Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 22


Transzendierung

WW: Gewöhnlich teilen wir alles in „heilig“ und „gewöhnlich“, in „das mag ich“ und „das mag ich nicht“ ein. Auf dieser Ebene geschieht auch das folgende Koan, in dem Ganto seinen Meister Tokusan prüft. Doch Tokusan lässt sich nicht darauf ein.

Diop: Von Tokusan haben Sie schon erzählt, aber wer war Ganto?

WW: Ganto, der im neunten Jahrhundert in China lebte, war Schüler und später Dharma-Nachfolger von Tokusan. Meister Ganto ist bekannt für sein klares Auge und seinen scharfen Geist. Als Tokusan stirbt, ist Ganto fünfunddreißig Jahre alt. Nach längerer Zeit des Lebens in Einsamkeit sammeln sich Schüler um ihn und er wird Abt eines großen Klosters. Dieses Kloster wird während der Wirren zur Zeit des Niedergangs der T’ang-Dynastie von plündernden Horden überfallen. Alle Mönche sind geflohen. Nur Meister Ganto blieb zurück. Die Plünderer fanden ihn in Versunkenheit sitzend. Enttäuscht darüber, keine Beute gemacht zu haben, ermorden sie den Meister. Ganto soll, als sie ihn erstachen, einen Schrei ausgestoßen haben, der zehn Meilen weit zu hören war und in der Zen-Überlieferung als „Ganto’s Schrei“ berühmt wurde. Dieser Schrei hat manchem späteren Zen-Schüler, dem es nicht in seine Vorstellungen vom Leben und Sterben eines Zen-Meisters passen wollte, Kopfzerbrechen bereitet. So ging es auch dem großen japanischen Zen-Meister Hakuin. Erst als er Erleuchtung erfahren hatte, begriff er und rief aus: „Fürwahr, Ganto lebt, stark und gesund!“ Von Ganto stammt auch das Zitat: „Was von außen her zum Tor hereinkommt, ist des Hauses wahres Kleinod nicht. Du musst es aus der eigenen Brust heraus so strömen lassen, dass es den Himmel überschattet und die Erde zudeckt. Dann erst liegst du einigermaßen richtig, wie es sich gehört.“

Diop: Wie verstand Meister Ganto die Zen-Übung?

WW: Als Seppo bei Meister Ganto studierte, tadelte ihn dieser, weil er draußen, also außerhalb von sich selbst suche und forsche und sagte: „Hast du nicht gehört, dass ‘Nichts was durch das Tor hereinkommt ein Familienschatz sein kann’?“ Seppo fragte seinerseits: „Wie soll ich dann mit meiner Übung fortfahren?“ Ganto antwortete: „Wenn du die Große Wahrheit erlangen und verbreiten willst, dann fasse ‘Es’, das aus deinem eigenen Geist hervorkommt, und zeige es mir jetzt hier!“ Ganto kommt also zum Gespräch in den Dokusan-Raum.

Diop: Woher kommt eigentlich das Wort „Dokusan“?

WW: Das Wort „Dokusan“ leitet sich ab vom japanischen „doku“, was soviel bedeutet wie „allein“ und dem japanischen „san“ „zu einem Höheren gehen“. Das Dokusan, das persönliche Gespräch des Schülers mit seinem Meister, gehört neben dem Zazen sicherlich zu den wichtigsten Elementen in der Schulung des Zen.

Diop: Seit wann gibt es eigentlich dieses persönliche Gespräch?

WW: Der Brauch dieser individuellen Unterweisung nahm mit den „geheimen Belehrungen“ des Shakyamuni Buddha seinen Anfang und wurde bis heute beibehalten. Der Schüler bringt dem Meister sein Koan oder berichtet über Erfahrungen, die er gemacht hat. Des Öfteren wird aber auch über die Übung und die Schwierigkeiten des Schülers gesprochen. Der Meister prüft das Verständnis seines Schülers. Manchmal jedoch prüfen auch Schüler ihren Meister, ob sie mit ihm übereinstimmen. So ging einmal ein Schüler zu seinem Meister und sagte: „Ich hätte gerne, dass Du mein Zen-Auge einer strengen Prüfung unterziehst.“ „Sage mir einfach, was du erlebst“, erwiderte der Meister. Der Schüler breitete die Arme aus und antwortete: „Es ist alles da.“ Der Meister breitete seinerseits die Arme aus, schloss die Augen und verharrte im Schweigen. Dann läutete er die Dokusan-Glocke. Lächelnd verneigte sich der Schüler und ging. Aber zurück zum Koan. Ganto kam zu Tokusan. Als er am Tor über die Schwelle trat, fragte er: „Ist dies gewöhnlich, ist dies heilig?“

Diop: Will Ganto Tokusan prüfen?

