfluss der Gedanken und Gefühle zu beobachten und sich ihrer bewusst zu sein?

WW: Ja. Nach und nach wird sich ihre Gewalt über uns verringern und das klare Licht der Wesensnatur wird zum Vorschein kommen. Dies ist weder ein schwieriger noch ein langer Vorgang. Die einzige Bedingung ist unsere Ernsthaftigkeit und Beharrlichkeit. Nur wenn wir alles in eine Waagschale werfen und uns bedingungslos und voller Vertrauen in dieses einfache Gewahrsein hineinbegeben, wird es uns auch gelingen. Alles wird uns zufließen, wenn wir diesen Weg verfolgen, ein Schritt nach dem anderen. Grenzenloses Gras bedeutet: Sowohl mit der Erfahrung, als auch ohne die Erfahrung ist überall Gras. Wir können nicht aus unserer Wesensnatur heraustreten. Sie offenbart sich überall und in allem. Trotzdem müssen wir sehr behutsam sein.

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