Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 84


Ganz nah!

Diop: Können Sie mir ein Beispiel für reines Bewusstsein geben?

WW: Gerne. Was auch immer Meister Gutei über Zen gefragt wurde, als Antwort streckte er einfach einen Finger hoch.

Diop: Einfach so?

WW: Ja.

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Sie haben mich nach einem Beispiel für dieses reine Bewusstsein gefragt. In diesem Hochheben des Fingers zeigt sich das ganze Universum, wie es wirklich ist. Daran ist nichts Geheimnisvolles oder Mysteriöses. Das Heben des Fingers ist die vollkommene Einheit von Form und Leere. Diese Einheit muss jedoch erfahren werden, sonst können wir sie nicht begreifen. Sie kann nur in der Dynamik stattfinden.

Diop: Können Sie etwas über diese Erfahrung sagen?

WW: Wenn Sie in diesen Bereich vorgedrungen sind, wird Ihnen klar sein, dass jede Bewegung Ihres Körpers ungeheuere Auswirkungen hat. Sie werden still dasitzen und wissen, dass, während Sie Ihrem Arm zuschauen, wie er sich bewegt, das ganze Universum bewegt wird. Ihre Bewegungen werden in diesem Augenblick sehr langsam werden, beinahe andächtig. Es ist ein Gefühl großer Erhabenheit. Sie werden große Schwierigkeiten haben, diesen Vorgang in Worten auszudrücken, aber Ihr Lehrer wird es genau verstehen.

Diop: Was meinten Sie vorhin mit der vollkommenen Einheit von Form und Leere?

WW: Die Form ist der Finger, die Bewegung ist jedoch vollkommen leer und ohne Substanz. Aber das ist im gleichen Augenblick schon wieder falsch.

Diop: Warum?

WW: Weil auch der Finger, also die Form, in diesem Augenblick vollkommen leer ist. Der Finger wird gehoben, aber der Finger, obwohl er Form hat, ist nicht mehr der Finger. Der Finger ist in dieser Erfahrung das leere Universum, das ich in diesem Augenblick hochhebe.

Diop: Sie meinen, jede Bewegung des Körpers bewegt das ganze Universum?

WW: Ja. Wenn Sie in diese Erfahrung gekommen sind, werden Sie wie ein kleines Kind einfach nur dasitzen und fassungslos sein. Es wird Ihnen klar werden, dass Sie in diesem Augenblick das ganze Universum sind, und gleichzeitig wird kein Platz für Sie darin sein. Selbst dieses Universum reicht nicht aus, Ihren Körper darin unterzubringen, einen Körper, der kein Körper mehr ist. Sie spüren den Atem, spüren, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt, und gleichzeitig atmet das ganze Universum. Das meine ich, wenn ich von einem reinen und klaren Bewusstsein spreche. Dieses Bewusstsein oder dieser Geist, wie es auch oft bezeichnet wird, ist glasklar und ohne jedes Ich. Sie können keine Worte mehr benützen, denn jedes Wort wäre absolut falsch. Sie können diese Erfahrung aufschreiben und im Vorgang des Schreibens diese Einheit wiederfinden, aber die Worte auf dem Blatt vor Ihnen sind absolut falsch, weil Sie diese Wirklichkeit einfrieren und erstarren lassen.

Diop: Worte frieren die Wirklichkeit ein, dieses Bild finde ich sehr schön.

WW: Worte können immer nur begrifflich für etwas verwendet werden, aber sie können nie das Ganze ausdrücken. Deswegen müssen wir über die Worte hinausgehen. Gleichzeitig kann ich auf dieser Ebene auch Worte verwenden und doch nicht am Begrifflichen haften.

Diop: Wie meinen Sie das?

WW: Ich lasse einfach aus mir die Worte herausströmen, aber die Worte werden keine Worte mehr im begrifflichen Sinne sein. Ich schaue mir gleichsam beim Sprechen zu, ich schaue zu, wie ES spricht.

Diop: Aber wird das nicht vollkommener Unsinn sein?

