Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 7


Reden ohne zu reden

WW: Fallen alle Worte weg, bleibt einfach nur der Augenblick und unser wahres Wesen kann in Erscheinung treten. Genau das wollte auch Yakusan seinen Mönchen klarmachen. Yakusan war schon lange nicht mehr auf das Podium gestiegen. Da sagte der oberste Mönch: „Die Mönche warten schon lange begierig auf Unterweisung. Daher möchte ich Euer Ehrwürden fragen, ob Ihr nicht eine Predigt halten wollt?“ Daraufhin ließ Yakusan die Glocke läuten und die Trommel schlagen. Die Mönche versammelten sich. Yakusan betrat das Podium und nachdem er eine Weile dort gesessen hatte, stieg er wieder herab und kehrte in sein Gemach zurück. Der oberste Mönch folgte ihm und fragte: „Ihr wolltet doch eine Predigt halten, wieso habt ihr kein Wort gesagt?“ „Für Sutren gibt es Sutra-Fachleute. Für Vorlesungen gibt es Lehrer, die Vorlesungen halten. Was fällt dir ein, diesen alten Mönch in Frage zu stellen?“ antwortete Yakusan.

Diop: Diese Geschichte hat große Ähnlichkeit mit Buddhas Verhalten, den Sie vorhin angesprochen haben und der auch nichts sagte.

WW: Das ist richtig. Worte sind wie ein Dornengestrüpp, in dem man sich leicht verfängt ohne es zu bemerken. Darum heißt es auch: Zen ist jenseits von Worten.

Diop: Wer war dieser Yakusan eigentlich?

WW: Wir wissen nur so viel über Yakusan: Er lebte von 745-834 in China, und sein chinesischer Name lautete Yüeh-shan Wei-yen. Er war Schüler und Dharma-Nachfolger von Sekito Kisen. Die Dharma-Übertragung wird auch im sechsunddreißigsten Beispiel des Denko-Roku folgendermaßen geschildert: Der sechsunddreißigste Patriarch, der Ehrwürdige Daishi - gemeint ist Yakusan -, kam zu Sekito und sprach: „Ich weiß fast alles über die Lehre der drei Fahrzeuge und die zwölf Zweige der Lehre. Einmal hörte ich, dass es im Süden eine Lehre gibt, die unmittelbar auf den menschlichen Geist zeigt, indem sie den Menschen nach der Erkenntnis seiner Natur zum Buddha werden lässt. Das verstehe ich noch nicht ganz. Ich verneige mich tief und bitte den Abt um Unterweisung.“ Sekito antwortete: „Wenn Du sagst, Es ist Das, verfehlst Du Es. Wenn Du sagst, Es ist nicht Das, verfehlst Du Es. Das und Nicht Das verfehlen Es beide. Was hältst Du davon?“ Der Meister wusste keine Antwort. Sekito sprach: „Dein Karma bezieht sich nicht auf diesen Ort. Geh’ für eine Weile zu Baso Daishi.“ Der Meister gehorchte diesem Befehl, ging zu Baso, grüßte ihn und stellte ihm die vorherige Frage. Der Patriarch sagte: „Manchmal lasse ich ihn seine Augenbrauen hochziehen und mit den Augen zwinkern, und manchmal lasse ich ihn nicht seine Augenbrauen hochziehen und mit den Augen zwinkern. Manchmal ist Das, was die Augenbrauen hochzieht und mit den Augen zwinkert Das! Manchmal ist Das, was die Augenbrauen hochzieht und mit den Augen zwinkert nicht Das! Was hältst du davon?“ Bei diesen Worten erfuhr der Meister große Erleuchtung. Er warf sich nieder. Der Patriarch sagte: „Welche Wahrheit hast Du erkannt, dass Du dich derart niederwirfst?“ Der Meister antwortete: „Als ich bei Sekito war, war ich wie eine Stechmücke, die auf einen eisernen Ochsen stößt.“ Der Patriarch sagte: „Du bist schon dahintergekommen. Bewahre es Dir gut. Trotzdem, Dein Meister bleibt Sekito.“ Yakusan war auch Zen-Meister von Dogo und Ungan, die später ebenfalls Meister wurden. Mit siebzehn Jahren ging Yakusan von Zuhause fort und wurde Mönch. Kurz vor seinem Tod, im Alter von vierundachtzig Jahren, rief er aus: „Die Dharma-Halle bricht zusammen! Die Dharma-Halle bricht zusammen! Ihr Mönche alle, stützt sie ab!“ Dann hob er eine Hand und sagte: „Ihr Mönche versteht meine Worte nicht“, und ging in die Verwandlung ein. Doch zurück zum Koan: In allen Zen-Übungsstätten auf der Welt war und ist man begierig zu erfahren: Welche weisen Worte spricht der Meister? Was hat er zu sagen? Yakusan war schon lange nicht mehr auf das Podium gestiegen. Da sagte der oberste Mönch: „Die Mönche warten schon lange begierig auf Unterweisung. Daher möchte ich Euer Ehrwürden fragen, ob Ihr nicht eine Predigt halten wollt?“ Darauf ließ Yakusan die Glocke läuten und die Trommel schlagen.