WW: Ich vermute, ja.

Diop: Und was entgegnete Tokusan?

WW: Tokusan rief „Katsu!“

Diop: Was bedeutet „Katsu“?

WW: „Katsu“ heißt: „Schneide es ab!“ Schneide den Dualismus ab, zerstöre ihn, er ist nur eine Illusion! Hör auf mit dem Unsinn, da ist nichts!

Diop: Und wie reagierte Ganto daraufhin?

WW: Ganto verneigte sich. Er ist einverstanden. Im Verneigen erfährt sich Ganto als Einheit von Form und Leere.

Diop: Ist das Koan hier zu Ende?

WW: Nein, es hat noch ein Nachspiel. Als Tozan davon hörte, sagte er: „Wäre es nicht Ganto gewesen, wäre es nicht so geschehen“.

Diop: Wer sollte es sonst gewesen sein?

WW: Darauf erwiderte Ganto: „Der alte Herr Tozan kann nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Damals erhöhte ich mit der einen Hand und unterdrückte mit der anderen.“ Früher, als ich es noch nicht realisierte, war ich noch in der Dualität gefangen.

Diop: Worum geht es eigentlich in diesem Koan?

WW: Es ist immer die gleiche Frage: Ist es dies? Ist es das? Aber da ist nichts. Die Frage ist, sind wir damit einverstanden, dass es ist wie es ist? Auch hier geht es wie in allen Koans um die Leerheit des Augenblicks. Zen-Meister Ma-tsu hat einmal gesagt: „Außer dem Geist gibt es keinen Buddha mehr, außer dem Buddha gibt es keinen Geist. Ergreife nichts Gutes, verwirf nicht Böses! Wenn du dich auf keines von beiden, weder auf Reinheit noch auf Beflecktheit stützt, begreifst du die Leere der Natur der Sünde. In jedem Augenblick ist sie unfassbar, weil sie keine Eigennatur hat.“

Diop: Gibt es eigentlich ein Idealbild des Zen-Meisters?

WW: In einer Schrift aus dem neunten Jahrhundert mit dem Titel „Horinden“ wird dieses Bild gezeichnet. Da heißt es: „Auch wenn man Böses sieht, nicht hassen, wenn man Gutes sieht, sich nicht freuen, Torheit lassen und Klugheit nicht nachjagen, Wirrung lassen und Erleuchtung nicht begehren, sogleich den Großen Weg erreichen und Unterscheidung übersteigen, durch den Buddha-Geist Befreiung erlangen, am Unterschied von heilig und profan nicht haften, - diesen überlegenen Menschen nenne ich Patriarchen.“ Würden wir in diese Unterschiedslosigkeit vordringen, wäre es uns nicht mehr möglich, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, und wir würden augenblicklich die ganze Welt und das ganze Universum durchdringen.

Diop: Was bedeutet der Satz: „Damals erhöhte ich mit der einen Hand und unterdrückte mit der anderen.“

WW: Ganto erinnert sich an die Zeit, als er über Gut und Böse noch nachgedacht hat und selbst in der Welt des Guten und Bösen gefangen war. In unserer Übung geht es darum, die vermeintliche Dualität beider Ebenen zu übersteigen. Dies demonstriert Tokusan auf überzeugende Weise, indem er Ganto mit seinem „Katsu“ in die Leere stürzt. Wir müssen in unserer Übung die Bewegung unseres Geistes beobachten, also das, was in uns geschieht, ohne dass diese Bewegungen ständig beurteilt werden mit „das darf sein“ und „das darf nicht sein“. Wir müssen lernen, auszuhalten bei dem, was da zum Vorschein kommt. Rumi sagt in einem seiner Gedichte: „Außerhalb aller Vorstellungen von ‚Gut’ und ‚Böse’ gibt es ein großes Feld. Dort werde ich Dir begegnen.

Diop: Dieses „Aushalten“ ist oft sehr schwierig.

WW: Ich habe nie gesagt, dass Zen ein leichter Weg ist.

