Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 65


Bewegungslose Bewegung

WW: Ein Mönch fragte einmal den Shuzan: „Was ist Buddha?“

Diop: Und was antwortete Shuzan?

WW: „Die neuvermählte Braut reitet auf einem Esel. Der Schwiegervater führt ihn am Zügel“.

Diop: Kann es sein, dass mir der Name Shuzan bekannt vorkommt?

WW: Ja, aus dem Mumonkan. Shuzan Shonen lebte von 926-993 in China im Gebiet von Santo. Er war Schüler von Fuketsu, unter dem er tiefe Erleuchtung erlangte, und wurde später sein Dharma-Nachfolger. Bereits als Junge trat er ins Kloster ein, und man sagte, er sei eine ehrliche und würdige Persönlichkeit gewesen. Shuzan war es auch, durch den die Rinzai-Linie der Zen-Übertragung vor dem Verlöschen bewahrt wurde. Als er von Fuketsu das Siegel der Bestätigung erhalten hatte, verwischte er seine Spuren und tauchte längere Zeit unter. Erst als sich die chaotischen Verhältnisse im Land wieder stabilisiert hatten, gab er sich als Zen-Meister zu erkennen und begann, Schüler auf dem Zen-Weg zu führen. Im dreiundvierzigsten Beispiel aus Mumonka hielt Meister Shuzan vor den versammelten Mönchen einen Shippei hoch und sagte: „Ihr Mönche, nennt ihr dies einen Shippei, haftet ihr am Faktum. Nennt ihr es nicht einen Shippei, widersetzt ihr euch dem Faktum. Nun sagt mir, Mönche, wie nennt ihr es?“
Von seinen sechzehn Dharma-Nachfolgern war es vor allem Fun’yo Zensho, durch den das Rinzai-Zen einen neuen Aufschwung nahm und zur führenden Schule des Buddhismus im China der Sung-Zeit wurde. Am letzten Tag seines Lebens stieg Shuzan auf das Rednerpult und rezitierte folgendes Gedicht: „Ein goldener Leib in der reinen silbernen Welt! Das Lebewesen und das Nicht-Lebewesen sind beide von der Einen Wahrheit. An der äußeren Grenze von Licht und Dunkel ist alles Wirken überschritten. Die Sonne enthüllt ihre wahre Gestalt am Nachmittag.“ Am gleichen Nachmittag starb er.

Diop: Was ist also Buddha?

WW: Das ist eine der charakteristischsten Fragen in vielen Zen-Mondos. Sie wird allein im Mumonkan gleich viermal gestellt. Ein Mönch fragte Tozan: „Was ist Buddha?“ Tozan antwortete: „Drei Pfund Flachs“.
Ein Mönch fragte Ummon in allem Ernst: „Was ist Buddha?“ Ummon sagte: „Kanshiketsu!“ Das heißt so viel wie: Vertrockneter Kot-Spatel.
Daibai fragte Baso in allem Ernst: „Was ist Buddha?“ Baso antwortete: „Der Geist selbst ist Buddha.“
Ein Mönch fragte Baso in allem Ernst: „Was ist Buddha?“ Baso antwortete: „Weder Geist noch Buddha.“
Auch im Hekiganroku wird die Frage nach Buddha gestellt.
Ein Mönch fragte Hogen: „Ich, Echo, frage Euch, Meister: „Was ist Buddha?“ Hogen antwortete: „Du bist Echo.“
Die Frage nach Buddha ist natürlich nie eine Frage nach der historischen Gestalt Shakyamuni Buddhas. Der Mönch will keine Informationen über Buddha oder buddhistische Philosophien. Vielmehr ist es immer eine Frage nach dem tiefsten Wesen des Zen.

Diop: Aber viele Zen-Meister haben diese Frage doch ganz unterschiedlich beantwortet.

WW: Das ist richtig. Oberflächlich betrachtet sind ihre Antworten sehr verschieden, doch weisen alle ihre Antworten immer unmittelbar auf ihre Zen-Erfahrung hin. Ihre Antworten sind in diesem Augenblick ein freier Ausdruck ihrer Wesensnatur. Der Meister versucht mit seiner Antwort den Schüler aufzuwecken, um ihn zu absoluter, vollkommen klarer Einsicht zu führen. Mit seiner Antwort will er ihn weg von jeder Begrifflichkeit von „heilig“ oder „erhaben“ führen. Die Antwort Shuzans führt direkt in den Alltag des chinesischen Bauern und durchdringt Raum und Zeit, Leben und Tod, Subjekt und Objekt.

