Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 86


Dynamik ohne richtig und falsch

WW: Rinzai fragte Obaku: „Worin offenbart sich klar und deutlich das Wesen des Buddha-Dharma?“ Als Antwort schlug ihn Obaku. Das geschah dreimal. Dann verabschiedete sich Rinzai und suchte den Daigu auf. „Wo kommst du her?“, fragte ihn Daigu. „Von Obaku“, antwortete Rinzai. Daigu fragte weiter: „Was hatte Obaku dir zu sagen?“ „Ich fragte ihn dreimal: ‘Worin offenbart sich klar und deutlich das Wesen des Buddha-Dharma?’ und bekam dreimal seinen Stock zu spüren. Ich weiß nicht, ob ich etwas falsch gemacht habe oder nicht“, antwortete Rinzai. Darauf sagte Daigu: „Obaku ist eine alte Großmutter, die sich deinetwegen völlig verausgabt hat. Und da kommst du noch und fragst, ob du etwas falsch gemacht hast!?“ Bei diesen Worten hatte Rinzai die große Erleuchtung.

Diop: Das ist sicher nur ein Teil der Erleuchtungsgeschichte von Rinzai.

WW: Ja.

Diop: Könnten Sie mir auch die ganze Geschichte erzählen?

WW: Gerne. Während Rinzai sich unter den Mönchen des Huang-po befand, war sein Benehmen ehrlich und einfach. Der Hauptmönch lobte ihn und sagte: „Obgleich du noch jung bist, bist du von den anderen verschieden. Bist du schon lange hier?“ Rinzai antwortete: „Drei Jahre.“ „Hast du den Meister schon um Belehrung gefragt?“ „Nein, ich habe noch nicht um Belehrung gefragt“, antwortete Rinzai. „Ich weiß auch gar nicht, was ich fragen sollte“. Der Hauptmönch sagte: „Weshalb gehst du nicht und fragst den Meister, was das Hauptprinzip des Buddha-Dharma ist?“ Also ging Rinzai und fragte. Noch bevor er die Frage beendet hatte, schlug Huang-po ihn. Rinzai kam zurück. „Wie ist es mit dem Fragen gegangen?“, erkundigte sich der Hauptmönch. „Bevor ich meine Frage beendet hatte, schlug mich der Meister. Ich verstehe das nicht“, sagte Rinzai. Der Hauptmönch sagte: „Geh nur, und frage noch einmal!“ Rinzai ging noch einmal und fragte. Huang-po schlug ihn wiederum. In gleicher Weise fragte er ein drittes Mal und wurde zum dritten Mal geschlagen. Rinzai kam zum Hauptmönch und sagte: „Du hast mich den Meister fragen lassen. Dreimal habe ich die Frage ausgesprochen, dreimal wurde ich geschlagen. Ich bedaure, dass ich wegen karmischer Verstrickung seine tiefe Absicht nicht fassen kann. Ich will nun für eine Weile von hier weggehen.“ Der Hauptmönch sagte: „Wenn du weggehst, sollst du dich vom Meister verabschieden.“ Rinzai verbeugte sich und ging. Der Hauptmönch ging zuvor zu Huang-po und sagte: „Jener junge Mann, der fragen kam, ist überaus geeignet für den Dharma. Wenn er kommt, um sich zu verabschieden, so behandle ihn in entsprechender Weise! Er wird durch Übung später ein großer Baum werden und allen Menschen kühlen Schatten spenden.“ Rinzai kam, um sich zu verabschieden. Huang-po sagte: „Du musst nicht anderswo hingehen, sondern zu Ta-yü am Fluss Kao-an. Er wird dir sicherlich erklären.“
Rinzai gelangte zu Ta-yü. Ta-yü fragte ihn: „Von wo kommst du?“ Rinzai antwortete: „Ich komme vom Ort des Huang-po.“ Ta-yü sagte: „Was hatte Huang-po zu sagen?“ Rinzai antwortete: „Ich fragte ihn dreimal nach dem großen Prinzip des Buddha-Dharma und wurde dreimal geschlagen. Ich weiß nicht, ob es mein Fehler war oder nicht.“ Ta-yü sagte: „Huang-po ist wie eine Großmutter. Er hat sich wegen dir die größte Mühe gegeben, und du kommst hierher und fragst, ob du einen Fehler begangen hast oder nicht.“ Rinzai erfuhr bei diesen Worten die große Erleuchtung: „Huang-pos Buddha-Dharma ist überhaupt nicht viel wert“, schrie er. Ta-yü packte ihn und sagte: „Du kleiner Teufel, der noch das Bett nässt! Gerade hast du gefragt, ob du einen Fehler begangen hast oder nicht, und jetzt sagst du: Huang-pos Buddha-Dharma ist nicht viel wert. Was hast du gesehen? Sprich rasch! Sprich rasch!“ Rinzai stieß Ta-yü dreimal mit der Faust in die Rippen. Ta-yü sagte, während er ihn losließ: „Dein Lehrer ist Huang-po. Ich habe damit nichts zu tun.“
Rinzai verließ Ta-yü und kehrte zu Huang-po zurück. Als Huang-po ihn kommen sah, bemerkte er: „Gehen und kommen, kommen und gehen, wann wird es enden?“ Rinzai sagte: „Das kommt davon, weil du wie eine Großmutter freundlich bist.“ Huang-po fragte: „Von woher kommst du?“ Rinzai antwortete: „Gestern hast du mich freundlich an Ta-yü gewiesen und für eine Unterredung zu ihm geschickt.“
Huang-po sagte: „Was hatte Ta-yü zu sagen?“ Rinzai berichtete nun, was geschehen war, worauf Huang-po sagte: „Wie sehr ich wünsche, dass jener Kerl käme. Ich würde ihm am liebsten Schläge verabreichen.“ Darauf Rinzai: „Warum sagen, du möchtest! Hab es gleich jetzt!“ und er schlug ihn mit der flachen Hand. Und Huang-po: „Dieser verrückte Kerl kommt hierher und zupft des Tigers Barthaar.“ Rinzai schrie: „Ho.“ Huang-po sagte: „Wärter, bring diesen verrückten Kerl zur Mönchshalle!“

