Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 20


Ohne Ziel

WW: Jizo fragte den Hogen: „Wohin gehst du?“ „Ich streife ziellos umher“, antwortete Hogen. Jizo fragte: „Was hältst du vom Umherstreifen?“ „Ich weiß nicht“, antwortete Hogen. Jizo sagte: „Nichtwissen ist am nächsten.“ Hogen wurde plötzlich erleuchtet.

Diop: Könnten Sie mir dieses Koan übersetzen?

WW: Jizo fragt Hogen: „Wie verwirklichst du es?“ Hogen: „Ohne Ziel.“ Jizo: „Wie ist das?“ Hogen: „Keine Ahnung.“ Jizo: „Das ist es!“ Hogen: „Pure Dynamik.“

Diop: Was bedeutet „Nichtwissen ist am nächsten?

WW: Wenn wir daran denken, wie weit die Naturwissenschaften in die äußere Welt vorgestoßen sind, kommen wir aus dem Staunen nicht heraus. Aber was hilft dies jedem einzelnen von uns in seiner problematischen Situation? Kann es für uns ein Trost sein?

Diop: Sicher nicht.

WW: Im Außen, in der Erscheinungswelt mit ihren Farben und Formen können wir unser ursprüngliches Wesen nicht finden. Wir müssen uns nach innen wenden. Wir können nicht zur Erleuchtung gelangen ohne die Konzentration auf etwas in unserem Inneren, das keinerlei Form hat, das nicht gewusst werden kann. Das ist der Bereich des Nicht-Wissens. Deshalb müssen wir unser Ich-Bewusstsein wegwerfen und bereit sein, den mystischen Tod zu sterben. Wenn wir aber Angst haben, unser Leben zu verlieren, können wir es nie erreichen. Vielleicht haben wir Angst davor, in diesen Bereich des Nichtwissens einzudringen, weil wir nicht sicher sind, was dann mit uns geschieht. Aber ich kann Ihnen sagen: Alles wird gut, wenn wir uns darauf einlassen und uns nicht fragen „warum“ und „wieso“ und „was ist dann?“

Diop: Wird dieser Bereich des Nicht-Wissens auch von christlichen Mystikern angesprochen?

WW: Johannes vom Kreuz sagt: „Willst du dahin gelangen, alles zu wissen, verlange in nichts etwas zu wissen. Willst du gelangen zu dem, was du nicht weißt, musst du hingehen, wo du nichts weißt.“ Nur wenn wir in dieses Nichtwissen eindringen, können wir wirklich in jeder Situation frei handeln. Dazu müssen wir blind werden. Das bedeutet zu sehen, aber nicht zu wissen, dass man sieht, zu hören, aber doch nicht zu wissen, dass man hört. Nur so können wir in die große Freiheit eintreten. Kabir hat es einmal so ausgedrückt: „Der Mond scheint in mir, aber meine blinden Augen können nicht sehen. Der Mond ist in mir, die Sonne auch. Die ungeschlagene Trommel der Ewigkeit ist in mir zu hören, aber meine tauben Ohren können nicht hören.“

Diop: Ich möchte gerne wieder auf das Koan zurückkommen. Jizo fragte den Mönch Hogen: „Wohin gehst du?“ Und Hogen antwortet: „Ich streife ziellos umher“.

WW: Was halten Sie von einem Menschen, der ziellos umherstreift und keine Ziele hat?

Diop: Wenn ich ganz ehrlich, verurteile ich ihn. Jeder Mensch braucht doch Ziele.

WW: Natürlich müssen wir uns ab und zu besinnen, wie unser Leben weitergehen soll. Wir müssen planen und Dinge vorbereiten. Aber dann sollten wir das Ziel auch wieder loslassen und einfach wieder weitergehen. Wenn wir die Dynamik aus den Augen verlieren, wird unser Leben starr und verkrampft.

Diop: Sie meinen, wir müssen das Ziel wieder vergessen?