Diop: Er sagt: „Die neuvermählte Braut reitet auf einem Esel. Der Schwiegervater führt ihn am Zügel“

WW: Lassen Sie mich etwas weiter ausholen, um diesen Satz zu verstehen. Die Erfahrung der Wesensnatur transzendiert alles Verstandesmäßige. Deshalb wird dies auch „Buddha-Schatz“ genannt. Die Wirklichkeit, um die es geht, ist nicht in Ideen oder Begriffen zu finden, sondern nur in der Erfahrung des Individuums. Sie wird im folgenden Erfahrungsbericht deutlich.
1. Brief: „Die Welt ist zusammengebrochen! Kein Innen, kein Außen, kein Himmel, keine Erde! Ich bin Nichts, keine Person, kein Mensch, - nur Geist, Geist in dieser Bewegung des Schreibens. Das ist es! Nur das! Nur der Strich! Nicht mehr! Ich bin die Ur-­Wirklichkeit, ohne Anfang und Ende. Ich bin das Einzige im Himmel und auf Erden! ES ist das Einzige im Himmel und auf Erden! ES ist das Einzige im raumlosen Raum. - Überall - jederzeit - jetzt - und noch nirgendwo. Nur das! Bäume und Häuser haben keine Farben und Formen mehr. Glasklar! Ohne Gefühl! Wunderbar! Nur das Ticken der Uhr: tick, tick, tick... Kein Unterschied zwischen ihr und mir, nur: tick, tick, tick - Jeder Augenblick Freude, neu, einmalig! Keine Welt, kein Körper, nur dieses Schreiben! Wem soll ich danken? Ich bin Es - Bin Es - Bin! - Nur Sein! Keinen Augenblick versäumen! Eine neue Dimension jenseits von Raum und Zeit. Nur Dies! - (Ich habe Pro­bleme, meinen Namen zu schreiben).
2. Brief: Ur-Wirklichkeit - Keine Zeit - kein Raum - Dimensions­los! - Nur das Rauschen des Windes - sch... Das ist ES! Kein Körper, nur Geist - Überall und hier - Nur dieses Schreiben - DAS ist ES! Kein Leben, kein Tod - Keine Vergangenheit, keine Zukunft - Nur diese eine Bewegung. Das ist ES! Kein Alter, keine Jugend - Kein Oben und Unten - Kein Richtig und Falsch. Kein Ja und kein Nein - Keine Kritik - Nur das Zittern meiner Hände - Das ist ES! Glasklar und ohne Trübung! - Ich bin alles! - Ich bin die Ur-­Wirklichkeit!
3. Brief: Ohne Begriffe - Ohne Sein und Nicht-Sein.
4. Brief: Ohne Werden und Entstehen - Ohne Ende! Einfach nur so ... - Es quillt aus mir heraus. Ich laufe dauernd hin und her - Das ist ES! Überglücklich fiel ich heute meinem Meister in die Arme u. sagte: „Wir müssen nicht sterben, weil wir nie geboren sind.“ Ich bin mir der Unzulänglichkeit meiner Worte bewusst, denn diese Erfahrung hat mich sprachlos gemacht. Es geschah heute vor dem Mittagessen. Ich befinde mich in einem 12-Tage-Kurs, der am 3. Sept. begonnen hat. Wir gehen lange im Saal herum. Da bemerke ich, dass ich ganz transparent, durchscheinend geworden bin. Innen u. Außen sind nicht mehr da. Da sind nur noch die punktuellen Augenblicke des Gehens, das Geräusch der Autos. Es ist raumlos um mich geworden, u. ich selbst habe mich darin verloren. Links, rechts, oben-unten, ich weiß es nicht mehr. Diese ganze Räumlichkeit ist aufgeho­ben. Gleichzeitig stelle ich fest, dass auch die Zeit nicht mehr existiert. Da ist nur noch dieser eine kristallklare Augenblick, sonst nichts. „Vorher“ u. „nachher“ sind völlig verschwunden. Alles ist ein „Gleichzeitig“. Raumlos, zeitlos. Jeder einzelne Augenblick bereitet mir so große Freude wie die Geburt meiner Kinder, aber Freude ist das verkehrte Wort, es ist einfach, wie es ist. Unbeschreiblich! Nichts weiter. Ich bemerke, dass es in dieser Zeitlosigkeit keinen Anfang u. kein Ende gibt, kein Kommen u. Gehen, kein Werden u. Vergehen, keinen Tod u. keine Geburt. Ich bin sprachlos. Mir wird klar, es gibt kein Bewusstsein, keine Sünden, keinen Himmel, keine Hölle, kein Karma! „Tod, wo ist dein Stachel?“ Was bleibt übrig? "Klack! Die Holzblöcke schlagen aneinander." Ich bin unendlich glücklich, aber dieses Wort ist viel zu klein, viel zu menschlich! Eigentlich wollte ich bereits vor zwei Tagen nach Hause fahren. Ich durchlebte eine gewaltige Krise, eine für mich existentielle Krise. Ich hatte wieder dieses Gefühl der Leere, der grenzenlosen Weite beim Sitzen. „Heute bin ich ,zu Hause’ angekommen. Da ist nur unendliche Weite und tiefer Frieden und vollkommene Freiheit. Ich ging wie gewöhnlich nach dem Mittagessen zu dem Bächlein hinter dem Meditationshaus und setzte mich auf einen Stein. Neben mir lag ein Blatt auf dem Boden, das der Wind hin- und herbewegte. Da war mit einem Mal nur dieses Hin u. Her, nichts weiter, kein Denken, das „schschsch“ des Baches und das „Kikeriki“ eines Hahnes, sonst nichts. Ich ging wie betäubt in den Speisesaal und trank Kaffee. Aber ich habe mich selbst getrunken. Auf der Toilette habe ich mich selbst hinuntergespült. Es war wunderbar. Ich ging den Berg hinauf. Ich war allein. Ich legte mich in die Wiese und umarmte die Welt, das ganze Weltall. Mir war bewusst: Ich bin Schöpfer und Geschöpf zugleich! Ich bin Alles! Das Gute und das Böse, ohne Wertung. Die Unendlichkeit hat mich wieder. Jetzt tut mir wirklich mein Handgelenk weh. Aber das ist es. Nichts weiter. Ich erlebe 1000 Wunder! - Ich komme von nirgendwo her, ich gehe nirgendwo hin. Es gibt mich überhaupt nicht. Und trotzdem kann ich gehen, essen, die Treppen hochgehen und diese Zeilen schreiben. Ist das nicht ein Wunder?“