Diop: Besonders interessant und bedeutungsvoll scheint mir an diesem Beispiel zu sein, dass Rinzai drei Jahre lang schwieg, weil er nicht wusste, was er fragen sollte. War er denn nicht zu Huang-po gekommen, um sich im Zen zu schulen? Was hat er die ganze Zeit getan, bis der Mönchsvorsteher ihn aufforderte, zum Meister zu gehen? Und weshalb wusste er nichts, was er ihn hätte fragen können? Und schließlich, was verwandelte ihn so ganz und gar, nachdem er Ta-yü begegnet war?

WW: Viele Fragen auf einmal. Mir scheint, dass Rinzai die drei Jahre bei Huang-po in dem vergeblichen Bemühen verbrachte, die Wahrheit des Zen mit dem Verstand zu erfassen. Er wusste recht gut, dass Zen nicht durch Worte oder intellektuelle Analyse zu begreifen ist, und doch strebte er denkend nach Selbstverwirklichung. Im Grunde wusste er nicht, was er wirklich suchte und worauf seine geistigen Bemühungen zu richten waren. Hätte er um das Was und Wo gewusst, wäre er bereits im Besitz von etwas Unumstößlichem gewesen, und wer einmal so weit gekommen ist, hat es nur noch einen Schritt bis zum wahren Begreifen. Als Rinzai nach den drei Jahren bei Huang-po immer noch so ohne Richtung war auf seiner spirituellen Pilgerschaft, erkannte der Mönchsvorsteher aufgrund seiner eigenen Erfahrung, dass es an der Zeit war, diesem müden Wahrheitssucher einen Rat zu geben. Als Rinzai von Huang-po so rau abgefertigt wurde, war er nicht so sehr überrascht oder wütend, sondern eher traurig, weil er einfach nicht verstand, was die Schläge bedeuten sollten. Auf dem Weg zu Ta-yü war er gewiss ausschließlich mit dieser Frage beschäftigt. Bevor er Huang-po über die letzte Wahrheit befragte, hatte sein Geist immer nach etwas gesucht, woran er sich halten konnte. In dieser verzweifelten Lage wurde ihm in Gestalt der Schläge ein Hinweis gegeben, und Ta-yüs Bemerkung über die Herzensgüte des alten Meisters ließ ihn endlich das erfassen, worauf alle Hinweise gedeutet hatten.

Diop: Was will uns diese Geschichte heute sagen?

WW: Da ist zunächst Rinzais großer Zweifel. Auch uns geht es im Grunde nicht anders. Wir haben uns zwar auf den Weg gemacht, weil wir ahnen, da ist noch viel mehr, was uns dieses Leben geben kann, aber erfahren haben wir es noch nicht.

Diop: Und trotzdem fragen wir uns immer wieder: Warum sitze ich hier? Zu Hause wäre es so gemütlich! Stattdessen sitze ich hier mehr oder weniger angenehm auf meinem Bänkchen oder Kissen und warte auf etwas, wovon ich nicht weiß, ob es jemals kommen wird und was es überhaupt ist. Hat das Ganze überhaupt einen Sinn?

WW: Solche und ähnliche Fragen beschäftigen uns immer wieder, genau wie Rinzai damals. Wir möchten es eben gerne wissen. Auch Rinzai fragte den Meister nach dem Hauptprinzip des Buddha-Dharma, nach dem Geheimnisvollen. „Was ist Es? Was ist dieses Geheimnisvolle?“

Diop: Und er wünscht sich natürlich eine konkrete Antwort, eine Antwort, mit der er etwas anfangen kann.

