Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 43


Kein Kommen, kein Gehen

WW: Natürlich kommen immer wieder Fragen auf dem Weg, Fragen des Zweifels und Fragen, die die Übung ganz konkret betreffen. Eine solche Frage hat einmal Razan seinem Meister Ganto gestellt. „Was ist davon zu halten, wenn Gedanken unaufhörlich kommen und gehen?“

Diop: Solche Frage haben sicher sehr viele Menschen.

WW: Das ist richtig. Wenn ich sitze, möchte ich doch frei von Gedanken sein und möchte nicht immer von Ihnen gestört werden. Das jedenfalls ist die Meinung vieler Zen-Schüler. Dogen Zenji schildert im elften Kapitel seines Werkes „Shobogenzo“ das kommende Koan folgendermaßen, wobei Ganto dort „Gento“ genannt wird. Die Jahreszahlen stimmen mit denen Gantos aber überein, so dass es sich vermutlich um einen Druckfehler handelt.
Der Mönch Razan fragte einst den Meister Ganto: „Was ist die Zeit - ihre Erscheinung, ihr Vergehen und ihre Dauer?“ Ganto antwortete mit einem Donnergebrüll: „Warum erscheint oder vergeht sie?“
Ganto erkennt, dass der Mönch die Form auf sein Ich bezogen hat.

Diop: Wer war dieser Meister Ganto?

WW: Vielleicht erinnern Sie sich noch an Ganto aus dem Koan Zweiundzwanzig. Er war der Abt eines großen Klosters, das in den Wirren der Tang-Dynastie von Soldaten überfallen wurde. Alle Mönche flohen, nur Ganto blieb allein zurück. Die Eindringlinge konnten nichts erbeuten und ermordeten ihn. Im Augenblick des Todes soll er einen Schrei ausgestoßen haben, der noch in einer Entfernung von zehn Meilen zu hören war.

Diop: Und was antwortet Ganto auf die Frage nach den Gedanken?

WW: Ganto schalt den Mönch und sagte: „Wer kommt und geht?“ Gedanken sind von Grund auf leer, da ist kein Kommen und Gehen. Wie sollte Leerheit kommen und gehen können? Dies ist ein sehr wichtiges Koan, denn es weist uns darauf hin, wie wir mit unseren Gedanken umgehen sollen. Auch sie sind die Ur-Wirklichkeit, auch sie gehören dazu. Rinpoche hat einmal gesagt: „Im Lauf Ihrer Praxis werden Sie viele verschiedene Erfahrungen machen, sowohl gute als auch schlechte. So, wie ein Raum mit vielen Türen und Fenstern dem Wind viele Möglichkeiten bietet hereinzuwehen, so ist es nur natürlich, dass mit der Öffnung Ihres Geistes viele Erfahrungen auftreten. Sie mögen Zustände von Glückseligkeit, Klarheit oder Abwesenheit von Gedanken erfahren. In gewisser Hinsicht sind das recht gute Erfahrungen, die einen Fortschritt in Ihrer Meditation anzeigen. Wenn Sie nämlich Glückseligkeit erfahren, ist das ein Zeichen, dass sich Begierde vorübergehend aufgelöst hat; wenn Sie echte Klarheit erfahren, zeigt das an, dass Aggression für eine Weile aufgehört hat; wenn Sie die Abwesenheit von Gedanken erfahren, ist das ein Zeichen, dass Ihre Unwissenheit zeitweilig gestorben ist. Für sich genommen sind das gute Erfahrungen, aber wenn Sie daran hängen bleiben, werden sie zu Hindernissen. Erfahrungen sind selbst keine Verwirklichungen, aber wenn wir nicht an ihnen kleben bleiben, werden sie zu dem, was sie eigentlich sind: Rohstoff für die Erleuchtung.“

Diop: Aber ist es nicht oft so, dass in dem Augenblick, wo wir uns hinsetzen, unsere Gedanken regelrecht verrücktspielen? Ich erinnere mich an unerledigte Dinge und daran, was ich noch tun sollte. Gleichzeitig tauchen Emotionen wie Unzufriedenheit oder Feindseligkeit auf.

