Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 45


Volle Zustimmung

Diop: Wenn man die Koans so betrachtet, stellt man fest, dass es eigentlich eine ganze Menge davon gibt, die von Gedanken und Täuschungen handeln.

WW: Das ist richtig. Zen-Meister wollen sicher gehen, dass das Denken, das wirklich sehr stark ist, mit samt seiner Wurzel ausgerissen ist. Darauf weist auch das Engaku-Sutra hin.

Diop: Was bedeutet das Wort „Engaku“?

WW: „Engaku“ bedeutet im Japanischen wörtlich: „Vollkommene Erleuchtung“ und bezeichnet den Grad der Erleuchtung, den Buddha verwirklicht hat. Dieses Engaku-Sutra sagt: „Lass in keinem Augenblick täuschende Gedanken aufkommen.“

Diop: Bedeutet das, dass alle Gedanken Täuschungen sind?

WW: Ja. Jeder Gedanke ist eine Konstruktion der Wirklichkeit, der uns in Raum und Zeit gefangen hält. Wir müssen begreifen, dass wir alle Täuschungen selbst erschaffen und unsere Phantasie dazu benutzen, immer neue Vorstellungen und Ideen zu schaffen. Diese Projektionen unserer eigenen Interessen halten wir dann für die Wirklichkeit. Es ist wie ein Film, der unbemerkt und ununterbrochen läuft und auf die leere Leinwand unseres Geistes, die projiziert wird. So sind wir in diesem Traumfilm Regisseur und Hauptdarsteller zugleich. Haben wir dies begriffen, sind wir schon ein gutes Stück vorwärts gekommen.

Diop: In Erzählungen habe ich von Leuten gehört, dass sie manchmal das Gefühl hatten, als würden sie sich selbst bei der Arbeit zuschauen.

WW: Solche Menschen sind gleichsam einen Schritt aus dieser Leinwand herausgetreten und haben sich selbst agieren sehen. Solche Fälle sind nicht selten und ein Zeichen dafür, dass Sie auf ihrem Weg ein gutes Stück vorwärts gekommen sind. Ramana Maharshi hat einmal gesagt:
„Auf der Leinwand sehen Sie manchmal einen großen Ozean mit endlosen Wogen; dann verschwindet er wieder. Oder Sie sehen ein sich ausbreitendes Feuer, das auch wieder verschwindet. Ist die Leinwand vom Waser nass geworden oder vom Feuer verbrannt? Nichts hat die Leinwand berührt. Genauso berühren die Dinge, die im Wachen, Träumen und Tiefschlaf geschehen, Sie nicht, denn Sie bleiben ihr eigenes Selbst.“
Im Zen geht es immer darum, die leere Leinwand zu entdecken, ohne alle Projektionen, ohne Anfang und ohne Ende.

Diop: Sie wollen damit sagen, dass es unsere Aufgabe ist, die täuschenden Gedanken zu durchschauen, die es letztendlich auch sind, die in uns Unruhe, Nervosität oder Hass erzeugen?

WW: Ja. Bodhidharma hat einmal gesagt: „Benutzt man den Geist, um Gedanken zu produzieren, ist der Geist dauernd unruhig und alles bewegt sich. Dann geht man von einer Hölle in die andere. Wenn man den Geist nicht benutzt, um Gedanken zu produzieren, bleiben alle Geistesschichten leer, nichts wird aufgewühlt. Dann geht man von einem Buddha-Land ins andere.“

Diop: Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Menschen das nicht wissen.

WW: Und genau diese Unwissenheit treibt die Menschen von einer Ent-Täuschung in die andere, von einer Leidenschaft in die nächste. Sie wirkt in uns wie ein Gift, das uns betäubt und uns die Sicht für die wahre Realität nimmt. Die Auswirkungen sind Kummer und Sorgen.

Diop: Bodhidharma sagt, wenn man den Geist nicht benutzt, um Gedanken zu produzieren, bleiben alle Geistesschichten leer.

WW: Ja. Von Natur aus ist unser Geist vollkommen leer. Wir selbst sind es, die ihn ständig anfüllen mit Wissen, Vorstellungen und Ideen.

