Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 77


Viel Lärm um nichts

WW: Ein Mönch fragte den Kyozan: „Euer Ehrwürden, kennt Ihr die chinesischen Schriftzeichen?“ „Wie mein Beruf es erfordert“, antwortete Kyozan. Der Mönch machte eine Drehung nach rechts und fragte: „Welches Schriftzeichen ist das?“ Kyozan ritzte das Zeichen für „zehn“, das wie ein Plus-Zeichen aussieht, in den Boden. Der Mönch drehte sich nach links und fragte: „Welcher Buchstabe war das?“ Kyozan machte aus dem Plus-Zeichen ein Svastika.

Diop: Wie sieht dieses Zeichen aus?

WW: Wie ein Hakenkreuz.

Diop: Wie ein Hakenkreuz?

WW: Ja. Auf den ersten Blick sieht es so aus, aber es ist doch ein wenig anders. Im Prinzip sind beide Zeichen einem Windrad vergleichbar. Das Hakenkreuz würde sich nach rechts, also im Uhrzeigersinn drehen, während sich das Svastika nach links drehen würde.

Diop: Was war die Bedeutung dieses Zeichens?

WW: Dieses uralte Zeichen bedeutete in China die Zahl zehntausend und war ein Symbol des Unendlichen und Ewigen. Im Buddhismus verkörpert dieses Zeichen das Rad der Lehre, des Dharma. Das Svastika, ein Wort aus dem Sanskrit, bedeutet so viel wie „es ist gut“. Es ist ein Symbol der Evolution und der ewigen Bewegung, in deren Mittelpunkt unsere Wesensnatur steht.

Diop: Das erinnert mich an Fotos von weit entfernten spiralförmigen Galaxien, die in ihrer kreisenden Bewegung diesem Zeichen sehr ähnlich sind. Aber ich habe Sie unterbrochen.

WW: Im Zen ist das Svastika ein Symbol für das Siegel des Buddha-Geistes, das von Patriarch zu Patriarch weitergegeben wird. In Japan übrigens wird dieses Symbol manji genannt. Kyozan macht also aus dem Zeichen ein „Es Ist Gut“-Zeichen.

Diop: Wie entwickelt sich das Koan weiter?

WW: Der Mönch beschrieb nun einen Kreis in der Luft und hielt dann seine geöffneten Hände nach oben wie Asura, der mit eigener Kraft Sonne und Mond hält, und fragte: „Welcher Buchstabe ist das?“ Kyozan zeichnete einen Kreis um das Svastika. „Mit eigener Kraft“ bedeutet: Das Eine hält Form und Leere zusammen und stützt es.

Diop: Was bedeutet Asura?

WW: Nach buddhistischer Auffassung wird das Universum als Weltsystem mit einunddreißig Existenzebenen gesehen. Sie bestehen aus den unstofflichen Welten, den feinstofflichen Welten und den Sinneswelten. Die Sinneswelten bestehen wiederum aus den Himmelwelten, der Menschenwelt und den vier unteren Welten. Die unteren Welten gliedern sich in die Hölle, die Tierwelt, die Geisterwelt und die Dämonenwelt, die Asuras. Die Welt der Asuras ist also die unterste Welt in diesem System.

Diop: Was geschieht als nächstes im Koan?

WW: Dann stellte der Mönch die Kraft eines Rushi dar, das ist die Wächtergottheit Nio, die am Tor des Tempels steht. „Gut, gut“, sagte Kyozan, „jetzt stützt du es gut.“

Diop: Ein schwieriges Koan.

WW: Nur, wenn wir es mit unserem Verstand betrachten. Im Grunde geht es in diesem Koan nur um Bewegung, also die Dynamik, die der Leerheit entspringt. Diese Dynamik macht keinen Unterschied, sie wertet nicht. Auf der eben angesprochenen buddhistischen Skala von oben nach unten umfasst sie alle Bereiche. Darum geht es.

Diop: Aber warum konfrontiert der Mönch Kyozan mit all diesen chinesischen Schriftzeichen?

WW: Man weiß, dass Kyozan ein System aus siebenundneunzig Kreisfiguren benutzt hat, wobei jede Figur eine bestimmte Bedeutung hat. In die Grundfigur eines leeren Kreises wurden bestimmte Schriftzeichen, etwa für Sonne, Wasser, Mensch oder Buddha gesetzt, die als Antwort dem Fragenden entgegengehalten wurden. Das System der Kreisfiguren war streng geheim. Der Mönch in diesem Koan hat auf diese Kreisfiguren angespielt.

Diop: Ich möchte noch einmal zusammenfassen. Ein Mönch kommt zu Kyozan und fragt ihn, ob er die chinesischen Schriftzeichen kennt. Kyozan antwortet: „Wie mein Beruf es erfordert.“ Daraufhin macht der Mönch eine Drehung nach rechts, eine Drehung nach links, beschreibt einen Kreis in der Luft und hält seine geöffneten Hände nach oben. Bei all diesen Bewegungen fragt er Kyozan immer, welcher Buchstabe das ist. Am Ende stellt er sich hin, als wollte er einen Tempel über sich stützen, und Kyozan sagt: „Gut, gut, jetzt stützt du es gut.“

WW: Genau so ist es.

Diop: Was empfehlen Sie, wie mit diesem Koan gearbeitet werden sollte?

WW: Zunächst einmal bedeutet für mich, an einem Koan zu arbeiten, an mir selbst zu arbeiten. Ein Koan stülpt sozusagen mein Innerstes nach außen. Jedes Koan entspringt vollkommener Klarheit und Weisheit. Wenn ich es nicht realisieren kann, liegt das an mir. Das Wort „lösen“ wäre übrigens auf dieser Ebene ein wirklich unpassendes Wort, denn es geht im Grunde nie um das Lösen von Koans. Viel wichtiger ist, was macht dieses Koan mit mir? Was hat es mit mir zu tun? Was macht mich daran wütend? Welche Gefühle löst es aus in mir? Erst, wenn all diese Hindernisse beseitigt sind, kann ich zu meinem ursprünglichen Geist zurückkehren. Dieser Geist liegt jedoch vor unserem Denken und vor unseren Gefühlen. Solange wir etwas erreichen wollen, solange wir eine endgültige Antwort finden wollen, solange wir etwas erreichen wollen, ist uns jedes Koan verschlossen wie ein Buch mit sieben Siegeln. Unsere Aufgabe besteht darin, in die Leerheit einzudringen, in den leeren Kreis ohne Formen. Dieser Kreis aber kann nie vollständig ausgefüllt werden. Das Unterste und das Oberste sind darin auf vollkommene Weise miteinander vernetzt. Jeder von uns stützt Himmel und Erde. Dieses Stützen findet im Alltäglichen statt, wie es der Beruf eben erfordert.

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