Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 6


Nichtwissende Gefühle

WW: Ein Mönch fragte einmal Großmeister Ba: „Weg von den Vier Grundsätzen, jenseits der Hundert Verneinungen, zeigt mir unmittelbar den Sinn von Bodhidharmas Kommen aus dem Westen.“

Diop: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber wer ist gemeint mit diesem Großmeister Ba?

WW: Es handelt sich dabei um Baso, der von 709 bis 788 gelebt hat. Baso war der Nachfolger von Nangaku, der wiederum Schüler des berühmten sechsten Patriarchen Eno war.

Diop: Gibt es auch überlieferte Gespräche zwischen Nangaku und seinem Schüler Baso?

WW: Ja. Baso fragte einmal seinen Lehrer Nangaku: „Ist es möglich, Buddha zu werden, indem man Zazen übt?“ Nangaku antwortete nicht. Baso übte tagtäglich stundenlang Zazen. Eines Tages nahm Nangaku zwei Ziegel, setzte sich neben seinen Schüler und begann, die Ziegel zu polieren. Baso wurde unruhig und fragte: „Was macht Ihr, Meister?“ Nangaku antwortete: „Ich stelle einen Spiegel her.“ Baso war erstaunt. „Ist es möglich, einen Spiegel herzustellen, indem man einen Ziegel poliert?“ Nangaku antwortete: „Ist es möglich, Buddha zu werden, indem man Zazen übt?“ Baso fragte: „Was soll ich dann tun?“ Nangaku erwiderte: „Wenn Ihr einen Karren führt, und er bewegt sich nicht, würdet Ihr dann den Karren peitschen oder den Ochsen?“ Baso gab keine Antwort. Nangaku fuhr fort: „Übt Ihr Euch im Sitzen mit gekreuzten Beinen, um volle Konzentration zu erlangen oder um ein erleuchteter Buddha zu werden? Ist es volle Konzentration, die Ihr anstrebt, so lasst Euch sagen: solche Konzentration besteht weder im Sitzen noch im Liegen. Wenn ihr erleuchtetes Buddhasein anstrebt, so lasst Euch gesagt sein, dass Buddha keine bestimmten Formen hat. Und da er nirgends festgelegt ist, kann ihn auch niemand erfassen oder fahrenlassen. Wenn Ihr nun durch Euer Sitzen mit gekreuzten Beinen ein Buddha werden wollt, dann tötet ihr ihn. Solange Ihr Euch nicht von diesem Sitzen befreit, werdet Ihr die Ur-Wahrheit nicht erreichen.“

Diop: Aber spricht das nicht eigentlich gegen Zen?

WW: Nangaku will Baso klarmachen, dass es nichts hilft, sich an Buddha oder sonst eine Idee der buddhistischen Lehre zu hängen, um es zu verwirklichen. Nangaku zieht seinem Schüler gleichsam den Boden unter den Füßen weg. Heilige Schriften, das Suchen und das Fragen können das Unmittelbarste nicht zeigen. Aus diesem Grund sagt Meister Ummon ganz drastisch: „Ich kann doch nichts anderes als fressen, scheißen und pissen.“ Ein anderer großer Zen-Meister wurde einmal gefragt: „Macht Ihr ständig Anstrengungen, Euch in der Wahrheit zu üben? „Ja, das tue ich“, entgegnete der Meister. „Wie übt ihr selbst“, fragte der Mönch weiter. „Wenn ich hungrig bin, esse ich, wenn ich müde bin, schlafe ich.“ „Aber das tut doch jeder. Kann man da von jedem sagen, dass er übt wie Ihr?“, fragte der Mönch. „Nein“, erwiderte der Meister. „Warum nicht?“, fragte der Mönch weiter. „Weil die anderen, wenn sie essen, nicht essen, sondern über die verschiedensten anderen Dinge nachdenken und sich dadurch stören lassen. Darum sind sie nicht wie ich und üben sich nicht in der rechten Weise.“

Diop: Gibt es auch Beispiele dafür, wie Baso später seine Schüler unterrichtet hat?

