Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 11


Kein Ende

Diop: Gibt es eigentlich auch Fallen auf dem Zen-Weg?

WW: Ja. Ummon bezeichnet sie als Krankheiten.

Diop: War Ummon auch ein bekannter Zenmeister?

WW: Ja. Ummon wurde 864 an der chinesischen Ostküste geboren und ist 949 gestorben. Sein chinesischer Name war Yunmen. Schon als kleiner Junge war er in ein Kloster eingetreten und konnte als Kind bereits Sutras nach einer einzigen Lesung auswendig. Er führte den Mönchsnamen Wen-yan und studierte mit großem Fleiß alle wichtigen Schriften des Buddhismus. Trotzdem verfolgte ihn eine ständige Unruhe über den letzten Grund seiner eigenen Existenz. Er war überdies äußerst redegewandt, also ein Meister des Wortes. Einmal fragte ihn ein Mönch nach dem Zugang zur Wahrheit. Ummon antwortete: „Suppe trinken, Reis essen.“ Sie sehen, wie einfach Zen in Wirklichkeit ist.

Diop: Wer war der Lehrer Ummon’s?

WW: Sein Lehrer war Meister Bokushu, der für Strenge und Zurückgezogenheit bekannt war. Immer wenn einer seiner Schüler zu ihm kam, packte er ihn am Kragen und schrie: „Sag es! Sag es!“ War der Schüler dann verwirrt und unfähig zu einer Antwort, stieß er ihn nach draußen und schrie: „Du bist die größte Flasche der ganzen Shin-Ära.“ Shin war der damalige chinesische Kaiser. So wurde jeder behandelt, und auch Ummon war da keine Ausnahme. Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Ummon kommt zu Bokushu zum Dokusan und Bokushu fragt an der Tür: „Wer ist da?“ Ummon antwortet: „Mein Name ist Bun-en“ – so hieß Ummon mit seinem bürgerlichen Namen. Kaum hat er die Tür geöffnet, packt ihn der Meister am Kragen und schreit: „Sag es! Sag es!“ Ummon ist verwirrt und eh er sich versieht, wird er hinausgeworfen mit den Worten: „Du bist die größte Flasche der Shin-Ära“, was soviel heißt wie „Riesenidiot“. Die Tür wird zugeknallt. Was hätten Sie wohl in dieser Situation getan?

Diop: Ich wäre zunächst einmal schockiert gewesen und dann beleidigt. Und ich hätte mich gefragt: „Was habe ich falsch gemacht? Was hat er wohl gegen mich? Warum ist er so gemein zu mir?“ Wahrscheinlich würde ich nie wieder hingehen, denn einen Zen-Meister stelle ich mir eigentlich ganz anders vor.

WW: Genau das ist der Punkt. Wir haben uns ein Bild vom Meister zurechtgelegt, das Bild eines Mystikers, eines Heiligen, der so und so sein muss. Wir haben ihn auf den Sockel gehoben, sind stolz, sein Schüler zu sein, und wir verehren ihn, diesen Menschen, der die Ur-Wirklichkeit erfahren hat, der Bescheid weiß über Leben und Tod, über mich, über dich, über das ganze Universum. Und dieser weise Mann, der sich zu nichts anderem berufen fühlt, als seine Schüler in die Ur-Wirklichkeit zu führen, bezeichnet mich als „Riesenidiot“. Auf der Stelle würden wir unsere Koffer packen und das Zen-Kloster verlassen. Schließlich sind wir nicht hierher gekommen, um uns beleidigen zu lassen, sondern um von unserem Meister etwas zu erfahren über diese Ur-Wirklichkeit.

Diop: Und wie verhält sich Ummon?

WW: Ummon packte seine Koffer nicht. Er geht ein zweites Mal zu Bokushu und wieder wurde die Tür auf die gleiche Weise zugeknallt. Beim dritten Mal aber wusste Ummon, was er tun würde.

Diop: Jetzt bin ich aber neugierig.

WW: Als Bokushu die Tür öffnete und rief: „Wer ist da?“, schlüpfte Ummon schnell in das Zimmer des Meisters. Doch er wurde wieder am Kragen gepackt und angeschrien: „Sag es! Sag es”!

