Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 16


Überschreiten von richtig und falsch

Diop: Geschieht durch die Zen-Übung nicht eine Art geistige Verarmung?

WW: Tatsächlich geschieht beim Zazen zu einem gewissen Zeitpunkt etwas, das in diese Richtung weist. Wir haben dann das Gefühl, als würden wir den Dingen und Mitmenschen gleichgültig gegenüberstehen. Aber all dies ist nur Durchgang in eine ganz andere, ganz neue Dimension der Gefühle. Die Frage ist doch: Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um? oder Wie gehen meine Gefühle mit mir um? Inwieweit werde ich von meinen Gefühlen beherrscht? Kann ich Gefühle zulassen, ohne dass sie mich erdrücken? Solange wir Menschen sind, haben wir Gefühle. Entscheidend ist immer, wie wir damit umgehen. Wir müssen uns nicht immer entscheiden, wir müssen nicht immer ja oder nein sagen, das ist richtig oder das ist falsch. Es geht in diesem Leben nur darum, dieses „jenseits von richtig und falsch“ zu entdecken.

Diop: Gibt es darüber auch Koans, die uns in diese Erfahrung führen wollen?

WW: Ja. Mayoku, mit seinem Klingstock in der Hand, kam zu Shokei.

Diop: Was ist ein Klingstab?

WW: Der Klingstab wurde früher von den Zenmönchen beim Wandern getragen. An seiner Spitze befanden sich viele kleine Glöckchen, die ständig bimmelten und dafür vorgesehen waren, Insekten oder Schlangen zu verjagen. Mayoku schritt dreimal um den Sitzplatz von Shokei herum, grüßte ihn nicht, sondern stieß einfach seinen Klingstock einmal auf den Boden und stand stramm.

Diop: Vielleicht wollte er einfach nur mit dem Meister ein Gespräch beginnen.

WW: Das ist durchaus möglich. Vielleicht war aber Mayoku der Ansicht: Schau her, ich habe es verwirklicht! Bin ich nicht gut?

Diop: Und wie reagierte Shokei?

WW: Shokei sagte: „Richtig, richtig!“

Diop: Das verstehe ich nicht. Er begrüßt den Meister nicht. Das ist doch eigentlich unhöflich. Warum soll das richtig sein?

WW: Genau das ist die Falle. Jemand sagt, das ist richtig und wir machen es sofort nach. Wir schwanken ständig zwischen richtig und falsch oder sind hin- und hergerissen zwischen diesen beiden konträren Polen. Wenn aber ein Zen-Meister sagt: „Richtig, richtig!“, bedeutet das noch lange nicht, dass es richtig ist. Zen-Meister sind oft sehr trickreich. Sie spielen mit den Worten. Wer nicht tief in das Wesen von Zen, also in seine eigene Wesensnatur eingedrungen ist, wird nie den Unterschied dieser Wortspiele erkennen.

Diop: Sie wollen damit sagen, dass Zen-Meister Worte spielerisch benützen?

WW: Ja. Richtig muss nicht richtig und falsch muss nicht falsch sein. Es kann aber auch genauso gut umgekehrt sein. Für einen Meister sind Worte wie richtig oder falsch nur leere Worthülsen. Aus diesem Grund kommentiert Setcho später: „Falsch!“ Mayoku kam dann auch zu Nansen. Er schritt wieder dreimal um seinen Sitzplatz herum, stieß den Klingstock einmal auf den Boden und stand stramm.

Diop: Und was sagte Nansen?

WW: Nansen sagte: „Nicht richtig, nicht richtig!“

Diop: Sehen Sie, das ist genau das, was mich an diesen Koans so wahnsinnig macht. Ich verstehe das einfach nicht.

WW: Ich auch nicht.

Diop: Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, in diese Zen-Wirklichkeit einzudringen.

WW: Ja, die gibt es auch. Aber das Wort Zen-Wirklichkeit ist nicht gut. Ich würde lieber sagen, wir müssen in unser eigenes Wesen eindringen, in den Bereich, der nichts mehr mit ja und nein zu tun hat und diesen Bereich überschreitet. Mayoku könnte auch Form und Nicht-Form bereits integriert haben. Gehen ist dann einfach nur Bewegung. Stehenbleiben Bewegungslosigkeit, den Klingstock auf den Boden stoßen Dynamik. Setcho aber kommentiert: „Falsch!“

Diop: Einmal ist das gleiche richtig und ein andermal falsch?

WW: Das war auch die Überlegung von Mayoku, der das in diesem Augenblick nicht versteht. Deswegen sagte er zu Nansen: „Meister Shokei sagte ‘richtig’. Warum sagt Ihr ‘nicht richtig’?“

Diop: Und was antwortete Nansen auf diese Frage?

WW: Nansen sagte: „Bei Shokei ist es richtig, bei dir ist es nicht richtig. Was du tust, ist bloß ein Wirbeln des Windes. Schließlich wird das zunichte.“

Diop: Was will Nansen damit ausdrücken?

WW: Er will mit dem Wirbeln des Windes sagen, dass diese ganze Vorstellung nur Theater ist, reine Dynamik, die nichts mit richtig und falsch zu tun hat, die schnell vorbei ist und keine Spuren hinterlässt, so wie der Wind, der wirbelt und schon ist es wieder vorbei und alles ist ruhig. Vielleicht will Mayoku zweimal die Bestätigung. Aber jeder Augenblick ist anders. Er wird durchschaut. Wir müssen richtig und falsch vergessen, Bewegung und Nicht-Bewegung. Es darf nichts Künstliches dabei sein, nur DAS, nichts weiter. Lob und Tadel haben in der absoluten Wirklichkeit keine Bedeutung. Nur die Situation ist entscheidend. Das Reagieren darauf kann richtig sein oder falsch oder es kann einfach nur ein Reagieren sein ohne gedanklichen Hintergrund.

Diop: Aber wie soll man dann mit diesem Koan umgehen?

WW: Wir sollten in den Bereich eindringen, der jenseits von richtig und falsch ist, jenseits von Bejahung oder Verneinung. Was bleibt dann übrig?

Diop: Ich glaube, dazu muss ich mich noch eine ganze Zeit lang auf mein Kissen setzen und üben.

WW: In diesem Üben sollte es dann kein ja und kein nein mehr geben, sondern einfach nur diesen gegenwärtigen Augenblick ohne die kleinste Unterscheidung.

Diop: Wenn das so einfach wäre.

WW: Sie dürfen nicht verzweifeln. Immer schon, auch früher, kämpften Zen-Schüler darum, in diesen Bereich der Unterscheidungslosigkeit vorzudringen.

Diop: Aber wie können Zen-Meister überprüfen, ob ein Schüler wirklich in diesen Bereich vorgedrungen ist?

WW: Ich will Ihnen das anhand des nächsten Beispiels verdeutlichen.

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