Diop: Was würden Sie sagen, wie ein Zen-Schüler mit Koans umgehen soll?

WW: Wenn ein Schüler beginnt, mit Koans zu arbeiten, sollte er von seinem Lehrer darauf hingewiesen werden, dass es in erster Linie nicht um die Lösung des Koans geht.

Diop: Aber worum geht es dann?

WW: Ich meine, es geht nicht darum, was ich mit dem Koan mache, sondern darum, was das Koan mit mir macht. Wenn ich einem Schüler beispielweise das Koan „Lösche das tausend Meilen entfernte Feuer“ gebe, sage ich dem Schüler, dass er sich ganz in dieses Feuer-Bewusstsein hineinstürzen soll, bis dieses Feuer seinen ganzen Geist erfüllt. Er muss zu diesem Feuer-Bewusstsein werden, er muss es ganz sein. Wenn dieses Feuer dann im Schüler wirklich zu brennen beginnt, geht es nur noch darum, zuzuschauen, was es in ihm auslöst. Feuer hat eine große Wirkung! Die meisten Schüler jedoch eilen von Koan zu Koan, einfach nur, um fertig zu werden und lassen die Wirkung des Koans oft völlig außer Acht. Das ist nicht gut. Vor einiger Zeit ist einer meiner Schüler, der schon eine ganze Zeit lang mit Koans arbeitete, an einem Koan hängen geblieben. Er kam einfach nicht mehr weiter. Er war ganz verzweifelt.

Diop: Was haben Sie ihm geraten?

WW: Ich sagte ihm, er solle einfach mal mit dem Koan ganz anders umgehen, weg von der Lösung und hinein in den Augenblick.

Diop: Und?

WW: Den Schüler erschlugen die Erfahrungen förmlich. Immer, wenn er zum Dokusan kam, berichtete er mir, dass er das Koan zwar noch immer nicht gelöst habe, aber dass ihm dieses oder jenes widerfahren sei.

Diop: Gibt es eigentlich bei den Zen-Lehrern etwas Gemeinsames hinsichtlich der Methode, wie sie den Schüler in diese Ur-Wirklichkeit führen?

WW: Nein. Jeder Lehrer hat seine eigene Methode. Nehmen Sie zum Beispiel Meister Roso. Aber davon im nächsten Koan.

©PranaHaus GmbH

Persönlichen Newsletter bestellen und die nächste Bestellung portofrei erhalten.

Kundenservice: +49 (0)761 / 55 75 81 20 – Montag bis Freitag von 8:00 bis 18:00 Uhr


Bestellannahme: 0180 / 500 15 17* – Montag bis Samstag von 7:00 bis 23:00 Uhr

(*€ 0,14/Min. a.d. Festnetz, max. € 0,42/Min. a.d. Mobilfunk.)

PranaHaus-Katalog

PranaHaus-Katalog

Entdecken Sie den neuen Katalog von PranaHaus: Sie können darin wie in einem echten Katalog blättern und direkt online bestellen.

Zum Katalog

Folgen Sie unseren Social-Media-Kanälen

Der Online-Shop von PranaHaus wird betrieben durch: PranaHaus GmbH, Wöhlerstraße 1, D-79108 Freiburg
© pranahaus.de | Impressum | Datenschutz | AGB | Verbraucherinformation | Sitemap
*Es gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der PranaHaus GmbH nebst Widerrufsbelehrung sowie die Verbraucherinformationen und Datenschutzhinweise. Abgabe erfolgt nur in haushaltsüblichen Mengen, ausschließlich über den Versandhandel und solange der Vorrat reicht. Für den Anspruch auf den Vorteil entspricht hierbei der Mindestbestellwert i.H.v. € 30,- dem Mindestkaufwert. Eine Barauszahlung ist nicht möglich. Vorteile sind nicht mit anderen kombinierbar und nicht auf andere übertragbar. Die Geschenk-, Rabatt- und Gutscheinaktionen gelten zudem nicht für preisgebundene Artikel, nicht für Artikel von Aura-Soma® und nicht für Online-Kurse. Bei Portofrei-Aktionen gilt: ausgenommen Speditionsaufschlag; nur für Lieferungen innerhalb Deutschlands. Ein Geschenk können Sie auch dann behalten, wenn Sie von Ihrem Rückgaberecht Gebrauch machen. Ersatzlieferung vorbehalten.