Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 75


Samsara ist Nirvana

Diop: Sie sprechen in Ihren Teishos immer wieder von Dynamik, die wir selber sind.

WW: Das ist richtig. Ich habe auch kein besseres Wort dafür gefunden. Meister Ganto wurde einmal von Zuigan gefragt: „Was ist die immerwährende Wirklichkeit?

Diop: Und Ganto?

WW: „Es hat sich bewegt“, antwortete Ganto. Zuigan fragte weiter: „Was ist, wenn es sich bewegt?“ „Dann kannst du die immerwährende Wirklichkeit nicht sehen“, antwortete Ganto. Zuigan dachte einen Augenblick darüber nach. „Wenn du dem zustimmst, bist du noch nicht frei von der Wurzel der Befleckung. Wenn du dem nicht zustimmst, bist du endlos in Geburt und Tod verstrickt“, sagte Ganto.

Diop: Das klingt stark nach Kritik.

WW: Und doch ist es jenseits von ja und nein. Ja ist nein, nein ist ja, richtig und zugleich falsch, absolute Übereinstimmung.

Diop: Ist das der gleiche Ganto, der schon früher auftauchte und Tokusan korrigierte, als dieser zu früh mit den Essschalen zum Essen kann?

WW: Ja. Ganto Zenkatsu, der Zen-Meister in diesem Koan, war Schüler von Tokusan. Als dessen Schüler taucht er auch im dreizehnten Koan im Mumonkan auf. Einige weitere Koans finden sich auch im Hekiganroku, Nummer Einundfünfzig und Sechsundsechzig. Des Weiteren existieren von ihm auch einige wunderbare Mondos in der „Eisernen Flöte“, einer beinahe vergessenen Koan-Sammlung.

Diop: Wie lauten diese Gespräche?

WW: Ein Mönch fragte Ganto: „Wenn die ‘Drei Welten’ mich bedrohen, was soll ich tun? Ganto antwortete: „Setze dich nieder.“ „Ich verstehe nicht“, erwiderte der Mönch. Ganto sagte: „Hebe den andern Berg auf und bringe ihn mir, dann werde ich es Dir sagen.“
Ein anderes Beispiel lautet: Tokusan, Gantos Lehrer, sagte einmal: „Ich habe in diesem Kloster zwei Mönche, die schon seit vielen Jahren bei mir sind. Geh und prüfe sie.“ Ganto begab sich mit einer Axt in der Hand zu der kleinen Hütte, in der die beiden Mönche meditierten. Ganto hob die Axt und sagte: „Wenn Ihr ein Wort von Zen sagt, schlage ich Euch die Köpfe ab, und auch wenn Ihr kein Wort sagt, werde ich Euch sogleich enthaupten.“ Die beiden Mönche fuhren in ihrer Meditation fort, ohne Ganto zu beachten. Ganto ließ die Axt sinken und sagte: „Ihr seid wahre Zen-Schüler.“ Er kehrte zu Tokusan zurück und erzählte ihm den Vorfall. „Dein Standpunkt ist ganz klar“, stimmte Tokusan bei, „sage mir aber, wie steht es auf der anderen Seite?“ „Tozan mag sie annehmen“, erwiderte Ganto, „aber unter Tokusan sollten sie nicht angenommen werden.“

Diop: Kennen Sie noch ein weiteres Beispiel?

WW: Drei Mönche, Seppo, Kyosei und Ganto trafen sich im Klostergarten. Seppo bemerkte einen Wassereimer und deutete auf ihn. Kyosei sagte: „Das Wasser ist klar, und das Bild des Mondes spiegelt sich darin.“ „Nein, nein“, entgegnete Seppo, „es ist kein Wasser, es ist nicht der Mond“. Ganto stülpte den Eimer um.

Diop: Im oben angesprochenen Koan kommt auch Zuigan vor.

WW: Über Meister Zuigan ist kaum etwas bekannt. Er taucht als Meister im zwölften Koan des Mumonkan auf: Meister Zuigan pflegte jeden Tag sich selbst zuzurufen: „Meister!“ und er antwortete: „Ja!“ Dann rief er erneut: „Ganz wach! Ganz wach!“ und antwortete: „Ja! Ja!“ „Lass dich nicht von anderen täuschen, an keinem Tag, zu keiner Zeit!“ „Nein! Nein!“ Über Zuigans spätere Lehrtätigkeit ist uns meines Wissens nur eine einzige Episode erhalten.

Diop: Was ist das für eine Begebenheit?

