Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 56


Dynamik von oben nach unten

WW: Onkel Mitsu Shi ging mit Tozan spazieren. Ein weißer Hase huschte ihnen über den Weg. „Wie flink!“ sagte der Onkel. Tozan fragte: „Wie ist das?“ „Wie wenn ein Durchschnittsbürger zum Premierminister ernannt wird“, gab der Onkel zur Antwort. „Du redest immer noch so, obwohl du alt und bedeutend bist“, sagte Tozan. „Was würdest du sagen?“ fragte der Onkel. „Der Prinz eines großen alten Geschlechts steigt für eine gewisse Zeit die gesellschaftliche Stufenleiter herab“, antwortete Tozan.

Diop: Was hat dieses Beispiel mit Leben zu tun?

WW: Husch, schon ist er weg! Welch eine Dynamik! Das ist die Ur-Wirklichkeit, die uns hier in diesem Koan präsentiert wird. In den gemischten Koans gibt es ein Beispiel, das einen Satz aus dem Diamant-Sutra zitiert. Es lautet: „Alles unterliegt dem Gesetz der Vergänglichkeit. Es ist wie ein Traum, Phantom, Schaum und Schatten. Es ist wie Tau, es ist wie Blitz. Man sollte alles so betrachten.“ Und im Vers zum Koan Einundzwanzig heißt es im Mumonkan: „Ein Zucken der Wimper - und schon ist alles vorbei“. Kein „Vorher“, kein „Nachher“, nur dieser Augenblick. Unser Leben liegt im Augenblick. Ihn müssen wir erfahren. Er ist es, der uns von Grund auf wandelt. Nur dies! Vergangenheit und Zukunft sind nur Begriffe, und selbst sie können nur im gegenwärtigen Jetzt erfahren werden. Wir Menschen haben nichts anderes als diesen gegenwärtigen Augenblick. Er ist es, der uns heilt und uns Kraft gibt. Augenblick für Augenblick zu erfahren, ohne darüber ins Grübeln zu versinken, das ist unsere Übung.

Diop: Sie meinen, wir sollten uns nicht einwickeln lassen von unseren Gedanken, uns nicht fesseln lassen von diesem Traum?

WW: Ja. Wir sollten dieses Denken durchschauen. Wir können weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft leben. Leben ist nur in diesem Augenblick möglich. Das ist es, was wir zu lernen haben. Husch, weg ist er. Da ist nichts besonders. In unserer Übung geht es nur um diese innere Wachheit und um das Eins-Werden mit dem, was wir gerade tun. Dabei spielt die Tätigkeit, die wir gerade verrichten, keine Rolle. Ob wir das Geschirr spülen, im Garten das Unkraut jäten, die Straße kehren, oder diesen einen Atemzug wahrnehmen, immer müssen wir ganz bei uns sein. Die Hölle beginnt immer dann, wenn wir darüber nachzudenken beginnen, warum wir etwas tun. „Warum muss ausgerechnet ich die ganze Arbeit machen?“ Nur dies! Das ist unsere Übung. Unser Handeln muss wie ein Blitz sein. Aber zurück zum Koan. Onkel Mitsu Shi ging mit Tozan spazieren. Ein weißer Hase huschte ihnen über den Weg. „Wie flink!“ sagte der Onkel. Tozan fragte: „Wie ist das?“ „Wie wenn ein Durchschnittsbürger zum Premierminister ernannt wird“, gab der Onkel zur Antwort.

Diop: Müssen wir etwas werden? Können wir vom Durchschnittsbürger zu etwas ganz Besonderem aufsteigen?

WW: Mitsu war der Meinung, dass man etwas werden könne, dass man eine innere Leiter emporsteigen könne. „Du redest immer noch so, obwohl du alt und bedeutend bist“, sagte Tozan. „Was würdest du sagen?“ fragte der Onkel. „Der Prinz eines großen alten Geschlechts steigt für eine gewisse Zeit die gesellschaftliche Stufenleiter herab“, antwortete Tozan.

Diop: Der eine sagt, wir steigen die Leiter hinauf, der andere, wir steigen die Leiter herab. Was ist nun richtig?

WW: Ich möchte Ihnen ein anderes Beispiel zeigen: Ein Meister fragte seinen Schüler: „Wie steht es denn mit Deiner Auffassung von der Wirklichkeit?“ Der Schüler meinte: „Es ist, wie wenn ein gemeiner Soldat zum General befördert wird.“ Der Meister rügt ihn und sagt: „Schon so lange bist du bei mir und redest immer noch solchen Unsinn.“ „Wie steht es denn bei Dir, Meister?“, fragte der Schüler. Der Meister antwortete: „Der Prinz eines hohen Hauses stieg für einige Zeit herunter und nahm diese Form an.“
Der Meister sagt seinem Schüler also unmissverständlich: Von Anfang an bist du ES. Du musst nur erkennen, was und wer du wirklich bist.

