Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 88


Ohne Selbst

WW: Um das Zerschneiden von Illusionen geht es auch im folgenden Koan. Es lautet: Im Ryogon Sutra heißt es: „Wenn ich nicht sehe, warum siehst du das nicht, was ich nicht sehe? Wenn du behauptest, dass du siehst, was ich nicht sehe, dann ist es selbstverständlich nicht das, was ich nicht sehe. Wenn du das nicht siehst, was ich nicht sehe, dann ist das selbstverständlich, denn es ist kein Ding. Warum ist es nicht dein Selbst?“

Diop: Ich höre ständig nur das Wort „sehen“ und verstehe gar nichts mehr.

WW: Das ist gut so.

Diop: Worum geht es eigentlich in diesem Koan?

WW: Um das Zerschneiden von Illusionen, das entsteht, wenn das Nicht-Sehen verwirklicht ist. „Wenn ich nicht sehe, warum siehst du das nicht, was ich nicht sehe?“ bedeutet einfach: Warum siehst du nicht mein Nicht-Sehen? Wenn du mein Nicht-Sehen sehen würdest, wäre das nicht mein Nicht-Sehen. Warum ist es uns nicht möglich, das Nicht-Sehen zu sehen?

Diop: Was meinen Sie mit Nicht-Sehen?

WW: Wenn Sie mein Nicht-Sehen nicht sehen, ist da keine Form. Nicht-Sehen ist der Bereich, in den wir eintauchen, wenn meine Augen zwar sehen, aber in mir das Gesehene nicht intellektuell benannt wird. Es hat also nichts damit zu tun, dass wir nichts mehr sehen, indem wir die Augen schließen. Ich sehe diese Welt im Nicht-Sehen gleichsam mit einem leeren Blick. Oder anders gesagt: Nicht-Sehen ist ein unterscheidungsloses Erkennen ohne Erkennenden.

Diop: Wie komme ich dahin?

WW: Durch die Übung des Zazen.

Diop: Könnten Sie mir das praktisch ein wenig erläutern?

WW: Wenn der Durchschnittsmensch sieht, sieht er sich einer phänomenalen Welt gegenüber, d.h., ich bin hier und der Tisch ist dort. Es ist also eine Welt von Subjekt und Objekt, eine Welt von hier und dort. Wenn wir jedoch tief in die Übung des Zen eingedrungen sind, werden wir sehen können, ohne zu sehen. Das ist die Welt der Einheit. Diese Welt wird jedoch zerrissen, wenn ich die Dinge um mich herum ständig benenne.

Diop: Sie meinen ein kommentarloses Sehen?

WW: Ja. Alle Probleme entstehen aus dieser Spaltung heraus und wir haben keine Möglichkeit, sie zu lösen und unsere wahre Natur zu realisieren. Das Nicht-Sehen, von dem hier gesprochen wird, ist gleichsam ein Sehen, das Sehen und Nicht-Sehen einschließt. Weiter heißt es im Koan: „Wenn du behauptest, dass du siehst, was ich nicht sehe, dann ist es selbstverständlich nicht das, was ich nicht sehe.“ Wären wir uns unseres Nicht-Sehens bewusst, wäre das nicht die wahre Sichtweise des Nicht-Sehens.“

Diop: Vielleicht wollen Sie damit ausdrücken: Wenn wir uns unseres Nicht-Sehens bewusst wären, wäre das ein Bewusstsein, das sich bewusst ist, dass es nichts sieht?

WW: Genau. Aus diesem Grund bezeichne ich dieses Sehen als eine Art bewusstlosen Bewusstseins. Ich sehe und sehe gleichzeitig nichts, obwohl alles da ist. Das Bewusstsein, dass alles da ist, fehlt jedoch vollständig. Weiter heißt es: „Wenn du das nicht siehst, was ich nicht sehe, dann ist das selbstverständlich, denn es ist kein Ding. Warum ist es nicht dein Selbst?“ Dieser letzte Satz ist gleichsam die Zusammenfassung all dessen, was ich schon versucht habe, auszudrücken. Wenn wir uns des Nicht-Sehens nicht bewusst sind, dann ist da kein Ding, kein Gegenüber und somit auch keine phänomenale Welt mehr. Das ist die wahre Natur des Menschen. Jeder Mensch hat seine eigene Sichtweise. Fällt diese Individualität weg, wird alles gesehen, obwohl nichts gesehen wird. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

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