Diop: Was bedeutet das?

WW: Es war ein alter Brauch in den chinesischen Zen-Klöstern, die Glocke zu läuten und die Trommel zu schlagen, wenn der Meister einen Vortrag hielt. Beim Ertönen dieser Zeichen wurde die Arbeit unterbrochen und sofortiges Schweigen war geboten. So geschah es, und wir können nachempfinden, mit welchen Erwartungen die Mönche in die Halle kamen. Sicherlich hat sich jeder gefreut, endlich wieder einmal etwas vom Meister zu hören.

Diop: Die Mönche versammelten sich also.

WW: Ja. Yakusan betrat das Podium und nachdem er eine Weile dort gesessen hatte, stieg er wieder herab und kehrte in sein Gemach zurück. Können Sie sich vorstellen, was für ein Murmeln da durch den Raum ging? Betretene Gesichter. Keiner weiß, warum er ging. Manche sind enttäuscht, andere verärgert. Man fragt sich: „Will er uns zum Narren halten?“

Diop: Die Zen-Meister damals haben es sich sehr leicht gemacht.

WW: So könnte man meinen, aber eigentlich kann man nicht direkter auf das Wesentliche zeigen. Das Sitzen ist es, das Gehen ist es, das Essen, Trinken, die Arbeit, das ganz Alltägliche. Selbst die schönsten Worte und Gedanken können es nicht ausdrücken. Denken ist im Grunde nichts anderes, als sich innerlich mit sich selbst zu unterhalten, das Für und Wider abzuwägen. Als einmal ein Mönch Meister Yakusan tief versunken Zazen üben sah, sprach er ihn an: „Der Meister sitzt fest und entschlossen. Was erwägt er?“ Meister Yakusan erwiderte: „Ich erwäge das Nicht-Erwägbare.“ Der Mönch fragte nochmals: „Wie kann man das Nicht-Erwägbare erwägen?“ Yakusan sagte: „Nicht-Erwägen.“ Wir können die Ur-Wirklichkeit nur jenseits von Worten erfahren. „Nicht-Erwägen“ sagt Yakusan. Worte versperren uns den Weg. Aus diesem Grund rät uns Zen-Meister Kokushi: „Gebt eure Worte auf, entleert eure Gedanken, dann kommt ihr so weit, das eine Sein zu erkennen.“ Im Shinjin-mei steht geschrieben: „Je mehr Worte und Gedanken, desto weiter entfernt von der Wirklichkeit. Schneide Worte und Gedanken ab, und Es durchdringt alles.“ Im Shodoka ist zu lesen: „Im Schweigen redet Es, im Reden schweigt Es.“ Zen betont die eigene Erfahrung, ohne an Worten zu hängen. Es geht um die Wirklichkeit, die sich hinter den Worten, hinter den Begriffen, hinter dem Denken verbirgt. Im Shodoka heißt es: „Ein Wort, wirklich erfahren, übertrifft Millionen Jahre von Übung.“ Eigentlich könnte das Koan hier zu Ende sein. Alles andere ist nur noch Erklärung. Der oberste Mönch folgte ihm und fragte: „Ihr wolltet doch eine Predigt halten, wieso habt Ihr kein Wort gesagt?“ „Für Sutren gibt es Sutra-Fachleute. Für Vorlesungen gibt es Lehrer, die Vorlesungen halten. Was fällt dir ein, diesen alten Mönch in Frage zu stellen?“ antwortete Yakusan. Der oberste Mönch hat es immer noch nicht begriffen. „Was fällt dir ein, diesen alten Mönch in Frage zu stellen!“ heißt soviel wie: „Was fällt dir ein, diese Ur-Wirklichkeit in Frage zu stellen!“ Im Aufstehen offenbart es sich, im Gehen offenbart es sich, im Sitzen offenbart sich die lebendige Dynamik. In der Leerheit wird Gehen zu Nicht-Gehen, Hinsetzen zu Nicht-Hinsetzen, Sprechen zu Nicht-Sprechen. Besser kann diese Wirklichkeit nicht präsentiert werden. Das ist die Erfahrung. Wir müssen einbrechen in den Augenblick und sollten aufhören, uns zu fragen, warum es so ist, oder so. Unsere Aufgabe ist es, hineinzusterben in den Augenblick, uns ganz und gar aufgeben und unser Ich vollständig loslassen. Wir sollten versuchen, einfach da zu sein, ganz natürlich, ohne etwas hinzuzutun, und im gleichen Augenblick wird sich alles vor uns auftun.