WW: Das alles bedeutet nicht, dass meine Gedanken oder Gefühle wilder denn je geworden wären, sondern nur, dass ich selbst ruhiger geworden bin und mir meiner Gedanken und Gefühle bewusst geworden sind. Wir erleben hier eigentlich den Normalfall, den wir natürlich nicht wahrnehmen, wenn wir mit vielen Dingen beschäftigt sind und uns daher unseres Innenlebens nicht bewusst sind.

Diop: Aber ist das nicht frustrierend?

WW: Wir dürfen uns davon nicht entmutigen lassen. Wir müssen einfach ganz präsent sein, bei dem, was in uns auftaucht, also die Gedanken als Gedanken erkennen, anschauen, vergehen lassen und zum Gewahrsein zurückkehren. So wie ein Hund Haare hat, so sind unsere Gedanken die Haare unseres Geistes. Der Hund hat Haare, aber er lässt sich davon nicht stören oder irritieren. Sie gehören zur Natur des Hundes. Das ist die Dynamik, von der ich vorhin gesprochen habe. Es wäre Unsinn, diese Dynamik abwürgen zu wollen. Das ist es! Das ist Leben! Gedanken anhalten zu wollen würde einem Versuch gleichen, den Fluss, in dem ich befinde, anhalten zu wollen, weil er zu schnell fließt.

Diop: Sie meinen also, Gedanken dürfen sein?

WW: Natürlich. Es geht immer nur um das Erkennen. Das ist der wesentliche Punkt. Dabei spielt es keine Rolle, ob das, was ich erkenne, ein Gefühl, ein Geräusch oder ein Gedanke ist. Es geht im Zen immer um mein Bewusstsein. Ich muss mir lediglich bewusst sein, was da ist. Welche Gedanken auch aufkommen, lassen Sie sich davon nicht beeindrucken. Wir müssen lernen, unsere Gewohnheiten zu durchbrechen. Dazu gehört, nicht mehr einfach nur impulsiv oder gewohnheitsmäßig zu reagieren. Wir sollten geduldig bleiben, bis sie dahinschmelzen und sich auflösen.

Diop: Geduld ist für mich etwas sehr Schwieriges.

WW: Wem sagen Sie das! Ein tibetisches Sprichwort sagt: „Es ist ein bisschen viel verlangt, wenn man Fleisch ohne Knochen oder Tee ohne Blätter haben will.“ Wir sind nun einmal geistige Wesen und dieser Geist drückt sich in diesem Körper aus und wird sichtbar durch ihn. Solange wir geistbegabte Wesen sind, werden wir auch Gedanken und Gefühle haben. Deswegen ist es falsch zu glauben, Gedanken und Gefühle dürften nicht sein. Es ist völlig unnütz, sich deswegen Vorwürfe zu machen und zu glauben, versagt zu haben. All dies würde das Entstehen von Gedanken und Emotionen nur noch verstärken. Meditation besteht darin, nichts auszugrenzen, aber auch nichts festzuhalten. Wir müssen nur die richtige innere Atmosphäre schaffen, eine Atmosphäre von Leichtigkeit und Offenheit, in der es nichts Besonderes zu tun gibt, außer Gedanken und Gefühle kommen und gehen zu lassen. Wir sollten uns ihnen gegenüber so verhalten wie ein alter, weiser Mann, der einem Kind beim Spielen zuschaut. Wir müssen sein wie das Meer, das seine Wellen betrachtet, die entstehen und wieder vergehen. Lassen Sie einfach, während Sie still sitzen und ihren Körper ruhig halten, ihre Gedanken auftauchen und wieder verschwinden, ganz zwanglos, ganz absichtslos. Wir sollten nicht nach ihnen greifen oder sie mit weiterem Zündstoff versorgen. Wir sollten ihnen weder folgen, noch sie einladen, weder sie zurückweisen noch in ihnen schwelgen. Das ist die Arbeit, die wir beim Sitzen verrichten müssen. Daraus entsteht das, was man Weisheit nennt.
Es gibt da eine Geschichte von Nasrudin, einem Weisen. Nasrudin stand einmal auf dem Marktplatz und wandte sich an die Menschen: „Leute! Wollt ihr bequem und problemlos Weisheit erwerben, wollt ihr die Wahrheit ohne Falschheit, wollt ihr Erfolg ohne Anstrengung, Fortkommen ohne Opfer?“ Schon bald hatte sich eine große Menge zusammengefunden und alle riefen begeistert: „Ja, ja!“ „Hervorragend!“, sagte Nasrudin. „Das wollte ich nur wissen. Ihr könnt euch darauf verlassen, dass ich gleich Bescheid gebe, wenn mir so was über den Weg läuft.“