WW: Stattdessen wird er geschlagen. Natürlich versteht er es nicht und fragt ein zweites und drittes Mal. Und wird wieder geschlagen. Man könnte natürlich in diesem Augenblick sagen, wie brutal so ein Zen-Meister ist, aber dieses Schlagen ist kein aggressives Schlagen, sondern ein Zurückholen in die Gegenwart. Es will sagen: Spüre es, fühle es! Es ist immer da, unmittelbar da, hier und jetzt! Dieses Es kann nicht mit Worten umschrieben werden und auch nicht intellektuell ausgedrückt werden.

Diop: Trotzdem können aber auch Worte von großer Bedeutung sein.

WW: Ja. Sie können uns helfen, über uns nachzudenken. Sie können uns trösten, wenn wir traurig sind, und sie können uns motivieren, den Weg weiter zu gehen. Im Fall von Rinzai waren es Worte, die wie ein Pfeil getroffen haben. Rinzai beklagt sich bei Ta-yü und Ta-yü sagt: „Huang-po ist solch eine Großmutter, er hat sich um deinetwillen die größte Mühe gegeben. Er hat dir alles gezeigt, immer und immer wieder, und du kommst hierher und fragst, ob du einen Fehler begangen hast oder nicht.“

Diop: Rinzai erfuhr bei diesen Worten die große Erleuchtung.

WW: Es war ihm plötzlich klar: Dieses Spüren der Schläge, dieser Schlag, das ist die unmittelbare Wirklichkeit! Und er schreit: „Huang-pos Buddha-Dharma ist überhaupt nicht viel wert!“

Diop: Was bedeutet das?

WW: Das bedeutet nicht etwa etwas Negatives, sondern meint genau das Gegenteil. Dieser Schlag hat keinen Wert, besitzt keine Wertigkeit, ist einfach nur der Schlag. So wie das Zwitschern der Vögel keinen Wert an sich hat, sondern einfach nur Zwitschern ist. Da ist plötzlich der ganze Dualismus in Rinzai zusammengebrochen und es blieb nur der Schlag übrig, ohne Wertung. Genau so sollte unsere Übung sein, alles zu nehmen, wie es ist, Gedanken, Gefühle, Schmerzen, die ganze Welt, ohne Beurteilung! Alles offenbart nur dieses Eine. Und ES offenbart sich im Negativen genauso wie im Positiven. Deshalb sollten wir einfach nur diesen Augenblick betrachten, einzig und allein nur diesen Augenblick, und nicht ständig grübeln, wie wir diesen Augenblick besser machen könnten. Das ist es, nichts weiter!

©PranaHaus GmbH

Persönlichen Newsletter bestellen und die nächste Bestellung portofrei erhalten.

Kundenservice: +49 (0)761 / 55 75 81 20 – Montag bis Freitag von 8:00 bis 18:00 Uhr


Bestellannahme: 0180 / 500 15 17* – Montag bis Samstag von 7:00 bis 23:00 Uhr

(*€ 0,14/Min. a.d. Festnetz, max. € 0,42/Min. a.d. Mobilfunk.)

PranaHaus-Katalog

PranaHaus-Katalog

Entdecken Sie den neuen PranaHaus-Katalog. Den Katalog können Sie kostenfrei und unkompliziert online anfordern.

Jetzt Katalog anfordern

Folgen Sie unseren Social-Media-Kanälen

Der Online-Shop von PranaHaus wird betrieben durch: PranaHaus GmbH, Wöhlerstraße 1, D-79108 Freiburg
© pranahaus.de | Impressum | Datenschutz | AGB | Verbraucherinformation | Sitemap
*Es gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der PranaHaus GmbH nebst Widerrufsbelehrung sowie die Verbraucherinformationen und Datenschutzhinweise. Abgabe erfolgt nur in haushaltsüblichen Mengen, ausschließlich über den Versandhandel und solange der Vorrat reicht. Für den Anspruch auf den Vorteil entspricht hierbei der Mindestbestellwert i.H.v. € 30,- dem Mindestkaufwert. Eine Barauszahlung ist nicht möglich. Vorteile sind nicht mit anderen kombinierbar und nicht auf andere übertragbar. Die Gratisgeschenk-, Rabatt- und Gutscheinaktionen gelten zudem nicht für preisgebundene Artikel, nicht für Artikel von Aura-Soma®, nicht für Artikel aus unserem E-Book-Shop und nicht für Reisen. Bei Portofrei-Aktionen/Gratisversand gilt: ausgenommen Speditionsaufschlag; nur für Lieferungen innerhalb Deutschlands. Ein Geschenk können Sie auch dann behalten, wenn Sie von Ihrem Rückgaberecht Gebrauch machen. Ersatzlieferung vorbehalten.