Shoyoroku
Von Wolfgang Walter, E'un-Ken (Wolke der Weisheit)

Shoyoroku Nr. 100


Ohne Ursache

WW: Ein Mönch fragt einmal Meister Kaku vom Berg Roya: „Die Wesenswelt ist in sich rein und klar. Wie sind daraus Berge, Flüsse und die große Welt entstanden?“ Kaku antwortete: „Die Wesenswelt ist in sich rein und klar. Wie sind daraus auf einmal Berge, Flüsse und die große Erde entstanden?“ Können wir akzeptieren, dass die Frage des Mönchs zur Antwort des Meisters wird?

Diop: Worum bittet eigentlich dieser Mönch?

WW: Der Hintergrund des Koans ist: Wie entsteht Dynamik? Meister Kaku führt es vor. „Die Wesenswelt ist in sich rein und klar“ bedeutet, der Zustand aller Dinge und alle Umstände sind richtig und sinnvoll. Unsere wirkliche Existenz ist absolut rein und klar und durch nichts getrübt.

Diop: Wie aber können dann daraus Berge, Flüsse und die ganze Welt, die ganzen Menschen und Situationen entstehen? Wie kommt die Welt in ihr Sein, wie tritt sie in Erscheinung, wenn doch alles im tiefsten Wesen ohne Eigenschaften und Unterscheidungen ist? Wenn alle Dinge in sich frei und ungehindert sind, woher kommen dann die ganzen Konflikte, die ganze Disharmonie?

WW: Dagegen wehrt sich natürlich unser Verstand und schreit nach Verbesserung.

Diop: Wenn der Mensch in seinem tiefsten Sein ohne Schmerz ist, woher kommt dann der ganze Schmerz, das ganze Leid?

WW: Das ist eine wirklich große Frage, eine Frage, die eigentlich an die Religionen adressiert werden sollte. Auch der Mönch fragt sich: Wenn doch die Wesenswelt klar und rein ist, wie kann daraus etwas „unreines“ wie Berge, Flüsse und die große Erde entstehen? Sicher hatte der Mönch ein Konzept von „rein und klar“ im Kopf, das sich nicht decken ließ mit seiner Vorstellung von Formen und Farben.

Diop: Wie kann aus dem Nichts, aus der großen Leere etwas Gegenständliches entstehen? Was ist die wahre Natur der Berge, Flüsse und der großen Erde? Was ist die wahre Natur der Menschen, der Tiere, der Blumen?

WW: Ich möchte darauf mit einem Vers von Angelus Silesius antworten: „Die Rose ist ohne warum, sie blüht, weil sie blüht. Sie achtet nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie sieht.“

Diop: Aber wenn unsere Buddhanatur von Anfang an rein und klar ist, warum gibt es dann so viele Kriege auf der Welt? Wenn der Mensch von Grund auf gut ist, warum gibt es dann so viel Grausamkeit? Wenn doch alles leer ist, wie kann es da die Form geben? Wenn doch alles rein und klar ist, warum tun sich dann plötzlich Berge, Flüsse und alle Phänomene auf? Wie entsteht alles, was existiert, woher kommt es und wohin geht es?

WW: Buddha lehrt uns, dass Form und Leere, also alle Phänomene und die Leerheit miteinander identisch sind. Das bedeutet: Die Form ist leer und besteht nicht aus sich heraus. Das trifft auch für uns zu. Buddha sagt, dass das, was entsteht, grundlegend rein ist und keine Eigennatur hat. Dazu gehören auch wir Menschen. Unser Verstand unterscheidet zwischen Bergen und Tälern, zwischen Flüssen und Seen, zwischen gut und bös. Das ist unser eingefärbtes Bewusstsein, unser Alltagsbewusstsein. Wohin wir auch unseren Verstand projizieren, überall entstehen sofort Formen, Farben und Eigenschaften. Da ist keine Übereinstimmung, keine Einheit. Da kann es immer nur verschiedene Richtungen, Sichtweisen und Anschauungen geben. In der Wesensnatur jedoch gibt es kein warum, wieso oder weshalb.

Diop: Sie meinen, wir sind getäuschte Wesen?

WW: Ja. Wir verfälschen die Wirklichkeit, wir färben sie ein. Auch die Worte, die ich gerade verwende, haben keine reale Bedeutung. Sie sind bloße Konzepte und vollkommen bedeutungslos. Trotzdem betrachten wir sie für uns als wichtig. Unser alltägliches Bewusstsein unterscheidet und sondiert eben ständig.

