Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 54


Keine Form, keine Leere

WW: Ungan fragte Dogo: „Wozu gebraucht der Bodhisattva der Großen Barmherzigkeit so viele Hände und Augen?“ Dogo sagte: „Es ist, wie wenn man in der Nacht mit der Hand nach hinten greift und sein Kissen sucht.“ Ungan sagte: „Ich habe es verstanden.“ Dogo sagte: „Wie hast du es verstanden?“ Ungan sagte: „Der ganze Körper ist Hände und Augen.“ Dogo sagte: „Du hast es schön gesagt. Aber du hast nur acht Zehntel der Sache getroffen.“ Ungan sagte: „Wie seht ihr es denn, älterer Bruder?“ Dogo sagte: „Der gesamte Körper ist Hände und Augen.“

Diop: Wer ist mit dem Bodhisattva der Großen Barmherzigkeit gemeint?

WW: Dogen Zenji ist in seinen Schriften der Ansicht, dass wir es hier mit Kanzeon oder Kannon zu tun haben, also mit Avalokitesvara, der als Vater und Mutter aller Buddhas verehrt wird und schon in früheren Zeiten Erleuchtung erlangt hat. Avalokitesvara symbolisiert die große Barmherzigkeit und Liebe, indem er gelobt hat, alle Lebewesen zu retten.

Diop: Gibt es nicht ein Gleichnis, in dem Kannon zwölf Gesichter und tausend Hände haben soll.

WW: Ja. Dies wird auch im Rinzai-roku angesprochen: Mayoku kommt zum Gespräch. Indem er sein Zagu ausbreitet, um sich zu verbeugen, fragt er Meister Rinzai: „Kannon-Bosatsu hat zwölf Köpfe. Welcher ist der echte?“ Rinzai verlässt seinen Sitz, nimmt das Zagu mit einer Hand vom Boden auf, packt mit der anderen Mayoku und fragt seinerseits: „Der zwölf-köpfige Kannon-Bosatsu, wo ist er jetzt?“ Mayoku wendet sich um und tut so, als wolle er den Sitz von Rinzai einnehmen. Rinzai hebt seinen Stock und schlägt ihn. Mayoku ergreift Rinzais Stock und beide ge­hen gemeinsam in die Unterkunft von Meister Rinzai.
Die Frage, „wo ist er jetzt?“ wird auch in einem weiteren Beispiel aus dem Rinzai-roku ganz klar beantwortet. Da heißt es: Eines Tages geht der Meister in die Provinzhaupt­stadt. Wieder wird er von O Joji, dem Gouverneur, gebe­ten, den Dharmasitz einzunehmen. Da tritt Mayoku vor und fragt: „Der große mitleidvolle Bodhisattva Kan­non hat tausend Hände und tausend Augen. Welches Auge ist das echte?“ Meister Rinzai fragt seinerseits: „Der große mitleidvolle Bodhisattva Kannon hat tausend Hände und tausend Augen. Welches Auge ist das echte? Sprich! Schnell! Schnell!“ Mayoku zieht Rinzai von seinem Sitz herunter und nimmt selbst darauf Platz. Rinzai tritt nahe zu Mayoku heran und fragt: „Wie geht es?“ Mayoku ist ratlos. Da zieht Rin­zai ihn nun seinerseits vom Sitz herunter und nimmt wie­der selbst dort Platz. Mayoku verlässt die Dharmahalle und auch Rinzai geht.

Diop: Sprechen Ungan und Dogo von diesem Bodhisattva?

WW: Nein. Das meinen die beiden in diesem Koan sicher nicht. Sie gehen weit darüber hinaus. Sie sprechen die unbegrenzten Erscheinungsformen an, aber nicht von der Vorstellung einer begrenzten Anzahl. Das muss uns klar sein. Wenn also Ungan Dogo fragt: „Wozu gebraucht der Bodhisattva der Großen Barmherzigkeit so viele Hände und Augen?“, meint er damit die unzähligen Erscheinungsformen.

Diop: Aber was hat das mit uns zu tun?

WW: Es geht in jedem Koan um die Essenz unserer wahren Gestalt, um die Aspekte unserer grenzenlosen Aktivität und Dynamik. Dabei ist es wichtig, die Form nicht aus den Augen zu verlieren, sonst können wir den Geist nie klar sehen. Hintergrund des Koans ist, dass keine Aktivität beendet oder vollständig ist.

Diop: Was wissen Sie über Ungan und Dogo?

WW: Ungan und Dogo waren die hervorragendsten Schüler von Yakusan. Sie kannten sich über vierzig Jahre lang und haben auch verschiedene Formen der Übung untersucht und ausprobiert.

Diop: Dogo sagt: „Es ist, wie wenn man in der Nacht mit der Hand nach hinten greift und sein Kissen sucht.“ Was können Sie mir dazu sagen?

