Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 59


Nicht zu verhindern

WW: Ein Mönch fragte den Seirin: „Was ist, wenn ein Schüler den Weg geht?“ „Auf dem Weg liegt eine giftige Schlange, und ich rate ihm, nicht draufzutreten“, antwortete Seirin.

Diop: Was meint Seirin mit der giftigen Schlange?

WW: Die „giftige Schlange“ ist hier ein Symbol für unsere Wesensnatur. Sie kennen das Symbol der Schlange vielleicht aus dem Hinduismus. Da gibt es den Begriff „Kundalini“, im Sanskrit übersetzt mit „Schlange“ oder „Schlangenkraft“. Es bezeichnet eine uns innewohnende spirituelle Kraft, die schlafend aufgerollt in jedem Menschen ruht.

Diop: Was antwortete der Mönch daraufhin?

WW: Der Mönch fragte weiter: „Was passiert, wenn er drauftritt?“ Was passiert, wenn wir unsere Wesensnatur erfahren, will der Mönch wissen.

Diop: Und die Antwort des Meisters?

WW: „Dann muss er um sein Leben trauern“, antwortete Seirin.

Diop: Was bedeutet das?

WW: In den verschiedenen Evangelien aus der Bibel gibt es ähnliche Stellen. So sagt Jesus im Markus-Evangelium: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sein Leben verliert, wird es retten.“ Und bei Matthäus lesen wir: „Wer sein Leben findet, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“

Diop: Von welchem Leben ist hier die Rede?

WW: Wer seine Wesensnatur finden und erfahren will, muss sein Leben, d.h. sein Ich verlieren. Ohne dass wir unser Ich und alle unsere Vorstellungen loslassen, wird dies nicht möglich sein. Wir können nicht das Spiegelbild verändern, ohne unser Gesicht zu ändern.

Diop: Sie meinen, die Welt, wie sie erscheint, ist nur ein Spiegelbild von uns?

WW: Ja, deshalb brauchen wir auch nicht nach Fehlern in diesem Spiegelbild zu suchen. Die leere Leinwand zu kritisieren, ist unnütz.

Diop: Sie sprechen von einem Film dieses Lebens?

WW: Ja. Der Film, den wir erleben, ist ein Film der Gefühle und Vorstellungen, der Ablehnung und der Anziehung, der Wertmaßstäbe und Normen, mit einem Wort: Ein mentaler Film. Unser wirkliches Zuhause aber ist jenseits davon, ist im Nichts, in der Leere, die alles beinhaltet. Dazu müssen wir über unser Ich hinausgehen. Im Zen geht es immer darum, dieses falsche Bild von uns loszulassen. Wir sollten uns von dem Bild nicht täuschen lassen, dass wir für unser wahres Selbst halten. Unsere Wesensnatur liegt unter dem Ego begraben.

Diop: Und wie kommt sie dahin?

WW: Wir selbst haben sie begraben mit Verstand und Wille. Das, was sich in uns bewegt, ist unser Denken. Die Ur-Wirklichkeit aber ist jenseits davon.

Diop: Wie können wir dahin gelangen?

WW: Wenn wir eine Suppe kochen, muss sie eine gewisse Zeit auf der Herdplatte stehen, bevor sie fertig ist. Wenn wir wissen wollen, was hinter dem Denken liegt, müssen wir dieses Denken so lange beobachten, bis es zu Ende gekommen ist und sich erschöpft hat. Dieser Reifungsprozess braucht seine Zeit, die Frucht aber fällt dann ganz plötzlich.

Diop: Sie meinen, um das wahre Leben zu gewinnen, müssen wir das falsche Leben verlieren?

WW: Ja. Wer den Sprung in das „Große Leben“ getan hat, wird den „Großen Tod schätzen lernen, und alles davor wird ihm wie ein Traum erscheinen.

Diop: Ist der Mönch nun zufrieden mit dieser Antwort?

WW: Nein. Er fragt weiter: „Was ist, wenn er nicht drauftritt?“

Diop: Er will wissen, was ist, wenn der Mensch die Erfahrung der Wesensnatur nicht gemacht hat?