Diop: Wenn ich auf meinem Kissen sitze, bemerke ich, wie meine Gedanken fast automatisch zu kreisen beginnen, wie sie mich hierhin und dorthin ziehen. Je stärker ich versuche, sie anzuhalten, umso stärker fließen sie. Was soll ich also tun?

WW: Darauf gibt uns der zweite Satz aus dem Engaku-Sutra die Antwort.

Diop: Wie lautet er?

WW: „Lösche deinen vielfältigen, täuschenden Geist nicht aus.“

Diop: Warum nicht? Das verstehe ich nicht. Erst heißt es: „Lass in keinem Augenblick täuschende Gedanken aufkommen“ und dann „Lösche deinen vielfältigen, täuschenden Geist nicht aus.“ Widerspricht sich das nicht?

WW: Nein. Auch unser vielfältiger, täuschender Geist ist ES. Auch darin offenbart sich unsere Wesensnatur. Nichts kann aus ihr herausgenommen werden. Auf der einen Seite ist es daher wichtig, Täuschung als Täuschung zu durchschauen, um sie zu überwinden. Erst, wenn alles ohne Substanz gesehen wird, ist jede Täuschung verschwunden und mit ihr auch das Ego. Auf der anderen Seite ist Täuschung notwendig, denn außerhalb von ihr kann nie Erleuchtung gefunden werden. Täuschung und Erleuchtung sind gleichsam Elemente unserer Wesensnatur.

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Täuschung und Erleuchtung können nur gemeinsam existieren. Beide erscheinen und verschwinden in unserer Erfahrung. Bodhidharma sagt: „Die Unwissenden halten Täuschung für Erleuchtung, aber die Erleuchteten sehen Erleuchtung in der Täuschung.“ Anders ausgedrückt: Nur durch die Unvollkommenheit kann ich die Vollkommenheit erkennen.

Diop: Wie also soll ich mich verhalten?

WW: Es reicht vollkommen aus, im Zazen zu sitzen, um Buddha zu sein, jenseits von Erleuchtung und Täuschung. Wir müssen klar verstehen, Täuschung über Leben und Tod gibt es nur dann, wenn Buddha außerhalb davon gesucht wird.

Diop: Was meinen Sie mit „Buddha“?

WW: Ich meine das Absolute. Das Absolute umfasst beide Ebenen.

Diop: Kann auch ein sogenannter Erleuchteter der Täuschung unterliegen?

WW: Diese Frage wurde schon einmal gestellt. Eines Tages fragte ein Mönch den großen Meister Hochi von Kegonji, der ein Dharmaerbe von Tozan war: „Was geschieht, wenn ein großer Erleuchteter der Täuschung unterliegt?“
Kegonji antwortete: „Ein zerbrochener Spiegel spiegelt nie wieder, und Blüten können nur einmal blühen.“

Diop: Was will der Meister mit diesem Bild ausdrücken?

WW: Das bedeutet: Welche Gedanken auch da sind, bei einem Erleuchteten wird nichts mehr reflektiert. Die Blüte blüht, verwelkt, fällt ab. Da ist nur dieser Augenblick. Da ist kein „schade“ über das Verblühen. Das ist die große Freiheit, die alle Buddhas und Patriarchen besitzen. Sie haben den Dualismus von Täuschung und Erleuchtung zerbrochen. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass wir in unserer Übung nicht versuchen, irgendetwas zu unterdrücken.

Diop: Sie meinen: Alles darf so sein wie es ist?

WW: Ja. Es genügt, dieses augenblickliche Aufflackern der Gedanken ruhig zu beobachten, ohne dass wir uns davon beunruhigen lassen. Wir sollten unsere Gedanken wie gute Freunde behandeln, die von allein kommen und wieder gehen. Würden wir sie zur Tür hinauswerfen, würden sie durch die Hintertür wieder hereinkommen. Wir müssen lernen, sie von allein wieder gehen zu lassen. Das zwanghafte Loswerdenwollen von Gedanken ist oft das größte Hindernis, um auf dem Weg voranzukommen.