Diop: Was ist aber, wenn ich beim Sitzen leide?

WW: Das Leid gehört zu uns Menschen, aber wir akzeptieren es nicht. Wir glauben immer, das höchste Ziel wäre es, gesund zu sein. Manchmal höre ich bei Geburtstagswünschen: „... Hauptsache Gesundheit“, und ich frage mich: Gibt es denn nichts Wichtigeres in unserem Leben, als gesund zu sein? Wir vergeuden viel Zeit im Leben, um die „Verpackung“ möglichst optimal erscheinen zu lassen. Oft endet dies in einem regelrechten Gesundheitswahn. Nichts darf den Körper belasten, nichts darf weh tun. Ewige Jugend und Dynamik sollen die Angst vor Vergänglichkeit verdecken. Es ist die Unwissenheit, in dessen Netz sich der Mensch oft verfängt. Mit Unwissenheit bezeichne ich den Zustand des Menschen, nicht zu wissen, wer er wirklich ist. Solch ein Mensch zappelt in einem Netz aus Hoffungen und unerfüllbaren Wünschen. Am Ende bleiben Frustration und Verzweiflung. Wir müssen durchschauen, dass es kein Ich gibt, an dem man haften kann, sondern nur ein sich ständig wandelndes Gefüge. Im Vers zum Koan heißt es: „Ein gutes Streitross setzt dem Wind nach, indem es rückwärts nach dem Schatten der Peitsche schaut.“

Diop: Was ist damit gemeint?

