Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 57


Bewegung der leeren Form

WW: Der Weise Gonyo fragte einmal Meister Joshu: „Was ist, wenn man nichts bei sich hat?“ „Wirf es weg“, antwortete Joshu. „Was soll man wegwerfen, wenn man nichts bei sich hat?“ fragte Gonyo. Joshu antwortete: „In diesem Fall nimm es und geh.“

Diop: Was will dieses Koan verdeutlichen?

WW: Dieses Koan zeigt uns in wunderbarer Weise die Unzertrennlichkeit von Form und Leere, also die beiden Seiten ein und derselben Münze.
Gonyo könnte auch gefragt haben: „Was ist, wenn die Leerheit verwirklicht ist?“ Joshu: „Wirf sie weg!“ Gonyo: „Wie soll ich Dynamik in der Leerheit verwirklichen?“ Joshu: „Nimm sie wahr und geh weiter.“

Diop: Aber der Weg zum Verständnis dessen ist weit und oft auch sehr beschwerlich.

WW: Ja. Bis wir Menschen in den Bereich der absoluten Leerheit vorgedrungen sind, müssen viele Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, und manch einer bleibt auf diesem Entwicklungsweg stecken, ohne sich jedoch dessen bewusst zu sein. Wir beginnen unseren Weg als Baby, das jedoch bereits eine Vorgeschichte hinter sich hat. Dieses Baby erlebt die Einheit, ohne sich jedoch dessen bewusst zu sein. Was ihm zu diesem „Erleben“ fehlt, ist Körper-Bewusstsein, Verstandes-Bewusstsein und Ego-Bewusstsein. Es führt ein reines, begriffloses Leben. Es schreit, wenn es Hunger hat, es schläft, wenn es müde ist und macht in die Windeln, wenn es das Bedürfnis dazu verspürt. Langsam erwacht das Bewusstsein, es nimmt die Außenwelt wahr, erkennt Personen, als Mama und Papa und schließlich sich selbst als Ich. Mit der Entwicklung der Sprache lernt das Kind die Begrifflichkeit und bezeichnet das Gefährt auf der Straße als Auto und das Ding, auf dem es sitzt, als Stuhl. Es lernt Gefühle bewusst wahrzunehmen, hat Angst vor der Dunkelheit und dem Allein-Sein, spürt Liebe oder Ablehnung und ist wütend oder traurig, wenn es etwas nicht sofort bekommt. Wir entwickeln langsam das logische Denken und durchschauen Ursache und Wirkung: „Ich muss aufpassen, wenn ich über die Straße gehe, sonst...“ Im Laufe der nächsten Jahre wird dieses logische Denken ständig weiterentwickelt und unser Verstand wird in Schule und Beruf mit einer Unmenge von Wissen gefüttert.

Diop: Bis wir am Ende glauben, ich bin dieser Verstand und diese Form. So sehe ich mich.

WW: Ja. Wir entdecken Prestige, Ansehen und Macht. Dieser erste Abschnitt unseres Lebens ist sehr wichtig und bedeutsam, denn er macht uns mit der Welt der Formen bekannt. Sehr bald aber erkennen wir, dass es jenseits von Formen und verstandesmäßigem Denken auch noch etwas geben muss. Vielleicht ist es eine innere Unzufriedenheit: „Das kann doch nicht alles sein, was dieses Leben zu bieten hat“, oder die Angst vor Alter und Tod, die uns auf den Weg bringt. Wir spüren, dass wir nicht immer nur den Berg hinaufgehen können, dass wir auch andere Bereiche unseres Lebens erschließen müssen. Dies ist der Aufbruch, unsere inneren Welten zu erkunden, das, was sich unserem Verstand entzieht und mit der Logik nicht mehr zu durchschauen ist. Einige beginnen mit Autogenem Training, andere widmen sich dem Yoga und manche entdecken den Weg des Zen, je nach ihrer Geschichte, in der sie verwickelt sind.

Diop: Das ist oft der Beginn eines langen Übungsweges.

WW: Ja. Die Erfahrungen auf diesem Weg nach Innen sind es, die uns wirklich weiterbringen, Schritt für Schritt. Wir durchschauen langsam unsere Gedanken und Gefühle und lassen uns davon nicht mehr so sehr irritieren. Ein Prozess bewussten Wahrnehmens hat eingesetzt. Schwierigkeiten drücken uns nicht mehr an die Wand und Schicksalsschläge nehmen wir gelassener hin. Wir erfahren die Leerheit, die allem zu Grunde liegt. Einige jedoch bleiben im Zustand der „toten Leerheit“ hängen, weil sie glauben: „Das ist es“. An diesem Punkt setzt unser Koan ein: Der Weise Gonyo fragte den Joshu: „Was ist, wenn man nichts bei sich hat?“

Diop: Was meint Gonyo damit?

