Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 23


Sitzen ist Erleuchtung

WW: Immer, wenn ein Mönch sich Roso näherte, drehte dieser sich um und saß mit dem Gesicht zur Wand. Was halten Sie davon?

Diop: Das ist, um es vorsichtig auszudrücken, ziemlich ungewöhnlich.

WW: Sie kommen zu ihrem Meister, um ihm vorzutragen, was Sie bewegt oder um Hilfe zu erhalten. Der aber dreht sich einfach um und setzt sich mit dem Gesicht zur Wand.

Diop: Man könnte schnell auf Unfreundlichkeit, Verachtung oder Hochmut schließen.

WW: Viele Schüler, die ihren Meister aufsuchen, wollen etwas von ihm. Aber ein guter Meister wird immer versuchen, dem Schüler alles zu nehmen, ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Darin besteht seine große Menschlichkeit, sein großes Mitleid und Erbarmen. „Ich kann dir nichts geben, ich kann nur nehmen, bis du am Ende nackt, ego-los und wunschlos dastehst und durchbrichst zur großen Freiheit“, so könnte es Roso formulieren.

Diop: Aber so sagt er es eben nicht.

WW: Nein. Er dreht sich einfach um wie in diesem Beispiel oder beginnt einfach zu essen, ohne vorher Sutren zu rezitieren oder steigt aufs Podium, hält aber kein Teisho, sondern geht einfach zurück in sein Zimmer oder er schweigt einfach.

Diop: Das ist nicht leicht zu begreifen.

WW: Trotzdem zeigt uns der Meister in jedem Augenblick die Ur-Wirklichkeit. Er ist in diesem Moment wie eine liebevolle Mutter zu uns, die sofort merkt, dass uns etwas fehlt und uns sofort zu essen gibt, anstatt nur über das Essen zu reden.

Diop: Sie meinen, wir können keine Hilfe bekommen?

WW: Der Lehrer kann uns immer nur die Richtung zeigen. Den Weg müssen wir alleine gehen. Wir müssen selbst die Erfahrungen machen, die uns auf unserem Weg weiterbringen. Oft ist es zunächst ein Weg durch die Wüste, bevor wir ins gelobte Land kommen. Da helfen uns keine Worte. Worte sind nur leere Hülsen, derer wir uns bedienen, um uns zu verständigen, um miteinander in Kontakt zu treten. Lao-tse sagt: „Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr.“

Diop: Das muss aber doch für einen Schüler ziemlich frustrierend sein.

WW: Die Frage ist, was wir uns erwarten oder ob wir die Erwartungshaltung aufgegeben haben. Erwarten wir uns erbauliche Worte nach dem Motto: „Das hast du aber schön gesagt?“ Nach und nach wird in unserem Inneren die Einsicht reifen, dass es besser ist, sich einfach hinzusetzen, um sich der Übung zu überlassen. Schauen sie sich einmal diesen Roso genau an. Immer wenn ein Mönch sich Roso näherte, drehte dieser sich um und saß mit dem Gesicht zur Wand. Ist das nicht wunderbar? Diese Übereinstimmung! Diese kompromisslose Nicht-Zweiheit! Ich glaube, es ist besser, aus dem eigenen Schatz zu schöpfen, anstatt sich immer nur auf andere zu verlassen. Wir sind doch erwachsene Menschen! Alles ist in uns, nichts ist außerhalb! Wir müssen den Schatz nur finden! Aber wir finden ihn nur in uns, nicht in Worten oder Belehrungen, nicht in Analysen oder Diskussionen.

Diop: Geht dieses Koan noch weiter?

WW: Ja. Als Nansen davon hörte, sagte er: „Gewöhnlich unterweise ich die Mönche, indem ich sie auffordere: ‘Erkennt, was war, bevor das Universum sich entfaltete, als der Buddha noch nicht in der Welt erschienen war.’ Dennoch kann ich niemanden zur Erleuchtung führen, nicht einmal zur halben Erleuchtung. Wenn Roso auf diese Weise lehrt, wird er bis zum Jahr des Esels keinen zur Erleuchtung führen.“ Erleuchtung ist immer da. Roso macht es uns vor. Das ist die Übung des Shikantaza. Es gibt nichts zu erreichen.

