Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 82


Nichts festhalten

WW: Ummon sagte: „Den Weg erkennen durch das Hören von Stimmen und den Geist erleuchten durch das Sehen von Farben, das ist genauso, als hätte der Bodhisattva Kannon für ein paar Pfennige billige Kekse gekauft. Wirft er sie weg, erhält er stattdessen Manju.“

Diop: Was bedeutet Manju?

WW: Manju bedeutet einen köstlichen Kuchen.

Diop: Aber wenn Ummon sagt: „Den Weg erkennen durch das Hören von Stimmen und den Geist erleuchten durch das Sehen von Farben, das ist genauso, als hätte der Bodhisattva Kannon für ein paar Pfennige billige Kekse gekauft,“ widerspricht das nicht dem, was Sie gerade im vorherigen Koan über diesen Zugang gesagt haben?

WW: Auf den ersten Blick scheint das tatsächlich so zu sein, doch wir müssen hinter die Worte blicken. Werfen wir Sehen und Hören weg und gelangen zu einem Nicht-Sehen und Nicht-Hören, bekommen wir Manju, einen viel köstlicheren Kuchen, die leere Dynamik des Augenblicks.

Diop: Spielen aber nicht Hören und Sehen in unserem Leben eine große Rolle?

WW: Ja. Wir sehen fern und amüsieren uns, wir beobachten die Mitmenschen mit kritischen Augen und beurteilen ihr Erscheinungsbild, wir betrachten die Zahlen der Waage in unserem Badezimmer und sind unzufrieden, wir schauen aus dem Fenster und sind beim Anblick des Wetters niedergeschlagen und deprimiert.

Diop: Wir wollen es eben immer anders haben und können es nicht so akzeptieren, wie es ist.

WW: Auf diese Weise gehen wir durch dieses Leben mehr oder weniger zufrieden und sind einem Wechselbad von Gefühlen ausgeliefert. Das, was wir für die Wirklichkeit halten, irritiert uns ständig und oft reagieren wir völlig unbewusst. Wir hören nur scheinbar einem Menschen zu, aber hören wir wirklich zu? Können wir überhaupt noch zuhören? Ist es nicht so, dass wir ständig innerlich alles beurteilen, was wir hören und auf uns beziehen? Filtern wir nicht vielmehr die Worte durch unseren Verstand, wo sie wiederum alte Erinnerungen und Gefühle auslösen? Dabei verlieren wir uns in Gedanken und das Gehörte geht uns verloren.

Diop: Ich stelle oft fest, wie sehr ich während eines Gesprächs immer wieder auf meine Ich-Ebene zurückfalle und das Gehörte auf mich beziehe. „Das kann ich aber nicht glauben“ oder „Die Erfahrung habe ich auch schon gemacht“.

WW: Dann unterbrechen wir den Anderen und erzählen nur noch von uns selbst, ohne auf den Anderen voller Mitgefühl einzugehen, zu hinterfragen oder einfach nur mitzuleiden. Stattdessen geben wir Ratschläge, schließlich hat es ja bei uns auch geholfen. „Ich will dich vor dem Ertrinken bewahren“, sagte der Vogel, hob den Fisch aus dem Wasser und setzte ihn sanft auf einen Baum. Wissen wir denn immer, was für den Anderen das Beste ist? Wir filtern die Wirklichkeit durch unseren Egofilter, durch unsere Meinungen, Erfahrungen, Vorurteile und heraus kommt eine eingefärbte Wirklichkeit, die wir für real halten.

WW: Dieses Leermachen aber können wir selbst nicht tun, wir können es nur geschehen lassen. Wir können uns nur zur Verfügung stellen, uns bereit machen und öffnen. Dann geschieht es von selbst. Der christliche Mystiker und Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz nennt das „passive Reinigung“. Dann ist es einfach so wie es ist: Ich blicke aus dem Fenster: Reif liegt auf den Dächern, der Himmel ist klar. Rauch steigt aus dem Kamin, löst sich auf, nichts weiter.

Diop: Nur dies, nichts weiter. Dahin zu kommen ist nicht einfach.

