Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 58


Leere Dynamik

Diop: Sie sprachen im letzten Beispiel von einer Welt ohne Gegensätze. Wie steht es aber mit der Sünde?

WW: Im Diamant-Sutra heißt es: „Es geht um das Verspottetwerden durch die anderen: Wenn einer wegen seiner Sünden im vorigen Leben in die Hölle kommen sollte, werden diese Sünden deswegen ausgelöscht, weil er von den Menschen dieser Welt verspottet wird.“

Diop: Wovon handelt dieses Diamant-Sutra?

WW: Das Diamant-Sutra ist im Wesentlichen ein Gespräch zwischen Subhuti, einem Mönch, und Buddha. Ursprünglich heißt es Vajracchedika Prajnaparamita Sutra und wird in China kurz Diamant-Sutra genannt. Der Name kommt daher, weil der Diamant mit seiner Härte und Schärfe die Illusion und das daraus entstehende Leiden durchschneidet. Dieses Durchschneiden führt in die Freiheit von Leiden und Unwissenheit in ein alles übersteigendes Verstehen. Dadurch verwandelt sich der Alltag und wir erfahren die Dinge nicht mehr als einschnürend oder einengend trotz der sich täglich wiederholenden Aktivitäten.

Diop: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

WW: Weil wir die Dinge plötzlich so wahrnehmen, wie sie wirklich sind.

Diop: Und wie sind sie dann?

WW: Frei von Zwanghaftigkeit, frei von der Angst, einen Fehler zu machen, frei von etwas besser zu können als andere. Im Diamant-Sutra sagt Subhuti: „Es gibt keine Formulierung der Wahrheit, weil die Dinge in ihrer wesentlichen Natur unbegreifbar und unergründlich sind. Weder sind sie, noch sind sie nicht.“ Und weiter heißt es da: „Nicht das mindeste Objekt kann erlangt werden. Das heißt, dass mit dem Geist alle Dinge hervortreten, für den Nicht-Geist aber ist nichts vorhanden. Wenn du weißt, dass es keinen Geist zu erfassen gibt, gibt es keinerlei Objekte zu erlangen, keine Sünden, keine heilsamen Taten, nicht Leben und Tod, noch Nirvana. Tatsächlich kann nichts erlangt werden.“
In diesem Koan geht es um die leere Dynamik durch die Form. Wenn die Form absichtsvoll ist, erzeugt dies Karma. Wenn Leerheit und Form ohne Absicht verwirklicht wird, entsteht leere Dynamik.

Diop:Das bedeutet es, frei von jeder Form zu sein?

WW: Ja. Ich glaube, wir sind einfach oft festgefahren in einer Oberflächlichkeit, die uns die Dinge anders als sie wirklich sind, wahrnehmen lässt. Meister Ummon fragte einmal einen Mönch: „Liest du das Diamant-Sutra?“ Als der Mönch dies bejahte, zitierte der Meister daraus: „Jeglicher Gegenstand ist Nicht-Gegenstand und gerade das nennt man einen Gegenstand.“ Der Meister hob seinen Fächer hoch und sagte: „Du nennst das doch einen Fächer, das ist ein Begriff. Ich halte ihn hoch, doch wo ist er? Was soll eigentlich dieses Gewirr von verblendeten Gedanken von früh bis spät?“

Diop: Ummon will diesem Mönch vielleicht klarmachen, dass er über das Begriffliche hinausgehen soll.

WW: Ja. Wir kreieren uns unsere Welt und unsere Wirklichkeit selbst. Das ist der entscheidende Punkt. Auf diese Weise schaffen wir uns eine Welt von Sünde, Himmel und Hölle, von Schuld und Vergebung und sogar von Karma. Ich kann mich noch gut an eines der ersten Sesshins erinnern, als wir den Preisgesang auf Zazen von Hakuin rezitiert haben. Darin gibt es eine Stelle, die lautet: „Wer nur einmal Zazen versucht, löscht zahllose vergangene Sünden.“ Das hat mich damals sehr beruhigt, denn ich wurde sehr christlich erzogen. Unsere Identität wird nun einmal sehr stark bestimmt von Erziehung und es dauert oft viele Jahre, bis wir zu unserer eigentlichen Identität zurückfinden.

Diop: Wie würden Sie diese neue Identität beschreiben?

