Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 38


Verwirklicht

WW: Rinzai wandte sich einmal an die Versammlung und sagte: „Es gibt einen wahren Menschen ohne Rang und Stand, der immerzu vor aller Augen kommt und geht. Wenn ihr Anfänger ihn noch nicht entdeckt habt, so schaut, schaut!“ Ein Mönch trat vor und fragte: „Was ist der eine wahre Mensch ohne Rang und Stand?“ Da stieg Rinzai vom Podium herunter und packte ihn. Der Mönch schämte sich. Rinzai stieß ihn fort und sagte: „Der wahre Mensch ohne Rang und Stand, was für ein Kanshiketsu!“
Das Koan könnte auch so lauten: Rinzai: „Verwirklichte Leerheit ist reine Dynamik. Wo ist sie jetzt? Seht ihr sie?“ Mönch: „Was ist der eine Mensch, der Form und Leerheit verwirklicht hat?“ Rinzai: „Die Wesensnatur ist ohne Wissen von Form und Leerheit. Sie ist etwas ganz Gewöhnliches. Das ist es! Geh, und putz dir den Hintern!“

Diop: Rinzai ist uns doch auch schon früher begegnet.

WW: Ja. Man muss wissen, er verwendet Worte wie „Geist“, „Buddha“, oder „Es“ sehr selten. Meistens spricht er vom „Menschen“ oder „Wahren Menschen ohne Rang“.

Diop: Was will Rinzai damit zum Ausdruck bringen?

WW: Die Wesensnatur ist nichts Verborgenes. Sie liegt klar und offen vor uns. Darum geht es in diesem Koan. Der Ausdruck „wahrer Mensch“ stammt aus dem chinesischen Taoismus. Der wahre Mensch ist nichts Besonderes, er hat nicht einmal einen Rang. Im China der damaligen Zeit wurde jeder Mensch rangmäßig in die Gesellschaft eingeordnet. Ein Mensch ohne Rang war also wirklich eine Randfigur, eine Ausnahmeerscheinung. Rinzai sagt dazu: „Er ist ohne Form, ohne Merkmal, ohne Wurzel, ohne Stamm, ohne Wohnplatz, doch ihr sollt wissen, er ist Fisch-munter und quicklebendig. Der Ort seiner Tätigkeit inmitten aller möglichen Umstände ist Nicht-Ort. Deshalb ist er umso ferner, je mehr man ihn sucht, desto weiter weicht er zurück, je mehr man nach ihm verlangt. Das ist, was Geheimnis genannt wird.“

Diop: Sind wir wirklich so? Ohne Form, ohne Merkmal, ohne Wurzel, ohne Stamm, ohne Wohnplatz?

WW: Natürlich habe ich einen Körper, ich habe Merkmale, bin männlich oder weiblich, ich habe Wurzeln, nämlich meine Eltern, ich habe einen Wohnplatz, nämlich da oder dort. Dies gibt uns unser mentales Bewusstsein ein, mit dem wir jetzt da sind. Aber wenn wir dieses Bewusstsein überstiegen haben, wird uns klar werden, wer wir wirklich sind. Mein Lehrer Willigis Jäger drückt sich etwas anders aus. Er sagt: „Eigentlich sind wir nicht Menschen, die mit Geist begabt sind, sondern Geist, der mit einem Körper ausgestattet ist. Wir sind Geist-Wesen, und dieser Geist drückt sich in diesem Körper aus“.

Diop: Das Gleiche sagt uns doch auch die Naturwissenschaft heute. Die Welt ist nicht so, wie wir sie wahrnehmen. Wir sind eingeengt durch unsere Sinneswahrnehmungen. Die Welt ist ganz anders, als wir sie tagtäglich erleben. Sie ist ohne Form, ohne Farbe, ohne Ton.

