Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 40


Vollkommenes Gleichgewicht

Diop: Ich glaube, viele Menschen sind auf der Suche nach einem Weg, der in die Ur-Wirklichkeit führt.

WW: Deswegen gibt es auch so viele Koans, die darauf deuten. Nehmen wir als Beispiel Ummon und Kempo.

Diop: Wer ist Kempo?

WW: Kempo wirkte gegen Ende des neunten Jahrhunderts und war Schüler von Tozan aus der Soto-Linie. Einzelheiten aus seinem Leben sind mir leider nicht bekannt. Aber wir begegnen diesem Kempo im achtundvierzigsten Beispiel des Mumonkan, wo ein Mönch ebenfalls nach dem Weg fragt. Ein Mönch fragte Meister Kempo in allem Ernst: „In einem Sutra heißt es: ‘Die Bhagavats der zehn Richtungen - ein WEG zum Tor des Nirvana’. Ich möchte gern wissen: Wo ist dieser WEG?“ Kempo hob seinen Stab, zog eine Linie und sagte: „Hier ist der WEG.“ Der Weg ist immer da, wo ich bin. Ich muss nicht suchen. Das 40. Koan aus dem Shoyoroku lautet: Ummon kam einmal zu Kempo und sagte: „Darf ich dich etwas fragen?“ „Warst du je bei diesem alten Mönch?“ fragte Kempo ihn. Ummon antwortete: „Wenn du mich so fragst, muss ich zugeben, dass ich zu spät bin!“ „Ist das so. Ist das so“, sagte Kempo. „Ich dachte, ich wäre Weißkopf, um nun festzustellen, dass du Schwarzkopf bist“, sagte Ummon.

Diop: Was bedeutet Weißkopf und Schwarzkopf?

WW: Weißkopf und Schwarzkopf sind der chinesischen volkstümlichen Überlieferung nach Taschendiebe. Sie waren in China wie bei uns etwa Tünnes und Schäl oder Dick und Doof, unzertrennlich, einer ohne den anderen nicht vorstellbar. Schwarzkopf, so sagt man, sei der klügere von beiden gewesen.

Diop: Ich verstehe es immer noch nicht.

WW: Hier trifft das Wort zu: Diebe verstehen einander. Das bedeutet, dass beide miteinander so reden können, dass der Wortlaut etwas ganz anderes bedeutet, als es der Wortsinn vermuten lässt. Sie stehlen sich sozusagen die Worte vom Mund weg. Frage und Antwort finden in diesem Koan auf höchstem Niveau statt, sie sind scheinbar ohne Verbindung und hängen in der Luft. Die Antwort wird zur Frage und die Frage zur Antwort. Hier riecht es weder nach Illusion noch nach Erleuchtung.
Ummon kam also zu Kempo und sagte: „Darf ich dich etwas fragen?“ Ich erbitte eine Antwort aus der Leerheit. „Warst du je bei diesem alten Mönch?“ fragte Kempo ihn. Hast du die Wesensnatur erfahren? Ummon antwortete: „Wenn du mich so fragst, muss ich zugeben, dass ich zu spät bin!“ Ich muss zugeben, dass es immer jetzt ist. Ich kann es nie erreichen, auch wenn ich noch so sehr hinterherlaufe. Ist das nicht genug? „Ist das so. Ist das so“, sagte Kempo. „Ich dachte, ich wäre Weißkopf, um nun festzustellen, dass du Schwarzkopf bist“, sagte Ummon.
Vielleicht könnte man das Koan auch so sehen: Ummon: „Sag es!“ Kempo: „Es hat schon geantwortet. Ummon: „Es ist immer da.“ Kempo: „Sehe es nicht so!“ Ummon: „Unter Fachleuten gibt es keine Spezialisten.“ Das ist die höchste Freiheit auf dem Weg.

Diop: Für mich hat es eher den Anschein, als würden die beiden auf einer irrationalen Ebene mit Worten kämpfen.

WW: So kann man es auch sehen. Sie finden hier die perfekte Darstellung der Ur-Wirklichkeit. Ummon ist ein unverbesserlicher Dieb, der nichts anderes tut, als das Innerste seines Gegenüber zu plündern, bis nichts Festes mehr übrig bleibt. Seine Worte: „Ich dachte, ich wäre Weißkopf, um nun festzustellen, dass du Schwarzkopf bist“ sind so hohl, dass man nicht weiß, ob er nun die Wahrheit spricht oder ihn an der Nase herumführt.

Diop: Für mich ist die Frage: Wer hat eigentlich was gestohlen?