WW: Meister Zuigan, während er am Pult saß, ließ seine Mönche eine Weile stehen und sagte dann: „Ich muss gestehen, dass ich heute gar nichts Besonderes habe. Wenn ihr aber ohnehin bloß hier seid, um meine Darlegungen zu verfolgen und meiner Stimme zu lauschen, wäre es doch viel besser, die Halle aufzusuchen und euch am Feuer zu erwärmen. Ihr Mönche, gute Nacht!“
Zurück zum Koan: Zuigan fragt den Ganto: „Was ist die immerwährende Wirklichkeit?“ „Es hat sich bewegt“, antwortete Ganto.

Diop: Was ist diese Wirklichkeit? Was ist die immerwährende Wirklichkeit? Was ist die Ur-Wirklichkeit?

WW: Es ist die eben gestellte Frage. Daio Kokushi, ein japanischer Zen-Meister des dreizehnten Jahrhunderts sagt dazu: „Es gibt eine Wirklichkeit, die vor Himmel und Erde steht. Sie hat keine Form, geschweige denn einen Namen. Augen können sie nicht sehen. Lautlos ist sie, nicht wahrnehmbar für Ohren. Sie Geist oder Buddha zu nennen, entspricht nicht ihrer Natur, wie das Trugbild einer Blume wäre sie dann. Nicht Geist noch Buddha ist sie. Vollkommen ruhig erleuchtet sie in wunderbarer Weise. Nur dem klaren Auge ist sie wahrnehmbar. Das Dharma ist sie und wirklich jenseits von Form und Klang. Das Tao ist sie, und Worte haben nichts mit ihr zu tun.“

Diop: Dieser Vers wird auch immer vor jedem Teisho rezitiert.

WW: Ja.

Diop: Ganto jedoch beschreibt diese Wirklichkeit ganz konkret: „Es hat sich bewegt.“

WW: Der Zustand seines Geistes ist ganz transparent. Da ist einfach nur die Bewegung, nichts weiter. Ein Mensch, der zu dieser Wirklichkeit vorgedrungen ist, überschreitet alle Meinungen und Spekulationen. Deshalb wird dieser Geisteszustand „Einfach sein wie man ist“ genannt. Was bleibt, ist der reine Augenblick, der Augenblick ohne Beurteilung, ohne „vorher“ und „nachher“.

Diop: Ganto befindet sich also in einem Zustand zeitloser Ewigkeit?

WW: Ja. Er hätte auch sagen können: „Ich habe Kopfschmerzen!“ Jegliche Begrifflichkeit ist verschwunden. Deshalb lässt sie sich auch nicht benennen. „Sie Geist oder Buddha zu nennen, entspricht nicht ihrer Natur“, sagt Daio Kokushi. Der Baum ist einfach nur Baum, ohne ihn innerlich als Baum zu benennen. Formlose Form, lautlose Töne, ein Zustand völliger Freiheit und Unbegrenztheit. In dieser Grenzenlosigkeit kann ich den Klang des fließenden Baches verstummen lassen oder den Flug des Vogels nachzeichnen. Das „kleine Ich“ hat sich aufgelöst. „Leerheit ist Form, Form ist Leerheit“ ist Wirklichkeit geworden. „Es hat sich bewegt“, nichts weiter. Nicht der „Baum“ hat sich bewegt, nicht die „Blume“, nicht der „Finger“. Einfach nur: „Es hat sich bewegt.“

Diop: Aber Zuigan fragt weiter: „Was ist, wenn es sich bewegt?“

WW: Anders gesagt: Was ist, wenn diese Dynamik ohne Beobachter gesehen wird? „Dann kannst du die immerwährende Wirklichkeit nicht sehen“, antwortete Ganto. Ganto besitzt das klare Auge vollkommener Erleuchtung. Er merkt sofort, dass Zuigan immer noch an der Begrifflichkeit festhält, an der Bewegung. In dieser Begrifflichkeit freilich ist die immerwährende Wirklichkeit nicht zu sehen. Nur wenn Bewegung zur Nicht-Bewegung geworden ist, d. h., wenn Bewegung und Ich zu einer Einheit verschmolzen sind, lässt Es sich klar erkennen. Was übrigbleibt, ist die Schau in bewusstlosem Bewusstsein. Diesem kann man weder zustimmen, noch nicht zustimmen, denn Es ist jenseits von „ja“ und „nein“, von „annehmen“ oder „ablehnen“. Deswegen sagt Ganto: „Wenn du dem zustimmst, bist du noch nicht frei von der Wurzel der Befleckung“.

Diop: Er meint, dann steckt er immer noch im Dualismus fest?

WW: Ja. „Wenn du dem nicht zustimmst, bist du endlos in Geburt und Tod verstrickt“.

Diop: Zustimmen bedeutet Verstehen, Verstehen bedeutet verstandesmäßige Tätigkeit.

WW: Ja. Der Weg des Zen geht weit über jedes Verstehen hinaus.

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