WW: Ja. Wir sind Inkarnationen des Geistes, fleischgewordener Geist, Manifestationen dieser Ur-Wirklichkeit. Rinzai sagt: „Alle Dinge sind leere Formen, sie existieren nur aufgrund von Veränderung. Ohne Veränderung existiert nichts. Alles ist nur Geist, die zehntausend Dinge sind nur Bewusstsein.“

Diop: Erscheint uns die Welt, so wir sie wahrnehmen, nur deshalb so, weil wir diese Ebene der Ur-Wirklichkeit noch nicht erfahren haben?

WW: Ja. Wenn wir sehr aufmerksam in das Wahrnehmen hineingehen und beobachten, was ist, stellen wir fest: Da ist die Atmung, diese ständige Bewegung, ein - aus, da kommen Gedanken dazwischen, die wieder verschwinden. Diese Gedanken lösen in uns Gefühle aus. Die Gefühle veranlassen uns zu weiterem Denken und Handeln. Dieser ewige gleiche Kreislauf, mit dem wir uns schon so angefreundet haben, dass wir am Ende glauben, das bin ich, das betrachten wir als unsere Persönlichkeit. Tatsächlich aber sind wir dies nicht. Wir sind nicht die Gedanken, wir sind nicht die Gefühle, wir sind nicht dieser Körper. All diese Wahrnehmungen sind nur Spiegelungen, die auf diesem in Wirklichkeit leeren Spiegel erscheinen. In Wirklichkeit sind wir dieser leere Spiegel, ohne Rang, ohne Namen, ohne Form. Was bleibt, ist dieses ständige Kommen und Gehen, sind Aktionen wie Gehen, Sitzen oder Staubsaugen. „Fisch-munter und quicklebendig“ bezeichnet es Rinzai.

Diop: Was sollen wir also tun? Sollen wir uns hinsetzen und versuchen, die Gedanken anzuhalten? Sollen wir den Lärm meiden und die Stille suchen?

WW: Das wäre ein großes Missverständnis. Auch Rinzai wendet sich scharf gegen solche Praktiken. Er sagt: „Sie halten den Gedankenfluss an und lassen keinen Gedanken aufsteigen. Sie hassen Lärm und suchen Stille. Das ist eine häretische Art. Ein Patriarch sagt: ‘Den Geist anhalten und die Stille anschauen, den Geist sich erheben lassen, um die Außendinge anzuschauen, den Geist zügeln, um ihn innen zu klären, den Geist fixieren, um in Versenkung einzutreten - alle solchen Praktiken sind künstliche Bemühungen.’“

Diop: Die Schwierigkeit beim Üben besteht für mich darin, nichts zu tun, nichts anzuhalten, nichts zu fixieren, nichts erreichen zu wollen, nichts zu verabscheuen, nichts zu kritisieren, nichts zu beurteilen, sondern einfach nur zu schauen, was ist.

WW: Auch Rinzai vor tausend Jahren war ein Suchender. Auch er hatte seine Schwierigkeiten, und sie waren sicher die gleichen, mit denen wir uns heute herumschlagen. Rinzai sieht im wahren Menschen einen ganz gewöhnlichen Menschen, der nichts aus sich macht, der natürlich und einfach ist, der nichts Besonderes verlangt, und nicht nach Besonderem strebt. Gemeint ist ein Mensch, der im Jetzt lebt. Dieser „wahre Mensch“ ist frei und unabhängig von allen Umständen, die sein Leben bestimmen. Er sagt: „Wenn er gehen will, geht er, wenn er sitzen will, sitzt er. Er hegt nicht einen einzigen Gedanken.“

Diop: Und trotzdem sind wir ständig auf der Suche.

WW: Unser Leben wird in den meisten Fällen bestimmt von ständigem Wollen. Ich will viel Geld verdienen, ich will, dass es mir gut geht, ich will in den Urlaub fahren, ich möchte gute Freunde haben, ich möchte gesund sein, ich will, dass mir beim Sitzen die Beine und der Rücken nicht wehtun, ich will endlich die Erleuchtungserfahrung machen. Wenn dieser suchende Geist zur Ruhe käme, hätten wir es augenblicklich realisiert. Rinzai sagt: „Werte Mönche! Seid gewöhnliche Menschen! Macht keine Umstände!“

Diop: Was ist aber dieses Gewöhnliche?

