Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 64


Zwei sind eins

WW: Der Hauptmönch Shisho fragte einmal Hogen:

Diop: Entschuldigen Sie, wenn ich schon wieder dazwischenfrage. Wer ist Shisho?

WW: „Shisho“ hat zwei Bedeutungen. Zum einen bedeutet dies im Japanischen wörtlich übersetzt soviel wie „Lehrer“ oder „Lehrmeister“. Die Schulung von Zen-Mönchen beginnt oft in jungen Jahren in einem kleinen Tempel unter der Obhut eines Shisho, eines Tempelpriesters. Dieser erste Führer auf dem Weg zur Erleuchtung, der nicht unbedingt Zenmeister sein muss und im Zen als Shisho bezeichnet wird, wird von den Mönchen oft ein Leben lang als eine Art geistiger Mentor betrachtet. Ist der junge Mönch nach Meinung des Shisho reif für eine weitergehende Schulung, schickt er ihn auf die Pilgerschaft zu einem anderen Zen-Kloster. Die zweite Bedeutung von „Shisho“ ist „Siegel der Übertragung“. Dies ist ein Zertifikat der Erleuchtung und Dharma-Übertragung, das von einem Meister geschrieben und an seinen Schüler weitergegeben wird. Der Hauptmönch Shisho fragte den Hogen: „Euer Ehrwürden ist der Begründer dieses Klosters. Wessen Dharma wurde Euch übertragen?“ „Jizo’s“, antwortete Hogen. Mit Jizo ist Rakan Keijin gemeint, der sein Meister war. Hogen wurde von ihm zum Dharma-Nachfolger bestimmt. „Ihr habt das Vertrauen unseres alten Meisters Chokei gebrochen“, sagte da Shisho. Chokei, der hier erwähnt wird, ist der Zenmeister Chokei Eryo, der von 854-932 in China gewirkt hat und seinerseits Schüler von Seppo war.

Diop: Von welchem Vertrauen ist da die Rede, wenn er sagt: „Ihr habt das Vertrauen unseres alten Meisters Chokei gebrochen“? Was hat er falsch gemacht?

WW: Sehen Sie, da kommt wieder der Verstand ins Spiel. Hogen lässt sich jedoch nicht auf diese Ebene ein. Hogen fängt den Pfeil im Flug, der auf ihn geschossen wurde und schießt ihn zurück, indem er sagt: „Eines von Chokeis Kehrworten verstehe ich immer noch nicht“. Dieser Satz ist sehr leicht negativ aufzufassen, doch Hogen präsentiert hier sein Nicht-Verstehen, sein Nichtwissen. Shisho ist getroffen und reagiert. „Wieso fragst du nicht mich?“ entgegnete Shisho. Hogen sagte: „’Es offenbart seinen Körper allein in den zehntausend Dingen’, was bedeutet das?“ Shisho hob seinen Hossu.

Diop: Was ist das?

WW: Ein Hossu ist ein kurzer Holzstab, auf dem ein Pferde- oder ein Yakschweif befestigt ist. In den Zen-Klöstern des alten China war es ein Vorrecht der Zen-Meister, einen solchen Fliegenwedel zu benutzen. Dieser Hossu, wörtlich übersetzt als „Kleintier-Besen“, geht zurück auf die buddhistischen Wandermönche, die diesen in Indien bei sich trugen, um kleines Getier vom Weg zu fegen, damit es nicht zertreten wurde. In China wurde der Hossu dann zu einem Symbol der Überlieferung von Herz zu Herz und wurde vom Zen-Meister an seinen Dharma-Nachfolger weitergegeben. Im Zen wurde der Hossu gelegentlich benutzt, um dem Schüler einen plötzlichen Schlag zu versetzen, oder mit einer Geste das Wesen der Erfahrung zum Ausdruck zu bringen. Heutzutage benutzt der Zen-Meister seinen Meisterstab, den Kotsu, einen etwa fünfunddreißig Zentimeter langen Stab, der ihm von seinem Meister verliehen wurde und Zeichen seiner Meisterschaft ist. Der Stab hat eine leichte s-förmige Krümmung, wie eine menschliche Wirbelsäule. Diesen Meisterstab benutzt der Meister, um zum Beispiel bei einem Teisho einer Stelle besonderen Nachdruck zu verleihen, sich im Sitzen darauf zu lehnen, oder seinem Schüler einen Schlag damit zu versetzen. Aus diesem Grund sagt Hogen, der die Absicht des Mönches durchschaut: „Das hast du von Chokei gelernt.“ Du hast es nur nachgemacht. „Wie aber steht es mit einer eigenen Antwort des Hauptmönchs?“

Diop: Hogen lässt also nicht nach und bohrt weiter.