WW: Ja. Ein Mönch, der sich vom Meister Baso verabschiedete, wurde von diesem gefragt, wohin er ginge. „Ich habe die Absicht, alle Plätze zu besuchen, an denen die fünf Arten von Zen gelehrt werden“, antwortete er. „Ach ja“, rief Baso aus, „andere Plätze mögen fünf Arten haben, hier besitzen wir nur die eine.“Als aber der Mönch nach dieser fragte, bekam er plötzlich einen heftigen Schlag. „Ich sehe, ich sehe“, rief er erregt. „Sprich, sprich“, schrie Baso ihn an. Als sich aber der Mönch anschickte, weiteres zu sagen, bekam er im gleichen Augenblick einen zweiten Schlag. Später kam dieser Mönch zum Kloster Huang-po’s. Als Huang-po ihn fragte, woher er käme, erklärte er, dass er vor kurzem Baso verlassen habe. „Und welche Unterweisung erhieltest du von ihm?“, fragte der Meister, worauf er das Vorgefallene erfuhr. Bei der nächsten Versammlung nahm unser Meister diese Anekdote zum Inhalt seiner Unterweisung und sprach: „Meister Ba überragt tatsächlich die vierundachtzig Erleuchteten. Die Fragen, die die Menschen stellen, sind alle nicht besser als der stinkende Mist, der auf dem Boden herumliegt. Nur Baso ist etwas wert.“

Diop: Gibt es noch weitere Beispiele?

WW: Als ein Mönch einmal Glyzinien schnitt, fragte er seinen Meister Baso: „Was ist der Sinn von des Patriarchen Kommen aus dem Westen?“ Ma-tsu erwiderte: „Komm näher, und ich werde es dir sagen.“ Als der Mönch näherkam, versetzte der Meister ihm einen Tritt, der ihn umwarf. Dieser Fall öffnete urplötzlich seinen Geist, und er stand auf und lachte ein großes Lachen, als sei etwas langes und heiß Ersehntes ganz überraschend eingetreten. Der Meister fragte: „Was bedeutet dies alles nun?“ Shui-lao rief aus: „Zahllos fürwahr sind die Wahrheiten, welche die Buddhas lehrten, und alle diese Wahrheiten, bis hinunter zu ihrem Ursprung, nehme ich nun an der Spitze eines einzigen Haares wahr.“ Als der Mönch später über sein Zen-Begreifen befragt wurde, sagt er: „Seit dem herzhaften Tritt des Meisters kann ich nicht mehr aufhören zu lachen.“
Und vielleicht noch ein drittes Beispiel, das die Art des Lehrens von Baso zeigt: Als einmal ein sehr kräftiger, athletischer Mönch zu Baso kam, bemerkte dieser: „Welch ein prachtvoller Körperbau, und kein Buddha darin.“ Der Mönch verneigte sich und sagte: „In der Literatur des Dreifachen Fahrzeugs kenne ich mich bestens aus, doch habe ich die Zen-Lehre noch nicht verstehen können, die da sagt, dass mein Geist der Buddha ist.“ Der Meister sagte: „Der Geist, der nicht versteht, ist der Buddha; da ist nur ein Geist.“ Der Mönch fragte weiter: „Der Erste Patriarch soll eine geheime Botschaft aus Indien mitgebracht haben. Wie lautete sie?“ Baso sagte: „Mönch, ich habe eben gerade viel zu tun; komm ein andermal wieder.“ Der Mönch war schon an der Tür, als der Meister rief: „Mönch!“ Der Mönch wandte sich um. „Wie lautet sie?“ fragte der Meister. Dies erweckte den Geist des Mönches zum vollen Begreifen des Zen, und er warf sich nieder.
Der Meister sagte: „So ein törichter Kerl! Was wirft er sich da nieder?“ Zu diesem Baso kommt also ein Mönch und fragt ihn: „Weg von den Vier Grundsätzen, jenseits der Hundert Verneinungen, zeigt mir unmittelbar den Sinn von Bodhidharmas Kommen aus dem Westen!“

Diop: Was bedeutet „Weg von den Vier Grundsätzen, jenseits der Hundert Verneinungen“?

WW: Er meint damit ein Freisein von allen Theorien, Gedanken, Konzepten und logischen Aussageformen. Der Mönch fragt nach dem Wesen des Zen, der Ur-Wirklichkeit, also nach dem, was sich nicht mehr in Worte fassen lässt. Der Mönch sucht nach einer Antwort, die jenseits ist von abstrakten oder spekulativen Formulierungen.

Diop: Und was antwortete Großmeister Ba?

WW: Meister Ba sagte: „Heute bin ich müde; ich kann es dir nicht erklären. Geh und frage Chizo!“ Er ist einfach müde und schickt ihn zu Chizo. Die meisten Menschen versuchen, über ihren Intellekt den Dingen auf den Grund zu kommen, also in Begriffen, um einem Verständnis des Zen näher zu kommen. Meister Ba erfindet hier jedoch nicht irgendeine Ausrede, um ihn loszuwerden. Er gibt ihm die vollkommene Antwort auf seine Frage nach dem Wesen des Zen und demonstriert auf seine vollkommene Weise die Ur-Wirklichkeit. Doch der Mönch hat es nicht begriffen oder vielleicht doch? Auf jeden Fall geht er zu Chizo und stellt ihm die gleiche Frage. m Alltag, in jedem Augenblick, mit jedem Atemzug. Wo sollten wir es sonst tun?