WW: Rinzai gibt uns eine klare Antwort: „Der wahre Zen-Weg ist ganz einfach und bedarf keiner Mühe. Er besteht im Alltäglichen und hat kein Ziel. Scheißen, pissen, sich anziehen, essen und schlafen, wenn man müde ist. Die Einfältigen mögen mich auslachen, die Weisen wissen Bescheid.“
Warum wenden wir uns nicht einfach unserem eigentlichen Licht zu, unserer eigenen Weisheit? Warum suchen wir ständig im Außen? Unsere Zeit auf dieser Welt ist sehr kostbar. Warum verschwenden wir sie so großzügig? Buddha hat einmal gesagt: „Diese Welt geht vorüber und alles, was wichtig ist, fliegt vorbei. Jeder muss aus seinem Traum erwachen. Es ist keine Zeit zu verlieren.“

Diop: Sie meinen, unsere Buddha-Natur, unser Wahres Selbst ist dieser „Wahre Mensch“?

WW: Ja. Es gibt keinen Unterschied zwischen ihr und uns, nicht eine Haaresbreite. Doch die kleinste Unterscheidung bringt eine Distanz wie zwischen Himmel und Erde, steht im Shinjin-mei.

Diop: Und deshalb müssen wir nichts erreichen?

WW: Wir müssen nur aufhören zu unterscheiden, zu denken, zu wollen. Warum binden wir uns ständig an Begriffe wie „gegenständlich“ oder „ungegenständlich“, an „wirklich“ und „unwirklich“, an „körperlich“ und „geistig“? All dies kostet viel Kraft und Energie, es verschleißt uns. Es bedarf wirklich nur eines Wimpernschlages, und wir fühlen uns überall frei und zufrieden. Jeder von uns ist mit dieser Buddha-Natur ausgerüstet. Und deshalb gibt es nichts, was wir verbessern oder reparieren müssten. Wo also sollten wir unsere Buddha-Natur anders finden als in uns? Der Dharma offenbart sich direkt vor unseren Augen. Um da aber hinzugelangen, ist es notwendig, zu üben.

Diop: Sie meinen damit nicht nur die Übung beim Sitzen?

WW: Ja. Unser ganzes Leben sollte Übung sein. Der Alltag sollte ein zentraler Punkt in unserem Leben sein. Wir sollten nicht ständig darauf schauen, wie schwierig oder lästig unsere Aufgaben sind. Unser Geist sollte weich und biegsam sein wie der Stamm einer Birke. Dogen Zenji schreibt: „Zazen ist die Übereinstimmung von Erleuchtung und Übung. Sitze aufrecht, lass ab von allen Gedanken, guten und schlechten. Weil Körper und Geist jetzt in Übereinstimmung sind, sind Übung und Erleuchtung nicht zwei verschiedene Dinge. Zazen ist das Dharma-Tor des Friedens und der Freude.“

Diop: In welcher Beziehung stehen eigentlich Übung und Erleuchtung zueinander?