Diop: Von Nansen haben Sie mir schon erzählt.

WW: Ja. Nansen, einer der großen chinesischen Zen-Meister, war Schüler und Dharma-Nachfolger von Baso. Baso, chinesisch Ma-tsu, den ich vorhin zitiert habe, sagt: „Außer dem Geist gibt es keinen Buddha“. Nansen selbst hatte siebzehn Dharma-Nachfolger, darunter den späteren und sehr bedeutenden Joshu. Er hat bereits ein sehr intensives Studium der buddhistischen Philosophie hinter sich, als er zu Baso kommt, unter dessen Führung er tiefe Erleuchtung erfährt. Mit siebenundvierzig Jahren baut er sich eine Hütte auf dem Berg Nan-ch’üan, dessen Name auf ihn übergeht und lebt mehr als dreißig Jahre in Zurückgezogenheit. Einige Mönche überreden Nansen, vom Berg herunterzusteigen, sich in einem Kloster niederzulassen, um Schüler auf dem Zen-Weg zu führen. Es heißt, ihre Zahl habe nie weniger als einige Hundert betragen. Dieser Nansen also sagt: „Gewöhnlich unterweise ich die Mönche, indem ich sie auffordere: ‘Erkennt, was war, bevor das Universum sich entfaltete, als Buddha noch nicht in der Welt erschienen war.’“

Diop: Was bedeutet das?

WW: Viele Menschen, die sich auf dem Weg befinden, suchen sich ein Vorbild, zum Beispiel Jesus oder Buddha. Manche sehen auch ihr Vorbild in ihrem Meister. Sie verehren ihn, hängen an seinen Worten, und wenn jemand etwas Negatives über ihn sagt, werden sie ärgerlich. Sie sind sich dieser Tatsache natürlich nicht bewusst. Es wird ihnen erst dann klar, wenn diese Illusion sich auflöst. Eine Zen-Schülerin erzählte mir einmal, dass es auch ihr so ergangen sei. Als eines Tages dieses Idealbild in einer Erfahrung zerbrach, ging sie zu ihrem Meister und erzählte, was geschehen war. „Endlich!“, rief der Meister aus und lachte. Seitdem geht sie völlig ungehemmt und ganz natürlich zu ihm, und sie ist sehr froh darüber. Sie sagt: „Endlich bin ich in der Lage, ganz frei mit ihm zu reden!“ Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie ihren Meister innerlich auf ein Podest gestellt hatte.

Diop: Haben Sie jetzt meine Frage beantwortet? Ich meinte, was bedeutet: „Erkennt, was war, bevor das Universum sich entfaltete?“

WW: Ich will es einmal so ausdrücken. Wenn wir in die Welt der Wesensnatur eintreten, sind das ganze Universum und wir „Nicht-Zwei“. In der Wesensnatur gibt es weder ein „davor“ noch ein „danach“. Es gibt in diesem Augenblick nichts mehr, das wir festhalten oder wegschieben. Unser Wahres Wesen ist dann das ganze Universum. Hier ist kein Ich mehr, kein Schöpfer und kein Geschöpf. Niemand ist mehr da, der in unserem Körper wohnt, nur noch Geist, nur dies. Das ist es, was Ma-tsu gesagt hat: „Außer dem Geist gibt es keinen Buddha“. Damit meint er natürlich nicht den historischen Buddha, sondern das Absolute, das im Zen sehr häufig als Buddha bezeichnet wird. Wenn wir jedoch Innen und Außen trennen, also uns etwas außerhalb unserer selbst vorstellen, ist dies bloße Täuschung. „Dennoch kann ich niemanden zur Erleuchtung führen, nicht einmal zur halben Erleuchtung,“ sagt Nansen weiter.

Diop: Warum?

WW: Es ist ganz einfach: Wir können nichts bekommen, was wir schon haben. Wir schreien vor Durst und stehen mitten im Wasser. Wir laufen in dieser Welt herum wie Bettler und sind doch die reichsten Menschen. Alle Schätze liegen vor uns, wir müssen uns nur bücken! Diesen Schatz kann uns niemand geben, auch nicht unser Lehrer, wir müssen ihn selbst finden. Aus diesem Wissen heraus spricht Nansen und bemerkt anschließend: „Wenn Roso auf diese Weise lehrt, wird er bis zum Jahr des Esels keinen zur Erleuchtung führen.“

Diop: Was ist dieses „Jahr des Esels“?

