Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 52


Die Leerheit betrachtet die Form

WW: Dieser Körper, mit dem wir jetzt da sind, ist unser Wahrheitsleib, wie er im Zen bezeichnet wird. Dazu ein Beispiel: Sozan fragte einmal Toku Shoza: „Der wahre Dharma-Leib ist wie der leere Himmel; er offenbart seine eigene Form so wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt. Wie würdest du diese Entsprechung erklären?“ „Das ist wie ein Esel, der in einen Brunnen schaut“, antwortete Toku. „Das ist ein hübsches Bild, trifft die Sache aber nur zu achtzig Prozent“, sagte Sozan. „Wie würdest du es sagen, Achariya?“, fragte Toku. „Es ist wie ein Brunnen, der einen Esel anschaut“, erwiderte Sozan.

Diop: „Der wahre Dharma-Leib ist wie der leere Himmel“, was meint Sozan damit?

WW: Der „wahre Dharma-Leib“ wird im Zen als „Dharmakaya“ bezeichnet. Man könnte diesen Ausdruck auch übersetzen als kosmisches Bewusstsein, Einssein, transzendente Wirklichkeit, Ur-Wirklichkeit, Wahrheitsleib oder das Absolute. Dieser „wahre Dharma-Leib“ ist jenseits aller Begriffe. Er schließt alles in sich ein, ist vollkommen, unvergänglich, zeitlos, ohne Kennzeichen und frei von jeglicher Dualität. Es ist das „Große Eine“, in dem alle Gegensätze aufgehoben sind. Es umfasst Sein und Nicht-Sein. Im Suvarna-Prabhasa-Sutra heißt es: „Der Wahrheitsleib ist ohne Merkmal. Je nach der dinglichen Erscheinung nimmt er Gestalt an. Er ist wie der Mond im Wasser.“

Diop: Er ist wie der Mond im Wasser?

WW: Ja. Dogen sagt: „Es ist wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt. Das Wasser stört den Mond nicht.“ Der Mond stört aber auch nicht das Wasser. Da werden keine Wellen aufgewirbelt, das Wasser bleibt unbewegt.

Diop: Aber was ist dann unser eigener Leib?

WW: Diese Frage wurde auch einmal Fu von Tai-yüan gestellt.

Diop: Und welche Antwort gab er?

WW: Fu von Tai-yüan kam einmal bei der Auslegung des Vimalakirti-Sutras an die Stelle, die vom Sinn des Wahrheitsleibes handelt. Zu seinen Füßen saß ein Mann, der dem Taoismus abgesagt hatte und zum Zen übergegangen war und hörte zu. Auf Fu’s Worte hin richtete er an diesen eine Frage: „Herr Lektor“, sagte er, „was Ihr hier soeben vorgetragen habt, das ist der Wahrheitsleib sämtlicher Buddhas. Was ist des Herrn Lektors eigener Wahrheitsleib?“ Der Lektor sagte: „Wie sollte das Prinzip des Wahrheitsleibes von Fall zu Fall verschieden sein?“ Der Hörer versetzte: „Das ist, wie wenn jemand vom Essen redet. Es hilft am Ende doch nicht über den Hunger hinweg. Wir haben das Bedürfnis, über unseren Herzensgrund ins klare zu kommen. Maßgebend ist für uns das eigene Erwachen.“ Fu erwiderte: „Ich habe nur den Begriff des Wahrheitsleibes vorgetragen, wie er eben ist. Nun aber bitte ich umgekehrt Euch, Ihr möchtet ihn mir deuten.“ Da sagte der Zenfreund: „Stellt zunächst einmal die Sutrenvorträge ein und setzt Euch für eine Reihe von Tagen still in ein leeres Zimmer! Dann werdet Ihr leibhaftig den Wahrheitsleib erfassen.“ Fu befolgte einfach wörtlich diesen Rat. Er saß, sich aufrecht haltend, in der Stille. Und eines Morgens, als die Trommel und Horn acht Uhr ankündeten, ging ihm mit einem Schlag das große Licht auf, so dass er sagte: „Jetzt weiß ich es zum ersten mal, dass es von Ursprung an kein Einzelding gibt. Ich verbringe nun mein Leben damit, mich mit dem Leeren zu durchtränken und zu einen.“

Diop: Der Wahrheitsleib ist, wenn ich es richtig verstehe, das Eine, und dieses Eine ist identisch mit meinem Körper?

WW: Ja. Laotse beschreibt es auch im vierzehnten Kapitel im Tao te king: „Du schaust danach und siehst es nicht, man nennts das Unsichtbare. Du hörst darauf und hörst doch nichts, man nennts das Unhörbare. Du greifst danach und fasst doch nichts, man nennts das Unergründliche. Jedes der drei entzieht sich aller Nachforschung. Darum verschmelzen sie in Eins. Oben macht kein Licht es lichter, unten macht keine Dunkelheit es dunkler. Unaufhörlich dauert es fort, doch ist’s unmöglich, es zu definieren. Wieder kehrt es in Nichts zurück. Darum beschreibt man es als Form des Formlosen, als Bild des Abbildlosen. Man nennt es das Unfassbare. Man trifft’s, doch niemand sieht sein Angesicht, man folgt ihm nach, doch kehrt es niemandem den Rücken. Der Alten Tao zu bewahren, der Forderung des Augenblicks nachzukommen, um so das Uranfängliche zu begreifen, das nennt man die Befolgung des Tao.“ Diese Kraft kann niemals erschöpft werden, auch wenn sie von jedem gebraucht werden sollte.

