Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 76


Die Tinte ist ausgegangen

WW: Eine echte Herausforderung für jeden Zen-Schüler ist das nächste Koan von Shuzan.

Diop: Shuzan habe ich bereits kennengelernt. Da war das Koan mit der neuvermählten Braut auf dem Esel und die Frage nach dem Bambusschössling.

WW: Ja. Shuzan wandte sich an die Versammlung mit den Worten: „Wenn ihr den ersten Vers versteht, werdet ihr die Lehrer Buddhas und der Patriarchen sein. Wenn ihr den zweiten Vers versteht, werdet ihr die Lehrer des Himmels und der Menschheit sein. Wenn ihr den dritten Vers versteht, könnt ihr noch nicht einmal euch selbst retten.“

Diop: Von welchen Versen spricht Shuzan eigentlich?

WW: Sehen Sie, das ist die Frage, die sich jeder stellt, der dieses Koan zum ersten Mal hört. Verstandesmäßig beginnen wir, nach den drei Versen zu suchen, und lesen uns das Koan nochmal und nochmal durch. Aber wir finden keinen Vers. Noch dazu beinhalten die drei nicht auffindbaren Verse eine anscheinende Steigerung. Unser Verstand hat uns wieder einmal überwältigt und wir stoßen gegen eine eiserne Wand. Wir müssen begreifen, dass das, was gemessen werden kann, niemals die Wahrheit sein kann. Zen ist nicht erstens, zweitens und drittens. Nikolaus von Kues hat es einmal so formuliert: „Die Zahl ist die Entfaltung der Einheit. Zahl aber bedeutet Verstandesbegriff. Der Begriff aber kommt aus dem Geist. Deshalb können die Tiere, die keinen Geist haben, nicht zählen. Wie also aus unserem Geist dadurch, dass wir durch einen Allgemeinbegriff vieles in seiner Vereinzelung erkennen, die Zahl entspringt, so entspringt die Vielheit der Dinge aus dem göttlichen Geist, in dem sie viele ohne Vielheit sind, da sie ja in der einfaltenden Einheit sind.“

Diop: Sie wollen klarmachen, dass unsere Wesensnatur nicht mit eins, zwei oder drei ausgedrückt werden kann?

WW: Ja. Sie übersteigt das ganze Universum und ist nicht messbar. Dogen Zenji sagt: „Die Sonne und der Mond existieren nur in Beziehung zu Tag und Nacht. Sie sind die Wahrheit selbst und können nicht begrenzt werden durch Zahlen wie eins oder zwei, tausend oder zehntausend. Der Mond kann nicht unabhängig existieren. Das ist die Lehre des Buddha-Weges. Folglich sollten wir den heutigen Mond suchen und uns nicht um den Mond der letzten Nacht kümmern – der Mond von heute Nacht existiert in der Gegenwart, von Anfang bis zum Ende; er ist unabhängig von Vergangenheit oder Gegenwart und kümmert sich nicht um alt oder neu.“

Diop: Was bedeutet Ihrer Meinung nach eins, zwei und drei?

WW: Es bedeutet das, was nicht mehr in Zahlen ausdrückbar ist, unseren grenzenlosen Geist, den wir erfahren müssen, der wir selber sind. Dieser unbegrenzte Geist hat keine Verbindung zu eins, zwei oder drei und enthält doch gleichzeitig auch dies. Mit Zahlen können wir uns im alltäglichen Leben orientieren, sie können uns eine große Hilfe sein, aber in unserem tiefsten Wesen existiert keine Zahl und jede Zahl ist eine Nicht-Zahl. Zahlen sind letztendlich menschliche Erfindungen. In Wirklichkeit gibt es nur das Eine. So wie jede Zahl zurückzuführen ist auf Eins und ohne die Eins nicht vorstellbar wäre, so ist die ganze Vielheit, die uns umgibt, nur auf das EINE zurückzuführen und ohne dies nicht möglich. Die Verse in diesem Koan sind nicht als Abstufungen von gut zu besser zu verstehen, sondern als Verwirklichungen. „Wenn du es verwirklicht hast, wirst du der Lehrer Buddhas und der Patriarchen sein. Wenn du es verwirklicht hast, wirst du der Lehrer des Himmels und der Menschheit sein. Wenn du es verwirklicht hast, kannst du noch nicht einmal dich selbst retten.“

Diop: Man könnte vielleicht sagen: Aus einer Quelle entspringen hundert Bäche, aber die Bäche sind nur zurückzuführen auf die eine Quelle.

