Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 79


Aus der Leere in die Dynamik

Diop: Gibt es eigentlich ein Koan, das die durch nichts behinderte Welt zeigt?

WW: Ja. Es steht im Shoyoroku, einer Koan-Sammlung mit hundert Beispielen. Das 79. Beispiel daraus lautet: Chosa ließ einen seiner Mönche den Meister E Osho fragen: „Was war, bevor du Nansen gesehen hast?“

Diop: Wer war dieser Meister Chosa?

WW: Meister Chosa, chinesisch Changsha genannt, lebte von 854 bis 935 und war Dharma-Nachfolger von Nansen. Er hat viele wunderbare Aussprüche und Gedichte hinterlassen und wird in der Geschichte des Zen als großer Meister angesehen. Es gibt von ihm ein Mondo, das uns sein Wesen zeigt. Er und Meister Gyozan waren gute Freunde. An einem Abend im Herbst schauten sie gemeinsam zum Mond hinauf. Meister Gyozan sagte zu sich: „Dieser klare, helle Mond! Obwohl jeder ihn hat, gibt es kaum jemanden, der freien Gebrauch von ihm machen kann.“ Meister Chosa sagte: „Doch, es gibt einige, die ihn zu gebrauchen wissen. Ich kann es dir zeigen, wenn du willst.“ Gyozan erwiderte: „Das ist interessant. Das würde ich gerne sehen.“ Noch während Gyozan das sagte, sprang Chosa auf und schlug ihn nieder. Gyozan sagte voll Bewunderung, als er wieder aufgestanden war: „Du bist wirklich ein Tiger.“ Seitdem gab man Meister Chosa den Beinamen „Shin, der Tiger“.

Diop: Chosa ließ also einen seiner Mönche Meister E Osho fragen: „Was war, bevor du Nansen gesehen hast?“ Was wissen Sie über Meister E Osho?

WW: Wie ich aus einer alten Quelle erfahren habe, handelt es sich dabei um einen Einsiedler mit dem Namen Hui, einen Schüler von Nansen, der die Erleuchtung verwirklicht hat. Über ihn ist jedoch nichts weiter aufgeschrieben.

Diop: Und der Mönch diente als Kurier?

WW: Ja.

Diop: Was erwiderte Meister E Osho auf diese Frage?

WW: Nichts. Meister E Osho saß einfach da und rührte sich nicht. „Was ist, nachdem du ihn gesehen hast?“, fragte der Mönch. „Nichts besonderes“, antwortete E. Der Mönch ging davon und erzählte das dem Chosa. Dieser sagte: „Der Erleuchtete sitzt auf der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange. Er hat den Weg betreten, ist aber noch nicht wahrhaftig. Er muss von der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange aus einen Schritt gehen. Und die Welten der zehn Richtungen werden sein vollständiger Leib sein.“ „Wie soll ich von der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange aus einen Schritt gehen?“, fragte der Mönch. „Die Berge von Roshu, die Wasser von Reishu“, antwortete Chosa. „Das verstehe ich nicht“, sagte der Mönch. „Die vier Meere und die fünf Seen stehen alle unter der Herrschaft des Königs“, antwortete Chosa.

Diop: Er muss von der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange aus einen Schritt vorwärts gehen? Das verstehe ich nicht.

WW: Die Frage könnte auch heißen: Wie soll ich Dynamik verwirklichen? Der Ausspruch „Wie trittst du vorwärts von der Spitze eines Mastes, der hundert Fuß hoch ist“ war zu jener Zeit sehr geläufig. Es bezeichnet einen Zustand, in dem die eigentliche Übung zu Ende ist und Erleuchtung verwirklicht ist. Die große Gefahr ist jetzt, an diesem Punkt stehenzubleiben und in der Leerheit stehen zu bleiben.

Diop: Aber geht es nicht gerade im Zen darum, diesen Zustand zu verwirklichen?

WW: Ja. Aber das ist nur ein Schritt. Wir müssen weitergehen, darüber hinausgehen. Das ist der Hintergrund dieses Satzes. Es geht im Zen darum, auch die Erleuchtungserfahrung hinter sich zu lassen. Das „Baby“ ist geboren, doch nun heißt es, ES pflegen und großziehen. Dieser Prozess ist die eigentliche „Arbeit“ im Zen. Manch einer glaubt, alles erreicht zu haben, und weiß nicht, dass das Beste erst jetzt kommt, wenn er diese innere Haltung in die Familie und den Beruf hineinträgt und das verwirklicht, was er erfahren hat. Das heißt, die Übung geht weiter, sie ist nie zu Ende. Dabei müssen wir jeden Geschmack von Zen verlieren und Leere und Form, die beiden Seiten einer Münze, verwirklichen.

Diop: Aber wie können wir diesen Schritt tun?