WW: Gonyo meint eine Art Pseudo-Leerheit. Über diese falsche Art des Übens sagt Zen-Meister Rinzai: „Es gibt blinde Kahlköpfe, die, nachdem sie sich sattgefressen haben, Zazen üben. Sie halten die Bewegung der Gedanken an, und damit sie sich erst gar nicht bilden, fliehen sie den Lärm der Welt und suchen die Stille. Das ist die abweichende Form des Zen. Es ist die Falle der toten Leere.“ Diese tote Praxis des Zazen ist dem Zen der alten chinesischen Meister total entgegengesetzt. Zazen heißt nicht sitzen wie ein erstarrter Leichnam. „Za“ heißt „sitzen“ in Form von Verweilen, „Zen“ heißt „Versenkung“, sich versenken in die Wirklichkeit selbst, in die Quelle unseres Seins, also ein Verweilen an der Quelle. Das ist es. Es geht hier also nicht vorwiegend nur um eine körperliche Praxis, sondern vielmehr um eine Geisteshaltung des Hingewandseins nach Innen, bei allem, was man tut. Das ist lebendiges Zen. Ohne sich anzustrengen, gelöst und natürlich bleibend. Die Wirklichkeit, die wir suchen, offenbart sich uns nur dann, wenn wir erkennen, dass es nichts zu suchen gibt. Alles Suchen ist Nicht-Wissen. Man kann sein wahres Selbst nicht erlangen, man kann es nicht suchen, aber man kann still sein und in sich selbst verweilen und sich finden lassen. Es gibt nichts zu erlangen, dies ist ein ganz wesentlicher Satz. Es ist die grundlegende Aussage des Zen selbst. Es gibt nichts zu erreichen.

Diop: Was aber ist dann die „wahre Leere“?

WW: Die „wahre Leerheit“, die Meister Eckehart „Nichts“ nennt und im Zen „Sunyata“ genannt wird, hat keinerlei Eigenschaften. Sie ist der Ursprung der ganzen Schöpfung und enthält alle Möglichkeiten. In dieser Leere gibt es kein Individuum mehr, kein Ich und keine Anderen. Der Mensch und der Kosmos erfahren sich als Einheit. Joshu erkennt natürlich den inneren Zustand von Gonyo. Er weiß, dass nicht jede Leerheits-Erfahrung diese alles enthaltende Leerheit ist. Es gibt auch die sogenannte „tote Leere“, wie Zen sagt, den leeren Kopf ohne Gedanken. Deswegen heißt es im Shodoka: „Wer das Dasein zurückweist und sich an die Leere klammert, ist krank wie einer, der ins Feuer springt, um dem Ertrinken zu entgehen.“
Wahre Leerheit transzendiert immer Leere und Form. Sie übersteigt beide. Huang-po sagt: „Verwirf alles, was du erworben hast, als wäre es nur ein Bett, das für dich aufgeschlagen wurde.“
Wir müssen den Weg weitergehen, bis wir nach und nach Leere und Form zu einer Einheit verschmolzen haben.

Diop: Was bedeutet Ihrer Meinung nach „Wirf es weg“?

WW: Es bedeutet: „Klammere dich nicht daran!“, „Mach dich nicht daran fest!“. Gonyo jedoch versteht immer noch nicht. Deshalb fragt er: „Was soll man wegwerfen, wenn man nichts bei sich hat?“ Joshu antwortet: „In diesem Fall nimm es und geh.“

Diop: Was meint Joshu damit?

WW: Er will sagen: Auch unsere Konzepte und Meinungen sind ES. Selbst wenn es uns möglich wäre, irgendetwas in der Hand zu behalten, wäre es nur soviel wie ein Regenbogen, der uns am Himmel erscheint. Wir müssen lernen, wegzuwerfen, ohne wegzuwerfen, d.h,. ohne uns vom Alltagsleben zu trennen. Der Weg ist noch nicht zu Ende, denn jetzt gilt es, Form und Leere in den Alltag hinein zu integrieren, bis wir uns am Ende wieder auf dem Marktplatz befinden und uns als ganz gewöhnlichen Menschen ohne Rang und Namen, wie Rinzai sagt, empfinden.

Diop: Ist dies das Ende?

WW: Nein. Auch dies ist nicht das Ende des Weges. Langsam wird uns klar werden, dass es nicht um das Ende eines Weges geht, sondern nur um diesen einen Schritt, den ich gerade mache. Und so erlebe ich die wahre Welt, eine Welt ohne Raum und Zeit, ohne Leben und Tod, eine wunderbare Welt ohne Gegensätze, eine Welt, ohne Bewusstsein des Denkens, eine Welt, in der einfach alles so ist, wie es ist.

Diop: Ist es die gleiche Welt, in der ich vorher gelebt habe?

WW: Rein äußerlich hat sich nichts verändert, aber ich habe mich verändert. Alles steht mir jetzt zur freien Verfügung. Andererseits wird das Leben sterben und seine Beweglichkeit verlieren, wenn wir alles nur planen und verstandesmäßig erfassen wollen. Unser Leben wird zerrissen und zwiespältig, es verliert seine Dynamik. Wir verstehen es nicht mehr und fragen uns nach dem Sinn unseres Daseins. Durchschauen wir unser Leben jedoch, brauchen wir auch Zen nicht mehr und wir sind befreit von der Illusion, alles in die eigene Hand nehmen zu müssen. „Rein und geläutert spielen die Lebenden mit den Unsterblichen“ heißt es im Vers zu diesem Koan.

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