WW: So ist es.

Diop: Was antwortet Shisho?

WW: Nichts. Er schweigt. Aber Hogen setzt nach und fügt hinzu: „Wenn der alte Meister sagte: ‘Es offenbart seinen Körper allein in den zehntausend Dingen’, werden da die zehntausend Phänomene der Objektwelt hinweggefegt oder nicht?“

Diop: Das war genau meine Frage von vorhin. Wo sind die Phänomene dann, wenn ein Mensch es verwirklicht hat? Was antwortete Shisho?

WW: „Sie werden nicht hinweggefegt“, antwortete Shisho. Jetzt hat er sein wahres Gesicht gezeigt. Hogen kontert sofort und sagt: „Da sind zwei“. Form und Leere sind getrennt. Die Diener, die in der Nähe saßen, sagten: „Es fegt sie hinweg.“ „Es offenbart seinen Körper allein in den zehntausend Dingen. Nii!“ sagte Hogen.

Diop: „Es offenbart seinen Körper allein in den zehntausend Dingen“, was heißt das?

WW: Die zehntausend Dinge umfassen alle Erscheinungen. Die höchste Wahrheit, die wir suchen, liegt direkt vor uns und offenbart sich in allen Formen und allen Erscheinungen.

Diop: Besitzen Phänome Ihrer Meinung nach eine Wirklichkeit oder nicht?

WW: Es kam einmal ein Mönch zu dem chinesischen Zen-Meister Tsao-shan und fragte ihn: „Was an den Erscheinungen ist wahr?“ Tsao-shan sagte: „Erscheinung ist Wahrheit, Wahrheit ist Erscheinung.“ Der Mönch fragte weiter: „Und wo offenbart sich das?“ „Hier“, sagte der Meister und hob das Teebrett in die Höhe.

Diop: Also haben die Phänomene doch eine Wirklichkeit!

WW: So kann man das nicht sagen.

Diop: Wie würden Sie es sagen?

WW: Jedes Ding ist wahre Wirklichkeit. Der Tisch ist Geist, der Stuhl ist Geist, der Mensch ist Geist, das Tier, die Blume, der Stein. Nichts davon ist ausgeschlossen. „Ich bin müde“, das ist die Erleuchtung aller Buddhas und Patriarchen, weiter nichts. Wenn Subjekt und Objekt als eins erfahren werden, öffnet sich das Tor in die Freiheit und es gibt nichts mehr zu suchen. Hinwegfegen oder Nicht-Hinwegfegen, Erleuchtung oder Nicht-Erleuchtung, Subjekt und Objekt, „da sind zwei“ sagt Hogen. Wir können die Wahrheit jedoch nicht sehen, wenn wir an einem hängenbleiben. Das EINE umfasst alles, und obwohl es zehntausend Unterschiede gibt, existiert nur: „Ich bin müde.“ Da ist nur dies! Wir müssen Abschied von uns als Subjekt nehmen und all die liebgewordenen Vorstellungen von Objekt fallenlassen. Es gilt, aus dem Traum aufzuwachen und unser wahres Leben zu verwirklichen. Erleuchtung lässt sich nicht vermeiden. Dieser Schritt, dieser Atemzug, das ist ES! Wir müssen nicht danach suchen, denn es gibt nichts zu finden. „Nii“ ist ein Laut ohne Bedeutung, ohne Kommentator, ohne Hintergrund, perfekte Dynamik. „Au, eine Wespe hat mich gestochen!“, das ist ES. „Nii!“, das ist ES. Autofahren, Essen, Trinken und Schlafen sind Verwirklichungen unseres wahren Wesens. Was sollten wir dem noch hinzufügen? Nichts wird verheimlicht oder zurückgehalten. Alles liegt offen vor uns.

Diop: Aber was ist, wenn mir das nicht gelingt?

WW: Dann sollten wir bedenken, dass wir selbst die Barriere sind, die uns daran hindert. Wir selbst sind Hindernis und Freiheit zugleich. Unsere Wesensnatur tritt zutage in der Dynamik des Lebens. Hinwegfegen und nicht hinwegfegen, richtig und falsch, Sein und Nicht-Sein sind die zwei Seiten der einen Wesensnatur. Wenn wir beide Seiten kennen wollen, müssen wir dahin gehen, wo die zwei EINS sind.

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