Diop: Ich glaube, das kommt daher, weil ich schon so viel darüber gelesen habe. Da wird oft von einer gedankenfreien Zone geschrieben oder von „Schneide Gedanken und Worte ab“. Das führt dann dazu, dass man schließlich glaubt, Gedanken dürften nicht sein.

WW: Ich möchte noch einmal betonen, dass es im Wesentlichen nur um das Erkennen dessen geht, was geschieht. Wir müssen uns auf nichts ausrichten, auch nicht auf das Erkennen. Der Schmerz beim Sitzen klopft von ganz alleine an und sagt: Hier bin ich. Wir müssen nichts dazutun.

Diop: Sie meinen, ich muss nur darauf achten, wer da bei mir anklopft?

WW: Ja. Wir dürfen ganz gelassen zuschauen, wie dieses Erkennen auf uns wirkt, ohne es zu analysieren.

Diop: Das Anklopfen, von dem Sie gerade gesprochen haben, finde ich ein schönes Bild. Das hilft mir wirklich weiter beim Sitzen. Das Wort „beobachten“ steckt so voller Ich-Aktivität.

WW: Ich meine, wir sollten beim Sitzen wie ein Baby sein, das genau weiß, ob es sich wohlfühlt oder nicht, aber noch keine Worte dafür hat. Gedanken und Gefühle vergehen von selbst. Warum sollte ich mich davon beunruhigen lassen? Wir haben doch schon tausende von Male diese Erfahrung gemacht. Nur dadurch, dass ich mich mit dem Gedanken oder Gefühl identifiziere, entsteht dieser Ewigkeitscharakter in mir. Und das ist es auch letztendlich, was uns kaputt macht. Unsere Übung sollte daher ganz sanft sein. Indem wir dieses Entstehen und Vergehen beobachten, beruhigt sich unserer Geist. Nur durch Gewahrsein kommen die Gedanken zur Ruhe, verlieren ihre Kraft, und ihr Einfluss auf uns nimmt ab.

Diop: Wenn ich also nun den Bereich des Denkens, bzw. der Gedanken zulasse, wie soll ich mich dann ihnen gegenüber verhalten?

WW: „Verweilst du an dem Ort täuschenden Denkens, so füge kein Wissen hinzu“, so lautet der dritte Satz aus dem Engaku-Sutra. Das ist die Konsequenz aus dem zweiten Satz. Wenn wir unsere Gedanken nicht auslöschen, wenn wir also „an dem Ort täuschenden Denkens“ verweilen, sollten wir kein Wissen hinzufügen.

Diop: Das bedeutet, dass ich mich nicht auf irgendwelche Analysen oder Beurteilungen meiner Gedanken einlasse.

WW: Ja. Wir sollten die Gedanken nicht noch weiter mit Nahrung versorgen. Das Erkennen des bloßen Gedankens, sei er nun positiv oder negativ, ist es, was uns weiterbringt. Wir dürfen dem Gedanken nichts hinzufügen, denn sonst folgt ein unabsehbarer Strom weiterer Gedanken. Es genügt, den Gedanken als Gedanke des Hasses, des Urlaubs oder der Sorge etc. zu erkennen. In diesem Erkennen liegt bereits das Ende des Gedankens.

Diop: Können Sie das genauer erklären?

WW: Die meisten Menschen achten nicht auf ihre Gedankenspiele, die sich Tag für Tag abspielen. Auch mir war das früher nicht bewusst. Erst beim Sitzen, wenn wir zur Ruhe gekommen sind, erkennen wir das klar und es wird uns bewusst. Nehmen wir einmal an, ich sitze mit der besten Absicht. Da kommt mir plötzlich der Gedanke, dass ich unbedingt heute noch Putenschnitzel kaufen muss, weil sie gerade im Angebot sind. Plötzlich erkenne ich den Gedanken als Gedanken. In diesem Augenblick habe ich die freie Wahl, den Gedanken fortzuspinnen oder ihn fallen zu lassen. Das meine ich.

Diop: Den Gedanken, welcher es auch sei, am Anfang seines Wirkens wahrzunehmen, ist nicht einfach.