WW: Ja.

Diop: Und wie antwortet der Meister?

WW: „Nun, das lässt sich gar nicht vermeiden“, antwortete Seirin. Das bedeutet, ES lässt sich nicht vermeiden, denn wir treten ständig drauf und bewegen uns darin. Es gibt nichts außerhalb dieser Wesensnatur, ob der Mensch sie erfährt und wahrnimmt oder nicht, denn sie offenbart sich in allem und nichts davon ist getrennt von ihr oder ausgeschlossen. Sie ist unabhängig, ungeteilt, nicht aus Einzelheiten zusammengesetzt und ohne Ursache. Zeitlos im ewigen Jetzt erscheint sie in diesem Augenblick, in diesem Atemzug, in dieser Blume, in diesem Stein, in diesem Mensch, in diesem Universum, in diesem Augenblick. Darauftreten bedeutet alle Erscheinungsformen dieser Welt. Darauftreten ist Gehen, Sitzen, Liegen. Nicht-Darauftreten ist Gehen, Sitzen, Liegen. Deshalb ist Darauftreten ein Nicht-Darauftreten und Nicht-Darauftreten ein Darauftreten. „Was passiert in jenem Augenblick?“ fragte der Mönch. „Sie verschwindet vollkommen“, sagte Seirin.

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Alles in dieser Erfahrung ist Eins geworden. Wir sind vollkommen zu diesem Einen geworden, sind vollkommen darin verschwunden, haben uns darin aufgelöst. Dieses vollkommene Verschwinden wird im Zen „sterben“ genannt oder „Großer Tod“. Jedes Gegenüber ist verschwunden.

Diop: Aber wenn nichts mehr da ist, ist das noch ein lebenswertes Leben?

WW: Unsere Vorstellung kann sich davon kein Bild machen, auch nicht annähernd. Plötzlich befinden wir uns im wirklichen Leben, in einem reinen, durch nichts getrübten klaren Sein. Da ist nur Essen, Aufstehen, der Anblick eines Baumes oder die Hupe eines Autos. Subjekt und Objekt sind vollkommen verschwunden.
In dieser Wesensnatur existiert das Nicht-Zwei, d.h. keine Dualität, sondern nur eins. So wie ein Loch in einem Blatt Papier gleichzeitig im Papier ist und doch nicht aus Papier, so sind wir Form und Nicht-Form, Materie und Geist gleichzeitig. Als Meister Rinzai einmal seinen Tee austrank, hielt er die Tasse hoch und sagte: „Die Erleuchteten aller Zeiten hören jetzt auf, der Lehre zuzuhören und verschwinden durch den Tassenboden hindurch. Seht ihr sie? Seht ihr sie? Wenn ihr das nicht begreift, dann sucht mal in einem Lexikon!“ Und Bodhidharma sagt: „Demjenigen, der den Weg sucht, wird sich dieser erst zeigen, wenn sein Körper verschwindet. Sobald der gewöhnliche menschliche Geist aktiv ist, verschwindet der Buddha-Zustand. Doch sobald der gewöhnliche menschliche Geist zur Ruhe kommt, zeigt sich der Buddha-Zustand. Wenn unser menschliches Denken und Fühlen einsetzt, verschwindet die Wirklichkeit, und sobald dieses Denken und Fühlen aufhört, erscheint die Wirklichkeit.“

Diop: Fragt der Mönch weiter?

WW: Ja. „Ich frage mich, wohin?“ Wohin verschwindet die Wesensnatur, will der Mönch wissen. „Das Gras steht so hoch, dass wir sie nirgends sehen können“, antwortete Seirin.

Diop: Was bedeutet der Satz „das Gras steht so hoch“?

WW: „Gras“ meint im Zen die unzähligen Illusionen, unsere Gedanken und Konzepte. „Gras“, das sind unsere Meinungen und Ansichten über uns und die Welt, die wir uns im Laufe der Jahre gebildet haben, an denen wir hängen und in denen wir festgefahren sind. Unser Ich, das sich unaufhörlich einmischt in alles, was wir wahrnehmen, denken oder fühlen, glaubt Täter zu sein mit einem freien Willen. In Wirklichkeit ist dieses Ich nur ein Konzept, das emotionale Impulse wie Liebe, Hass usw. entstehen lässt, mit denen wir uns identifizieren.