Diop: Das gleiche passiert uns auch beim Sitzen.

WW: Ja. Eigentlich sitzen wir in unserer ursprünglichen Reinheit, aber wir nehmen sie nicht wahr, weil wir gedanklich mit vielen Dingen beschäftigt sind. Und so sitzen wir stundenlang inmitten von dem, was uns der Verstand ständig vorsagt. Trotzdem ist alles, wie es ist, rein und klar. Unsere Wesensnatur kennt kein Konzept, keine Gegensätze, kein richtig und kein falsch, kein Gegenüber. Im Herz-Sutra steht geschrieben: „Form ist nichts anderes als Leere, Leere nichts anderes als Form. Form ist wirklich Leere, Leere wirklich Form.“ Diese Leerheit manifestiert sich in den vielfältigen Formen von Flüssen, Bergen, Menschen, Blumen. Hier offenbart sie sich. Hier zeigt sie sich: In unserem Sitzen, in unserem Zuhören, in unseren Verspannungen. Leere ist aber auch zugleich Fülle. Und so, wie die Leere Fülle ist, so ist die Frage die Antwort, so ist das Hohe das Niedrige und das Schmale das Breite. Aus diesem tiefen Verstehen heraus kann Kaku die Frage mit der Frage beantworten. Er weiß um die wahre Natur der Berge, Flüsse und der großen Erde. Der Durchschnittsmensch jedoch kennt seine wahre Natur nicht, weil er sie ständig überlagert mit Konzepten und Vorstellungen. Und das macht ihn widersprüchlich, daran leidet er. Er kann sich dies nicht vorstellen, er kann sich jenes nicht vorstellen. Er glaubt an einen Anfang und an ein Ende, an Entstehen und Vergehen, an Leben und Tod, an Gut und Böse. Wir haben über unser Leben ein Raster, eine Schablone gelegt, mit der wir uns einengen, einschnüren und uns schließlich darin verwickeln. Wir fühlen uns hilflos, gestehen es uns aber nicht ein. Wer will sich schon seine Schwäche, seine Hilflosigkeit eingestehen? Auf diese Weise haben wir uns zu Alter, Krankheit und Tod verurteilt. Im Zazen haben wir die Möglichkeit, zu sehen, was uns zerstört. Wir können es anschauen und bewusst wahrnehmen. Was Zen als Aufmerksamkeit bezeichnet, ist das, was ich wahrnehme, ohne es zu analysieren. Konzentration ist im Zen ein Hineinblicken in meine wahre Natur, ohne mich daran festzumachen. Wir können beobachten, wie Berge und Flüsse entstehen, Gedanken und Gefühle, Neigungen und Abneigungen. Wir betrachten unseren inneren Spiegel mit seinen Spiegelungen. Und genau dies tut auch der Meister in diesem Koan. Er spiegelt einfach die Frage wider, ohne etwas hinzuzutun. Wer sich selbst nicht auf diese Weise betrachtet, wird nie den Rand des Verstandes erreichen. Als Rand bezeichne ich das, womit wir in diesem Augenblick konfrontiert sind, also die Sperre, die uns daran hindert, dass wir uns innerlich frei bewegen können. Der Rand ist also das, was uns in diesem Augenblick bindet. Mit diesem Rand müssen wir üben. Es ist nicht unmöglich, den Rand zu überwinden, wir müssen nur mit ihm vertraut werden. Der Rand kann uns heilen, er kann uns aber auch zerstören. Derjenige, der den Rand des Verstandes überwunden hat, wird zutiefst erfahren, dass Zorn, Gefühle und Gedanken von Grund auf leer sind und rein, keine Richtung haben und keine Tendenz, nicht entstehen und nicht vergehen, nicht rein sind oder unrein. Es ist einfach das, was ist. Es ist wie ein Feuer, das in uns brennt und das wir spüren. Dieses Feuer hält uns am Leben und lässt uns nicht sterben. Dieses Feuer lässt uns in langen Warteschleifen unsere Muster und alten Gewohnheiten erleben und wahrnehmen. Wenn wir dies nicht ganz gelassen betrachten können, werden wir da nie herauskommen. Wir müssen es sehen, uns dessen bewusst werden und es langsam verbrennen lassen. Das ist oft schwierig, weil wir uns immer wieder darin verzetteln und uns damit identifizieren. Aber wenn wir dies gemeinschaftlich tun, wird es einfacher. Dies bezeichnet man im Zen als Sangha. Wir helfen uns gegenseitig, ohne zu sehen, was da ist. Wer sich jedoch isoliert, tut sich sehr schwer. Wir sollten erfahren, dass nicht wir es sind, die das Steuer in der Hand haben. Wäre es so, würden wir es uns sicher einfacher machen. Es ist unser Verstand, der sich ständig selbst entzündet und jeder Arzt weiß, dass Entzündungen ihre Zeit brauchen, bis sie ausgeheilt sind. Ich muss mich also meines Feuers wegen nicht ständig tadeln, schämen oder rechtfertigen. Ich muss mich nicht ständig entschuldigen, lebendig zu sein. Es ist einfach unsere augenblickliche Situation. Das Problem ist nicht diese gegenwärtige Situation, das Problem ist unser diskriminierender Verstand.
Wenn Zenlehrer gefragt werden, geben sie dem Fragenden Medizin. Manchmal schmeckt sie nicht. Die Medizin, die der Priester Kaku dem Mönch gab, war eine notwendige Medizin. Sie offenbarte seinem Schüler die vollkommene Reinheit seiner Wesensnatur. Berge, Flüsse und die ganze Welt sind rein, meine ganze Existenz ist rein. Dieser Reinheit lässt sich nichts hinzufügen. Das ist es, was Kaku seinem Schüler klarmachen wollte und genau auf den Punkt bringt. Niemand kommt an, niemand geht weg. Alles existiert und existiert doch nicht. Wenn wir dies verstehen, werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen Punkt zusammenfallen. Dieser Schnittpunkt ist immer hier und jetzt, in diesem Augenblick. Das ist die wirkliche Wirklichkeit. Die andere Wirklichkeit wird nur von denjenigen Individuen hervorgebracht, die das Ganze immer nur für sich interpretieren, damit es in ihren Verstand hineinpasst.