Diop: Sie wollen damit ausdrücken: Unsere ganze Übung besteht nur darin, zu erkennen, was wir schon immer sind?

WW: Ja. Ibn Arabi, ein islamischer Sufi-Mystiker des dreizehnten Jahrhunderts drückt es so aus: „Wenn das Geheimnis - das Gewahrsein, dass der Mystiker eins ist mit dem Göttlichen - sich dir offenbart, wirst du verstehen, dass du nichts anderes bist als Gott, und dass du seit je bestehst und immer bestehen wirst... Wenn du dich selbst erkennst, löst sich dein Ich-Sein auf, und du erkennst, dass du und Gott ein und dasselbe sind.“

Diop: Was sind Sufis?

WW: Sufis sind Menschen des islamischen Glaubens, die sich danach sehnen, zum ursprünglichen Zustand der Einheit zurückzukehren.

Diop: Gibt es da auch verschiedene Praktiken?

WW: Ja. Im Zentrum der Sufi-Praktiken finden sich Liebe und Hingabe. Der Sufi strebt danach, sich Gott so hinzugeben, wie ein Liebender sich seiner Geliebten hingibt. Es ist eine Haltung von Hingabe, in der das Ego und der Verstand sich einem Mysterium anheimgeben, das über ihr Verstehen hinausgeht. Oft wurden Sufi-Mystiker daher auch „Idioten Gottes“ genannt. Viele von ihnen wurden aus Glaubensgründen verfolgt, aufgehängt oder ermordet. Ähnlich wie im Zen die Übung mit dem „Mu“ gibt es im Sufismus die Übung des einen Wortes „Allah“. Ein Meister erklärt einmal seinem Schüler diese Übung: „Abu Sa’id! Alle Einhundertvierundzwanzigtausend Propheten wurden ausgesandt, ein einziges Wort zu predigen. Sie hießen die Leute „Allah“ sagen und sich Ihm hingeben. Wer dieses Wort allein mit dem Ohr hörte, ließ es durch das andere Ohr wieder hinaus; doch jene, die es mit ihrer Seele hörten, prägten es ihr ein und wiederholten es, bis es Herz und Seele durchdrang und ihr ganzes Wesen zu diesem Wort wurde. Sie brauchten das Wort nicht länger auszusprechen und waren von Klang und Buchstaben entbunden. Und als sie die spirituelle Bedeutung dieses Wortes erfassten, gingen sie so vollkommen darin auf, dass sie sich ihrer eigenen Nichtexistenz nicht mehr bewusst waren.“

Diop: Was meinte ihr eigener Lehrer dazu?

WW: Mein Meister drückt es so aus: „Wir sind nicht Menschen, die eine spirituelle Erfahrung machen, wir sind Bewusstsein, das diese menschliche Erfahrung macht. Was wir sind, können wir nicht werden. Wir werden nichts, wir sind etwas von Anfang an. Wir steigen nicht auf. Was wir wirklich sind, ist gleichsam herabgestiegen in diese Form.“ Ibn Arabi, den ich vorhin schon zitierte, sagt ganz klar: „Wir brauchen Gott, um zu existieren, während er uns braucht, damit er sich selbst manifestieren kann“.

Diop: Will er damit ausdrücken, dass wir dieser „Eine Geist“ sind, der Fleisch geworden ist, der sich in mir als Mensch manifestiert und zum Ausdruck kommt?

WW: Ja. Das, was wir Abendländer Gott nennen, inkarniert sich als Fleisch und Blut in uns Menschen und drückt sich darin aus. ES präsentiert sich als diese Form, die geht, isst, trinkt und arbeitet. Gehen, essen, trinken und arbeiten sind Ausdruck dieser Ur-Wirklichkeit. Nur dies! ES manifestiert sich in mir als Mensch, in der Blume als Blume, im Stein als Stein. Auf dem Han, einem hölzernen Brett, das in den Zen-Klöstern zu verschiedenen Zeiten und Anlässen geschlagen wird, steht oft folgender Vers: „Hört, ihr Mönche! Seid aufmerksam beim Üben. Die Zeit fliegt dahin wie ein Pfeil. Sie wartet nicht auf euch.“ Bumm, bumm, bumm, mehr nicht. Dann steht uns alles offen.

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