Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 28


Nur eine Seite

WW: Ein Mönch fragte einmal Meister Gokoku: „Was ist, wenn ein Kranich sich auf einer verdorrten Kiefer niederlässt?“

Diop: Was ist die Bedeutung dieses Bildes?

WW: Die Antwort könnte lauten: Was ist, wenn ich in der Leerheit bleibe? Sie müssen wissen, dass sowohl die Schildkröte als auch der Kranich im alten China glückverheißende Tiere waren. In diesem Koan wird der Kranich als Symbol des Erleuchteten verwendet. Meister Tendo schrieb ein Gedicht zum Mumonkan. Es beginnt mit den Worten: „Eine Pinie ist gerade, und ein Dornbusch ist krumm. Ein Kranich ist groß, und eine Ente ist klein.“ „Der Kranich ist groß“ bedeutet: Der Erleuchtete besitzt jede Freiheit. „Eine Ente ist klein“ bedeutet: Der „gewöhnliche Mensch“ ist gefesselt von seinem dualistischen Denken. Andererseits bedeutet dieser Satz aber auch: Jedes Ding ist so, wie es ist, perfekt. Die Ente sollte nicht versuchen, ein Kranich zu werden. Hakuin sagt: „Wenn jemand ohne Beimischung unterscheidenden Denkens, getrennt von Sehen, Hören, Wahrnehmen und Erkennen im Gehen, Verweilen, Sitzen und Liegen unablässig forschend übt, werden da, wo die Vernunft am Ende ist und Worte aufhören, plötzlich die Karma-Wurzeln von Leben und Tod ausgerissen, und die Höhle der Unwissenheit bricht zusammen. Wie der aus dem Goldnetz befreite Phönix und wie der dem Käfig entronnene Kranich erreicht der Erleuchtete die Wohnung des Friedens.“

Diop: Warum aber lässt sich ein Kranich auf einer verdorrten Kiefer nieder? Er hat doch alle Freiheiten!

WW: Man könnte weiter auch fragen: Warum verharrt der Erleuchtete in der Leerheit, in der Erstarrung? Oder aber: wie ist es, wenn sich ein Verwirklichter im Alltag befindet? Beide, Form und Leere separat müssen sich schämen, denn das eine ohne das andere ist es nicht. Ich meine, wir müssen weitergehen und die Flügel ausbreiten. Wir dürfen nicht stehen bleiben. Auch das sechsundvierzigste Koan im Mumonkan deutet auf das gleiche hin: Meister Sekiso sagte: „Wie willst du von der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange vorwärts gehen?“ Und ein anderer berühmter Altmeister: „Auch wenn einer sitzend auf einem hundert Fuß hohen Mast Erleuchtung erfahren hat, ist es noch nicht die vollständige Sache. Er muss von der Spitze des Mastes vorwärtsgehen und seinen ganzen Körper in den zehn Richtungen des Weltalls deutlich zeigen.“ „Von unten betrachtet ist es eine Schande“, antwortete Gokoku. Dieser Satz kann leicht in die Irre führen, wenn man ihn verstandesmäßig betrachtet. Das Gegenteil ist der Fall. Im Zen wird oft das Beste mit negativen Attributen versehen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Aber der Mönch fragt weiter: „Was ist, wenn jeder Wassertropfen gefroren ist?“ „Nachdem die Sonne aufgegangen ist, ist es eine Schande“, antwortet Gokoku. Auch hier sind wir wieder mit dem gleichen Bild konfrontiert. Und auch hier ist die Bedeutung die gleiche. Sei wie ein Wassertropfen, der auftaut, sich anpasst und zerfließt, wenn es die Umstände erfordern. Lasse die Form sich auflösen und erfahre die Leerheit. Erst dann sind wir in der Lage, die Dinge zu sehen wie sie wirklich sind.

Diop: Was bedeutet: „Nachdem die Sonne aufgegangen ist“?

WW: Der Hintergrund ist: Wenn du Erleuchtung realisiert hast, gehe in das Leben zurück, in den Alltag, auf den Marktplatz. Steige den Berg wieder herunter. Gehe zurück in deinen Beruf, in deine Familie, gehe dahin, wo du gebraucht wirst.