Diop: Und was antwortet Chizo auf die Frage?

WW: Chizo sagt: „Warum fragst du nicht unseren Meister?“ Der Mönch sagte: „Er sagte, ich solle dich fragen.“ Chizo sagte: „Heute habe ich Kopfschmerzen; ich kann es dir nicht erklären. Geh und frage Bruder Kai!“ Auch hier sehen Sie den Zustand des momentanen Augenblicks. Die wahre Wirklichkeit zeigte sich eben bei Chizo gerade in diesem Kopfschmerz.

Diop: Der Mönch muss sich langsam veralbert vorkommen.

WW: Aber er ließ nicht locker und fragt Bruder Kai.

Diop: Wer ist mit diesem Kai gemeint?

WW: Kai ist Hyakujo.

Diop: Und was sagte Kai?

WW: Kai sagte: „Was das angeht, davon habe ich keine Ahnung.“

Diop: Aber das ist doch jetzt wirklich nur eine Ausrede.

WW: Nein, ganz sicher nicht. Auch diese Antwort zeigt das wahre Wesen des Zen in wunderbarer Weise. „Davon habe ich keine Ahnung“ heißt nichts anderes, als „Ich weiß es nicht, ich kann es dir nicht sagen, darüber lässt sich nichts sagen, es entzieht sich jedem Wort.“ Hyakujo hat nicht mehr den leisesten Zengestank an sich. Er ist längst darüber hinaus, diese Wirklichkeit erklären zu wollen. Diese Antwort zeigt gleichsam ein Lehren ohne zu lehren.

Diop: Wie geht das Koan weiter?

WW: Nun, der Mönch erzählte Großmeister Ba davon. Meister Ba sagte: „Chizos Kopf ist weiß, Kais Kopf ist schwarz.“

Diop: Das verstehe ich nicht. Warum ist der eine Kopf weiß und der andere schwarz?

WW: Weiß und schwarz hat nichts mit Farbe zu tun, sondern mit der unterschiedlichen Präsentation dieser einen Wirklichkeit. In dem einen Fall präsentiert sich diese Ur-Wirklichkeit als Müdigkeit, im anderen Fall als Kopfschmerz und im dritten Fall als Nicht-Wissen. „Chizos Kopf ist weiß, Kais Kopf ist schwarz“ hat nichts mit der Haarfarbe zu tun. Das wäre nur intellektuelles Gerede. „Chizos Kopf ist weiß, Kais Kopf ist schwarz“ ist einfach nur „Chizos Kopf ist weiß, Kais Kopf ist schwarz“, nichts weiter. Es gibt eben verschiedene Integrationsmöglichkeiten von Form und Leere. Beide wissen es. Der eine ist müde und gähnt, der andere hat Kopfschmerzen und greift sich an den Kopf, der dritte kann es nicht sagen. Müdigkeit, Schmerz und Nichtwissen sind leer. Da ist nur dies. Dieses aber kann nicht erklärt werden, es muss erfahren werden.

Diop: Sie wollen damit sagen, jeder gibt dem Mönch die perfekte Antwort auf seine Frage?

WW: Ja. Aber die wahre Wirklichkeit offenbart sich nicht in den Worten, die gesprochen werden, sondern in der unmittelbaren Müdigkeit, dem unmittelbaren Kopfschmerz und dem unmittelbaren Nicht-Wissen. Die Essenz der Ersten Wirklichkeit nimmt Gestalt an im Kopfschmerz, in der Müdigkeit und im Nicht-Wissen, ist stets anwesend und präsent.

Diop: Wollen Sie damit ausdrücken, dass das, was ich eigentlich suche, die Müdigkeit oder der Kopfschmerz ist?

WW: Das klingt ziemlich überspitzt, ist aber so. Natürlich suche ich nicht die Müdigkeit oder den Schmerz, aber genau darin offenbart es sich. Würde ich die Müdigkeit oder den Schmerz in mir nicht ständig benennen und beurteilen, wäre da einfach nur der Schmerz oder die Müdigkeit.

Diop: Sie meinen, der Schmerz ist nur Schmerz und Müdigkeit nur Müdigkeit, weil ich es so benenne?

WW: Ja. So ist es.

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