Diop: Unser Ich ist also nichts weiter als ein gedachtes Funktionszentrum?

WW: Ja. Ein selbstkonstruiertes Zentrum, dessen Wirken „Wille“ genannt wird. Genau dieser Mechanismus ist es, der uns kontrolliert und die scheinbaren Identifikationen entstehen lässt, was wiederum Ursache für unsere vermeintliche Gebundenheit ist. So besteht menschliches Leben in erster Linie nur aus einer Folge von Reflexen, denen wir gewohnheitsmäßig folgen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Diop: Sind wir in Wirklichkeit also nur Phantasieprodukte unseres intellektuellen Bewusstseins?

WW: Ja. „Das Gras steht so hoch, dass wir sie nirgends sehen können“. Weil unsere Gedanken und Konzepte so zahllos sind, werden sie als Gras bezeichnet.

Diop: Da kommt mir der erste Vers vom „Ochsen und seinem Hirten“ in den Sinn: „Verlassen in endloser Wildnis schreitet der Hirte dahin durch dicht wucherndes Gras und sucht seinen Ochsen.“

WW: Mit Ochse ist unsere Wesensnatur gemeint, die wir suchen inmitten unserer falschen Ansichten, Konzepten und Meinungen, in diesem dicht wuchernden Gras, das uns die Sicht nimmt und sie vollkommen verdeckt. „Euer Ehrwürden sollten sich auch davor schützen“, sagte der Mönch. Er meint: Euer Ehrwürden sollten sich auch vor dem Gras schützen.

Diop: Hat der Meister denn das nötig?

WW: „Wir beide, du und ich, sind giftige Schlangen“, sagte Seirin händereibend.

Diop: Was will Seirin damit zum Ausdruck bringen?

WW: Das Koan könnte auch so lauten: Ein Mönch fragt: „Was geschieht, wenn ich den Weg nach innen gehe?“ Seirin: „Hüte dich vor der Wesensnatur.“ Mönch: „Was ist, wenn ich sie erfahre?“ Seirin: „Du wirst sterben.“ Mönch: „Was ist, wenn ich sie nicht erfahre?“ Seirin: „Das ist nicht möglich.“ Mönch: „Was geschieht in diesem Augenblick?“ Seirin: „Sie wird nicht als das erkannt.“ Mönch: „Warum?“ Seirin: „Die Form löst sich in der Leerheit auf.“ Mönch: „Pass auf, was du sagst!“ Seirin: „Wir beide sind es.“
Wir haben nicht die Wesensnatur, wir sind sie. Wovor sollten wir uns also schützen? Die Ur-Wirklichkeit schließt alles mit ein, sie umfasst alles, auch unsere Meinungen und Konzepte. Die Wende unseres Lebens jedoch geschieht im Dunkel. Johannes vom Kreuz beschreibt dies sehr genau in seinem Buch „Die dunkle Nacht“, wo er über die „dunkle Nacht der Sinne“ und die „dunkle Nacht des Geistes“ berichtet. Was unserem Leben die richtige Richtung gibt, ist eine Existenz jenseits aller Kategorien. Die Wesensnatur wirkt in der Nacht. Das heißt, sie ist dunkel und nicht für unseren Verstand begreifbar. Nur da kann die Dynamik unseres Lebens sich frei entfalten. In der Erfahrung verschwindet die Täuschung. Essen, Gehen und Arbeiten ist das ganze Universum. Es ist ein augenblickliches Reflektieren. Wozu sich also sorgen? Vielleicht kennen Sie den wunderbaren Vers aus dem neunzehnten Koan des Mumonkan: „Die Blumen im Frühling - der Mond im Herbst, im Sommer die kühle Brise, im Winter der Schnee! Wenn unnütze Sachen den Geist nicht vernebeln, ist dies des Menschen glücklichste Jahreszeit!

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