WW: Es ist einfach ein Zustand, in dem nichts beurteilt und nichts verglichen wird, kein Wort von schön oder hässlich, von „gestern war es aber anders“, kein Denken, kein Hintergrund. Nichts wird dazugetan. Es ist ein Sehen, ohne zu sehen, ein Sehen ohne Gegenüber, ein Sehen ohne Beobachter. Es ist ein klares, gedankenleeres Betrachten. Nichts fehlt. Das nenne ich ein „Sehen durch leere Augen“, anfanglos und ungeboren. „Wirft er die alten Kekse, die eingefahrene Sichtweise weg, erhält er stattdessen einen viel köstlicheren Kuchen“, sagt Ummon. „Wenn wir erwachen, ist das ganze Universum leer“, heißt es im Shodoka. Und weiter: „Erfahren wir die Wirklichkeit, gibt es weder Mensch noch Ding.“ Da helfen uns keine frommen Bücher, keine noch so interessanten Bilder und Vergleiche. Dies müssen wir selbst erfahren. Wir müssen den Tee selbst trinken, um zu wissen, wie er schmeckt. Niemand anderer kann dies für uns tun. Im Vers heißt es: „Trittst du aus dem Tor heraus, bringst du ein Pferd zum Springen und fegst den Kometenstaub weg.“ Wir müssen aus unserem Ego-Tor herausgehen, aus der Enge, die uns bedrückt, in die Weite. Das ist nur ein Schritt. Daran ist nichts Schwieriges, nichts Geheimnisvolles und nichts Mysteriöses. Wir müssen Augenblick für Augenblick so erfahren, wie er wirklich ist, ohne etwas dazuzutun, ohne ihn einzufärben mit unseren Gefühlen, mit unserem Verstand, mit unseren Meinungen. Das ist mit Kometenstaub gemeint. „Trittst du aus dem Tor heraus, bringst du ein Pferd zum Springen.“ Dann wird das lahme Pferd lebendig. Wir erwachen zu neuem Leben. Wir werden gehen ohne zu gehen, wir werden sitzen ohne zu sitzen, wir werden arbeiten ohne zu arbeiten, wir werden sprechen ohne zu sprechen und wir werden sterben ohne zu sterben.
Nietzsche hat in „Also sprach Zarathustra“ geschrieben: „Ich habe gehen gelernt: Seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen gelernt: Seitdem will ich nicht erst gestoßen sein, um von der Stelle zu kommen. Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich.“
„Der Rauch und Dunst von zehntausend Ländern klärt sich sofort“, heißt es weiter im Vers. Alles, was uns unklar und undeutlich erschien, wie von Rauch und Dunst umgeben, klärt sich. Diskussionen verstummen, Zweifel verschwinden, Gegensätze lösen sich auf und wir sind „frei von nutzlosen Bildern und ihrem Echo.“ Unser Suchen hat aufgehört, und trotzdem werden wir auch die Täuschungen, d. h. die nutzlosen Bilder und ihr Echo in uns nicht zurückweisen, denn wir wissen jetzt, dass auch sie die Ur-Wirklichkeit sind. Auch die nutzlosen Bilder und die damit verbundenen Gefühle, das Echo in uns, sind Verwirklichung und Manifestation dieser Ur-Wirklichkeit.

Diop: Was bleibt übrig?

WW: Übrig bleibt nur: Bellen, zwitschern, rauschen, summen, plätschern, ohne jemanden, der etwas wahrnimmt und etwas, das gehört wird. Deshalb: Wenn wir Bellen hören, sollten wir nicht Hund sagen. Wenn wir Plätschern hören, sollten wir nicht Wasser sagen. Wenn wir Zwitschern hören, sollten wir nicht Vogel sagen. Wenn wir Läuten hören, sollten wir nicht Glocke sagen. Das ist der nackte Augenblick. Dae Gak, der Dharma-Nachfolger des koreanischen Zen-Meisters Seung Sahn, hat es so ausgedrückt: „Echte Wahrnehmung hat keine Wurzel, klares Lauschen hat keinen Laut“.

Diop: Welche Frage stellt sich für uns?

WW: Geben wir uns mit den billigen Keksen zufrieden, oder werfen wir sie weg, um damit einen viel köstlicheren Kuchen zu bekommen? Yamada Masamichi hat dies in einem Teisho im Februar Zweitausend in Würzburg während eines Sesshins sinngemäß so ausgedrückt: „Viele geben sich mit einigen Erfahrungen zufrieden, die sie auf ihrem Weg machen, und sagen: „Wunderbar, jetzt habe ich es erreicht, jetzt kann ich aufhören!“ Das ist wie jemand, der in einem Zimmer, in dem hunderttausend Euro versteckt sind, einen Hundert-Euro-Schein findet, sich damit zufrieden gibt und geht.“ Unsere Sinnesorgane sind wie Fenster, durch die das reine Licht strahlt. Das ist es, was in den vier Großen Gelübden gemeint ist: „Unzählbar sind die Tore der Wahrheit, ich gelobe sie zu durchschreiten.“

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