Diop: Wie entrinnen wir dieser Misere? Gibt es ein Entkommen, gibt es einen Ausweg aus unserem selbstgemauerten Kerker?

WW: Meine Antwort ist ein klares „Ja!“ Wir müssen heraussterben aus unserem Ich, den Ich-Tod sterben, wie es die Mystiker ausdrücken. Wir müssen zur wahren Natur erwachen, selber zu ihr werden. „Das Leben sehen, ohne zu erwägen, dass es existiert“ heißt es im nachfolgenden Vers. Wir dürfen die Augen nicht verschließen, wir müssen sie weit öffnen. Wir müssen Sehen lernen ohne zu beurteilen, dann wird unser Sehen zu einem Nicht-Sehen. Wir müssen Hören lernen ohne zu beurteilen, dann wird unser Hören zu einem Nicht-Hören. Wir müssen Schmecken lernen ohne zu beurteilen, dann wird unser Schmecken zu einem Nicht-Schmecken. Wir müssen die Leere in uns verwirklichen, dann wird die Leere zur Fülle. Wir müssen leer werden von Meinungen, Konzepten, Vorstellungen, dann wird unser Leben erfüllt sein, wie wir es vorher nie erlebt haben. Wir werden wie aus einem Alptraum aufwachen und es wird uns bewusst werden, dass das Leben erst jetzt richtig begonnen hat.

Diop: Was bleibt am Ende?

WW: „Die Hand hin und herbewegen“ heißt es im Vers. Hier werden Form und Leerheit eins. Das ist die Dynamik unserer Wesensnatur: Essen, trinken, gehen, arbeiten. Wenn wir dies absolut frei verwirklichen können, geht es nicht mehr darum: „Wie ist dies oder das entstanden?“, sondern zu erkennen, dass es ist wie es ist. Dann ist da nur noch das Wehen des Windes, das Blühen der Blume oder das Lächeln des Kindes. Das ist die wahre Natur des Windes, der Blume, des Kindes. Ungeahnte Möglichkeiten werden sich ergeben, verschlossene Türen werden sich öffnen, unser Leben wird leicht und unbeschwert. Wir werden Fische des Meeres sein und nicht mehr Fische in einem künstlich geschaffenen Aquarium. Die Schönheit der Welt wird uns offenbar werden, das ganze Universum in uns sich verwirklichen. Ein Augenblick das ganze Leben, das ganze Leben ein Augenblick. Dem kann nichts hinzugefügt werden.

Diop: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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