Diop: Was meint Laotse mit „der Forderung des Augenblicks nachzukommen, das nennt man die Befolgung des Tao?“

WW: Um der Forderung des Augenblicks nachzukommen, müssen wir üben, üben, üben. Wir müssen in unserer Übung fortfahren bis zu dem Augenblick, wo sich in unserem Bewusstsein nichts mehr ereignet, dann aber wieder zurückkommen in die „Große Wiederbelebung“, in das unmittelbare Leben. Dann bleibe ich an der Ampel stehen, wenn sie auf rot zeigt und gehe bei grün über die Straße.

Diop: Und wie sieht dieses unmittelbare Leben aus?

WW: Dieses Leben wird im zehnten Ochsenbild beschrieben: „Mit entblößter Brust und nackten Füßen kommt er herein auf den Markt. Das Gesicht mit Erde beschmiert, der Kopf mit Asche über und über bestreut. Seine Wangen überströmt von mächtigem Lachen. Ohne Geheimnis und Wunder zu mühen, lässt er jäh die dürren Bäume erblühen.“
Im Dokusan geht es immer um die Präsentation der Wesensnatur, um eine Übersetzung der Wesenswelt in den Alltag. „Der wahre Dharma-Leib ist wie der leere Himmel; er offenbart seine eigene Form so wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt.“

Diop: Das Bild des Mondes taucht im Zen sehr häufig auf.

WW: Ja. Der „Mond“ bedeutet im Zen immer die Wesensnatur, die uns allen innewohnt. Der „Mond im Wasser“ heißt: „Das Gesetz des Buddha zu sehen, aber nicht zu fassen“, sagt Dogen.

Diop: Sozan fragt nach einer Erklärung. „Wie würdest du diese Entsprechung erklären“?

WW: Und Toku antwortet: „Das ist wie ein Esel, der in einen Brunnen schaut.“

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Mit dem Esel, der in den Brunnen schaut, ist ein Mensch gemeint, der sich frei gemacht hat von jeglichem Wissen und in die eigene Tiefe schaut. Was wird er wohl erblicken?

Diop: Sich selbst.

WW: Der „Wahre Dharma-Leib“ bin ich selber, der ich hier sitze und gerade dies erzähle, aber auch Sie, die gerade zuhören. „Dieser Leib das Leben des Buddha“ sagt Hakuin im Lied auf Zazen. Aber dieses Bild ist nicht vollständig, kann nie vollständig werden. Deswegen sagt Sozan: „Das ist ein hübsches Bild, trifft aber die Sache nur zu achtzig Prozent.“

Diop: Was meint Sozan damit? Wie kann ein Zen-Meister die tiefste Wahrheit in Prozenten ausdrücken?

WW: Aus diesem Grund fragt ihn Toku: „Wie würdest du es sagen?“ Und Sozan erwidert: „Es ist wie ein Brunnen, der einen Esel anschaut.“ Was sollen wir davon halten?

Diop: Sozan dreht es einfach um! Ist es nun so, dass ich meine eigene Wesensnatur erblicke, bzw. erfahre, oder erfährt die Wesensnatur mich?

WW: Ein Gedanke darüber, und wir sind Lichtjahre davon entfernt und gefangen im Dualismus. Sozan verweist seinen Schüler auf die gegenseitige Durchdringung von Form und Leere: Leere ist Form, Form ist Leere.
Dogen sagt: „Weisheit kann nicht mit Worten erklärt werden - es ist Atmen durch die Nasenlöcher, oder die Finger einer Faust. Schaut ein Esel in den Brunnen, sieht der Esel den Esel, der Brunnen sieht den Brunnen - sie sind vereint und untrennbar.“
Ich würde sagen: Der Esel schaut in den Brunnen, der Brunnen erblickt den Esel, der Esel erblickt den Esel, der Brunnen erblickt den Brunnen, doch weder der Esel noch der Brunnen sieht irgendetwas. Der eine steht links, der andere rechts.
Sozan sagt: „Die Verwirklichung der Form ist Leerheit. Form ist nur Erscheinung.“ Toku: „Die Form schaut in die Leerheit.“ Sozan: „Die Leerheit betrachtet die Form.“

Ich meine, es ist einfach das, was ist und einfach so, wie es ist. Vor ein paar Jahren habe ich das folgendermaßen ausgedrückt: Allein und ohne Heimat, in grenzenloser Weite erfreue ich mich an allen Dingen, die nicht sind.

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