WW: Die Bezeichnung „Das Jahr des Esels“ bedeutet in China soviel wie „bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag“, d.h. nie. Und trotzdem genügt das reine Sitzen nicht.

Diop: Aber widersprechen Sie sich da nicht?

WW: Ich meine, es muss noch etwas hinzukommen, sonst wird es „totes Zen“. Wir dürfen nicht in der Leerheit verharren und glauben, das ist es. In diese Falle sind schon viele getappt. Wir sollten wie ein Feuer sein, das brennt, nicht wie tote Asche. Es ist ungeheuer wichtig, jeden Augenblick zuzulassen, das vorbeifahrende Auto und das Bellen des Hundes. Manche sagen: Das darf nicht sein. Das stört meine Meditation. Alles darf sein, so wie es ist, auch wir selber. Viele begreifen das erst nach vielen Jahren der Übung. Ganz unverkrampft und natürlich zu sein, scheint nicht so einfach zu sein. Wir sollten nichts Bestimmtes erwarten und doch gespannt auf jeden Augenblick sein, den uns unser Bewusstsein anbietet. Nur dann wird unsere Zen-Übung sehr lebendig werden.

Diop: Sie meinen damit die Einfachheit des Sitzens?

WW: Ja. Dann genügt es, sich einfach hinzusetzen, um zu sehen, was kommt. Mehr ist nicht nötig. Durch Zulassen all dessen, was in uns geschieht, übersteigen wir Gedanke und Ausdruck. Diese Einfachheit zu erreichen ist das Schwierige im Zen. Ein Meister hat es einmal so formuliert: Es ist, wie wenn du am Ufer eines Flusses sitzt, und der Fluss fließt vorbei und du schaust einfach zu. Da ist keine Ungeduld, keine Dringlichkeit, keine Not. Niemand drängt dich. Selbst wenn du es verpasst, verpasst du gar nichts. Du beobachtest einfach, du schaust bloß zu. Ruhe wie ein hohler Bambus entspannt im Körper. Ruhe entspannt, wünsche dir keine spirituellen Dinge, wünsche dir nicht den Himmel, wünsche dir nicht einmal Gott. Man kann sich Gott nicht wünschen. Wenn du wunschlos bist, kommt Er zu dir. Man kann sich die Befreiung nicht wünschen, denn wenn du wunschlos bist, bist du befreit. Man kann sich Buddhaschaft nicht wünschen, denn das Wünschen selbst ist das Hindernis. Wenn dieses Hindernis nicht mehr da ist, explodiert plötzlich der Buddha in dir. Du trägst den Samen schon in dir.

Diop: Beim Sitzen stelle ich oft fest, dass ich sehr verletzbar bin. Niemand darf an meinem Ego kratzen, kein Mensch, aber auch kein Gedanke.

WW: Ja, das geht jedem so. Oft reichen diese Verletzungen weit in die Kindheit zurück. Alte Verkrustungen brechen auf und wir durchleben vieles Schmerzhafte aufs Neue. Das tut weh. Aber nur durch ein Zulassen dessen, was in uns geschieht, lösen sich diese Verkrustungen auf und führen uns in die große Freiheit. Betrachten wir uns jedoch ständig nur als Teile, zersplittern wir uns und gehen daran zu Grunde. Nur durch zunehmende Klarheit kommt der Reinigungsprozess in Gang. Drukpa Rinpoche rät uns: Bleibe nicht auf dich selbst zurückgezogen, verschlossen für die anderen. Grüble nicht ständig über deine Probleme nach. Geh auf die anderen zu, wenn du glücklich sein willst. Das Leben ist eine Flamme, es braucht frische Luft, um brennen zu können. Indem du auf den anderen zugehst, entdeckst du dich selbst.

Diop: Wie würden Sie einen verwirklichten Menschen beschreiben?

WW: Ein verwirklichter Mensch hat Abstand genommen von allem, was sich in ihm ereignet, lässt es geschehen und wird davon nicht mehr berührt. Er hat Leib und Leben verloren und doch alles gewonnen.

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