Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 12


Absichtslos

WW: Jizo fragte den Shuzan Shu: „Wo kommst du her?“ Shu antwortete: „Aus dem Süden.“ Jizo fragte weiter: „Wie steht es heutzutage um den Buddhismus im Süden?“ „Er wird ausführlich diskutiert“, antwortete Shu. „Mein Reisfeld zu bestellen und Reis zu ziehen ist der bessere Teil“, sagte Jizo. Shu fragte: „Wie kannst du auf diese Weise die Wesen der drei Welten retten?“ „Was nennst du die drei Welten?“, entgegnete ihm Jizo.

Diop: Das beginnt wie ein ganz gewöhnliches Gespräch.

WW: Ja. Zen-Meister Jizo arbeitet auf dem Reisfeld und ist damit beschäftigt, den Reis zu ernten. Shuzan ist soeben im Kloster angekommen, bittet um Aufnahme und wird vom Klostervorsteher auf das Reisfeld zum Meister geschickt.

Diop: Wer ist dieser Meister Jizo?

WW: Gemeint ist Rakan Keishin aus in China, der Schüler und Dharma-Nachfolger von Gensha war und später der Meister von Hogen. Jizo ist gerade dabei, die Reisähren aus dem Boden zu ziehen und zu bündeln. Shuzan stellt sich vor und der Meister fragt ihn: „Wo kommst du her?“

Diop: Eine scheinbar ganz alltägliche Frage.

WW:Ja. Trotzdem stellt der Meister die Frage natürlich nicht, um herauszufinden, aus welchem Ort er kommt, vielmehr prüft er sofort den Bewusstseinszustand des Mönches. Shuzan aber merkt es nicht und antwortet: „Aus dem Süden“. Jizo geht darauf ein und fragt ihn: „Wie steht es heutzutage um den Buddhismus im Süden?“

Diop: Welches Interesse hat der Meister, nach dem Buddhismus zu fragen?

WW: Die Frage könnte auch heißen: „Was ist das Wesen des Zen? Shu antwortet: „Er wird ausführlich diskutiert.“ Große Reden und Diskussionen über Religion bringen uns nicht weiter. Religion muss verinnerlicht werden und in den Alltag führen. „Mein Reisfeld zu bestellen und Reis zu ziehen ist der bessere Teil“, sagt Jizo.

Diop: Aber ist es nicht eigentlich die Aufgabe eines Zen-Meisters, die Mönche zu lehren?

WW: Das ist richtig. Die Belehrung ist in diesem Fall die Arbeit auf dem Reisfeld. Jizo steht lieber Tag für Tag zusammen mit seinen Mönchen im Schlamm des Reisfelds, um Setzlinge zu pflanzen oder Reis zu ernten, als kluge Worte zu sagen. Es geht ihm um die Einheit von Form und Leere in der Arbeit. Die Form strengt sich zwar an und schwitzt und doch ist sie vollkommen leer. Diese leere Arbeit ist ohne Absicht und ohne Ziel. Das ist so ungeheuer einfach und kostet doch gerade den, der um das Höchste bemüht ist, die größte Kraft. Nichts mehr wollen, nur dieser Augenblick, hören, sehen, ernten, kochen, ohne dieses Eine durch das personale Ich zu verdunkeln, darum geht es.

Diop: Die Arbeit ist ja in jedem Sesshin Bestandteil der Übung.

WW: Ja. Schon in der Frühzeit des Zen war körperliche Arbeit zur Beschaffung des täglichen Brotes vorgesehen. Hui-neng spaltete beim fünften Patriarchen acht Monate lang Holz und trat die Reismühle. Hyakujo war der erste, der den Zen-Mönchen feste Regeln gab, um sie unabhängig zu machen. Er hat den unvergleichlichen Wert der Arbeit im Zen-Leben klar erkannt und überzeugend gelebt. Sie kennen vielleicht seinen berühmten Satz: „Ein Tag ohne Arbeit, ein Tag ohne Essen.“ Nichts lag dem Meister Hyakujo mehr am Herzen, als dass seine Mönche arbeiteten, und er gab selbst das beste Beispiel. Als man ihm in seinem hohen Alter das Gerät zur Gartenarbeit wegnahm, um ihn zur Schonung zu zwingen, weigerte er sich zu essen, bis man ihn wieder arbeiten ließ. Teepflücken, Brennholzsammeln, Gemüseanpflanzen usw. sind in der Zen-Tradition nicht nur körperliche Arbeiten, sondern auch wichtige Übungen, bei denen es darum geht, die volle Sammlung zu bewahren. Gemäß der Mönchsregel mussten alle Mönche an solchen Arbeitseinsätzen teilnehmen und ohne Rücksicht auf das Alter die gleiche Arbeit leisten.

Diop: Apostel Paulus sagt: „Will jemand nicht arbeiten, so soll er auch nicht essen.“

WW: Sie sehen, wie sich die Bilder gleichen. „Orare est laborare, laborare est orare“ - „Beten heißt arbeiten, arbeiten heißt beten“ ist ein altes Motto und „ora et labora“ ist noch heute das Leitmotiv der Benediktiner.

Diop: Aber es geht doch sicher auch um die richtige Einstellung zur Arbeit?

