Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 26


Weg ohne Ende

Diop: Welcher Zen-Meister steht in diesem Koan im Mittelpunkt?.

WW: Das ist Kyozan, den Sie auch schon kennengelernt haben.

Diop: Ist das nicht derjenige, der sich zwei Finger abschnitt, um ins Kloster zu kommen?

WW: Ja. Wir sind ihm schon im Beispiel fünfzehn begegnet, wo er die Hacke in den Boden stößt. Mit den Jahreszahlen hat man aber bei Kyozan seine liebe Not. Einig ist man sich nur darüber, dass Kyozan sechsundsiebzig Jahre alt geworden ist und im äußersten Süden Chinas lebte. Sein Elternhaus stand im Gebiet der heutigen Hafenstadt Kanton. Das war schon damals Chinas großes Tor zur Welt und mancher Mönch aus Indien hatte hier seine Mission im Reich der Mitte angetreten. Kyozan galt als Wunderkind. Früh reifte in ihm der Entschluss, ins Kloster einzutreten. Die Eltern erschraken darüber und besorgten rasch eine kleine Braut für ihn, um ihn für die Welt zurückzugewinnen. Aber der junge Kyozan setzte seinen Willen durch, indem er sich mit einem Beil zwei Finger abhackte. Im Kloster hatte er das Glück, einen ehemaligen Schüler des Hyakujo zum Erzieher zu erhalten. Bald schon begann er auf Wanderschaft zu gehen, um andere Zen-Meister aufzusuchen. Er wurde zum Novizen geweiht und erhielt den Namen Hui-dji, d.h. „Weisheitsstille“. Als Novize hörte er ein Gespräch mit an, in dem ein Wandermönch die übliche Frage nach dem Sinn des Zen stellte.

Diop: Welche Frage ist das?

WW: „Was ist der Sinn des Kommens des Ersten Patriarchen Bodhidharma aus dem Westen?“

Diop: Und was sagte der Meister dazu?

WW: „Das werde ich dir sagen, sobald es dir gelingt, einen Mann, der tausend Fuß tief unten im Brunnenloch sitzt, ohne Seil heraufzuholen.“ Diese Antwort beschäftigt Kyozan lange Zeit. Später fragt er einen anderen Meister über den „Mann im tiefen Brunnen“. Der jedoch sagt nur: „Hm, Dummkopf du! Wer ist denn das im Brunnenloch?“

Diop: Ziemlich frustrierend.

WW: Kyozan wandert jedoch weiter und findet endlich den Meister, bei dem er lange Zeit bleiben sollte. Als Kyozan den beinahe sechzigjährigen Isan begrüßt, fragt dieser: „Bist du ein Shramanera, der einen Herrn hat, oder hast du keinen?“

Diop: Was ist ein Shramanera?

WW: Das ist die Bezeichnung für einen buddhistischen Mönch, der früher ein asketisches Leben geführt hat.

Diop: Und was antwortete Kyozan?

WW: Kyozan sagt: „Ja, ich habe einen Herrn.“ Isan fragt weiter: „Wo ist er?“ Ohne ein Wort zu verlieren, wendet sich Kyozan vor Isans Augen nach rechts, geht zur Seite, bleibt stehen und schaut zu Isan um. Dieser merkt sofort, wen er vor sich hat und das Eis ist gebrochen.

Diop: Gibt es noch weitere überlieferte Gespräche zwischen Kyozan und seinem Lehrer Isan?

WW: Ja. Eines Tages fragt Kyozan Isan: „Was ist das eigentlich für ein Ort, an dem der wahre Buddha seinen Wohnsitz hat?“ Isan erwidert feierlich: „Wenn du in der Schwebe zwischen Denken und Nichtdenken die Gedanken in die Grenzenlosigkeit der Geistesfeuerglut zurückschickst, dann gehen dir diese aus und kehren heim in ihren Ursprung. Das ist die ewige Gestalt des ursprünglichen, eigentlichen Wesens. Die Mannigfaltigkeit der Dinge und das Eine Wahre Wesen sind nicht zweierlei, und eben dieses ist das Wie und So des wahren Buddha und sein Wohnsitz.“ Bei diesen Worten erfährt Kyozan große Erleuchtung. Kyozan legt Isan auch die Frage nach dem „Mann im Brunnenloch“ vor und fragt ihn, was dieser Meister wohl meinte, als er ihn schimpfte: „Dummkopf du, wer ist denn das im Brunnenloch?“ Isan blickt ihn durchdringend an und sagt: „Kyozan!“ Kyozan, innerlich getroffen, sagt: „Ja?“ Isan stellt trocken fest: „Der Mann ist aus dem Brunnenloch heraus.“
Der fünfundsiebzigjährige Isan überträgt Kyozan den Dharma und nimmt Abschied. Isan sucht sich ein neues Kloster und auch Kyozan gründet ein Kloster mit dem Namen „Zum östlichen Frieden“ und lehrt Zen.

Diop: Gibt es auch überlieferte Gespräche Kyozans mit seinen Schülern?