Diop: Und was erwiderte Ummon in diesem Augenblick?

WW: Ummon konnte wieder nichts sagen und wurde erneut hinausgeworfen. Doch da er sein Bein noch in der Tür hatte, brach es. Vor Schmerzen schrie Ummon laut auf. Und genau in diesem Augenblick erfuhr er die große Erleuchtung. Ummon war übrigens einer der ersten chinesischen Zen-Meister, der die Worte vorausgegangener Meister zur Schulung der Mönche verwendete. Seine Aussprüche sind in der Zen-Tradition hoch geachtet. Kein anderer Meister kommt in den verschiedenen Koan-Sammlungen so häufig vor wie er.

Diop: Und dieser Zenmeister spricht von Krankheiten beim Üben?

WW: Ja. Ummon Daishi sagt…

Diop: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, aber was bedeutet das Wort „Daishi“?

WW: „Daishi“, bedeutet im Japanischen „großer Meister“, ist also ein buddhistischer Ehrentitel, der gewöhnlich posthum, also nach dem Tod, verliehen wird. Das Koan beginnt: „Es gibt zwei Krankheiten, die das Licht verdunkeln.“

Diop: Was meint Ummon damit?

WW: Er meint damit, es gibt zwei große Hindernisse, in die Ur-Wirklichkeit durchzustoßen. Ummon spricht in diesem Koan von den Gefahren im Umgang mit Form und Leere bis hin zu einer noch nicht vollständigen Integration beider. Ummon sagt weiter: „Die eine zeigt sich, indem alles unklar ist und etwas vor dir zu hängen scheint, so dass das Licht nicht hindurchdringt.“

Diop: Was bedeutet das? Was ist unklar? Was scheint da vor uns zu hängen? Welches Licht kann nicht hindurchdringen?

WW: Alles ist unklar bedeutet: Ich weiß es nicht, ich habe es noch nicht erfahren, das Licht der Erleuchtung dringt nicht hindurch. Unser Leben zieht dahin wie eine Wolke am Himmel, die sich ständig verändert, bis sie sich schließlich auflöst. Vielleicht sind wir uns der Vergänglichkeit unseres Lebens bewusst, aber der Sinn dessen ist uns nicht klar. Warum bin ich auf dieser Erde? Wir fühlen uns innerlich vereinsamt, nicht gehalten, entwurzelt. Welchen Sinn haben die siebzig oder achtzig Jahre, die ich hier verbringe? Warum tun sich andere so leicht und ich mir so schwer? Warum muss das ausgerechnet mir passieren? Warum soll ich mich anstrengen, wenn am Ende dann doch alles aus ist? Viele Fragen, viele Unklarheiten.

Diop: Die Sinnfrage steht für viele Menschen am Anfang ihres Weges. Wir fühlen uns unglücklich, obwohl wir anscheinend alles haben, was wir brauchen.

WW: „Das kann doch nicht alles sein!“, sagt manch einer. Uns wird bewusst, dass wir nur auf Sparflamme leben. So beginnen wir Zen zu praktizieren. Aber das Licht kann nicht durchdringen. Wir sitzen wie vor einer unüberwindbaren Mauer.

Diop: Wenn Ummon von Krankheit spricht, meint er damit vielleicht auch den Dualismus, in dem wir gefangen sind?

WW: Ja, er hängt vor uns wie eine eiserne Wand und uns trennt von der Wahrheit. Auch Seng-t’san spricht im Shinjin-mei von Krankheit, wenn er sagt: „Soll Es sich dir offenbaren, lass alle Abneigung beiseite. Der Konflikt zwischen Neigung und Abneigung ist eine Krankheit des Geistes.“ Ummon geht aber noch einen Schritt weiter. Er sagt: „Die andere Krankheit zeigt sich, wenn du erkannt hast, dass alles leer ist, dich aber wie vom Nebel umgeben fühlst, so dass das Licht nicht vollständig hindurchdringt.“

Diop: Was meint er mit dem Licht, das nicht hindurchdringt?

WW: Ummon schildert einen Menschen, der auf dem Weg bereits tiefe Erfahrungen gemacht hat, aber an diesen Erfahrungen hängen geblieben ist. Ein solcher Mensch hat zwar die Leerheit erfahren, aber die Form noch nicht integriert.