WW: Ja. Wir müssen mit Leib und Seele bei der Arbeit sein und uns selbst darin vergessen, jenseits der Unterscheidung von Subjekt und Objekt. Arbeit als dynamische Übung des Zen gibt uns die Möglichkeit, durch Aktivität unseren Geist zur Ruhe zu bringen. Arbeit belebt außerdem den Körper und verleiht dadurch dem Geist Energie. Arbeit aber, die absichtslos, um ihrer selbst willen geschieht, will gelernt sein. Das geht nicht von heute auf morgen: Arbeit als ein Zustand vollkommener Versenkung. Als ein Zen-Meister einmal in seinem Ofen Feuer machte, hielt ein Mönch ihm vor, das sei doch keine Arbeit für den alten Meister, die könne auch ein junger Novize für ihn tun. Als Antwort strich sich der Meister nur dreimal die Handflächen ab und wandte sich dann wieder seinem Feuer zu.

Diop: Mir persönlich fällt es immer sehr schwer, in der Arbeit wirklich ganz da zu sein, weil ich von so vielen Dingen ständig abgelenkt werde.

WW: Wie weit wir in unserer Übung fortgeschritten sind, können wir am besten an unserer täglichen Arbeit beobachten. Bin ich wirklich da? Bei allen Geschäften und Beschäftigungen des Alltags zeigt sich der wahre Zen-Geist. Wir dürfen keine Unterschiede machen, die Arbeit nicht trennen vom Urlaub, die Arbeit nicht trennen vom Sitzen. Dogen sagt: Wer das alltägliche Leben als Hindernis für den Dharma ansieht, sieht den Dharma nicht in alltäglichen Handlungen. Er hat noch nicht entdeckt, dass es keine alltäglichen Handlungen außerhalb des Dharma gibt. Unser tägliches Tun, wenn wir z.B. Reis essen, ist die Aktivität unseres Wahren Lichtes.

Diop: Auch Dogen erkannte also, dass körperliche Arbeit der Schlüssel zur Praxis ist?

WW: Ja. Selbstverwirklichung muss immer im ganz alltäglichen, praktischen Leben stattfinden und darauf gegründet sein. Das bedeutet, wir müssen bei der Arbeit die Arbeit vollständig durchdringen. Darin liegt das wunderbare Wirken des Einen Geistes.

Diop: Sie meinen, um die Ganzheit zu erfahren, muss nicht nur das Geistige, sondern auch das Körperliche auf den gegenwärtigen Augenblick ausgerichtet sein?

WW: Ja. Aber Shuzan kann das nicht glauben. Deshalb fragt er den Meister: „Wie kannst du auf diese Weise die Wesen der drei Welten retten?"

Diop: Was meint Shuzan mit den drei Welten?

WW: Die drei Welten sind nach buddhistischer Auffassung die drei illusionären Welten: Die Welt der Begierde, die Welt der Form und die Welt der Nichtform. Die drei Welten bedeutet in diesem Zusammenhang die ganze Welt, das ganze Universum. Shu könnte auch gefragt haben: „Wie kannst du zum Heil für die ganze Welt werden, wenn du dich nur um dein Reisfeld kümmerst und nicht um die anderen Menschen?“ Und Jizo entgegnete ihm: „Was nennst du die drei Welten?“ Er könnte auch gesagt haben: „Was meinst du eigentlich, was diese drei Welten in Wirklichkeit sind, wenn nicht hier und jetzt?“ Alles ist vollbracht. Die Arbeit erledigen ohne personales Gefüge im Hintergrund ist wirkliches Arbeiten. Der Geist, den Jizo verkörpert, schließt alles in sich mit ein. Er kümmert sich weder um vergangene noch zukünftige Welten. Wer sollte also gerettet werden? In diesem Augenblick, der vor mir liegt, ist alles vollendet. Der Urgrund der Wirklichkeit ist nichts als offener Raum ohne Grenzen. Nur unser Mangel-Bewusstsein ist es, das darüber spekuliert, sich Gedanken macht und zu verschiedenen Schlüssen kommt. Trotzdem sind Urgrund und Mangel-Bewusstsein nicht zwei verschiedene Dinge. Sie vollenden sich, wenn wir in die klare Jetztheit eintauchen.

Diop: Aber das, was ich sage und das, was ich höre sind doch zwei verschiedene Dinge.

WW: Das Gesagte und das Gehörte stehen nur dann für sich isoliert, wenn wir beginnen, das zu analysieren. Nur auf diese Weise entstehen Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten und Streit. Wer kann schon zuhören, ohne das Gesagte durch sein Ego zu filtern?

Diop: Jizo will also zum Ausdruck bringen, dass unser eigentliches Übungsfeld der Alltag ist, das Büro, die Familie.

WW: Ja. Wir müssen präsent sein in jedem Augenblick und einfach die Dinge tun, die getan werden müssen, so gut wir können. Wir sollten uns keine Gedanken darüber machen, wie wir auf andere wirken, ob die Arbeit sinnvoll ist oder nicht. Es gibt nichts zu suchen. Wir müssen nichts werden, wir sind es bereits. Dieses Sein offenbart sich im Vergessen dessen, was man ist, und im Vergessen der Wertigkeit dessen, was man tut. Es reicht völlig aus, zu essen und zu trinken, auf die Toilette zu gehen, zu arbeiten und zu schlafen. Es gibt nichts zu suchen, zu bekommen oder zu bewahren, weil alles bereits da ist. Vollendung ist kein Wird-Zustand, Vollendung ist ein Ist-Zustand.

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