Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 15


Überschneidung

WW: Isan fragte den Kyozan: „Wo kommst du her?“ „Von den Reisfeldern“, antwortete Kyozan. „Wieviele Leute sind in den Reisfeldern?“ fragte ihn Isan. Kyozan stieß seine Hacke in den Boden und stand da, die Hände vor die Brust gekreuzt. „Heute schneiden viele Leute Schilf auf dem südlichen Berg“, sagte Isan. Kyozan schulterte augenblicklich seine Hacke und ging.

Diop: Was wissen Sie über Isan, der in diesem Koan vorkommt?

WW: Isan war sicher einer der berühmtesten Zen-Meister im südlichen China. Seine Mönchsgemeinde zählte eintausendfünfhundert Mitglieder und er hatte einundvierzig Dharma-Nachfolger. Er und sein begabtester Schüler Kyozan gründeten eine eigene Zen-Schule, die zu den großen Schulen der Zen-Tradition in China gehört.

Diop: Viele Zen-Meister beginnen ja schon in jungen Jahren. War das bei Isan auch so?

WW: Ja. Isan wird mit fünfzehn Jahren Mönch, kommt mit zweiundzwanzig Jahren zu Hyakujo und wird sein Schüler. Unter seiner Leitung macht er eine große Erleuchtungserfahrung. Anschließend dient er ihm zwanzig Jahre lang als Küchenmeister. Als Hyakujo später einen geeigneten Leiter für sein neu gegründetes Kloster sucht, setzt er Isan dafür ein.

Diop: Nach welchen Kriterien sucht sich Hyakujo den neuen Leiter aus?

WW: Die Geschichte findet sich auch im vierzigsten Beispiel des Mumonkan: Meister Isan, der sich zuerst unter Hyakujo geschult wurde, wirkte als Küchenmeister. Hyakujo wollte einen Abt für das Kuei-shan-Kloster auswählen. Er eröffnete das dem Mönchsältesten und allen Mönchen, und sie sollten sprechen. Daraufhin hielt Hyakujo einen Krug hoch, stellte ihn auf den Boden und sagte fragend: „Dies sollt ihr nicht ‘Krug’ nennen; wie also nennt ihr es?“ Daraufhin sagte der Mönchs-Älteste: „Man kann es nicht Holzsandale nennen.“ Nun fragte Hyakujo Isan. Isan stieß einfach den Krug um und ging weg. Hyakujo sagte lachend: „Der erste Mönch hat gegen Isan verloren“, und er ordnete an, dass Isan das neue Kloster begründen solle.

Diop: Was geschah danach?

WW: Isan begab sich daraufhin auf den Berg Kuei-shan, dessen Name später auf ihn überging, baute sich eine Hütte und tat nichts anderes, als sich dort allein weiter zu schulen. Er errichtete keine Bauten und bot sich keinen Schülern an. Erst nach sieben oder acht Jahren wurde man auf ihn aufmerksam. Schüler begannen, sich um ihn zu sammeln, und es entstand bald ein großes Kloster.

Diop: Weiß man auch etwas über Kyozan?

WW: Kyozan, der Schüler Isan’s, wurde in späteren Jahren ebenfalls einer der bedeutendsten Zen-Meister Chinas. Seine überragenden Fähigkeiten tragen ihm den Spitznamen „der kleine Shakyamuni“ ein. Er will bereits mit fünfzehn Jahren Mönch werden, aber seine Eltern erlauben es nicht. Daraufhin schneidet er sich zwei Finger ab und zeigt sie seinen Eltern als Zeichen seiner Entschlossenheit. Danach lassen sie ihn ziehen. In Isan findet er schließlich den Meister, der ihm am meisten entspricht. Zwischen Isan und Kyozan herrschte ein solcher Einklang, dass man von den beiden sagte: „Vater und Sohn singen mit einem Mund.“ Wir werden Kyozan später noch einige Male begegnen. Doch zurück zum Koan:

Diop: Isan fragt also Kyozan: „Wo kommst du her?“

WW: Ja. Die Frage „Wo kommst du her?“ bedeutet im Zen nie den Ort der Herkunft oder oberflächliche Konversation. Es ist immer die Frage nach dem tiefsten Wesen des Zen.