WW: Übung und Erleuchtung stehen in der gleichen Beziehung zueinander wie der Fisch zum Wasser oder der Vogel zum Himmel. Der Fisch muss nicht erst ins Wasser eindringen, er ist bereits da. Wenn Sie diesen Punkt verstehen, haben Sie die Erleuchtung im Alltag verwirklicht. Wenn Sie diesen Punkt erreicht haben, sind alle ihre Handlungen die Verwirklichung der Erleuchtung.
Der Zen-Meister Nan-yüan hat einmal gesagt: „Wir haben beides - Übung und Erleuchtung - in Einklang zu bringen. Wenn Übung nicht in Einklang mit der Erleuchtung ist, geht man in die Irre. Jeder Buddha in jeder Generation seit Shakyamuni hat die Übung mit der Erleuchtung in Übereinklang gebracht.“
Der große Zen-Meister Gensha war, bevor er Mönch wurde, Fischer. Mit dreißig Jahren erkannte er die tiefe Sehnsucht in sich und entschied sich, der Welt zu entsagen. Er verließ sein Boot und zog sich in die Berge zurück. Schließlich wurde er Schüler von Seppo. Tag und Nacht übte er. Eines Tages entschloss er sich, andere Meister aufzusuchen. Also packte er seine Sachen und begab sich auf die Reise. Kaum hatte er den Berg verlassen, stieß er sich mit seiner Zehe an einem Felsen. Es war sehr schmerzhaft und begann zu bluten. Aber dann, ganz unerwartet, hatte er die plötzliche Erkenntnis: „Dieser Körper existiert nicht. Aber woher kommt dann der Schmerz?“ Er ging zu Seppo zurück. Dieser fragte ihn: „Bist du nur auf die Pilgerreise gegangen, um deinen Fuß zu verletzen und um Schmerzen zu haben?“ Gensha sagte: „Halte mich nicht zum Narren!“ Seppo war sehr erfreut über diese Antwort und sagte: „Was du gerade gesagt hast, sollte jeder sagen, aber den anderen mangelt es an Aufrichtigkeit. Warum machst du dich nicht wieder auf die Reise, um andere Meister zu besuchen?“ Gensha erwiderte: „Bodhidharma kam nicht nach China und der Zweite Patriarch ging nicht nach Indien.“ Seppo lobte diese Antwort. Nachdem Gensha die Erleuchtungserfahrung gemacht hatte, benutzte er oft den Satz: „Das ganze Universum ist eine klare Perle.“

Diop: Was bedeutet das?

WW: Das bedeutet: Das Universum ist nicht eingeengt durch Ideen von groß oder klein, breit oder schmal, richtig oder falsch. Unsere Übung sollte wie diese klare Perle sein. Dabei ist es wichtig, sich von keinen Umständen in der Übung irritieren oder ablenken zu lassen, ganz klar und wachsam zu sein, und sich auch nicht durch die Ideen anderer verwirren lassen. Wir sollten uns selbst vergessen. Unsere Übung sollte nichts mit Willensanstrengung oder Unterdrückung zu tun haben, sondern ganz natürlich im Hier und Jetzt sein. Sie sollte weder ein zwanghaftes Anhalten von dem sein, was in Bewegung ist, noch ein In-Bewegung-Versetzen dessen, was sich in Ruhe befindet. Das ist ein wahrer Mensch ohne Rang und Stand! Im Sutta Nipata gibt es folgende Geschichte über Buddha: Ein Brahmane fragte den Erleuchteten: „Bist du ein Gott?“ „Nein, Brahmane“, sagte der Erleuchtete. „Bist du ein Heiliger?“ „Nein, Brahmane“, sagte der Buddha. „Bist du ein Magier?“ „Nein, Brahmane“, sagte der Welterhabene. „Was bist du dann?“ „Ich bin wach.“

Diop: Sind Täuschung und Erleuchtung denn keine Gegensätze?

WW: Ist Täuschung nicht in Wirklichkeit vollkommene Erleuchtung? Wenn wir die Ideen und Konzepte über unsere Wesensnatur nicht ständig im Blickwinkel hätten, könnte sie plötzlich hervorbrechen und frei fließen. Es kommt nur auf die Achtsamkeit an, im Alltag genauso wie in der Meditation.

Diop: Was bedeutet das für mich?

WW: Das bedeutet, nichts mehr so zu akzeptieren, wie wir es bisher getan haben. Es ist auch viel interessanter, sich selber so anzuschauen, als sähe man sich zum ersten Mal.

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