WW: Auf der einen Ebene haben dann Worte sicher keinen Sinn mehr, das ist richtig, auf der anderen Ebene sind diese Worte aber absolut richtig. Das ist auch der Grund dafür, dass wir die Zen-Meister oft nicht verstehen, weil wir Worte nur auf der intellektuellen Ebene kennen. Das Sprechen wird auf diese Weise zu einem Nicht-Sprechen, ein Sprechen ohne Zunge, wie es im Zen bezeichnet wird. Der Sprecher und das Gesprochene sind in diesem Augenblick nicht mehr zwei, sondern eins und absolut leer. Diese Erfahrung von Form und Leere wird uns in einen Bereich grenzenloser Liebe führen.

Diop: Ich bin wirklich froh, dass Sie das Wort Liebe auch einmal verwenden. Dieses Wort vermisse ich oft im Zen.

WW: Ja. Sie haben recht. Oft klingt Zen sehr sachlich. Das ist mir früher auch aufgefallen. Vielleicht sollte man dieses Wort wirklich öfters gebrauchen. Auf der anderen Seite ist dieses Wort mit so vielen Bedeutungen und Hintergründen aufgeladen, dass es besser ist, einfach nur den Finger zu heben, um diese grenzenlose Liebe auszudrücken.

Diop: Gibt es im Zen Liebe?

WW: Ja natürlich. Aber diese Liebe ist keine oberflächliche Liebe.

Diop: Was meinen Sie damit?

WW: Liebe wird im Allgemeinen immer auf ein Objekt bezogen. Ich liebe meine Frau, ich liebe meine Kinder, ich liebe die Musik, ich liebe meine Arbeit.

Diop: Ist das falsch?

WW: Ja und nein. Wenn der Alltagsmensch von Liebe spricht, beinhaltet dies gleichzeitig auch die andere Seite, die Abneigung, den Hass, also all das, was ich nicht mag. Die Liebe im Zen dagegen beinhaltet auch die andere Seite.

Diop: Sie meinen die Feindesliebe, von der Jesus spricht?

WW: Ja. Diese Liebe grenzt nichts mehr aus. Sie ist nicht egoistisch und selbstzentriert. Sie umfasst alles.

Diop: Aber warum wird dann im Zen so wenig über diese Liebe gesprochen?

WW: Im Zen spricht man nicht darüber, man tut es. Wir lesen keine Kochbücher, wir essen, wir philosophieren nicht über das Leben, wir leben. Als ich vor einiger Zeit einen Einführungskurs in Zen gehalten habe, ist mir diese Liebe aufgefallen. Da kam eine bunt zusammengewürfelte Menge von Leuten, die sich nicht kannten. Am Anfang war alles sehr konfus und beinahe chaotisch. Doch sehr schnell entstand etwas in dieser Gruppe, was sich nicht so einfach beschreiben lässt.

Diop: Ein Zusammengehörigkeitsgefühl?

WW: Es war mehr. Obwohl sich diese Menschen nicht kannten und auch während dieser zwei Tage nicht miteinander sprachen, entstand etwas, das in diesen Bereich führte: Mitgefühl für den anderen, Respekt und eine tiefe Verbundenheit. Ich weiß nicht, ob das die richtigen Worte sind, man muss es einfach erlebt haben. Mit der Zeit – und das geht sehr schnell – entsteht eine große Kraft, ein großes Energiefeld, in dem jeder den anderen mitträgt, ein Unisono, um ein Wort aus der Musik zu benützen.

Diop: Ein Gleichklang?

WW: Ja. Und das, obwohl keiner weiß, wer derjenige ist, der neben ihm sitzt. Es ist wirklich erstaunlich, dass das in zwei Tagen möglich ist.

Diop: Ein Entstehen von Liebe?

WW: Ja. Aber diese Liebe braucht keine Worte. Es genügt, einfach da zu sein. Zen ist ein Weg in diesen Bereich. Jeder Mensch hat andere Fähigkeiten und Begabungen. Wir sollten einander helfen, das ist unsere Aufgabe. Keiner kann alles, aber zusammen sind wir stark. Das abgesonderte Individuum wird sterben, die Einheit jedoch wird überleben. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die diesen Weg gehen, nichts Schlimmes passieren kann. Uns wird immer der Mensch vom Himmel vor unsere Füße fallen, dessen Hilfe wir in diesem Augenblick benötigen. Am Anfang spricht man von Wundern, im Laufe der Zeit jedoch gewöhnt man sich daran, sich nicht mehr zu wundern. Es ist wirklich ein wunderbarer Weg.

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