Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 85


Die eine Rauchwolke

Diop: Unsere Reise durch das Shoyoroku geht langsam dem Ende zu.

WW: Ja. Wir kommen bereits zum fünfundachtzigsten Koan. Im Mittelpunkt dieses Koans steht die fugenlose Verzahnung von Form und Leere ohne jede Trennung, die in der Dynamik dieses Augenblicks zum Ausdruck kommt.

Diop: Wie lautet dies?

WW: Kaiser Shukuso fragte den Nationallehrer Chu: „Was wäre Euer Wunsch in hundert Jahren?“

Diop: Um welche Personen handelt es sich dabei in diesem Koan?

WW: Bei dem Kaiser handelt es sich um Kaiser Daiso, der seine Liebe zu Zen entdeckt hat. Chu ist eigentlich Echu, der 775 gestorben ist und dem bereits im Mumonkan ein Koan gewidmet ist.

Diop: Aber was meint er, wenn er von hundert Jahren spricht?

WW: Er meint damit: „Was wäre Euer Wunsch, wenn Ihr gestorben seid?“

Diop: Und was antwortete Chu?

WW: Der Nationallehrer sagte: „Bau diesem alten Mönch eine fugenlose Pagode!“

Diop: Eine fugenlose Pagode?

WW: Ja. Er meint damit ein Grabmal aus einem Guss gefertigt, was natürlich nicht möglich ist. Jedes Grabmal besteht aus vielen Steinen, die miteinander verfugt werden müssen. Chu aber wollte das Unmögliche, das Eine ohne das Viele, die Form und die Leerheit, die miteinander verbunden ist. Er meint natürlich nicht sich selbst mit diesem alten Mönch, vielmehr: Verwirkliche deine ungeteilte Ganzheit in dieser uralten, immerwährenden Wirklichkeit.

Diop: Und der Kaiser?

WW: Der Kaiser sagte: „Ich bitte Euch, Meister, um eine Skizze.“ Der Kaiser hat nicht begriffen, was Chu damit ausdrücken wollte, deshalb fragt er ihn nach der Form des Grabmals, er bittet um einen Anhaltspunkt.

Diop: Was entgegnet Chu?

WW: Der Nationallehrer schwieg lange. Dann sagte er: „Hast du verstanden?“ Der Kaiser sagte: „Ich habe nichts verstanden.“

Diop: Was will der Nationallehrer damit ausdrücken?

WW: Chu saß einfach nur da. Die Form, die fugenlose Pagode saß einfach nur da.

Diop: Der Kaiser konnte diese letzten Worte seines Lehrers sicher nicht begreifen.

WW: Nein. Wenn man mit gewöhnlichen Augen sieht, sieht man eben viele Dinge nicht, obwohl sie direkt vor den Augen erscheinen. Deshalb sagte der Nationallehrer: „Ich habe einen Dharma-Nachfolger, meinen Schüler Tangen, der sich in dieser Sache vollkommen auskennt. Lass ihn zu dir kommen und frage ihn danach!“ Nachdem der Nationallehrer gestorben war, ließ der Kaiser Tangen kommen. Tangen war der einzige Nachfolger von Chu und Lehrer des berühmten späteren Meisters Kyozan. Der Kaiser fragte ihn, was das bedeute. Tangen sagte: „Südlich vom Fluss, nördlich vom See.“

Diop: Was bedeutet diese Aussage?

WW: Tangen meinte sicher nicht den Fluss Sho im Süden und den See Dotei im Norden. Er will ausdrücken: Soweit das Auge sehen kann, also mit anderen Worten das Universum. „Südlich vom Fluss, nördlich vom See“ bedeutet einen Zustand jenseits des Fließens und jenseits des Stillstands, jenseits aller Objekthaftigkeit.

Diop: Mir ist diese fugenlose Pagode immer noch nicht ganz klar.

WW: Chu spricht mit diesem Bild von der Ganzheit unserer Wesensnatur. Setcho bemerkt dazu: „Eine Hand klatscht nicht ohne Grund.“ Das Eine wirkt immer, es ist immer da.

Diop: Das ist ein sehr berühmtes Koan.

WW: Ja. Auf diese Dynamik geht Tangen weiter ein und sagt: „Darin gibt es Gold, das das ganze Land füllt.“

Diop: Von welchem Gold spricht Tangen?

WW: Tangen spricht seine Wesensnatur an, die das ganze Universum erfüllt. In unserer Übung geht es nur darum, diese Goldkiste zu entdecken, also die Form, in der das Gold enthalten ist und vollständig ausfüllt. Das Gold ist die Dynamik, die die Leerheit, das Eine füllt. Setcho bemerkt dazu: „Ein Stock, frisch gehauen vom Bergwald.“ „Frisch gehauen im Bergwald“ bedeutet: dieser Augenblick, der ganz neu ist, neu und voller Bewegung, Form und Leere zugleich. Tangen fährt fort: „Unter dem schattenlosen Baum sind alle Menschen auf einem Schiff.“

Diop: Wenn ich es richtig verstehe, benutzt Tangen Bilder, um dieses Eine klar zu machen?

WW: Ja. Es ist gleichsam ein Erklären mit Hilfe von sehr lebendigen Bildern. Ein Baum, der in der Sonne keinen Schatten wirft, ist ein Bild für das Nicht-Unterscheiden. In diesem nicht-unterscheidenden Dasein sind alle Menschen auf einem Schiff. Obwohl alle Menschen unterschiedlich sind, verbindet uns die Wesensnatur, das Eine. Der schattenlose Baum ist die formlose Leerheit, in der alle Menschen eins sind. Wenn wir jedoch aus diesem schattenlosen Dasein heraustreten und in die differenzierte Welt eintauchen, entstehen Diskussionen, Streit und Krieg. Setchos Kommentar dazu: „Das Meer ist ruhig, der Fluss ist klar.“

Diop: Ein schönes und friedliches Bild.

WW: Ja. Das sind wir, wenn wir es verwirklicht haben. Alles ist klar, einfach und ruhig. Alles ruht in sich wie das Meer und ist doch zugleich in Bewegung wie der Fluss. Beide sind eins. Der Fluss fließt in das Meer und löst sich in ihm auf. Die Form des Flusses stirbt und wird ein großes Ganzes. Tangen führt dieses Wesen noch weiter aus und sagt: „Im Kristallpalast gibt es kein Wissen.“

Diop: Was meint Tangen mit dem Bild des Kristallpalastes?

WW: In einem Kristall spiegelt sich die ganze Welt. Man kann hindurchsehen, ohne sich anzustrengen. Das ist unsere Welt, in der wir leben. Sie ist Spiegelung, Erscheinung und Wirklichkeit in einem. In diesem Kristallpalast gibt es kein Wissen, kein ja und kein nein, kein richtig und kein falsch, keine Bewegung und keine Ruhe. Aus diesem Grund bemerkt Setcho am Ende: „Das Thema ist erledigt.“ Es gibt nichts mehr zu sagen. Alles Wesentliche wurde ausführlich gesagt. Jetzt ist es an uns, diesen Kristallpalast zu entdecken.

Diop: Ist das nicht schwierig?

WW: Ja. aber warum sollte es uns anders gehen und leichter fallen, als allen großen Meistern, die ebenfalls darum gekämpft haben?

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