WW: Ja. Ein Schüler wird einmal von Kyozan gefragt: „Was ist rechtes Hören?“ Anstelle des Schülers antwortet Kyozan: „Es wird nicht durch die Ohren vernommen.“ Der Schüler fragte: „Was meint Ihr, Meister?“ Die Antwort Kyozan’s ist die Gegenfrage: „Hörst du jetzt?“
Es gibt auch ein Teisho, das Kyozan einst vor seinen Schülern hielt.
„Ihr alle hier! Möge jeder unter euch das Licht in sich umdrehen und nach innen blicken! Notiert nicht meine Worte, sie zu memorieren! Ihr habt seit anfanglosen Weltzeitaltern euch von der Halle abgewandt und euch der Dunkelheit ergeben. Die Wurzeln wirrer Denkart reichen tief hinab und lassen sich mit einem Ruck so plötzlich nicht ausreißen. Das ist der Grund, weshalb wir Lehrer hie und da für einen Augenblick zu Notbehelfen greifen, um euch euer ungeschlachtes Wissen wegzuschnappen. Das ist, wie wenn man kleinen Kindern vergilbte Baumblätter zum Spielen gibt, damit sie aufhören zu schreien. Was wäre daraus irgend Sinnvolles zu entnehmen! Oder auch: es ist, wie wenn ein Kaufmann Waren der verschiedensten Art gemischt mit Gold und Silber in seinem Laden feilhält. Einfach je nach dem Kunden, der gerade eintritt, entscheidet er, ob er diesem schlechte Ware bietet oder kostbare. Kommt ein Kunde und will Rattendreck, so greife ich ihm den heraus. Kommt einer und verlangt nach lauterem Gold, so biete ich ihm das. Erkläre ich nun aber den inneren Sinn des Zen, da möchte etwa einer, der mir nahe sitzt, wohl gerne meinen Worten folgen: er vermag es nicht. Wieviel weniger erst eine Bruderschaft von fünf- bis siebenhundert Hörern! Rede ich von weiß nicht was, da drängen sie sich vor, um etwas aufzuschnappen. Das ist, wie wenn ich Kinder mit der leeren Faust nasführte, als hätte ich etwas darin. In alledem steckt gar nichts.
Ich muss euch jetzt ganz klar und deutlich sagen, wie es um das Heiligsein bestellt ist. Lasst einmal davon ab, Ankerplätze für Gedanken und Gefühle aufzusuchen! Steuert vielmehr auf die hohe See der jedem eigenen ursprünglichen Beschaffenheit und übet darin euch mit vollem Ernst! Dazu bedarf es weder der ‘dreifachen Hellsicht’ noch des ‘sechsfältigen Zugangs zur Geisterwelt’. Und warum nicht? Weil alle solchen Künste nur die äußeren und letzten Zweige an dem Baume heiligen Lebens sind.
Euch tut jetzt Not, Kern und Herz der Sache zu erkennen, zum Stamm und Ursprung durchzudringen. Habt ihr nur einmal den Grund und Ursprung, braucht ihr euch um die letzten Ausläufer und Enden nicht zu sorgen. Zu irgendeiner Zeit, an irgendeinem späteren Tage wird es soweit sein, dass ihr selbst es habt und damit weitergeht. Solange du den Grund und Ursprung noch nicht hast, ist es zwecklos, auf dem Weg gewöhnlicher Gedanken und Gefühle danach zu forschen. Seht doch nur, was der Ehrwürdige vom We-schan - gemeint ist Isan - einst gesagt hat: ‘Wenn die unterscheidenden Gefühle und Gedanken von „gemein“ und „heilig“ sich erschöpfen, dann enthüllt das Wesen seine Wahrheit, seinen ewigen Bestand. Dann ist die große Einheit und die Mannigfaltigkeit der Einzeldinge nicht mehr zweierlei. Und eben dieses ist das ‚Wie’ und ‚So’ des wahren Buddha“.

Diop: Ein wunderbares Teisho! Sie sagten, dass Kyozan mit sechsundsiebzig Jahren starb?

WW: Ja. Mit sechsundsiebzig Jahren schwinden Kyozan allmählich die Kräfte. Er versammelt den Kreis seiner Schüler um sich und trägt seine Abschiedsrede vor: „Das Maß ist voll: siebzig und sieben Jahr! Vergänglichkeit: Das Wort wird heute wahr. Die Sonne steht im Mittagsort genau. Umschließ’ die Knie, du mein Händepaar!“ Mit diesen Worten nimmt er die Hockstellung ein, in welcher man den Leichnam einzusargen pflegt, und verharrt so bis zum letzten Atemzug.

Diop: Wenn man das so hört, kann man sich den Meister Kyozan sehr gut vorstellen. Wie lautet nun das Koan aus dem Shoyoroku?

WW: Kyozan deutet auf einen Schneelöwen, - gemeint ist ein Löwe aus Schnee oder ein schneebedeckter Löwe - und fragt: „Kann jemand diese Farbe überschreiten?“

Diop: Kyozan deutet auf einen Schneelöwen, - gemeint ist ein Löwe aus Schnee oder ein schneebedeckter Löwe - und fragt: „Kann jemand diese Farbe überschreiten?“

WW: Der „gewöhnliche Mensch“ lebt in der Welt der Unterscheidung, des „Ich“ und „Du“, des „ich bin hier“ und „du bist dort“. Kyozan aber deutet auf die Form und fragt: „Kann jemand die leere Form überschreiten?“

Diop: Er meint die Welt des Dualismus?

