Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 63


Ur-Wirklichkeit

WW: Joshu fragte einmal Tosu: „Was ist, wenn einer, der den großen Tod gestorben ist, wieder zum Leben kommt?“ Tosu sagte: „Ich billige keine Nachtwanderung. Komm bei Tageslicht!“

Diop: Wer ist dieser Tosu?

WW: Es handelt sich hier um Tosu Daido Zenji, der ein Schüler von Suibi Mugaku war. Suibi wiederum war Schüler von Tanka Ten’nen, der seinerseits Nachfolger von Sekito Kisen war. Der zwanzigjährige Tosu konnte der großen Verfolgung des Buddhismus entkommen, in der viele Tempel zerstört wurden und die Mönche gezwungen wurden, ihre Klöster zu verlassen. Er versteckte sich in den Bergen, stellte Öl her und verkaufte es.

Diop: Wie kam es, dass sich die beiden trafen?

WW: Joshu, schon beinahe hundertjährig, wanderte durch die Gegend und erkannte den etwa sechzigjährigen Meister Tosu. Er sagte, dass er von Tosu zwar schon oft gehört habe, aber jetzt sehe er nur einen alten Mann, der Öl verkauft. Tosu erwiderte: „Ihr seht also nur den Ölverkäufer und kennt nicht Tosu?“ Joshu fragte: „Was ist Tosu?“ Tosu erwiderte: „Öl, Öl, wer braucht Öl!“

Diop: Die beiden kamen also ins Gespräch und Joshu fragt Tosu: „Was ist, wenn einer, der den großen Tod gestorben ist, wieder zum Leben kommt?“

WW: Ja. Joshu fragt Tosu, wie er mit einem Menschen umgeht, der den Ich-Tod, den mystischen Tod gestorben ist und alle Gegensätze überwunden hat. Wie behandelst du mich, der den Großen Tod gestorben ist und wieder zum Leben erwacht ist?

Diop: Joshu prüft also Tosu?

WW: Ja. Es ist die alles entscheidende Frage nach Leben und Tod, die am Ende eines jeden Tages bei einem Sesshin rezitiert wird. „Schwerwiegend ist die Frage nach Leben und Tod.“

Diop: Kann diese Frage jemals gelöst werden?

WW: Was ist Leben, was ist Tod? Kann etwas sterben, das nie geboren wurde? Wenn wir den Tod auf der phänomenalen Ebene betrachten, ist er einfach nur schrecklich. Gerade zu diesem Zeitpunkt bin ich sehr betroffen, weil ein guter Freund vor drei Wochen erfahren hat, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat.

Diop: Und wie geht er damit um?

WW: Er verdrängt es. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf, ein Fußballspiel dauert neunzig Minuten“ hat er zu mir gesagt.

Diop: Ich glaube, er klammert sich einfach nur an das Leben.

WW: Das ist richtig. Er akzeptiert das Unausweichliche nicht. Er will nicht wahrhaben, dass dieses Leben endlich ist, auch sein Leben.

Diop: Ist das nicht ganz natürlich?

WW: In den meisten Fällen ist es sicher so, dass wir uns mit dieser Problematik nicht auseinandersetzen wollen. Die meisten Menschen leben so, als würden sie ewig leben. Sie stürzen sich in viele Aktivitäten und sind eigentlich ein Leben lang auf der Flucht vor sich selbst. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Der Schock vor dem Unausweichlichen wird sehr groß sein.

Diop: Aber wird das Leben nicht unendlich traurig, wenn ich mich mit dieser Problematik ständig auseinandersetze?

WW: Nein, ganz und gar nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Unser Leben wird sehr lebendig werden, wenn ich diesen Gesichtspunkt nicht aus den Augen verliere. Man wird dieses Leben sehr viel mehr genießen können und jeder einzelne Augenblick wird sehr kostbar sein. Der Geschmack der Zahnpasta am Morgen wird eine ganz neue Qualität bekommen, das Anziehen, die Arbeit. Ich war vor zwei Tagen in der Intensivstation, um meine Schwägerin zu besuchen. Sie kam wegen einer routinemäßigen Darmoperation ins Krankenhaus. Im Stadium des Aufwachens nach der Narkose verdrehte sie plötzlich die Augen. Sie erlitt einen Gehirnschlag und wurde sofort wieder in Narkose versetzt. Als ich sie zusammen mit meiner Frau besuchte, war sie an vielen Computern angeschlossen. Plötzlich spielten die Computer verrückt und die Ärzte liefen herbei. Sie veranlassten uns, den Raum zu verlassen, weil sie einen Herzstillstand hatte. Wenn man so etwas erlebt, wird einem bewusst, wie verletzlich dieses Leben ist und wie nahe uns der Tod in Wirklichkeit ist. Plötzlich spürt man wieder die kühle Nachtluft und freut sich, das ganz zu erleben. Viele eigene Probleme werden plötzlich ganz klein, man wird mit einem Schlag wieder wesentlich. Das ist es, was ich meine.

Diop: Sie wollen damit sagen, das Leben bekommt eine neue Qualität?

WW: Ja. Aber es gibt noch einen anderen Tod.

Diop: Welchen Tod meinen Sie?

WW: Ich spreche vom Ich-Tod oder dem mystischen Tod, wie er oft genannt wird. Es ist dies ein Tod, in dem alle Konzepte und Meinungen, unser ganzes Ich-System zusammenbricht und nur noch das Wesentliche übrig bleibt. Alle gedanklichen Konstruktionen sind verschwunden und die Wesenswelt kann in wunderbarer Weise aufscheinen. In dieser Wesenswelt sind alle Fragen gelöst und damit auch das Verhältnis von Leben und Tod.

Diop: Wenn ich Sie richtig verstehe, stellt sich diese Frage nur auf der phänomenalen Ebene, nicht aber in der Wesenswelt.

WW: Ja. Der Mensch erhebt sich gleichsam wie ein Adler in die Lüfte, majestätisch und ruhig.

Diop: Tosu erwiderte: „Ich billige keine Nachtwanderung. Komm bei Tageslicht!“ Was bedeutet das?

WW: Er will sagen: Hör auf mit dem Gerede und trink lieber einen Schluck. „Komm wieder bei Tageslicht“ meint, sei einfach da, wo du bist und hör auf, von Erleuchtung oder dem Großen Tod zu sprechen. Verwirkliche die beiden Seiten von Form und Leere in diesem Trinken und in diesem Essen. Nur in diesem Augenblick verwirklicht sich DAS, alles andere ist Unsinn.

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