WW: Buddha hat einmal gesagt, es gebe vier Kategorien von Menschen, und er hat sie mit Pferden verglichen. Der ersten Art Pferd braucht man nur zuzuflüstern, was es tun soll, und es gehorcht sofort. Bei der nächsten Art Pferd muss man am Zügel ziehen, dann folgt es. Der dritten Art muss man die Peitsche zeigen, dann wird es gefügig, und bei der vierten Art muss man die Peitsche benutzen, damit es gehorcht. Die erste Kategorie Mensch - vergleichbar mit dem Pferd, dem man zuflüstert - braucht nur davon zu hören, wie leidvoll das Leben so vieler Menschen ist, dass es nie zu einem endgültigen Resultat kommen kann, dass alles derart dem Wandel unterworfen ist, dass das Leben nie vollkommen zufriedenstellend sein kann. In dem Moment fängt dieser Mensch schon an zu praktizieren, um der tiefsten Wahrheit nahezukommen. Die nächste Kategorie - vergleichbar mit dem Pferd, das Zügel braucht - muss mit eigenen Augen sehen, wie andere leiden, wie schwer sie es haben, dass es keinerlei wirkliche Resultate gibt. Dann erst besinnt sich so ein Mensch auf die Möglichkeit eines spirituellen Weges. Bei der dritten Kategorie - vergleichbar mit dem Pferd, dem man die Peitsche zeigt - muss ein Unglück in der eigenen Familie oder im nahen Freundeskreis geschehen. Ein naher Verwandter oder enger Freund stirbt oder hat schwere Sorgen. Erst das macht Eindruck mit entsprechenden Konsequenzen. Der vierten Art Mensch – gemäß dem Pferd, das Peitschenhiebe braucht - muss das Leid mittelbar zustoßen. Erst eine unheilbare Krankheit, heftige Schmerzen oder der Verlust dessen, was er liebt, lösen die Entscheidung aus, sich dem spirituellen Leben zuzuwenden. Bei Buddha war es wie beim Pferd, dem man zuflüstert: Das Leid seiner Mitmenschen berührte ihn derart, dass er unbedingt einen Weg aus der Misere finden wollte. Buddha’s Lösung, um aus allem Leid herauszukommen, steht auch uns zur Verfügung. Aber nicht unser Ich kann es sein, das solches erreicht.
Buddha hat auch gesagt: „Es gibt die Tat, aber keinen Täter, es gibt das Leid, aber keinen Leidenden, es gibt den Pfad, aber keinen, der ihn beschreitet, es gibt die Erlösung, aber keinen, der sie erreicht.“ Das bedeutet nicht, dass es Erlösung nicht gäbe. Vielmehr ist es so, dass das Individuum, das an ein „Ich“ glaubt, sie nicht erfahren kann. Erst muss das „Ich“ losgelassen werden, um zu erfahren, dass Erlösung immer schon da ist. Um den Weg der Meditation zu praktizieren, müssen wir in der Lage sein, zu akzeptieren, dass Leid existiert. Es hilft nichts, dass wir uns davor retten oder ihm entkommen wollen, weil es uns stört. Wir müssen verinnerlichen, dass es ein Bestandteil unserer Existenz ist. Außerdem sollten wir wissen, dass Leid nur einen einzigen Grund hat, nämlich das Wollen bzw. das Nicht-Wollen. Wir alle können dies bei uns selbst feststellen: Wenn es irgendetwas in unserem Leben gibt, das leidvoll ist, so kann es nur deshalb existieren, weil wir es nicht wollen. Könnten wir nur für eine Sekunde dieses Nicht-Wollen fallen lassen, würde sich das Leid sofort auflösen. Augenblick für Augenblick das tun, was die Situation erfordert, darum geht es. Alle Hindernisse fallen weg, sobald begriffen wird, dass dieses eingebildete Ich keine dauerhafte Wirklichkeit darstellt, sondern nur eine zeitweilige Fügung aus dem ist, was man im Zen die „fünf Skandhas“ nennt, nämlich Form, Empfindung, Wahrnehmung, begriffliche Formkräfte und Bewusstsein. Wolken jagen über den Himmel, das Knie schmerzt, der Rücken tut weh, Gedanken kommen und gehen. Dann ist es einfach so, wie es ist: ohne Wertung, ohne „früher war es doch viel besser“, ohne „ich hab es dir doch gleich gesagt...“ Unser wahres Wesen nimmt Gestalt an. Eine Folge davon ist, dass wir gelassener allen Dingen gegenüber bleiben, die trügerischen Erscheinungsformen durchschauen, uns vor falschen Erwartungen bewahren und uns nicht mehr von Wunschträumen verlocken lassen. Wir nehmen das Leben dann so wie es ist, mit Krankheit, mit Arbeit und mit Rückschlägen.

Diop: Bedeutet das, dass ich alles hinnehmen muss und nichts mehr sagen darf?

WW: Natürlich nicht. Wir haben die Sprache erlernt, um miteinander in Kontakt zu treten, um uns zu organisieren oder uns gegenseitig zu helfen. Entscheidend ist, wie ich mit den Worten umgehe, ob ich mich an einem ja oder nein festmache oder nicht. Ich möchte dies mit dem nächsten Beispiel verdeutlichen.

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