WW: Richtig. Unsere Aufgabe ist es, die eine Quelle zu finden, um alles andere zu verstehen. „Wenn ihr den dritten Vers versteht, könnt ihr noch nicht einmal euch selbst retten.“

Diop: Aber ist das nicht Unsinn? Geht es im Zen nicht darum, sich selbst zu retten?

WW: Wenn wir zur Quelle vorgestoßen sind, gibt es niemanden mehr, der gerettet werden müsste, weder ein Ich noch ein Du.

Diop: Ist das Koan an dieser Stelle zu Ende?

WW: Nein. Der Mönch fragt Shuzan: „Welchen Vers hat Euer Ehrwürden verstanden?“

Diop: Jetzt bin ich aber neugierig.

WW: Shuzan gibt dem Mönch die Antwort von dieser Quelle aus. Er sagt: „Der Mond ging um Mitternacht unter, und ich gehe allein durch die Stadt.“

Diop: Was meint Shuzan mit dem Wort „Mitternacht“?

WW: Die Mitternacht ist der Augenblick zwischen Tag und Nacht, das absolute Gleichgewicht zwischen Form und Leerheit, ein Bild für unsere Wesensnatur, die in ihrer finsteren Undurchdringlichkeit kein Ding enthält, in der nichts zu erkennen ist und in der alles unterschiedslos gleich ist. Formen sind nicht mehr als Formen erkennbar und alle Grenzen sind verschwunden. Dieses völlige Dunkel ist die große Einheit, in der alle Dinge verloren gehen. Eckehart drückt dies in einer seiner Predigten so aus: „Die Schrift sagt: ‘Zur Zeit der Mitternacht, als alle Dinge im Schweigen waren, da kam, Herr, dein Wort herab von den königlichen Stühlen’. Das heißt: In der Nacht, wenn keine Kreatur mehr in die Seele leuchtet noch lugt, und im Stillschweigen, wo nichts mehr in die Seele spricht.“
„Der Mond ging um Mitternacht unter, und ich gehe allein durch die Stadt“, sagte Shuzan. Die Stadt ist die Leerheit, die alle Formen enthält, die absolute Wirklichkeit.

Diop: Was bedeutet dieses „ich allein“?

WW: Dynamik kennt kein Gegenüber. Meister Eckehart hat einmal in einer seiner Predigten gesagt: „Ich allein bringe alle Kreaturen aus ihrem geistigen Sein in meine Vernunft, auf dass sie in mir eins sind. Wenn ich in den Grund, in den Boden, in den Strom und in die Quelle der Gottheit komme, so fragt mich niemand, woher ich komme oder wo ich gewesen sei. Dort hat mich niemand vermisst, dort entwird ‘Gott’.”
Alles dreht sich um mich allein. Alles ist in mir, nichts ist außerhalb. Buddha hat bei seiner Erleuchtungserfahrung ausgerufen: „Über dem Himmel und unter dem Himmel bin ich allein erhaben“. „Allein durch die Stadt gehen“ bedeutet Essen, Trinken, Abspülen. Wir müssen erkennen, dass jede unserer Handlungen den gleichen Wert hat. Darin gibt es nichts Wichtiges und nichts Unwichtiges. In unseren alltäglichen Handlungen können wir das Allerwichtigste finden. Die Stadt, das ist die Welt der Menschen und der Götter. Kabir sagt: „Diese Welt ist die Stadt der Wahrheit, ihre verschlungenen Pfade erfreuen das Herz: Wir können das Ziel erreichen, ohne die Straße zu überqueren.“
Haben wir unsere Wesensnatur verwirklicht, werden wir allen Buddhas und Patriarchen Aug in Aug gegenüberstehen. Darin liegt nichts Geheimnisvolles, aber es wird uns überwältigen, wie uns bisher nichts überwältigt hat. Die Zeit wird in dieser Dunkelheit der Nacht für uns nicht mehr erkennbar sein. Alles erscheint wie ein plötzlicher Blitz und schon ist es vorbei. Nichts wird festgehalten. Alles ist pure Dynamik in vollkommener Unbewegtheit und es gibt keinen Unterschied mehr zwischen erleuchtet und nicht-erleuchtet, zwischen niederstehenden und höherstehenden Menschen, zwischen Alltagsmensch und Buddha. Unsere Wesensnatur entfaltet sich frei in dem Menschen, der den „Großen Tod“ gestorben ist. Dann tritt das Innerste offen zu Tage und alles offenbart sich in diesem Augenblick.

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