WW: Ja. Seng-t’san sagt uns im Shinjin-mei: „Der Weise hat keine Ziele, die Unwissenden lassen sich fesseln.“ Wir können ES nur durch uns selbst „wissen“, indem wir in den Bereich des Nicht-Wissens eindringen. Aber selbst dann, wenn wir eingedrungen sind, sind wir nicht imstande, es zu erklären. Wir können nichts weiter tun, als uns ehrfürchtig zu verneigen. Selbst Buddha konnte sein wahres Selbst nicht überzeugend und erschöpfend darstellen.

Diop: Können Sie den Bereich des Nicht-Wissens noch ein wenig genauer umschreiben?

WW: Es ist ein Bereich, in dem die Dinge keinen Namen mehr haben, also Begriffe, mit denen wir nach den Dingen greifen. Erst, wenn wir unser ganzes Wissen über uns und die Welt aufgegeben haben, werden wir in diesen Bereich eintreten können.

Diop: Entsteht dadurch nicht eine Art Hilflosigkeit?

WW: Das ist richtig. „Sogar der klar erleuchtete Mönch ist hilflos“, heißt es im Zen. Aber diese Hilflosigkeit ist keine negative Hilflosigkeit. Sie eröffnet uns vielmehr alle Möglichkeiten, sie öffnet die Schatztruhe unseres Lebens. In diesem „Ich streife ziellos umher“ offenbart Es sich, zeigt sich die Ur-Wirklichkeit. „Der Platz des Nichtdenkens ist schwer auszuloten mit Intellekt und Gefühl. Leer, klar und selbstleuchtend bemüht der Geist sich nicht“, lesen wir im Shinjin-mei.

Diop: Bedeutet Nichtwissen auch Nichtdenken?

WW: Ja. Nur wer denkt, kann auch etwas wissen. Aber dieses Wissen ist immer ein eingeengtes, ein begrenztes Wissen. Johannes vom Kreuz sagt über den Ort des Nichtwissens: „Jeder, der dorthin gelangt, wird ganz irre an sich selbst. Alles, was er vorher wusste, scheint ihm jetzt verschwindend klein. Dieses Wissen, das nicht weiß, ist von großer Mächtigkeit. All unser Wissen reicht nicht aus, nicht verstehend zu verstehen.“

Diop: Was bedeutet das Ihrer Meinung nach?

WW: Johannes Tauler hat es einmal so ausgedrückt: „Suche nichts als ein reines, einfaches Entsinken in das reine, einfache, unbekannte, namenlose verborgene Gut, das Gott ist, und in alles, was sich in ihm enthüllen mag. Alles soll sich an sein Nichts halten: Nichts wissen, nichts erkennen, nichts wollen, nichts suchen, nichts haben wollen. Suche weder Empfindung noch Erleuchtung! Entsinke in dein Nicht-Wissen und Nicht-Wissen-Wollen!“ Der Weg des Zen ist wie eine große Reise. Wir machen uns auf den Weg, der sehr beschwerlich ist und kommen am Ende da an, wo wir den Weg begonnen haben.

Diop: Aber sind wir am Ende klüger als zuvor?

WW: Nein. Das Lange bleibt lang und das Kurze bleibt kurz. Wir sollten bedenken, dass das Kluge nur klug ist durch das Dumme, und das Heilige nur heilig ist durch das Profane.

Diop: Was zeichnet Menschen aus, die in diesen Bereich eingedrungen sind?

WW: Ist wenig Geschirr im Schrank, kann ich nur wenig Geschirr auf den Tisch stellen. Der Weise arbeitet, wenn Zeit zur Arbeit ist, er isst, wenn Zeit zum Essen ist, er geht dorthin, wo er gebraucht wird.

Diop: Sie meinen, wir müssen lernen, uns den Umständen anzupassen?

WW: Ja. Es ist das Einfachste der Welt: Wenn es regnet, öffnen wir den Regenschirm und wenn es heiß ist, wischen wir uns den Schweiß von der Stirn. Die beiden Zen-Meister Ungan und Dogo haben es uns vorgemacht. Doch davon im nächsten Beispiel.

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