WW: Indem wir auf dem Weg weitergehen, Schritt für Schritt. Wir können diesen Weg nie durch den Geist allein erfassen, wir brauchen auch unseren Körper dazu, die Form. Dazu ist die Übung des Zazen auch weiterhin notwendig. Erleuchtung ist die Erfahrung des ganzen Menschen. Wir müssen realisieren, dass auch Ärger und Stress Ausdrucksformen von Erleuchtung sind. Geist und Körper sind untrennbar miteinander verbunden, sie sind nicht-zwei, wie Zen sagt.
In seinem Buch von Leben und Tod sagt Dogen Zenji: „Es gibt einen leichten Weg, Buddha zu werden: Alles Böse nicht wirken, an Leben und Tod nicht haften, mit allen Lebewesen tiefes Mitleid hegen, das Oben ehren, mit dem Unteren Erbarmen haben, nichts hassen, nichts verlangen, nichts im Herzen bedenken, um nichts Leid tragen. Dies nenne ich Buddha. Suche nichts sonst!“ Sie sehen, die Praxis des Sitzens ist ein Ereignis von unendlichem Wert. Meister E zeigt das dem fragenden Mönch mit seinem Schweigen und seiner unbewegten Körperhaltung. Er befindet sich im Bereich des Undenkbaren und des Darüber-Hinaus, in einer alles übersteigenden Wirklichkeit.

Diop: Was meinen Sie mit dem Bereich des Undenkbaren?

WW: Es ist der Bereich von Ohne-Denken sein.

Diop: Ist das ein Bereich, in dem nichts mehr gedacht wird?

WW: Nein. Es ist ein Bereich, der gleichsam das Nicht-Denken mit dem Denken vereint, eine Art des Bewusstseins, das nicht begrifflich und gegenstandslos ist.

Diop: Könnten Sie das noch genauer beschreiben?

WW: Vielleicht könnte man es so sagen: Gedanken tauchen auf, aber sie spielen keine Rolle mehr, sie ergreifen uns nicht mehr. Es ist eine Art bewusstlosen Bewusstseins. Die Dinge werden erkannt, aber sie stehen nicht mehr in Beziehung zu einem Subjekt, das erkennt. Es ist wirklich schwierig, dies in Worten auszudrücken. Man könnte vielleicht sagen, es gibt keine Identität mehr von Körper und Geist und doch wirken beide dynamisch zusammen.

Diop: Auf die Frage: „Wie soll ich von der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange aus einen Schritt gehen?“, antwortet Chosa: „Die Berge von Roshu, die Wasser von Reishu“. Das verstehe ich nicht.

WW: Auch der Mönch versteht es nicht. „Die Berge von Roshu und die Wasser von Reishu“ drücken diese Welt aus, eine Welt voller Gegensätze. Die Berge sind unbewegt, Wasser bewegt sich. Das ist die Welt, in der wir leben. Aber Chosa geht noch einen Schritt weiter und sagt: „Die vier Meere und die fünf Seen stehen alle unter der Herrschaft des Königs“. Er will damit ausdrücken, dass alles wie von einem unsichtbaren Band zusammengehalten wird, der Leerheit. Wir müssen einfach begreifen, dass genau das, was in diesem Augenblick vor unseren Augen ist, das Absolute ist, oder wie Zen sagt, Buddha ist. Im Vers heißt es: „Wind und Donner, erfüllt mit Neuigkeiten, bringen die aus dem Winterschlaf erwachenden Insekten in Aufruhr; Pfirsichbäume säumen wortlos den Pfad, wenn die Zeit und Jahreszeit kommt, wo man mit dem Pflug arbeitet. Wer fürchtet dann den knietiefen Schlamm der Frühlingsstraßen?“ In diesen Zeilen wird, ohne die Worte „Form“ und „Leere“ zu gebrauchen, das Wesen von Zen dargestellt. Alles ist neu und taucht plötzlich wie Wind und Donner auf. Alles wird mit Leben erfüllt. Die Pfirsichbäume verändern sich, ohne dass wir es sehen. Mit dem Pflug werden die Felder bearbeitet, das ist unsere Übung. „Wer fürchtet dann noch den knietiefen Schlamm der Frühlingsstraßen?“ Wer fürchtet sich dann noch vor Schicksalsschlägen, vor Krankheiten, vor den ganzen Unannehmlichkeiten, wenn doch in Wirklichkeit alles zum Leben erwacht?

Diop: Wenn ich das von Ihnen höre, scheint alles so einfach zu sein. Wenn ich aber dann wieder sitze, werde ich von allen möglichen Dingen wieder abgelenkt.

WW: Wo ist das Problem?

Diop: Das Problem ist, dass ich nicht in diesem Augenblick da sein kann.

WW: Erkennen Sie das bei Ihrem Sitzen?

Diop: Ja.

WW: Ganz deutlich?

Diop: Ja.

WW: Aber dann sind Sie doch da! Im Erkennen dessen, was gerade ist, liegt doch das, was Sie suchen. Wir meinen immer, wir könnten aus dieser Wirklichkeit herausfallen, aber dem ist nicht so. Im Grunde sind wir immer da. Auch wenn wir uns gerade wieder mit der Planung unseres nächsten Urlaubs beschäftigen, ist das diese Wirklichkeit, die wir suchen. Im Grunde genommen geht es darum, keinen Unterschied mehr zwischen Arbeit, Alltag und Meditation zu machen und herausfinden, dass dies keine Gegensätze sind. Tun Sie einfach, was zu tun ist. Entscheidend dabei ist allein die innere Haltung. Daraus entsteht ein unendliches Vertrauen in das Leben. Ab jetzt ist alles möglich. Dieser Zustand wird in einem Vers im Mumonkan beschrieben. Er lautet: „Wenn unnütze Dinge den Geist nicht vernebeln, ist dies des Menschen glücklichste Jahreszeit.“

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