WW: Ich weiß. Ein langer Prozess des Sitzens und Beobachtens ist dazu nötig. Weil wir den Gedanken nicht sofort als Gedanken erkennen, ersetze ich das Wort Gedanke oft mit dem Wort Kommentator. Der Gedanke ist ein innerer Kommentator, dem wir zuhören oder sprechen lassen. Wenn wir diesen inneren Klang einmal bewusst wahrnehmen und damit üben, wird es für uns einfacher, ihn sofort zu erkennen.

Diop: Können Sie das genauer ausführen?

WW: Wir sollten ruhig einmal den Versuch machen, einen x-beliebigen Satz in uns so lange zu wiederholen, bis wir uns den Klang des Kommentators eingeprägt haben. Auf diese Weise erkennen wir ihn schneller, wenn er wieder auftaucht.

Diop: So hat mir das noch niemand gesagt.

WW: Jeder wird es für sich selbst herausfinden. Mir geht es einfach darum, dem Menschen, der sich auf sein Kissen oder Bänkchen gesetzt hat, behilflich zu sein, damit er nicht die gleichen Fehler macht, die ich alle im Laufe der Zeit gemacht habe. Es werden trotzdem noch viele Fehler sein, die wir auf unserem Kissen machen. Was ich als Fehler bezeichne, dürfen Sie allerdings nicht als etwas Negatives betrachten. Fehler sind da, um gemacht zu werden, um Erfahrungen zu machen. Nur diese Erfahrungen bringen uns weiter.

Diop: Gibt es noch andere Erfahrungen?

WW: Ja. Das Engaku-Sutra spricht noch einen vierten und sehr wesentlichen Aspekt an.

Diop: Und welcher ist das?

WW: „Wo kein Wissen ist, unterscheide nicht die Wahrheit.“

Diop: Was ist damit gemeint?

WW: Das bedeutet: Wenn es nun still in uns geworden ist und Ruhe eingekehrt ist, beginne nicht, diese Ruhe zu analysieren. Geben Sie sich einfach der Ruhe hin und beobachten Sie klar jeden einzelnen Augenblick. Ein Auto fährt vorbei, die Beine tun weh, ein Hund bellt. Es geht darum, nur dies eine zu beobachten, ohne jegliche Begrifflichkeit, d.h., ohne es im Geist zu benennen. Da ist einfach nur „wau, wau!, ohne Hund, ohne Bellen, ohne „das stört meine Ruhe!“, oder „das darf nicht sein!“ „Wau, wau!“, das ist der reine, klare Augenblick, das ist die unterscheidungslose Wirklichkeit, die Wahrheit, von der hier gesprochen wird. Letztendlich kann man die vier Sätze auch so zusammenfassen: „Halte nicht an der Form fest. Halte nicht an der Leerheit fest. Bilde dir keine Meinung darüber. Wo weder Form noch Leere ist, lasse die Dynamik walten.“

Diop: Und was ist dann?

WW: Dann wird es so sein, wie dies kürzlich eine meiner Schülerinnen gesagt hat, als sie diesen Bereich für sich erfahren hat. Plötzlich sind alle Sorgen und Probleme weg. Da ist keine Depression mehr, keine Krankheit, keine Sorgen. Wenn sich diese neue Dimension in uns auftut, wird das Leben klar und einfach in diesem Augenblick. Nichts Zwanghaftes mehr ist in uns. Wenn unsere Gedanken nicht mehr an Begriffen hängen bleiben, wird es Geburt und Tod nicht mehr geben. Und selbst der plötzlich auftauchende negative Gedanke beunruhigt uns nicht mehr. Er hat seine Macht über uns verloren. Dann sind wir wirklich frei. Alles liegt in diesem Augenblick klar vor uns. Der Gedanke ist weder verschwunden noch ist er da. Die Wesensnatur ist wie sie ist. In ihr gibt es nichts Reines und nichts Unreines. Hier liegt unser Heil.

Diop: Wenn ich Sie richtig verstehe, steht und fällt alles im Zen mit dem begrifflichen Denken.

WW: So könnte man es sagen. Die wirkliche Wirklichkeit liegt nun einmal hinter unserem Denken.

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