Diop: Und Kyozan antwortet: „Von den Reisfeldern.“

WW: Die Arbeit ist ein im Zen integrierter Bestandteil. Zen ist nie, wie viele vielleicht glauben, ein abgehobener, ein über alles erhabener Zustand. Ich habe darüber schon gesprochen. Isan, der ja selbst früher Schüler von Hyakujo war und von dem der Ausspruch stammt: „Ein Tag ohne Arbeit, ein Tag ohne Essen“, ist sich des Wertes der Arbeit natürlich bewusst.

Diop: „Wieviele Leute sind in den Reisfeldern?“, fragte ihn Isan.

WW: Kyozan lässt sich nicht im Dualismus fangen. Dies würde ja bedeuten, dass Subjekt und Objekt zwei verschiedene Dinge sind. Nur ich allein bin in diesem Universum.

Diop: Wie begegnet er also dieser Frage?

WW: Kyozan stößt seine Hacke in den Boden. Nicht-Zwei ist seine Antwort und steht einfach da, die Hände vor die Brust gekreuzt. Form und Leere überschneiden sich. Hier ist es. „Im Himmel und auf Erden bin ich der Einzige, allein und erhaben“ sind die Worte Buddhas bei seiner Erleuchtungserfahrung. Da ist kein Außen mehr und kein Innen, keine anderen Menschen, kein Ich, nur absolutes Eins-Sein.

Diop: Isan sagte daraufhin: „Heute schneiden viele Leute Schilf auf dem südlichen Berg“. Was bedeutet das?

WW: Diese Worte drücken höchstes Mitleid und Bedauern aus. Viele kämpfen mit Konzepten. „Schilf“ oder „Gras“ bedeutet im Zen immer vorgefasste Meinungen, dualistische Ansichten usw. Schilf schneiden ist immer ein vergebliches Unterfangen, denn Schilf wächst schnell nach, und ist man fertig, kann man wieder von vorne beginnen. Das bedeutet: Unsere Übung muss immer wieder von vorne beginnen. Wir müssen wieder den Anfängergeist in uns erwecken.

Diop: Aber was ist der südliche Berg?

WW: „Auf dem südlichen Berg“ bedeutet einerseits im Süden Chinas, dort also, wo sich die beiden aufhalten, andererseits „auf der ganzen Welt“. Er will sagen: Hier und heute hängen viele an dualistischen Ansichten und versuchen, sie auszurotten oder abzuschneiden. Das ist, wie wenn wir Blut mit Blut abwaschen wollten, wie Bankei sagt. Aber wir sind nicht in der Lage, den Geist mit dem Geist zu reinigen, denn in Wirklichkeit gibt es nichts, das beschmutzt ist, nichts, was unrein ist. Kyozan schulterte augenblicklich seine Hacke und ging. Das bedeutet: Was willst du? Da ist nur einer und der hat damit nichts zu tun. Ich habe die Dynamik vollkommen integriert. Die Arbeit ist gemacht. Es gibt keine Arbeit mehr für mich. Unser Wahres Wesen ist wie ein klarer Spiegel, an dem die Dinge vorüberziehen. Es ist ein Spiegel, der alles in seiner klaren Soheit widerspiegelt.
Das Koan könnte auch lauten: Isan: „Was ist das?“ Kyozan: „Reis ernten.“ Isan: „Ich allein bin im Universum.“ Kyozan: „Form und Leere treffen sich in diesem Augenblick.“ Isan: „Viele kämpfen darum.“ Kyozan: „Ich habe damit nichts zu tun.“

Diop: Sie meinen, wir selbst sind es, die den Bildern, die vor diesem Spiegel auftauchen, Namen geben und sie klassifizieren in angenehm oder unangenehm, in schön oder hässlich, in gut oder böse?

WW: Ja. Wir laufen mit Moralvorstellungen herum, die irgendwann einmal aufgestellt wurden und irgendwann einmal wieder verändert oder ganz umgestoßen werden.

Diop: Aber warum klammern wir uns daran?