Diop: Aber was bedeutet: Wenn du erkannt hast, dass alles leer ist?

WW: Die Erfahrung der Leerheit ist eine der wichtigsten und wesentlichsten Erfahrungen auf dem Zen-Weg. Leer-Sein bedeutet: Alle Dinge und Geschöpfe, einschließlich wir selbst, werden als substanzlos erfahren. Es gibt nichts mehr, was uns hält, nichts mehr, woran wir uns festhalten können. Das Ich ist verschwunden. Obwohl alles um mich herum da ist, erscheint es leer und substanzlos. Mein Lehrer Willigis Jäger hat einmal zu mir gesagt: „Eigentlich bin ich so leer wie das Weltall.“ Die Form ist Leere und die Leere ist Form, heißt es im Herz-Sutra. Wir haben die Durchdringung beider Ebenen noch nicht erfahren, deshalb kann das Licht nicht vollständig hindurchdringen. Im Zen geht es immer darum, Form und Leere zu transzendieren, zu übersteigen, um zum Eigentlichen hindurchzudringen, in die „Fülle der Leere“. In der Leerheit hängenzubleiben, ist totes Zen. Das bedeutet, unsere weitere Entwicklung stagniert und wir kommen keinen Schritt weiter.

Diop: Spricht Ummon noch von weiteren Krankheiten?

WW: Ja. Er sagt: „Und was das Dharmakaya anbelangt, gibt es auch da zwei Krankheiten.“

Diop: Was bedeutet Dharmakaya?

WW: Das Wort „Dharmakaya“ heißt wörtlich übersetzt „Körper der großen Ordnung“. Dharmakaya bedeutet auch die transzendente Wirklichkeit, die identisch ist mit der Essenz des Universums. Man könnte „Dharmakaya“ auch übersetzen mit „Wahrheitsleib“, für den es nach außen keine Grenze und nach innen keine Unterscheidung gibt.

Diop: Dieser Leib hat also kein Innen und kein Außen?

WW: Er ist leer, ungreifbar und erfüllt doch alles, das Größte wie das Kleinste. „Dharmakaya“ ist letztendlich die Ur-Wirklichkeit. Ummon sagt: „Wenn du das Dharma erreichst, aber fällst und dort verharrst, ohne deine eigene Meinung darüber auszulöschen, ist das die eine Krankheit.“ Im Shinjinmei steht geschrieben: „Kein Grund, die Wahrheit zu suchen, lass all deine Meinungen fahren. Zwiespältigkeit halte nicht fest. Sei achtsam und folge ihr nicht. Auch nur eine Spur von richtig und falsch und der Geist ist in Wirren verloren“. Sind wir in die Ur-Wirklichkeit durchgebrochen, dürfen wir nicht stehen bleiben und uns eine Meinung darüber zu bilden. Dies würde sie töten und wir würden sie verlieren. Wir müssen vielmehr aufstehen und weitergehen, ohne uns eine Meinung darüber zu bilden. Ummon sagt: „Über Zen reden, ist wie einem toten Gaul Medizin verabreichen.“ Was bleibt, wenn nichts mehr darüber gesagt oder geschrieben werden kann? „Suppe trinken, Reis essen.“ Die Ur-Wirklichkeit ist ein großes Geheimnis. Ummon fährt fort: „Wenn du glaubst, nach der Erleuchtung in deinen Bemühungen nachlassen zu dürfen, dein eigenes Bewusstsein genau prüfst und meinst, da sei kein Makel, ist das die zweite Krankheit“.

Diop: Geht es hier um die Erleuchtungserfahrung?