WW: Kommen wir vielleicht noch einmal auf den Anfang des Koans zurück. Ummon kommt zu Kempo und sagt: „Darf ich dich etwas fragen?“ Jeder Mensch würde nun meinen, dass Kempo sagt: „Gerne, natürlich“ oder aber: „Ich habe jetzt keine Zeit, komm später wieder.“

Diop: Aber dem ist nicht so.

WW: Nein. Kempo kommt sofort mit einer Gegenfrage: „Warst du je bei diesem alten Mönch?“

Diop: Welchen alten Mönch meint Kempo damit?

WW: Kempo will sagen: „Hast du die immerwährende Wirklichkeit in dir schon entdeckt?“, also die Weisheit, dein eigenes Wesen? Und Ummon antwortet: „Wenn du mich so fragst, muss ich zugeben, dass ich zu spät bin!“

Diop: Das klingt so, als ob sich die beiden verabredet hätten.

WW: Auf den ersten Blick scheint das so zu sein. Aber Ummon weiß natürlich, worauf Kempo abzielt. „Ich bin zu spät“ heißt „Ich habe keine Zeit mehr, ich habe die Zeit verloren. Ich bin wirklich da!“ Kempo kommt für kurze Zeit ins Grübeln. „Ist das so. Ist das so“, sagt er. Er sieht, mit wem er es zu tun hat. Ummon nützt sofort die Chance und entgegnet: „Ich dachte, ich wäre Weißkopf, um nun festzustellen, dass du Schwarzkopf bist“.

Diop: Was will Ummon damit ausdrücken?

WW: Er will sagen, wir beide sind absolut gleich, da ist kein Unterschied. Letztendlich stellt Ummon Kempo die Leiter hin, um ihn zum Diebstahl zu verführen, um ihn dann dabei zu ertappen.

Diop: Zwei Diebe also?

WW: Ja, Diebe, die die Ur-Wirklichkeit gestohlen haben und sich darüber freuen. Zen-Texte klingen manchmal sehr respektlos oder negativ. Da werden Patriarchen, Meister und selbst Buddha als Diebe oder Schwatztanten bezeichnet, die ihr Handwerk verstehen und im Handumdrehen ihrem Schüler „die Augen auswechseln“, - das heißt eine neue Sichtweise verschaffen - ohne ihm jedoch dabei ein Haar zu krümmen. Zen will im Grunde nichts anderes, als uns alles, was wir an Gefühlen und Gedanken haben, wegzunehmen.
„Darf ich dich etwas fragen?“ könnte eine belanglose und höflich gestellte Frage sein. Nicht so im Zen. Nichts ist belanglos, höflich oder in Konventionen gezwängt. Und genau aus diesem Grund stellt ihm Kempo blitzschnell die Gegenfrage: „Warst du je bei diesem alten Mönch?“ Auf der Ebene der Logik totaler Unsinn. Und doch ist dies der entscheidende Punkt in diesem Koan: „Wer ist dieser Mönch?“ Die ganze Weisheit ist in dir, warum fragst du? Bist du dir immer noch nicht sicher, dass die wahre Wirklichkeit tatsächlich so ist, wie du sie erlebt hast? Zweifelst du noch immer? Der „alte Mönch“ ist die Weisheit in uns. Doch wenn wir unseren Körper nicht von Geburt und Zerstörung befreien, werden wir nie in diese Weisheit vordringen.

Diop: Kempo spricht von Weisheit?

WW: Ja. Weisheit ist die wahre Natur der Erleuchtung. Sie lässt sich nicht reduzieren oder erweitern, sie befasst sich nicht mit „klug“ oder „dumm“, mit „hoch“ oder „tief“. Weisheit ist die Quelle unseres Seins. Es geht in diesem Leben darum, sie zu finden, um daraus zu schöpfen. Ummon hat direkt ins Schwarze getroffen, obwohl er keinen Pfeil verschossen hat. Kein Buchstabe kann dies erklären. Wenn Sie dieses Gespräch verstehen wollen, ist jedes Nachdenken darüber ein Hindernis. Wenn wir dahin kommen wollen, ist es wichtig, spielerisch mit den Dingen umzugehen. Das Zusammenspiel von Beziehungen und Vollständigkeit ist sehr diffizil. Deshalb ist der spielerische Umgang notwendig, um den Weg des Zen frei und ungehindert gehen zu können. Worte und das Hängen an Begriffen spielen dabei eine wesentliche Rolle, die wir durchschauen müssen.

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