Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 62


Ohne Bewusstsein

WW: Beiko schickte einmal einen Mönch zu Kyozan, um zu fragen: „Machen Zenschüler heutzutage die Erfahrung der Erleuchtung oder nicht?“ Kyozan antwortete: „Es ist nicht so, dass es keine Erleuchtung gäbe, doch ist es fast immer im zweiten Prinzip.“ Der Mönch kehrte zu Beiko zurück und berichtete ihm davon. Beiko stimmte lebhaft zu.

Diop: Ist das der gleiche Kyozan, der uns schon im fünfzehnten, sechsundzwanzigsten und zweiunddreißigsten Beispiel begegnet ist?

WW: Ja. Und er wird uns nochmals im siebenundsiebzigsten Koan begegnen. Sie erinnern sich, als er sich im Alter von siebzehn Jahren zwei Finger abschnitt, um den sich sträubenden Eltern klarzumachen, dass er fest entschlossen sei, Mönch zu werden.

Diop: Ja. Beiko schickte also einen Mönch zu Kyozan, um zu fragen: „Machen Zenschüler heutzutage die Erfahrung der Erleuchtung oder nicht?“

WW: Ja.

Diop: Was ist eigentlich Erleuchtung? Wie sehen Sie das?

WW: Erleuchtung hat natürlich nichts mit einer optischen Lichterfahrung zu tun. Da Erleuchtung aber oft als Lichterfahrung missverstanden wird und Lichterfahrungen oft für Erleuchtung gehalten werden, ziehe ich die Umschreibung „Erwachen“ vor. Bei der erfahrenen Leerheit handelt es sich um das Unendliche jenseits von Sein und Nicht-Sein, das nicht mehr mit Worten gefasst werden kann. Diese Leere ist aber kein Objekt, das von einem Subjekt erfahren wird, das Subjekt zerfließt gleichsam in dieser Leere, ähnlich einem einzelnen Wassertropfen, der ins Meer fällt.

Diop: Gibt es dabei auch verschiedene Grade der Erfahrung?

WW: Natürlich. Das lässt sich auch bei Meistern dieser Zeit beobachten. Vergleicht man den Vorgang mit dem Durchbruch durch eine Wand, so kann die Erfahrung zwischen einem winzigen Loch und dem völligen Durchbrechen dieser Wand und allen Graden dazwischen schwanken. Die Unterschiede an Klarheit und Genauigkeit der Sicht sind wirklich enorm, auch wenn in beiden Fällen die gleiche Welt geschaut wird. Dieses Beispiel macht zwar die Unterschiede deutlich, es hinkt jedoch insofern, als es die Welt der Erleuchtung wie ein Objekt erscheinen lässt, das man selbst als Subjekt wahrnimmt. Weiterhin erweckt es den irrigen Eindruck, als sei die Welt der Erleuchtung, der Leere, des Absoluten und die Welt der Phänomene verschiedene Welten. Das aber ist nicht der Fall. Bei einer tiefen Erfahrung wird klar, dass Leere und Phänomene, Absolutes und Relatives, völlig eins sind. Das Erleben der Ur-Wirklichkeit ist ein Erleben dieses Einsseins, ein Zusammenfallen beider Welten. Durch tiefe Erleuchtung wird das Ego zunichte und stirbt.

Diop: Deshalb heißt es auch im Zen: „Du musst auf dem Kissen sterben“.

WW: Ja. Die Folge dieses Sterbens, des „Großen Todes“ ist das „Große Leben“, das Leben in absoluter Freiheit und Frieden.

Diop: Oft werden aber im Zen auch die Worte „Kensho“ und „Satori“ verwendet.