WW: Ich meine, es geht in diesem Koan um unser Tun und unser Handeln, das beinahe immer von einem bestimmten Zweck begleitet ist. In diesem Koan wird jedoch ein anderer Bereich des Handelns angesprochen. Da greift jemand in der Nacht vollkommen unbewusst während des Schlafs nach hinten, sucht sein Kissen und schläft ruhig weiter. Wir dürfen die Worte nicht in ihrem gewöhnlichen Sinn betrachten. „Nacht“ hat in diesem Koan nichts mit Tag oder Nacht zu tun und auch dieses „greifen“ und „suchen“ hat im Grunde nichts mit einer gewöhnlichen Tätigkeit zu tun. Es ist vielmehr ein Handeln ohne zu handeln, ein Greifen ohne zu greifen, ein Suchen ohne zu suchen. Dogo meint, Kannon ist in diesem Augenblick ganz Hände und ganz Greifen. Unsere ursprüngliche Natur benützt die Hände, die Ohren, die Beine, das Sehen ohne zu greifen, zu hören, zu gehen oder zu sehen. Darum geht es.

Diop: Aber wie können wir das verwirklichen?

WW: Ich glaube, das ist nur mit unserer Übung möglich, die ja darauf abzielt, sich immer ganz dessen bewusst zu sein, was geschieht. Wenn ich beispielsweise den Atem wahrnehme, kommt es mir am Anfang so vor, als könnte ich den Atem gar nicht einfach nur beobachten. Was wir in diesem Fall beobachten, ist ein ganz bewusstes Verlängern und Verkürzen der Atemzüge. Je bewusster ich mir bin, desto mehr greife ich ein, so jedenfalls erscheint uns dies am Anfang.

Diop: Ich glaube, dass diese Erfahrung am Anfang sehr wichtig ist für uns. Wir greifen im Grunde doch ständig ein, um uns und die Welt perfekter zu machen.

WW: Das sehe ich auch so. Erst nach langer Zeit gelingt es uns, den Atem einfach fließen zu lassen, wie er will. Das ist die zweite Stufe.

Diop: Und die dritte Stufe?

WW: In der dritten Stufe bin ich mir des Atems nicht mehr bewusst. Das bedeutet, da ist einerseits niemand mehr, der den Atem beobachtet, andererseits ist da kein Atem mehr, obwohl der Atem ganz deutlich spürbar ist. Es ist ein absichtsloses Verweilen im Augenblick ohne Subjekt und Objekt, ein absichtsloses Tun. Darauf zielt dieses Koan ab.

Diop: Ungan sagte: „Ich habe es verstanden.“

WW: Ja. Er will sagen, „ich weiß, was du meinst.“ Dogo fragte nun seinerseits Ungan: „Wie hast du es verstanden?“ Und Ungan erwiderte: „Der ganze Körper ist Hände und Augen.“ Unsere Hände können DAS nicht fassen, unsere Augen ES nicht sehen und trotzdem fassen und sehen wir. Die Aktivität unserer Hände, Augen und Ohren übersteigt diese Wirklichkeit.

Diop: Dogo sagte: „Du hast es schön gesagt. Aber du hast nur acht Zehntel der Sache getroffen.“ Was meint er damit?

WW: Wir können unser tiefstes Wesen nicht in Worten ausdrücken, deshalb muss jede Erklärung immer nur unvollständig sein. Deshalb fragt Ungan Dogo: „Wie seht ihr es denn, älterer Bruder?“ Dogo antwortete: „Der gesamte Körper ist Hände und Augen.“

Diop: Aber Dogo sagt doch das gleiche wie Ungan.

WW: Ist es wirklich das gleiche? Ich meine, die Bedeutung dieser Antwort liegt viele Dimensionen tiefer, aber das muss jeder für sich selbst herausfinden.

Diop: Sie weichen mir aus.

WW: Nein. Ich kann es auch nicht in Worten ausdrücken. Würde ich es trotzdem versuchen, würde ich es vielleicht so sagen: Beide stimmen mit ihrer Wesensnatur vollkommen überein. Jeder realisiert es auf seine Weise. Der eine sagt: „Der gesamte Körper ist Hände und Augen.“ Der andere sagt: „Der gesamte Körper ist Hände und Augen.“ Beide sind verschieden und doch gleich. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen auf dem Weg gemacht und doch ist das wahre Wesen jedes Einzelnen absolut identisch. Es ist wie ein Echo, das der Leerheit entspringt. Das Koan könnte auch lauten:
Ungan fragt: „Warum brauchen wir Form und Leere?“ Dogo: „In der Nacht ist nichts zu sehen.“ Ungan: „Verstanden“. Dogo: „Wirklich?“ Ungan: „Da ist nur Dynamik, die beides enthält.“ Ungan: „Warum?“ Dogo: „Form und Leere ist pure Dynamik.“

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