Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 21


Arbeit ohne Wissen

WW: Eigentlich ist es das Einfachste der Welt: Wenn es regnet, öffnen wir den Regenschirm und wenn es heiß ist, wischen wir uns den Schweiß von der Stirn. Die beiden Zen-Meister Ungan und Dogo haben es uns im 21. Beispiel vorgemacht. Als Ungan den Boden kehrte, sagte Dogo zu ihm: „Du arbeitest hart, nicht wahr?“ „Du solltest wissen, dass da einer ist, der nicht hart arbeitet“, antwortete ihm Ungan. „Tatsächlich? Du meinst also, es gibt einen zweiten Mond?“, fragte ihn Dogo. Ungan schwang seinen Bambusbesen und fragte zurück: „Der wievielte Mond ist dieses?“ Dogo schwieg. „Das ist genau der zweite Mond“, sagte Gensha später. Und Ummon sagte später: „Der Knecht grüßt höflich die Magd.“

Diop: Was wissen Sie über Ungan?

WW: Ungan war zunächst Schüler, später Dharma-Nachfolger von Yakusan und der Meister von Tozan. In jungen Jahren verlässt Ungan sein Zuhause und schult sich unter Hyakujo, erfährt aber keine Erleuchtung. Trotzdem dient er ihm zwanzig Jahre lang. Erst als Hyakujo stirbt, geht er in das Kloster von Yakusan, wo sich sein „Auge“ öffnet und er als Dharma-Nachfolger bestätigt wird. Später lässt sich Ungan auf dem Berg „Wolkenklippe“ nieder, dessen Name auf ihn übergeht. Als Ungan sein Ende nahen fühlt, ruft er den Mönchsältesten und trägt ihm auf, ein Festessen für die Mönche bereiten zu lassen. Am Abend des nächsten Tages geht er in die Verwandlung ein.
Im Ching-te ch’uan-teng-lu finden sich einige Gespräche mit seinem berühmten Schüler und Nachfolger Tozan: Eines Tages sagte Ungan zu den versammelten Mönchen: „Da ist ein Sohn aus einer gewissen Familie; fragt man ihn, so gibt es nichts, auf das er nicht antworten könnte“. Tozan fragte: „Wie viele Schriften waren in seinem Haus?“ Der Meister sagte: „Nicht ein einziges Wort“. Tozan: „Woher wusste er dann so viel?“ Der Meister sagte: „Tag und Nacht schlief er niemals.“ Tozan: „Könnte ich ihn noch etwas fragen?“ Der Meister sagte: „Auch wenn er es sagen könnte, er würde es nicht sagen.“

Diop: Neben Ungan tritt in diesem Koan auch noch Dogo in Erscheinung.

WW: Ja. Dogo war ebenfalls Schüler und Dharma-Nachfolger von Yakusan. Später war er der Meister von Sekiso. Auch von ihm ist ein Gespräch mit seinem Meister Yakusan überliefert. Eines Tages fragte Yakusan den Dogo: „Woher kommt Ihr?“ Dogo sagte: „Von einem Spaziergang in den Bergen.“ Yakusan sagte: „Rasch, sagt ein Wort, ohne diesen Raum zu verlassen!“ Dogo sagte: „Die Raben in den Bergen sind weiß wie Schnee; die Fische im Teich schwimmen unablässig hin und her.“ Aber ich würde gerne wieder auf unser ursprüngliches Koan zurückkommen. Als Ungan den Boden kehrte, sagte Dogo zu ihm: „Du arbeitest hart, nicht wahr?“ „Du solltest wissen, dass da einer ist, der nicht hart arbeitet“, antwortete ihm Ungan. Ungan spricht hier die Integration von Form und Leerheit an, in der die Person verschwindet.

Diop: Was hat dieses Koan mit mir zu tun?

WW: Auf der Ebene der Ur-Wirklichkeit gibt es niemanden, der hart arbeitet. Da ist einfach nur die Arbeit ohne den Arbeitenden, reine Tätigkeit ohne Dualismus, ohne jedes Geteilt sein. Die Bewegung des Besens reicht über das Universum hinaus. Wir alle sind die meiste Zeit sehr beschäftigt. Die Frage ist: Was tun wir, wenn wir etwas tun? Wie tun wir etwas? Laufen wir unserem Tun hinterher? Und doch gibt es nichts zu tun, denn wir sind bereits das, was wir suchen, wir haben es nie verloren, denn es ist unsere wahre Natur. Unsere wahre Natur kann durch keine Art von Machen oder Tun erreicht werden, denn sie ist in dem versteckt, der das macht.

Diop: Dogo aber setzt nach.

WW: Ja, er will es genau wissen. Er stellt Ungan eine Falle, um herauszufinden, ob Ungan tatsächlich den Dualismus verlassen hat. Er sagt: „Tatsächlich? Du meinst also, es gibt einen zweiten Mond?“.

Diop: Was meint er mit „Mond“?

WW: Mond bedeutet im Zen immer die Wesensnatur, also unser tiefstes Wesen, die ungeteilte, nicht aussprechbare Wirklichkeit. Der Mond ist immer rund, auch wenn es den Anschein hat, dass er seine Form verändert. Unser Leben ist der vollständige Ausdruck des Mondes in allem, was wir tun.

Diop: Dogo fragt also Ungan, ob es eine zweite Wirklichkeit gibt?

WW: Ja, wie zum Beispiel „heilig“ im Gegensatz zu „profan“ oder verschiedene Ebenen des Daseins.