WW: Es ist eine Identität der Formlosigkeit und Ichlosigkeit. Thomas Merton hat es einmal so ausgedrückt: „Plötzlich war mir, als sähe ich die geheime Schönheit der Herzen, eine Tiefe, wo weder Sünde noch Gier hinreichen, das Geschöpf, wie es in Gottes Augen ist.“

Diop: Was wäre, wenn alle Menschen sich und die Welt auf diese Weise sehen würden?

WW: Ich möchte mit Thomas Merton antworten, der gesagt hat. „Das große Problem würde dann sein, dass wir niederfallen würden, um einander zu verehren.“

Diop: Das Verspottet werden durch andere zu ertragen ist oft nicht einfach.

WW: Das ist richtig. Es tut weh. Und trotzdem: „Mögen die anderen mich tadeln und verdammen, soviel sie wollen. Mit einer Fackel versuchen sie, den Himmel in Brand zu stecken. Am Ende werden sie nur müde davon“ lesen wir im Shodoka. Auch Buddha wurde oft kritisiert. Einmal setzte sich ein Brahmane vor ihn hin und griff ihn öffentlich an. Buddha geriet nicht in Wut. Er wartete, bis der andere ausgeredet hatte und fragte ihn dann, ob er seine Anschuldigungen beendet hätte. Als der Brahmane dies bejahte sagte Buddha: „Dann nimm sie wieder mit nach Hause. Ich möchte keine davon. Du kannst sie alle wieder mitnehmen, ich brauche keine.“

Diop: Das erinnert mich ein bisschen an Jesus, der gesagt hat: „Liebet eure Feinde“.

WW: Ja. Das ist genau diese geistige Verfassung, in der sich beide befinden. In Wirklichkeit sind auch diese Verleumdungen Manifestationen dieser ersten Wirklichkeit. Religionen sollten uns eigentlich dahin führen.

Diop: Aber oft findet genau das Gegenteil statt. Da wird Hass gesät, um andere zu vernichten. Ich denke dabei an islamische Fundamentalisten, die schon jahrelang in vielen blutigen Attentaten Aufsehen erregen.

WW: Das Problem dabei ist nicht der Islam, sondern was die Menschen daraus machen. Wenn ich dem Buchstaben verhaftet bin, wird er mich umbringen. In Wirklichkeit bringen sich die Attentäter selbst um. Wir können nur großes Mitleid mit ihnen haben.

Diop: Haben Sie nicht auch manchmal eine große Wut, wenn Sie dies in den Nachrichten sehen?

WW: Ich glaube, Wut ist ein schlechter Berater. Sie hilft uns nicht weiter. Was uns weiterhilft, ist heilsame Situationen zu schaffen, damit sich ein Klima des Friedens entwickeln kann. Dieses Klima aber können wir nur in uns schaffen.
Ein Schüler fragte Bankei: Ich werde immer von Wut überwältigt. Ich möchte frei von ihr sein, kann es aber nicht. Was soll ich tun?“ Bankei sagte kein Wort, sondern starrte nur tief in die Augen des Schülers, der in diesen langen Minuten zu schwitzen begann. Da lachte Bankei und sagte: „Wie seltsam! So sehr ich auch suchte, ich konnte keine Wut in dir finden. Trotzdem, zeig mir mal ein bisschen davon, hier und jetzt.“ Der Schüler sagte: „Sie ist nicht immer da. Sie kommt ganz plötzlich, wie kann ich sie jetzt zeigen?“ Bankei lachte wieder und sagte: „Dann ist sie nicht dein wahres Wesen. Das ist immer mit dir, und gehörte die Wut dazu, hättest du sie mir zeigen können. Als du geboren wurdest, war sie nicht da. Wenn du sterben wirst, wird sie nicht da sein. Nein, diese Wut bist nicht du. Irgendwo steckt da ein Irrtum. Geh und bedenke es noch einmal, suche noch einmal, meditiere noch einmal.“
Solange der Mensch seinem Ich verhaftet ist, muss es Krieg, Neid und Egoismus geben. Wirkliche Veränderung kann nur von innen heraus stattfinden. Das muss uns bewusst werden. Zen ist ein Prozess der Bewusstseinsveränderung. Nur darum geht es allen Zen-Meistern auf dieser Welt.

Diop: Würden Sie sagen, Zen ist ein Weg in den Frieden?

WW: Ja. Aber jeder, der diesen Weg geht, sollte sich im Klaren sein, dass dieser Weg ein sehr langer und beschwerlicher Weg ist. Es gibt keine schnellen Resultate. Wir brauchen viel Geduld mit uns und das ist oft nicht einfach.

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