WW: Das ist richtig. Kensho, im Japanischen wörtlich übersetzt mit „Wesensschau“, ist im Zen Ausdruck für die Erfahrung des Erwachens. Da es sich dabei um die „Schau ins eigene Wahre-Wesen“ handelt, wird Kensho im Allgemeinen mit „Selbst-Wesensschau“ übersetzt. Diese Erfahrung beinhaltet keine Dualität mehr von Schauendem und Geschautem. Kensho hat im Grunde die gleiche Bedeutung wie Satori, und beide Begriffe werden oft synonym gebraucht. Es ist jedoch üblich, das Wort Satori zu verwenden, wenn man von der Erleuchtung des Buddha und der Zen-Patriarchen spricht, während man bei einer anfänglichen Erleuchtungserfahrung, die noch besonders der Vertiefung bedarf, eher von einem Kensho spricht. Das Wort Satori bedeutet soviel wie „erkennen“, ist aber natürlich kein Erkennen im gewöhnlichen oder philosophischen Sinn.
Aber zurück zum Koan: Dogen schildert im ersten Band seines „Shobozenzo“ im neunten Kapitel dieses Koan folgendermaßen:
Der Priester Meiu von Kyocho sandte einen Mönch zu Gyozan, um ihn folgendes zu fragen: „Benötigen die Menschen in der heutigen Zeit die Erleuchtung?“ Gyozan erwiderte: „Die Erleuchtung existiert, aber sie ist leider leicht falsch zu verstehen.“ Der Mönch kehrte zu Meiu zurück und legte Gyozans Antwort seinem Meister vor. „Was für eine wunderbare Antwort! Nur ein sehr großer Zen-Meister kann so eine Antwort geben.“ Meiu pries Gyozan sehr.

Diop: Was bedeuten die Worte „die Menschen in der heutigen Zeit“?

WW: Dogen selbst gibt uns die Antwort darauf. „Die Menschen in der heutigen Zeit“ bedeutet ewige Gegenwart. Tausende von Jahren existieren in der Gegenwart, und unser gegenwärtiges Leben ist der Brennpunkt unseres Studiums. Das Verständnis muss durch Körper und Geist erreicht werden und darf sich nicht auf die Interpretationen anderer stützen. Wir müssen über die Tatsache nachdenken, dass alle Dinge in unserem ursprünglichen Selbst enthalten sind. Mit klarem Geist müssen wir dieses Prinzip suchen.“

Diop: Aber was will Kyozan damit ausdrücken, wenn er sagt: „Es ist nicht so, dass es keine Erleuchtung gäbe, doch ist es fast immer im zweiten Prinzip?“ Für mich klingt das nach etwas, das weniger wert wäre.

WW: Im Zen gibt es natürlich kein erstes und kein zweites Prinzip. Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, dass Kyozan damit ironisch zum Ausdruck bringen will: „Die Erleuchtung ist auch nicht mehr das, was sie einmal war, sie ist leider leicht falsch zu verstehen“. Mit anderen Worten: Wie solltest du je etwas erlangen können, was du schon hast? Wie solltest du je etwas erreichen können, was du in deinem tiefsten Inneren schon bist? Was uns die Sicht nimmt, sind unsere falschen Anschauungen einer getrennt für sich lebenden Existenz. Deshalb heißt es im Vers zu diesem Koan: „Weisheit kann dich schwerlich lehren, wie du in deine eigene Mitte kommst.“ Das bedeutet: Wir sind die Weisheit. Was wir schon haben, können wir nicht mehr bekommen. Deshalb sagt Zen: „Es gibt nichts zu erreichen.“ Wir tragen den Schatz ständig mit uns herum, den wir suchen. Vollendung lässt sich nicht erschöpfen, sie ist wie ein Fass ohne Boden, eine Schatzkiste ohne Boden. „Doch ist es fast immer im zweiten Prinzip“ bedeutet aber auch, wenn man tiefer schürft: Im Grunde können wir immer nur im Rückblick schauen und die Erfahrung benennen. Wer aber lebt im Jetzt, in diesem nicht benennbaren Raum?

Diop: Trotzdem wird Vollendung immer eine ganz besondere Erfahrung für uns sein.

WW: Ja natürlich. Es bedeutet, dass der Traum des Lebens mit seinen vermeintlichen Eckpunkten Geburt und Tod zu Ende ist. Wir wachen auf und befinden uns augenblicklich in der wahren Realität, in einer Welt voller Wunder. Wir erkennen in diesem Zustand den großen Traum, den wir geträumt haben und er wird uns als Traum bewusst.

Diop: Trotzdem schmücken sich viele mit dem Attribut: „Ich habe die Erleuchtung erfahren“.