Diop: Geschieht es nicht manchmal, dass die Erleuchtungserfahrung Spuren von Überheblichkeit zurücklässt? „Ich bin etwas Besonderes, Außergewöhnliches. Ihr armen Menschen! Ihr müsstet alle so sein wie ich?“

WW: Das ist richtig. Oft entsteht daraus ein ungeheuerer Missionierungsdrang, der sehr gefährlich werden kann. Aber im Zen geht es nicht darum, abzuheben, sondern auf den Boden zurückzukommen. Das ist die Bedeutung von: „Von unten betrachtet ist es eine Schande“. Das Wort Schande meint hier genau das Gegenteil. Ein Zen-Meister wird immer „unten“ sein. Er wird stets dienen und nicht von oben herab lehren. Der Mönch fragte weiter: „Wo waren zur Zeit der Esho die Gottheiten, die das Dharma bewachen?“

Diop: Welche Zeit spricht der Mönch an dieser Stelle an?

WW: Der Mönch spricht hier die Zeit der großen Buddhismus-Verfolgung im neunten Jahrhundert durch Kaiser Wu-tsung an. Einzig das Zen hat diesen großen Verfolgungssturm ohne größeren Schaden überstanden. Die Verfolgung wurde durch den erbitterten Hass des Kaisers ausgelöst, der ein fanatischer Taoist war und den Buddhismus in seinem Lande ausrotten wollte. Trotz jahrelanger Bemühung um Anpassung galt der Buddhismus bei vielen Chinesen, besonders bei den konfuzianischen Intellektuellen als eine fremde, ausländische Religion. Vor allem erregte das aus Indien übernommene und in den chinesischen Buddha-Klöstern praktizierte zölibatäre Mönchtum Anstoß. Man warf den Buddhisten vor, sich gegen das chinesische Familiensystem zu stellen und die Kindesehrfurcht, das oberste Gebot der konfuzianischen Ethik, zu vernachlässigen. Ein weiteres Ärgernis war die Befreiung von Steuern und sozialen Dienstleistungen. Gerade in diesem Punkt aber war Zen anders. Zen-Mönche kultivierten Ackerland und leisteten produktive Arbeit. Diese Zeit ist gemeint, auf die sich der Mönch vorwurfsvoll bezieht, wenn er sagt: „Wo waren zur Zeit der Esho die Gottheiten, die das Dharma bewachen?“

Diop: Um welche Gottheiten handelt es sich da?

WW: Der Mönch meint damit die beiden in Stein gehauenen Deva-Könige, die auf beiden Seiten des Haupttores eines buddhistischen Tempels Wache stehen. Deva-Könige symbolisieren im Buddhismus „Himmelswesen“ oder „Götter“.

Diop: Und was antwortet Gokoku diesmal?

WW: „Sie sollten sich schämen auf beiden Seiten des großen Tores“, antwortete Gokoku. Sie sind erstarrt.

Diop: Was ist der Hintergrund dieses Koans?

WW: Wir müssen das tiefe Geheimnis ergründen. Der Mönch könnte auch gefragt haben: „Was ist, wenn es nur Leerheit gibt?“ Gokoku: „Nur eine Seite.“ Mönch:“ Was ist, wenn es nur Form gibt?“ Gokoku: „Wenn sie sich auflöst, wird es dir klar.“ Mönch: „Was ist Form und Leere in diesem Augenblick?“ Gokoku: „Geh einfach hindurch!“ Darum geht es.

Diop: Welches Geheimnis meinen Sie?

WW: Die Ewigkeit, die alles in sich einschließt und die Welt des Dualismus sind nicht zwei verschiedene Welten. Sie sind „Nicht-Zwei“ und durchdringen sich gegenseitig auf geheimnisvolle Weise. Bodhidharma sagt: „Sich selbst ohne Bedauern aufgeben ist die größte Gabe. Bewegung und Ruhe transzendieren ist die tiefste Meditation. Die gewöhnlichen Menschen verharren in der Bewegung, während die Arhats stillstehen. Doch die Meditation Buddhas geht über beides hinaus. Menschen, die zu diesem Verstehen gelangen, befreien sich selbst mühelos von allen Bindungen an die Erscheinungswelt und heilen alle Krankheiten, ohne sie zu behandeln. Das ist die Kraft von starkem Zen.“ Das bedeutet: Wo Zazen geübt wird, sollte Nicht-Tun praktiziert werden. Oder anders ausgedrückt: Wer den Weg nach Innen beschreitet, soll sich nicht von Äußerlichkeiten irritieren lassen.

Diop: Gibt es eigentlich auch Koans, in denen es darum geht, wie man mit der Erleuchtungserfahrung umzugehen hat?

WW: Ja. Das neunundzwanzigste Beispiel im Shoyoroku geht auf diese Thematik ein.

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