WW: Ja. Ummon meint: Wenn du glaubst, du hast es erreicht, das ist es, ich kann mich jetzt ausruhen, ist das die zweite Krankheit. Die Erleuchtungserfahrung ist ein wichtiger Schritt auf dem Zen-Weg. Aber es ist nur ein Schritt! Es ist nicht damit getan, das Ziel ist nicht erreicht. „Der Weg und das Ziel sind eins“, heißt es im Zen. Wir müssen weitergehen auf dem Weg, wir dürfen nicht stehen bleiben. Hat die „Gottesgeburt“, - um es religiös zu formulieren, - in uns stattgefunden, geht es darum, das kleine Baby nicht aus den Augen zu verlieren, es zu pflegen, es sorgsam zu hüten und großzuziehen. Wenn wir an diesem Punkt angekommen sind und beginnen, unser Bewusstsein zu analysieren, um festzustellen, dass da kein Makel ist, fallen wir zurück in den Dualismus. Ummon spricht hier noch einmal ganz klar und deutlich an: Verfalle nicht in den Hochmut zu glauben, der Weg sei irgendwann zu Ende.

Diop: Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es also darum, in seinen Bemühungen beim Üben nicht nachzulassen.

WW: Ja. Es geht um die vollständige Integration von Form und Leere. Schauen Sie, wir leben in einer Welt von Farben und Formen. Alles sieht unterschiedlich aus und so geben wir ihnen Namen: Haus, Kerze, Blume, Körper usw. Dies ist der Weg in die Begrifflichkeit. Doch unser Verstand will alles noch genauer bezeichnen, um noch exakter unterscheiden zu können. So entsteht hoch und tief, alt und jung, heiß und kalt. Diese Unterscheidungen lösen Gefühle in uns aus und lassen uns etwas als angenehm oder unangenehm erscheinen. Die Folge dessen ist, dass wir oft zwischen Gefühl und Verstand hin- und hergerissen werden, was uns in große Verwirrung stürzen kann. Wenn wir diesen sehr vereinfacht dargestellten Prozess betrachten, erkennen wir, dass unser analytischer Verstand die Dinge immer weiter zerlegt und trennt, bis wir uns schließlich in einem Dschungel des Dualismus befinden. Deswegen ist es wichtig, über die Situationen hinauszugehen. „Über die Situation hinausgehen“ bedeutet zu erkennen, dass alle Formen substanzlos und leer sind. Dies führt zu einer neuen „Sichtweise“. Es „blockiert“ gleichsam die Augen. Damit ist ein Sehen gemeint ohne zu sehen. Lassen wir jegliche Begrifflichkeit vollständig los, dann sehen wir die Welt so, wie sie wirklich ist, ohne Farben, ohne Einschränkung, ohne Einengung, ganz natürlich und in absoluter Freiheit. Ich bin der Meinung, der Wandlungsprozess muss bei uns selbst beginnen und nicht im Außen. „Die Welt verändern“ bedeutet also nicht, Menschen und Umstände so zu verändern, bis sie ins eigene Konzept passen, sondern: Jeder von uns muss sich selbst ändern. Dazu bedarf es großer Entschlossenheit und Stärke. Veränderung bedeutet nicht, dass wir nun versuchen, unsere Gefühle zu unterdrücken oder auszuschalten. Verwandlung geschieht nur durch ein bedingungsloses Zulassen all dessen, was gerade ist. Ein Unterdrücken der Gefühle wäre nur wieder neues Ich-Tun, der Versuch, Blut mit Blut wegzuwaschen, wie Zen-Meister Bankei sagt, wir sollten die Gefühle einfach von allein zur Ruhe kommen lassen, bis sie sich in sich selbst erschöpft haben.

Diop: Aber ist es nicht schwierig, auf die andere Seite zu kommen?

WW: Nein. Es ist ganz einfach, auf die „andere Seite“ zu kommen. Nichts daran ist schwierig oder kompliziert. Der Mensch begibt sich auf den Weg, wenn er den Weg nach Innen als wesentlich erkennt. Das kann in jungen Jahren sein oder im reiferen Lebensalter. Er begibt sich mitten in die Meinungen und Konzepte hinein, ohne sie abzulehnen oder loszuwerden. Nichts kann aus dieser Ersten Wirklichkeit herausfallen, nichts davon ist ausgeschlossen. Ein solcher Mensch hat nichts Abgehobenes an sich. Er versucht nicht, andere zu „bekehren“ und sich selbst als besseren Menschen zu betrachten. Er wird sich tragen lassen und wird getragen werden. Das bedeutet aber wiederum nicht, dass er das Außen vernachlässigt, wie das nächste Beispiel zeigt.

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