WW: Da ist sicher einmal die Gewohnheit, früher war es so und heute ist es so. Sie kennen das vielleicht von ihren Kindern, wenn Sie ihnen sagen „zu meiner Zeit war das so und so“. Die Kinder winken sofort ab und sagen: „Ach Papa, hör auf mit den alten Karamellen, heute ist es ganz anders“. Als zweites ist da sicher die Angst vor Veränderung, letztendlich die Angst vor dem Tod. Warum, so frage ich, können wir die „Spiegelungen“ nicht einfach als das nehmen, was sie letztendlich sind? Spiegelungen eben -. Wir müssen uns nicht mit ihnen identifizieren. Wer zwingt uns dazu? Wir sollten eine neue Sicht der Dinge bekommen, eine klare und unverfälschte Sicht. Doch um dahin zu gelangen, müssen wir uns hinsetzen und einlassen auf all das, was ist.

Diop: Sie meinen, wir sollten unser Wunschdenken aufgeben, die Dinge anders haben zu wollen als sie sind?

WW: Ja. Wir sollten beim Sitzen unseren Atem nehmen wie er ist und nichts damit machen, ihn weder verlängern noch zu verkürzen, weil wir der Ansicht sind, so wäre es besser. Wir sollten unseren Körper atmen lassen, wie er von selber atmet und einfach dem Atem zuschauen, so wie er jetzt ist, in diesem Augenblick. Wir haben nur diesen einen Atemzug, den wir gerade wahrnehmen. Es gibt keinen davor oder danach. Jede andere Vorstellung wäre bereits Überdeckung und Überlagerung der Ur-Wirklichkeit, wäre Irrtum oder Unwissen. Kyozan schultert augenblicklich seine Hacke und geht. Er stürzt sich sofort wieder in den Augenblick. Er befindet sich nicht in diesem Zwiespalt. Er macht keinen Unterschied zwischen Meditieren und Arbeiten. Mein erster Zen-Meister Victor Löw, der bis 1994 gelebt hatte, berichtete einmal in einem Sesshin in seinem Teisho von der Erfahrung einer Klosterschwester, die sich in großem inneren Zwiespalt befand. Immer, wenn sie betete, erwachte in ihr das Bedürfnis zu arbeiten, und wenn sie arbeitete, wollte sie beten.

Diop: Ich glaube, auch mir geht es oft ähnlich. Wenn ich Urlaub habe, denke ich an die Arbeit. Bin ich dann aber in der Arbeit, sehne ich mich nach Urlaub.

WW: Genauso ist es. Wir sitzen auf unserem Kissen und denken an all das, was wir noch zu tun haben, was eigentlich wichtiger wäre als zu sitzen. Arbeiten wir aber, würden wir uns am liebsten auf unser Kissen setzen.

Diop: Was empfehlen Sie also?

WW: Wir sollten mit der gleichen Aufmerksamkeit arbeiten, mit der wir während des Sitzens unseren Atem verfolgen. Dabei geht es nicht um eine Klassifizierung der Arbeit. Ob wir am Computer sitzen oder Kartoffeln schälen, macht keinen Unterschied. Unterschiede bestehen nur in unserem Kopf, in unserem Denken, das uns sagt: „Diese Arbeit ist zu gering für mich, zu minderwertig. Das überlasse ich lieber anderen. Sie entspricht nicht meinen wirklichen Fähigkeiten“ usw.

Diop: Ich glaube, manchmal ist es auch so, dass wir das Bedürfnis haben, alles perfekt machen zu wollen. Dieses Bedürfnis erstreckt sich von der Arbeit bis hin zur eigenen Person, die wir einfach nicht so akzeptieren können. Dabei haben wir ständig unseren Zen-Meister im Kopf und wollen auch so werden.

WW: Ja. Wir stellen ihn in Ehrfurcht auf ein Podest stellen und schauen zu ihm auf. Mir selbst erging es ebenso. Pater Victor war für mich der absolute Über-Mensch. Ich hatte großen Respekt vor ihm, was natürlich einen enormen inneren Abstand schuf. Dies war mir aber zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Erst als ich gegen nach seinem Tod Pater Willigis Jäger kennenlernte, erkannte ich die Fesseln, die ich mir damals auferlegte. Wir blockieren uns immer selbst.

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