Diop: Und Ungan schwingt seinen Bambusbesen und fragt zurück: „Der wievielte Mond ist dieses?“

WW: Ja. Ungan beantwortet die Frage seines Freundes perfekt. Er schwingt einfach den Besen. Um das noch zu unterstreichen fragt er: „Der wievielte Mond ist dieses?“

Diop: Das verstehe ich nicht.

WW: Wir alle wissen: Es gibt nur einen Mond. Es gibt nur diesen einen Augenblick. In ihm offenbart sich das ganze Wunder dieser Welt. Dieser eine Augenblick hat keine Einschränkung und Begrenzung. Im Kehren, im Schreiben, im Kochen kommt ES zum Ausdruck. Hier manifestiert sich die Ur-Wirklichkeit. Da gibt es nichts daneben, kein mehr oder weniger, kein oben und kein unten. Dieser Augenblick ist vollkommen.

Diop: Dogo antwortet mit Schweigen.

WW: Ja. Er hat dem nichts hinzuzufügen, weder Bestätigung noch Ablehnung. Dieses Schweigen drückt mehr aus als alle Bücher dieser Welt. Es umfasst das ganze Weltall. An dieser Stelle ist das Koan eigentlich zu Ende, aber es hat noch einen zweiten Teil. Zwei Zen-Meister geben ihren Kommentar dazu ab. „Das ist genau der zweite Mond“, sagte Gensha später.

Diop: Endlich ist alles klar, und nun kommt dieser Gensha daher und macht alles wieder kaputt. Gibt es also doch einen zweiten Mond?

WW: Gensha, ein chinesischer Zen-Meister, der eine ganze Generation lang wirkte, will zum Ausdruck bringen: Der Mond hat viele Gesichter. Ob er zunimmt oder abnimmt, er bleibt immer der Eine.

Diop: Aber auch Ummon tritt noch in Erscheinung.

WW: Ja. Er sagt: „Der Knecht grüßt höflich die Magd.“

Diop: Worauf deutet hier Ummon?

WW: Ummon will ausdrücken: Knechte und Mägde sind einander ebenbürtig. Sie haben keine Geheimnisse voreinander. Beide, Ungan und Dogo, stehen auf der gleichen Stufe. Ich hätte gesagt: „Remis!“ Einer arbeitet, der andere ruht sich aus. Kein Warum und kein Weshalb. Hier herrscht vollkommenes Gleichgewicht. Das Koan könnte auch lauten: Dogo: „Was tust du?“ Ungan: „Ich tue nichts.“ Dogo: „Wirklich?“ Ungan: „Was ist dieses Nichts?“ Dogo: „OK!“ Gensha: „Das ist es!“ Ummon: „Form und Leere sind sich sehr vertraut.“

Diop: Trotzdem neigen wir ständig dazu, unser Leben in Kategorien einzuteilen.

WW: Das ist richtig. Warum benimmt sich beispielsweise ein Geschäftsmann anders als ein liebender Vater?

Diop: Ich glaube, wir spielen viele Rollen in unserem Leben und haben es dabei schon bis zur Perfektion gebracht. Wir benehmen uns anders, als wir wirklich sind. Wenn wir einfach nur sein könnten wie wir sind, wäre das völlig in Ordnung. Im Grunde geht es darum, original zu sein. Wir haben nichts zu verlieren.

©PranaHaus GmbH

Persönlichen Newsletter bestellen und die nächste Bestellung portofrei erhalten.

Kundenservice: +49 (0)761 / 55 75 81 20 – Montag bis Freitag von 8:00 bis 18:00 Uhr


Bestellannahme: 0180 / 500 15 17* – Montag bis Samstag von 7:00 bis 23:00 Uhr

(*€ 0,14/Min. a.d. Festnetz, max. € 0,42/Min. a.d. Mobilfunk.)

PranaHaus-Katalog

PranaHaus-Katalog

Entdecken Sie den neuen PranaHaus-Katalog. Den Katalog können Sie kostenfrei und unkompliziert online anfordern.

Jetzt Katalog anfordern

Folgen Sie unseren Social-Media-Kanälen

Der Online-Shop von PranaHaus wird betrieben durch: PranaHaus GmbH, Wöhlerstraße 1, D-79108 Freiburg
© pranahaus.de | Impressum | Datenschutz | AGB | Verbraucherinformation | Sitemap
*Es gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der PranaHaus GmbH nebst Widerrufsbelehrung sowie die Verbraucherinformationen und Datenschutzhinweise. Abgabe erfolgt nur in haushaltsüblichen Mengen, ausschließlich über den Versandhandel und solange der Vorrat reicht. Für den Anspruch auf den Vorteil entspricht hierbei der Mindestbestellwert i.H.v. € 30,- dem Mindestkaufwert. Eine Barauszahlung ist nicht möglich. Vorteile sind nicht mit anderen kombinierbar und nicht auf andere übertragbar. Die Gratisgeschenk-, Rabatt- und Gutscheinaktionen gelten zudem nicht für preisgebundene Artikel, nicht für Artikel von Aura-Soma®, nicht für Artikel aus unserem E-Book-Shop und nicht für Reisen. Bei Portofrei-Aktionen/Gratisversand gilt: ausgenommen Speditionsaufschlag; nur für Lieferungen innerhalb Deutschlands. Ein Geschenk können Sie auch dann behalten, wenn Sie von Ihrem Rückgaberecht Gebrauch machen. Ersatzlieferung vorbehalten.