Diop: Statt Gefühle oder Gedanken zu unterdrücken oder sich mit ihnen zu identifizieren, sollte ich also allem, was entsteht, mit größtmöglicher Offenheit und Großzügigkeit zu begegnen.

WW: Ja. Dadurch entsteht in uns ein Gefühl von Spannungslosigkeit und Gelassenheit. Wie sollten sein wie ein Mensch, der nach einem langen und harten Arbeitstag nach Hause kommt und sich in seinen Lieblingssessel fallen lässt. Er hat den ganzen Tag lang hart gearbeitet und weiß, dass alles getan ist, was zu tun war. Er braucht sich um nichts mehr zu sorgen. Und so kann er zufrieden alle Gedanken fahren lassen und einfach nur da sein.

Diop: Vielleicht war der Mönch der Meinung, dass der Gedankenstrom unaufhörlich dahinfließt.

WW: Das ist ein Irrtum. Wenn man genau hinschaut, werden Sie feststellen, dass es eine Lücke zwischen den Gedanken gibt, eine Lücke zwischen dem Gedanken, der vergangen ist und dem, der erst entsteht. Wenn Sie nicht über ihre Gedanken nachdenken und sich nicht darauf einlassen, sondern sie einfach frei fließen lassen, wird sich der Gedankenfluss von ganz allein verlangsamen, und die Lücke wird deutlicher werden. Als ein alter tibetischer Meister einmal von seinem Schüler gefragt wurde, wie er meditieren solle, sagte er zu ihm: „Schau, es ist so: Wenn ein vergangener Gedanke aufgehört hat und ein zukünftiger Gedanke noch nicht entstanden ist, gibt es da nicht eine Lücke?“ „Ja“, sagte der Schüler. „Nun gut, verlängere sie! Das ist Meditation.“

Diop: Sie wollen damit sagen: Wenn wir unsere Einstellung den Gedanken gegenüber verändern, wird sich auch die Atmosphäre unseres Geistes verändern und wir werden keine Schwierigkeiten mehr mit ihnen haben?

WW: Ja. In einer traditionellen tibetischen Meditationsanweisung heißt es, dass die Gedanken am Anfang ununterbrochen erscheinen und sich überstürzen wie ein Wasserfall. Wenn Sie die Meditation allmählich vervollkommnen, werden die Gedanken wie Wasser, das durch eine tiefe, enge Schlucht fließt; später sind sie wie ein großer Fluss, der sich gemächlich dem Meer entgegenwindet; und schließlich ähnelt der Geist einem glatten, stillen Ozean, nur hier und da von kleinen Wellen gekräuselt. Doch zurück zum Koan.
Razan fragte den Ganto: „Was ist davon zu halten, wenn Gedanken unaufhörlich kommen und gehen?“ „Wer kommt und geht?“ schalt ihn Ganto.
„Wer kommt und geht?“, das ist die entscheidende Frage. Was ist dieses Kommen und Gehen? Was ist dieser Augenblick? Woher kommt er und wohin geht er? Das müssen wir herausfinden. Darum geht es in diesem Koan.

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