WW: Im Grunde haben diese Menschen oft nur eine sehr oberflächliche Erfahrung gemacht. Sie glauben dann, Zen weitergeben zu können und führen die Menschen dabei oft nur in die Irre. Wer sagt, ich bin erleuchtet, ist es nicht. Nur ein Ich kann das sagen. Aber selbst bei einem authentischen Lehrer können wir uns nicht auf das Erkennen anderer stützen, wir müssen es selbst erfahren und zwar so klar, dass keine Täuschung mehr möglich ist. Dazu gehört nicht eine Erfahrung, sondern viele Erfahrungen, von denen uns jede einzelne immer tiefer in das Verständnis unseres wahren Wesens führt. Der Vers zum Koan nimmt darauf Bezug: „Die zweite unterscheidende Erleuchtung löst die Täuschung auf: Schnell solltest du deine Hand befreien und Netz und Falle aufgeben.“

Diop: Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Netz“ und „Falle“?

WW: Netz und Falle sind Ursache und Wirkung. Wir dürfen nicht an ihnen hängen bleiben, wir müssen uns daraus lösen. Dazu gehört auch Zen, Meditation oder Spiritualität. Dies alles sind letztlich auch nur Konzepte, an denen wir uns festmachen. Dann zerfließt beides und jegliche Kausalität verschwindet.

Diop: Ist es nicht schwierig, sich aus diesem Netz zu befreien?

WW: Nein, denn das Netz hat viele Löcher.

Diop: Wer kann mich dann lehren, wie ich in meine eigene Mitte komme?

WW: Niemand, denn wir leben in dieser Mitte und aus dieser Mitte heraus. Weisheit ist nicht abhängig von Objekten oder Umständen, von uns oder unserem Lehrer, sie existiert überall und ewig. Weisheit ist die wahre Natur der Erleuchtung, sie befasst sich nicht mit vorher und nachher, gut und böse, positiv oder negativ.

Diop: Sie meinen: Im Zen geht es nur darum, unsere wahre Natur zu entdecken und zur ewigen Existenz zurückzukehren?

WW: Ja. Indem wir die Unterscheidung der Gegensätze transzendieren, entdecken wir unsere wahre Realität. Eine Blume drückt diese Realität aus, ohne dass sie sich selbst als solche benennt. Sie hat keine Funktion mehr, sie ist einfach nur da. Sie hat ihre eigene Weisheit und ist nie getrennt von uns. Sie erblüht vor unseren Augen, der Wind wiegt sie sacht, sie verblüht und verwelkt. Wir sollten sein wie eine Blume.

©PranaHaus GmbH

Persönlichen Newsletter bestellen und die nächste Bestellung portofrei erhalten.

Kundenservice: +49 (0)761 / 55 75 81 20 – Montag bis Freitag von 8:00 bis 18:00 Uhr


Bestellannahme: 0180 / 500 15 17* – Montag bis Samstag von 7:00 bis 23:00 Uhr

(*€ 0,14/Min. a.d. Festnetz, max. € 0,42/Min. a.d. Mobilfunk.)

PranaHaus-Katalog

PranaHaus-Katalog

Entdecken Sie den neuen PranaHaus-Katalog. Den Katalog können Sie kostenfrei und unkompliziert online anfordern.

Jetzt Katalog anfordern

Folgen Sie unseren Social-Media-Kanälen

Der Online-Shop von PranaHaus wird betrieben durch: PranaHaus GmbH, Wöhlerstraße 1, D-79108 Freiburg
© pranahaus.de | Impressum | Datenschutz | AGB | Verbraucherinformation | Sitemap
*Es gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der PranaHaus GmbH nebst Widerrufsbelehrung sowie die Verbraucherinformationen und Datenschutzhinweise. Abgabe erfolgt nur in haushaltsüblichen Mengen, ausschließlich über den Versandhandel und solange der Vorrat reicht. Für den Anspruch auf den Vorteil entspricht hierbei der Mindestbestellwert i.H.v. € 30,- dem Mindestkaufwert. Eine Barauszahlung ist nicht möglich. Vorteile sind nicht mit anderen kombinierbar und nicht auf andere übertragbar. Die Geschenk-, Rabatt- und Gutscheinaktionen gelten zudem nicht für preisgebundene Artikel, nicht für Artikel von Aura-Soma®, nicht für Artikel aus unserem E-Book-Shop und nicht für Online-Kurse. Bei Portofrei-Aktionen gilt: ausgenommen Speditionsaufschlag; nur für Lieferungen innerhalb Deutschlands. Ein Geschenk können Sie auch dann behalten, wenn Sie von Ihrem Rückgaberecht Gebrauch machen. Ersatzlieferung vorbehalten.