WW: Ja. Der Dualismus sperrt uns ein in Zeit und Raum, in Leben und Tod, in Vergangenheit und Gegenwart. Viele weise Frauen und Männer haben diese Gegensätze überschritten und leben in ewiger Gegenwart frei und ohne Behinderung. Aus diesem Grunde sind wir hier und vertiefen uns in das, was ist, um diese Fesseln von uns abzustreifen. Das bedeutet: Wir müssen die gewöhnliche Erkenntnis, die selbsterschaffene Logik und die Welt der Phänomene überschreiten. Wir müssen die Leerheit überschreiten und in die lebendige Dynamik eintreten, da, wo sich Form und Leerheit in einem Punkt treffen.

Diop: Kyozan deutet also auf einen Schneelöwen und fragt: „Kann jemand diese Farbe überschreiten?“ Was geschieht weiter?

WW: Nichts.

Diop: Nichts?

WW: Es ist nicht überliefert, dass die Mönche eine Antwort gaben.

Diop: Aber was will Kyozan mit dieser Frage andeuten?

WW: Wenn Sie sich in den Löwen aus Schnee hineinvertiefen, hat dieser Löwe zunächst Form und Farbe. Was aber ist, wenn die Sonne beginnt zu scheinen?

Diop: Er schmilzt dahin.

WW: Genau, das ist es. Farbe und Form lösen sich auf. Was bleibt, ist Leere.

Diop: Da kommt mir das Herz-Sutra in den Sinn: „Daher ist in der Leere keine Form“.

WW: Das bedeutet aber nicht, du wir in der Leerheit verharren sollen. Wir müssen sie erfahren, aber auch wieder transzendieren, das heißt überschreiten.

Diop: Sie meinen, es geht weiter?

WW: Ja. Aus diesem Grund sagt Ummon später „Ich hätte ihn auf der Stelle umgestoßen“. Ummon führt die Einheit vor. Und Setcho sagt noch später: „Er weiß zwar, wie man ihn umstößt, aber er weiß nicht, wie man ihn aufrichtet“. Setcho deutet auf Ummon’s Integration von Form und Leere durch Nichtwissen. Das Koan könnte auch folgendermaßen lauten. Kyozan: „Wie kannst du Form und Leerheit überschreiten?“ Ummon: „Wirf sie weg!“ Setcho: „Er wirft sie weg, aber er weiß es nicht.“

Diop: Irgendwie stecke ich hier fest. Der eine sagt, „ich hätte ihn umgestoßen“, für den anderen aber ist das nicht genug.

WW: Ummon und Setcho arbeiten Hand in Hand. Ummon betont den Bereich der Leerheit, während Setcho den Bereich der Form anspricht. Auf diese Weise sind beide Seiten vollkommen ausgeglichen.

Diop: Was steckt eigentlich hinter dem Bild des Löwen?

WW: Der Löwe im verschneiten Garten versinnbildlicht unsere Wesensnatur. Darin ist alles weiß, d.h. ohne Farbe. Darin gibt es nur essen, trinken, gehen, aufstehen, umwerfen, aufrichten. Das Überschreiten von Farbe und Form bezeichnet der Vers zu diesem Koan als überlegene Weisheit. Sie ist die Grundlage unserer ursprünglichen Natur. Güte schafft nicht Gewinn für sich selbst, sondern ist auf das Wohl aller lebenden Wesen ausgerichtet. Sie manifestiert sich auch im ersten der vier Bodhisattva-Gelübde: „Zahllos sind die Lebewesen, ich gelobe sie alle zu retten.“ Diese Liebe ist um das Wohlwollen und das Heil aller Menschen besorgt.

Diop: Frühere Zen-Meister schlugen oft ihre Schüler.

WW: Aber diese Strenge geschah nicht aus Gemeinheit, sondern aus dieser Güte heraus, um sie anzuspornen, um ihnen zu helfen, den Weg zu finden und alle Täuschungen zu überwinden. So erwies sich die Strenge eines Meisters als reinste und grenzenlose Güte. Es geht im Zen immer um das Tun, nie aber um ein „was wäre, wenn“. Ein verwirklichter Mensch hat seine Heimat verloren, aber seine wahre Heimat gefunden. Deshalb ist er überall zu Hause. Er hat nichts, worauf er sich verlässt, weil er alles zurückgelassen hat. Deshalb besitzt er alle Reichtümer dieser Erde. Für den verwirklichten Menschen ist Sterben und Geborenwerden das Gleiche. Er fragt nicht mehr nach dem Wie, dem Was und dem Warum. Er weiß um seinen wahren Zustand, der weder geboren ist, noch irgendwann sterben wird. Ein solcher Mensch befindet sich in absoluter Reinheit, obwohl er nur geht, schläft, isst und arbeitet oder die Vorhänge hochzieht wie im folgenden Beispiel aus dem Mumonkan.

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