Diop: All dies bedeutet: „Die neuvermählte Braut reitet auf einem Esel. Der Schwiegervater führt ihn am Zügel“?

WW: Ja. Die Form reitet auf der Leerheit. Die neuvermählte Braut, das ist ein von allen Anhaftungen befreiter Mensch, ein Mensch, der sich tragen lässt wie ein Blatt auf dem Fluss, der ihm die Richtung gibt. Darum geht es Zen: Sich tragen lassen, ohne sich ständig einzumischen, ohne es ständig anders haben zu wollen, ohne ständig die Richtung angeben zu wollen. Wir müssen unser Wollen aufgeben. Tauler hat es einmal so ausgedrückt: „Wenn der Mensch in der Übung der inneren Einkehr steht, hat das menschliche Ich für sich selbst nichts. Das Ich hätte gerne etwas und es wüsste gerne etwas und es wollte gerne etwas. Bis dieses dreifache „Etwas“ in ihm stirbt, kommt es den Menschen gar sauer an. Das geht nicht an einem Tag und auch nicht in kurzer Zeit. Man muss dabei aushalten, dann wird es zuletzt leicht und lustvoll.“

Diop: Sie meinen, wir sollten lernen, den Dingen ihren ganz normalen Lauf zu lassen, ohne ständig korrigierend einzugreifen, weil wir es anders haben wollen?

WW: Der Schwiegervater führt ihn am Zügel. Die Leerheit führt die Leerheit. Wer ist der Schwiegervater, werden wir fragen und schon sind wir wieder in den Schlingen unseres analysierenden Denkens gefangen. Es geht darum, sich einfach führen zu lassen, ohne zu fragen warum und wohin. Wir dürfen die Zügel ruhig dem ganz Anderen überlassen, unserer wesenhaften Weisheit, die uns und das ganze All durchdringt. Dann können wir gelassen und ungezwungen durch dieses Leben gehen. Braut und Schwiegervater sind eins, sitzen und gehen, reiten und führen, passiv und aktiv, geführt werden und führen, bewegungslose Bewegung. Auch der Vers zu diesem Koan nimmt darauf Bezug.

Diop: Wie lautet er?

WW: „Die neue Braut reitet auf dem Esel, der Schwiegervater führt ihn. Ihr Erscheinungsbild und Aussehen sind völlig ungezwungen“. Das bedeutet: Wir müssen aufhören, uns ständig eine Maske aufzusetzen. Wir müssen diese falsche Person einfach sterben lassen und unser wahres Wesen wird augenblicklich zum Vorschein kommen. Wir sollten sein wie diese neuvermählte Braut. Unbekümmert sitzt sie auf dem Esel. Sie ist glücklich und zufrieden. Sie fragt nicht, wohin sie geführt wird, hat kein Ziel, sitzt einfach nur auf dem Esel, dem Nichtwissen. In ihrem Gesicht ist ein Strahlen, ihr Ausdruck ist von natürlicher Schönheit. Weiter heißt es im Vers: „Wie lächerlich, dass die Nachbarsmädchen ihr Stirnrunzeln nachahmen: Bei anderen Menschen vergrößert dies die Hässlichkeit, es macht nicht schön.“

Diop: Was bedeutet das?

WW: Lass die anderen reden, achte nicht auf ihr Geschwätz und Stirnrunzeln. Geh deinen Weg unbekümmert, getragen und gehalten von deiner Wesensnatur.

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